Das Bild, das deutsche Medien von Medizin und Wissenschaft vermitteln, ist immer noch stark männlich geprägt. Das hat zuletzt auch die Corona-Pandemie gezeigt. Nicht nur unserem Host Julia Rotherbl ist es ein Anliegen, dieses Bild zu ändern, sondern auch Edith Heitkämper, Vorsitzende von ProQuote Medien und selbst Medizinjournalistin. In der Folge geht es darum, welche Rolle Medien bei der Sichtbarkeit von Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen spielen und warum Perfektionismus nicht immer ideal ist.

Lieber Lesen als Hören? Das Gespräch in Schriftform

Julia Rotherbl:
Das Bild, das die Medien in Deutschland von Medizin und Wissenschaft vermitteln, ist immer noch vor allem männlich. Das hat zuletzt meiner Meinung nach ganz klar die Corona-Pandemie gezeigt. Eine Studie hat das jetzt untermauert und ergeben, dass im Fernsehen von fünf eingeladenen Expertinnen nur eine weiblich war. Oder in der Online-Berichterstattung. Da waren nur sieben Prozent der zitierten Fachleute Frauen. Ich könnt mich da total drüber aufregen. Und eine, der es glaube ich ähnlich geht wie mir, ist Edith Heitkämper, Vorsitzende von ProQuote Medien, selbst Medizinjournalistin und heute zu Gast in diesem Podcast. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich freue mich wahnsinnig auf ein Gespräch darüber, wie wir es vielleicht doch schaffen mehr Ärztinnen - also euch da draußen, ihr liebe Zuhörerinnen - sichtbar zu machen in den Medien.

KAPITEL 1: Die Corona-Expertinnenliste und ihr Anstoß

Julia Rotherbl:
Hallo. Ich habe schon gehört, wir dürfen „Du“ sagen.

Edith Heitkämper:
Sehr gerne. Hallo Julia.

Julia Rotherbl:
Hi. Ja ok, also ich freue mich total, dass das Gespräch geklappt hat, dass du dir die Zeit nimmst.
Edith, die erste Frage, die ich mir auch persönlich gestellt habe - Ihr habt ja als Verein eine Liste aufgesetzt im Internet, in der ihr explizit Expertinnen rund um das Thema Corona und Pandemie aufgelistet habt. Mit dem Hintergrund, dass ihr euch wünscht, dass mehr Expertinnen in den Medien auftreten zum Thema Corona, genau. Und jetzt wollte ich dich gerne fragen, ob es einen Moment gab in dieser Anfangszeit der Pandemie oder ein Bild in deinem Kopf gibt, das für dich dafür steht, dass die Berichterstattung zu viel über männliche Gesichter geprägt war.

Edith Heitkämper:
Mir ist es, glaube ich, gar nicht so sehr beim Lesen aufgefallen, sondern wirklich beim Fernsehen. Ich dachte, schon wieder ein männliches Gesicht und schon wieder einer mit weißen Haaren und schon wieder... Der sah doch so ähnlich aus wie der andere und war das nicht der gleiche... Und schon wieder der und... Also, man hat immer nur Männer gesehen und irgendwann bin ich dann abends schlafen gegangen und mitten in der Nacht aufgewacht und dachte „So, da müssen wir doch irgendwie.... Wir müssen da was tun. Das kann doch ProQuote Medien nicht so zulassen. Wir müssen uns da zusammentun und wir müssen da einen Aufschrei zumindest einmal formulieren und vielleicht auch wirklich konkret anfangen, ein paar Frauenstimmen zu sammeln.“ Weil, nur diese männlichen Stimmen zu hören - also, nichts gegen die einzelnen Expertisen, aber das war mir viel zu einseitig. Und dann haben wir begonnen zu sammeln.

Julia Rotherbl:
Also, ich hab eure Liste auch fleißig geteilt bei uns in der Redaktion.

Edith Heitkämper:
Sehr gut.

Julia Rotherbl:
Wir haben ja auch den Anspruch in der Apotheken Umschau, dass wir genauso viele Männer wie Frauen abbilden und zitieren wollen. Wie war denn die Reaktion auf eure Liste so generell? Also, überwiegend positiv ? Habt ihr auch negative Stimmen bekommen?

Edith Heitkämper:
Also sie war überwiegend positiv, muss man wirklich sagen. Also, wir haben wirklich dutzendfach Rückmeldungen bekommen von vor allen Dingen Frauen, aber auch Männern die gesagt haben „Ihr sprecht uns echt aus der Seele. Toll, dass ihr mal so eine Liste macht. Gut, dass ihr wirklich auf Expertinnen hinweist. Und mir ist das auch ein Bedürfnis.“

Aber klar, es gab auch ein paar... Ich habe mit mehreren gemailt und auch telefoniert. Das waren in dem Fall jetzt nur Männer. Kann Zufall sein. Da sagte einer zum Beispiel „Es gibt doch schon so viele Medizinstudentinnen. Das ist ein... Also, diese Expertinnen, die kommen alle in den nächsten Jahren. Das Problem löst sich doch von ganz alleine. Was kommen Sie da mit Ihrer blöden Liste an?“ So ungefähr. Und ein anderer sagte „Ja ach, immer diese Frauen, darum geht's doch gar nicht. Es geht darum, dass der Richtige oder die Richtige interviewt wird.“

Auch das ist ein Punkt. Natürlich sollte der oder die Richtige interviewt werden, aber wenn man da mit seiner Brille nur auf die Hälfte der Wissenschaftler guckt - nämlich auf die männliche Hälfte und nicht auf die Wissenschaftlerinnen - dann vergibt man sich ja auch ganz viel Potenzial. Und auch bei den Wissenschaftlerinnen gibt es natürlich auch die richtige Interviewpartnerin. Also, insofern hatte ich da auch ein paar ganz nette Gespräche, aber letztendlich... Von den meisten, die haben uns wirklich unterstützt. Und man muss auch sagen, auch viele männliche Wissenschaftskollegen, also aus den Pressestellen zum Beispiel von den Universitäten, die sagten dann auch „Toll, dass ProQuote das macht und die Expertinnenliste da aufführt. Und wir machen da gerne mit und suchen bei uns im Haus auch noch nach Frauen, die wir da auf die Liste setzen können.“

KAPITEL 2: Die Scheu vor der Öffentlichkeit

Julia Rotherbl:
Ist es tatsächlich so, dass Frauen da mehr Scheu haben, in die Öffentlichkeit zu gehen, auch mehr Scheu haben zu sagen „Ja, ich habe die Kompetenz und ich kann Ihnen das erklären“ als Männer. Es hört sich halt so nach einem totalen Klischee an, aber ich höre das so oft. Was ist deine Erfahrung? Du bist ja auch selber Medizinjournalistin. Ist es tatsächlich so?

Edith Heitkämper:
Ich habe die Erfahrung, das ändert sich gerade ein bisschen. Leider erlebe ich das auch manchmal noch, dass wirklich eher Frauen dann sagen „Ja, ich mache es nicht unbedingt.“ Und ich würde wirklich jeder raten „Ach, lasst euch auf das Risiko ein und macht das einfach und gebt nicht diesem Klischee noch mehr Futter, dass die Frauen zögerlicher sind als die Männer.“ Aber ich würde trotzdem sagen insgesamt, es ändert sich gerade. Es ist dabei, besser zu werden. Und das trauen sich einfach viel mehr Frauen inzwischen in die Medien. Nichtsdestotrotz - es sollte einfach normal sein, dass eine Frau genauso viel Power hat in einer Sendung, in einem Artikel, da mit ihre Expertise aufzutreten wie ein Mann.

Julia Rotherbl:
Edith, gibt's da noch weitere Punkte, die du siehst, warum sich Ärztinnen oder Wissenschaftlerinnen momentan so wenig oder weniger als Männer in die Medien trauen?

Edith Heitkämper:
Ich könnte mir einen Punkt noch vorstellen und zwar hab ich den, ehrlich gesagt, erst im vergangenen Herbst zum ersten Mal richtig gehört. Nämlich beim Medienfrauentreffen der ARD Medienfrauen. Da hieß es dann mit einem Mal von einer Wissenschaftlerin, die so sagte „Naja, in der Wissenschaft ist es gar nicht so groß angesehen. Also, wenn da Frauen Kontakte zu Medien aufgreifen und sich da zu Wort melden. So nach dem Motto ‚Du machst ja gar keine echte Wissenschaft , du willst dich ja nur in die Medien drängen oder sowas.’“ Das hat mich ehrlich gesagt ein bisschen schockiert, weil ich so dachte „Naja, gut, das eine ist das eine, aber das muss ja das andere deswegen nicht angreifen.“

Also, wenn ich mir überlege, als Ärztin, vielleicht Berufsanfängern oder auch schon länger dabei... Klar muss ich mir ein bisschen Gedanken machen, in welchen Medien ich vorkommen möchte oder wo ich was sagen möchte. Und wenn ich jetzt in irgendwelchen Tabloids auftauche, muss ich da mit allen Konsequenzen auch leben. Aber wenn ich mir angucke, ein „seriöses Medium“ - sag ich mal in Anführungsstrichen - sei es online oder Hörfunk oder Fernsehen oder Printmedium, wo ich weiß, ich werde auch vernünftig behandelt und dass... mein Inhalt wird da nicht irgendwie in anderen Zusammenhang gestellt oder sowas... Da müsste ich mir ja keine Sorgen machen.

Aber dieses... ja, Wissenschaftlerinnen kommen lieber nicht so in den Medien vor, das hat mich ein bisschen schockiert. Ich hoffe, dass das nicht so sehr häufig mehr der Fall ist, aber dieses Vorurteil scheint es ja doch noch zu geben.

Julia Rotherbl:
Die Corona-Pandemie hat ja natürlich auch ein paar negative Beispiele quasi für Wissenschaftlerinnen und Medizinerinnen irgendwie gezeigt. Es wurden ja teilweise auch Forscher_innen und Ärzt_innen von den Medien nicht so nett behandelt und landeten auf Titelblättern von Magazinen, mit denen sie mit Sicherheit nicht gesprochen haben, sondern wo sie einfach gelandet sind, weil sie in anderen Medien präsent waren. Das trägt vielleicht auch nochmal also ein bisschen zu dieser Scheu bei.

Edith Heitkämper:
Absolut. Ich glaube, worauf du es gerade anspielst, das ist die Drosten-Geschichte mit der Bild-Zeitung und die zweite Geschichte, die ich erlebt hatte, war mit Melanie Brinkmann in der Talkshow, wo sie ziemlich runtergebügelt werden sollte, wo sie sich großartig geschlagen hat. Klar, das ist natürlich furchtbar, wenn es solche abschreckenden Beispiele gibt. Deswegen sollte man sicherlich gucken, in welchem Medien man zu Wort kommen möchte und diejenigen haben natürlich dann auch die Konsequenzen erst mal gezogen und erst mal wieder ein bisschen sich da rausgezogen. Aber ja, es ist halt...

Man sollte deswegen natürlich nicht verallgemeinern, dass alles mit Medien bescheuert ist. Ich meine, das kann man deswegen ja auch nicht sagen. Also, wenn ich jetzt aus der Perspektive von einer Wissenschaftlerin oder einer Ärztin mir überlege, möchte ich mich zu Wort melden, sollte so ein Extrembeispiel nicht das Maß aller Dinge sein, sondern ich würde hoffen, dass sie sich deswegen nicht abschrecken lassen. Weil, ich glaube, es gibt noch so viele andere faire Journalistinnen und Journalisten, die einen halt nicht so behandelt wurden. Und das sind spektakuläre Einzelfälle. Aber es sind natürlich auch Einzelfäll. Aber klar, es ist nicht schön sowas zu sehen.

KAPITEL 3: Kaleidoskop der Ansichten: Warum es Frauen in den Medien braucht

Julia Rotherbl:
Edith, würdest du für mich nochmal ganz kurz vielleicht in ein oder zwei Sätzen sagen, warum das für dich oder für euch als Verein so wichtig ist, dass es eine gleichberechtigte Sichtbarkeit von Männern und Frauen in den Medien gibt?

Edith Heitkämper:
Gerade wir in den Medien, wir skizzieren ja auch Alltag, bilden ja Alltag und Gesellschaft ab. Und wenn wir dann nur einen bestimmten Teil des Alltags abbilden und nicht die ganze Komplexität halt auch von Frauenerfahrungen und Mädchenerfahrungen und familiären Erfahrungen und Ansichten, die natürlich auch durch Erziehung geprägt sind und auch anders aussehen bei jeder Frau, bei jedem Mann, dann macht man sich um so viel ärmer. Und dieses Kaleidoskop der Erfahrungen und der Ansichten, die sollten schon die Medien transportieren. Und wenn die Medien sich nur auf Männer und auf Experten einschießen, machen sie sich halt ärmer als sie sein müssten. Und gerade bei den Medien ist deswegen wichtig, dass Frauen auch zu Wort kommen.

Julia Rotherbl:
Wobei man ja ehrlicherweise sagen muss, dass diese stark von Männern geprägte Corona-Berichterstattung ja schon fast die Realität abbildet. Also, in der Medizin ist es ja leider so, dass an den Führungsspitzen oder auch an den Verbandsspitze, in den Selbstverwaltungengremien immer noch mehrheitlich Männer sitzen. Ich habe ja so die kleine Hoffnung, dass wir als Medien, wenn wir diesen Wunsch aussprechen und dieses Ziel verfolgen, genauso viel Männer wie Frauen abzubilden, tatsächlich an dieser Realität vielleicht auch etwas ändern können. Also, ich erhoffe mir, dass der Berufsverband der Gynäkologen vielleicht erkennt, dass es auch schön wäre, dass ein Verband, der für mehrheitlich Frauen im Beruf und vor allem Frauen als Patientin steht, vielleicht nicht immer nur Männer an der Spitze hat. Weil sämtliche Gesundheitsmagazine vielleicht auch wollen, dass eine Frau erklärt, wie man sich Brüste abtastet. Hast du diese Hoffnung auch, dass wir vielleicht sogar dazu beitragen können, dass sich da was tut?

Edith Heitkämper:
Ich hoffe absolut, dass sich da auch etwas ändert. Aber natürlich sind wir in erster Linie ja Journalistinnen und wollen sozusagen für die Sache kämpfen. Und wir können für unseren Bereich gucken, dass wir den Frauen eine Stimme geben und damit natürlich die Hoffnung verbinden, dass das auch gerechter zugeht in den Berufsverbänden und in den anderen medizinischen Gesellschaften und Vertretungen offiziellen Vertretungen.

KAPITEL 4: Das „Ich würde sagen“-Spiel

Julia Rotherbl:
Edith, ich würde mit dir später gerne noch drüber reden, welche Tipps du vielleicht auch für Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen hast, die sagen „Ja, ich würde gern eine Rolle spielen in den Medien.“ Aber kommen wir jetzt zwischendurch zu unserem Podcast-Spiel.

Edith Heitkämper:
Da bin ich ja mal gespannt.

Julia Rotherbl:
Und ich würde dazu Anja zu uns bitten. Unsere Podcast-Redakteurin und jetzt Spielleiterin.

Anja Kopf:
Ja genau. Hallo.

Edith Heitkämper:
Hallo.

Anja Kopf:
Ich darf jetzt hier tatsächlich euch durch dieses Spiel führen. Es geht darum, dass ihr beide Sätze vervollständigen dürft, die ich rausgesucht habe. Die sich um das Thema Frauenkarriere oder generell im Themenfeld Beruf bewegen. So allgemein. Und, da „Ladies First“ hier jetzt nicht so gut funktioniert, haben wir diesen Satz hier geändert in „Gästin First“. Das heißt, Edith, du darfst anfangen mit dem ersten Satz. Es kommt auf Spontanität und aus dem Bauch raus an. Also deswegen...

Edith Heitkämper:
... ganz entspannt.

Anja Kopf:
Genau, richtig. No pressure. Deswegen gerne so vervollständigen, wie’s dir in den Kopf schießt. Und der erste Satz lautet „Wenn es beim Hunger mal schnell gehen muss...“

Edith Heitkämper:
... dann esse ich was. Wenn es beim Hunger mal schnell gehen muss... Ein geschmiertes Brot. Wirklich zum Kochen komme ich mittags nicht. Abends gibt's dann was Gesünderes, auch bei uns. Selbst Tomaten-Mozzarella, was ja auch schnell ginge... Aber ich glaube, für den schnellen Hunger muss es einfach ein Butterbrot sein.

Anja Kopf:
Die gute alte Butterstulle, alles klar. Julia, du darfst den Satz vervollständigen „Ich tanke Kraft, indem...“

Julia Rotherbl:
...indem ich nicht krampfhaft versuche, eine ausgewogene Work-Life-Balance zu haben. Schaffe ich nämlich nicht. Setzt mich unter Druck. Also versuche ich es erst gar nicht.

Edith Heitkämper:
Ich gehe mit meinem Hund raus.

Julia Rotherbl:
Ich habe leider keinen Hund.

Edith Heitkämper:
Aber kann auch stressen. Insofern...

Anja Kopf:
Ja, vor allem mit einem Hund muss man ja auch immer raus. Dreimal am Tag, egal wie das Wetter ist. Gut, der Satz für dich, Edith, wäre „Auf einen Kaffee würde ich gerne treffen...“

Edith Heitkämper:
Hmmmmm....

Anja Kopf:
Okay, ich merke, die Sätze sind gar nicht so einfach.

Edith Heitkämper:
Muss ich kurz nachdenken. Ich musste diese Frage schon mal beantworten, hab damals gedacht mit Michelle Obama. Aber das ist schon ein bisschen her, wie man sich vorstellt. Die würde ich immer noch gerne auf einen Kaffee treffen, weil ich nach dem Buch von ihr so begeistert war und das spannend fand. Ich glaube, im Moment würde ich mich gerne auf einen Kaffee treffen mit Frau Merkel und hören, was die so über diese ganzen furchtbaren Dinge, die im Moment ja gerade in der Welt stattfinden, zu sagen hat. Das fand ich mal ganz spannend.

Anja Kopf:
Die müsste ja jetzt auch ein bisschen Zeit haben, hoffentlich.

Edith Heitkämper:
Aber ich glaube nicht, dass sie sich mit mir auf einen Kaffee treffen möchte.

Anja Kopf:
Vielleicht hört sie ja zufälligerweise diesen Podcast und wer weiß was dann passiert... Julia, du darfst den Satz vervollständigen „Frauen müssen sichtbarer werden, weil...“

Julia Rotherbl:
Da gibt's natürlich jetzt tausende Gründe. Aber ich sag jetzt mal...

Anja Kopf:
Mir reicht einer.

Julia Rotherbl:
... weil junge Mädchen und Frauen dringend Vorbilder brauchen. Es gibt ja diesen Satz - ich glaube, der klingt auf Englisch schöner als auf Deutsch aber... - man träumt nur von dem, was man kennt. Und davon bin ich persönlich ziemlich überzeugt. Das trifft nicht nur auf Frauen zu, sondern natürlich auch auf andere Punkte von Diversität. Dass ich als Afroamerikanerin Vizepräsidentin werden kann, wäre natürlich auch so ein Punkt. Genau, Vorbilder. Weil man Vorbilder braucht.

Anja Kopf:
Gute Antwort, schöne Antwort. „Wenn Männer das global benachteiligte Geschlecht wäre, dann...“

Edith Heitkämper:
Das gibt's nicht. Das kann gar nicht... Dieser Satz ist sozusagen schon ein sich widersprechen Satz. ... dann gäbe es keine global benachteiligten Geschlecht.er Also ich glaube, das widerspricht sich an sich schon. Weil, selbst wenn man sagen würde „Okay, im Umkehrschluss wären dann die Frauen das Geschlecht, was nicht benachteiligt wäre...“ Ich hoffe immer noch, dass wir Frauen nicht ein Geschlecht so global benachteiligen würden wie die Männer dann.

Julia Rotherbl.:
Stimmt

Anja Kopf:
Das ist ein total interessanter Gedanke.

Edith Heitkämper:
Eine Hoffnung.

Anja Kopf:
Ist ne Hoffnung und gutes Gedankenspiel, um dieses Spiel auch zu beenden. Dankeschön. Dann darf ich mich auch schon wieder verabschieden mit meiner Gastrolle und wünsche viel Spaß bei Teil 2 des Gesprächs. Und, die das jetzt schon häufiger gehört haben, das Spiel, die werden wissen, ich werde mich jetzt wieder in meinen Regiestuhl verziehen. Ciao.

KAPITEL 5: Wie ihr eure Sichtbarkeit in den Medien erhöhen könnt

Julia Rotherbl:
Jetzt kommen wir zu der Frage, die Euch, liebe Hörerinnen, wahrscheinlich am meisten interessiert. Ihr seid ja Ärztinnen, Medizinerinnen und habt vielleicht Lust auch in den Medien sichtbarer zu sein. Und deshalb meine Frage an dich, Edith, was hättest du da für Tipps? Gibt's Medientraining? Wo gibt es Anknüpfungspunkte? Was können wir den Hörerinnen dieses Podcasts mitgeben?

Edith Heitkämper:
Das muss man sich das schon ein bisschen überlegen. Und wenn man das möchte, nicht drauf warten, dass man groß entdeckt wird. Ich glaube, das ist die Voraussetzung. Aber ich denke im Kleinen kann man als Ärztin oder Wissenschaftlerinnen ganz, ganz viel machen. Also, vielleicht sich einen Twitter-Account anlegen und themenbezogen die Medienlandschaft durchgucken und vielleicht auch mal sich äußern oder bei Forschungspaper gucken, dass man das...

Wenn man eine Forschung macht, dass man das auch vertreten kann. Also, dieses typische... Ich glaube, im Amerikanischen gibt es hier diesen Elevator Pitch. Dass man in 30 Sekunden sagen kann, was man macht und wer man ist. Dass man das so ein bisschen trainiert und überlegt und sagt „Wofür stehe ich? Was könnte ich? Wo könnte ich zum Beispiel Dinge erklären, wenn die Presse irgendwo ist.“

In der Lokalpresse ruhig auch über bestimmte Paper zu sprechen, sich zu Wort zu melden. Natürlich muss man ... So eine kleine Fahne „Hier bin ich“ müsste sich diejenige natürlich dann basteln, um zu sehen zu sein. Und da gibt's viele einfache Dinge. Aber letztendlich muss man insgesamt sagen, sich nicht verstecken, sagen „Ich will es ausprobieren“ und mit ein bisschen Spaß und Risikobewusstsein auch darangehen. Also nicht gleich, wenn es dann schief läuft, dann sage ich „Ich mach das nie wieder“, sondern sagen „Ich hab Bock, das zu zeigen“.

Und ich glaube, im Moment da sind, glaube ich, ganz gute Bedingungen. Wenn man es halt auch äußert. Ich glaube, man muss sich schon auch ein bisschen ins Licht stellen, nicht nur sagen „Ja, die kommen schon auf mich zu“, sondern wirklich auch ein bisschen mit Power da auch rangehen.

Julia Rotherbl:
Ist vielleicht auch ein Klischee, aber ich glaube , Frauen denken immer, sie müssen so ein perfektes Ergebnis abliefern. Das perfekte Interview, den perfekten TV-Auftritt. Dabei steckt dahinter noch so viel Nacharbeit drin, die man halt einfach dann aber nicht sieht.

Edith Heitkämper:
Aber ich glaube auch, woran es manchmal oder womit junge Ärztinnen, glaube ich, auch manchmal zu kämpfen haben, ist, dass sie das Gefühl haben, dass sie vielleicht an ihrem Chef vorbei nicht Dinge sagen können. Wenn der Chef männlich ist. Und da können wir als Journalistinnen sicherlich einiges tun, indem wir sagen „Wir möchten aber eine Frau haben“. Oder „Ich möchte aber eine Neurologin haben als Interviewpartnerin“. Das sag ich manchmal auch. Und meine Kolleginnen und Kollegen sagen das auch manchmal. Oder das Thema auch wirklich anzusprechen, dass man sagt ... Oder wir nehmen zwei Menschen, die was sagen. Aber auf jeden Fall auch eine weibliche Stimme. Und das ist uns wichtig, dass auch Frauen zu Wort kommen und sichtbar gemacht werden.

Julia Rotherbl:
ProQuote Medien hat ja nicht nur die Sichtbarkeit von Expertinnen im Blick, sondern euch geht’s ja auch darum, dass in der Medienlandschaft selbst auf den Führungsetagen ebenso viele Männer wie Frauen arbeiten und tätig sind. Und was ich mich schon ein bisschen frage, ob sich diese beiden Dinge nicht so gegenseitig auch beeinflussen und bedingen, quasi. Also, wären mehr Frauen an den Spitzen von Chefredaktionen oder Verlagen generell, würde vielleicht auch das Thema Sichtbarkeit von Experten in Medien eine größere Aufmerksamkeit erfahren. Siehst du das auch so?

Edith Heitkämper:
Das hoffe ich, dass es so ist. Aber, wenn man sich so Sachen anguckt, „Der Spiegel“ hatte vor kurzem mal durchgeguckt, wie viele weibliche Stimmen als Expertinnen bei ihnen zu Wort kamen. Das waren sowas von wenige. Und da kann man sagen auch beim „Spiegel“ hat sich die Frauenanzahl... Frauen in Führung hat sich sehr viel verbessert. Das sind es doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Da müsste sich auch der Blick auf die Expertinnen im Heft und Online verbessert haben. Das ist jetzt so nicht gewesen.

Also, insofern bin ich da leider so ein bisschen enttäuscht. Es ist kein Selbstgänger. Ich denke, wir müssen trotzdem das Thema wie viele Frauen sind in Führung, egal ob in der Medizin oder in den Medien. Das ist wichtig. Aber trotzdem muss man auch darauf gucken, wie viele Frauen sind sichtbar als Expertinnen und O-Tongeberinnen in den Medien präsent und woanders auch. Also sind trotzdem leider zwei Bereiche, hab ich das Gefühl.

Julia Rotherbl:
Danke, Edith, dass du zu Gast warst und für die spannenden Einblicke. Vielen Dank.

Edith Heitkämper:
Ich danke dir. Hat Spaß gemacht.

Julia Rotherbl:
Das war mein Gespräch mit Edith Heitkämper, Vorsitzende des Vereins ProQuote Medien. Auch wir als Apotheken Umschau haben das Ziel, dass wir in jeder Ausgabe mindestens genauso viele Frauen wie Männer als Expertinnen interviewen und abbilden. Wenn ihr Ärztinnen oder Wissenschaftlerinnen kennt, von denen ihr sagt „Die sind perfekt für euer Magazin“, dann freue ich mich über E-Mails mit Empfehlungen an redaktion@gesundheit-hören.de. Und ich freue mich natürlich auch, wenn ihr diesen Podcast weiterempfehlt. Uns gibt's alle 14 Tage neu immer montags auf Apple Podcasts , Spotify oder in eure Lieblingspodcastapp.

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf

Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

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