Mutter, Familienmanagerin, Ärztin in Teilzeit: Am Anfang ihrer Karriere versuchte Dr. Jördis Frommhold, sich das klassische Mutter-in-Teilzeit-Modell überzustreifen. Als sie gemerkt hat, dass das für sie nicht funktioniert, krempelte sie ihr Leben einmal komplett um.

Heute ist Jördis Frommhold Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der Median Klinik in Heiligendamm und als Long-Covid-Expertin häufig in den Medien zu sehen. Wieso ihr Leben ein bisschen an einen Kitschroman erinnert und wie sie sich gegen Shitstorms wehrt, erfahrt ihr in dieser Folge.

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Lieber Lesen als Hören? Das Gespräch in Schriftform

Julia Rotherbl:
Hallo liebe Zuhörerinnen, und vielleicht auch der eine oder andere Zuhörer. Ich freue mich sehr, dass Ihr diesen Podcast eingeschaltet habt. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und Host dieses Podcasts. Viele Frauen, die hier zu Gast waren, haben beim Thema Familienplanung erzählt, dass es für sie in ihrem Kopf nie Thema war, lange zu Hause zu bleiben mit dem Kind und danach in Teilzeit einzusteigen. Spannend ist, dass es bei der heutigen Gästin anders war. Die hat es nämlich zumindest versucht. Sie wollte sich dieses klassische Mutter-in-Teilzeit-Modell überstreifen und hat dann gemerkt, „das funktioniert für mich einfach nicht“. Darüber möchte ich mich heute mit ihr unterhalten und freue mich sehr, dass Dr. Jördis Frommhold hier ist. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie, Chefärztin der Abteilung Pneumologie an der Median Klinik in Heiligendamm. Und vor allem ist sie DIE Long-Covid Expertin in Deutschland.

Kapitel 1: Warm Up mit dem "Ich würde sagen"-Spiel

Julia Rotherbl:
Ich habe gehört, wir dürfen uns duzen. Ich bin Julia.

Dr. Jördis Frommhold:
Jördis.

Julia Rotherbl:
Super. Jördis, ich würde unsere Runde jetzt gleich noch um eine dritte Person erweitern wollen.

Dr. Jördis Frommhold:
Gerne.

Julia Rotherbl:
Nämlich um meine Podcast-Redakteurin Anja, die für uns ein kleines Spiel vorbereitet hat.

Anja Kopf:
Hallo ihr beiden.

Julia Rotherbl:
Anja, du darfst erklären, wie es geht.

Anja Kopf:
Genau, das ist bei den Sängerinnen auch immer so. Die dürfen ja am Anfang auch sich einsingen, damit man dann gut in den Fluss kommt. Das machen wir hier mit diesem Spiel und hoffentlich lernen auch die Hörerinnen auch ein bisschen euch beide besser kennen. Ich habe eben Sätze vorbereitet und also ich habe euch Satzanfänge rausgesucht und die dürft ihr vervollständigen. Traditionell - kann ich inzwischen schon sagen - fängt bei uns die Gästin an. Also, das wärst du Jördis.

Dr. Jördis Frommhold:
Gerne.

Anja Kopf:
Und genau der erste Satz, der lautet „Die meiste Kraft tanke ich…“

Dr. Jördis Frommhold:
... auf dem Meer.

Anja Kopf:
Oh. Mit eigenem Boot?

Dr. Jördis Frommhold:
Mit dem Boot. Aber wir benutzen, oder ich benutze alles, was irgendwie schwimmfähig ist und was irgendwie mit Wasser zu tun hat. Oder vielleicht kann man besser sagen auf und am Meer. Das trifft es vielleicht noch eher. Aber Wasser ist für mich ganz, ganz entscheidendes Element.

Anja Kopf:
Julia, „Meine heimliche Schwäche ist…“

Julia Rotherbl:
Oh mein.. Also, dass ich eigentlich lieber so im Hintergrund arbeite und gar nicht so gern so total präsent bin auf irgendwelchen Bühnen oder so wie hier in diesem Gespräch. Daran muss ich echt immer wieder arbeiten.

Anja Kopf:
Genau, und jetzt darfst du diesem Podcast machen!

Julia Rotherbl:
Ja.

Anja Kopf:
Führung in Teilzeit, Jördis, das…

Dr. Jördis Frommhold:
... sollte in der Zukunft und eigentlich auch jetzt schon überhaupt gar kein Problem mehr darstellen. Ist es aber leider noch.

Julia Rotherbl:
Nicht für die, die es machen wollen, sondern für die, die es irgendwie erlauben, oder?

Dr. Jördis Frommhold:
Das stimmt, nicht für die, die es machen wollen. Aber flexibles Umdenken von Arbeitszeitmodellen wird jetzt als Aufhänger sozusagen kommen. Ich denke da schon länger drüber nach, dass das wirklich eigentlich noch ein Tabuthema ist, es aber nicht sein sollte.

Anja Kopf:
Im Berufsumfeld-Thema bleiben wir auch noch. Julia, „Eine der Top 3 Berufsentscheidung auf die ich immer noch stolz bin ist…“

Julia Rotherbl:
... dass ich dann irgendwie zwischendurch mal was ganz anderes gemacht habe. Weg von Medizinjournalismus und bei der Cosmopolitan gearbeitet habe. Es haben sich einige gewundert, aber es hat echt viel gebracht, einfach mal kompletten Change zu haben.

Anja Kopf:
Ja, ja.

Dr. Jördis Frommhold:
Das sind ja auch alles Erfahrungen, die man sammelt, ne, und einfach neue Inputs.

Julia Rotherbl:
Ja, man betrachtet dann das, wo man vorher war, mal plötzlich so von außen. Das fand ich auch sehr, sehr spannend. Also, muss man sich nicht mehr in diesem Inner Circle bewegen die ganze Zeit, sondern, ja...

Anja Kopf:
Der letzte Satz wäre für dich, Jördis. „Männer haben mich auf meinem Berufsweg…“

Dr. Jördis Frommhold:
...immer gestärkt. Ich muss tatsächlich sagen, ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass Männer mir irgendwie - sagen wir mal - ernstzunehmende Steine in den Weg gelegt hätten. Eher andersherum. Ich habe nicht nur bei meinem eigenen Mann, natürlich, aber auch bei eigentlich allen männlichen Kollegen wirklich nur Unterstützung erfahren. Und das fand ich eine total tolle Erfahrung. Weil ich glaube, dass es auch für die Frauen wichtig, dass man da keine Angst vor männlicher Konkurrenz haben muss, sondern dass man die mehr oder weniger auch gut nutzen kann.

Anja Kopf:
Sehr coole Perspektive tatsächlich. Und auch ein schönes Beispiel.

Julia Rotherbl:
Gut, sind wir am Ende des Spiels, Anja? Ich weiß es nicht!

Anja Kopf:
Wir sind am Ende des Spiels. Genau. Das glaub ich reicht zum Aufwärmen. Wir haben ja jetzt schon gut was erfahren. Dass Jördis gerne auf dem Meer ist und Julia die Zeit bei der Cosmopolitan total bereichernd fand. Das wusste ich beispielsweise beides noch nicht so. Genau. Und deswegen sage ich vielen, vielen Dank für eure schönen Antworten und ich nehme jetzt nochmal meinen Regiestuhl hier und lausche gerne eurem Gespräch, was jetzt folgt und wünsche viel Spaß!

Julia Rotherbl:
Danke, Anja.

Dr. Jördis Frommhold:
Danke.

Kapitel 2: Wie war dein erster Auftritt in den Medien?

Julia Rotherbl:
Jördis, das erste Thema, das ich mit dir gerne bespreche, oder über das ich mit dir gerne reden würde, ist das Thema Präsenz von Expertinnen in den Medien. Du giltst ja als die Long-Covid Expertin in Deutschland. Als Long-Covid noch gar kein Thema war, sondern eher dieses neue Virus, da standen vor allem Männer vor den Kameras, wurden in den Zeitungen interviewt. Ich bin jetzt keine Medizinerin. Mich hat‘s als Frau geärgert. Ich könnte mir vorstellen dass - wenn man auch noch Medizinerin ist - dass es vielleicht sogar noch mehr ärgert, dass da quasi so geballte männliche Kompetenz aufgetreten ist und kein Platz für Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen war am Anfang. Wie hast du das erlebt?

Dr. Jördis Frommhold:
Ich habe mich tatsächlich gar nicht so sehr darauf fokussiert auf diesen Geschlechterunterschied. Also so nach dem Motto „Da sind jetzt nur Männer und ich muss da jetzt auch unbedingt was tun“, sondern für mich hat eigentlich primär immer die Sache gezählt.

Also es ging mir absolut immer darum, aufzuklären, auch diesen Aspekt aus dem Bereich Reha wirklich auch mal in den Fokus zu stellen. Natürlich auch mit dem neuen Krankheitsbild. Aber mir war es wichtig, da wirklich auch ein bisschen aufzuzeigen, die Reha ist eben nicht verstaubt und langweilig, sondern die ist jung, dynamisch und weiblich. Und das habe ich nämlich auch mal in irgendeinem Interview, glaub ich, relativ am Anfang gesagt. Aber trotzdem war es so, dass ich mir so gedacht habe, gerade für Frauen ist da jetzt auch noch eine Lücke in der Medienwelt, sagen wir es mal so.

Julia Rotherbl:
Kannst du dich an deine erste Medienanfrage erinnern?

Dr. Jördis Frommhold:
Ja, kann ich tatsächlich noch. Und das war im April 2020. Und da ging es tatsächlich nur um einen ganz kleinen Beitrag für das „Nordmagazin“. Das ist so ein regionaler Nachrichtensender bei uns in Mecklenburg-Vorpommern. Und wir sollten Atemübung zeigen, die jeder selber in der Akutphase machen kann. Und das war natürlich schon dann aufregend. Man wusste nicht, wie man mit der Kamera umgehen sollte, wo man hinguckt und vor allem auch ... die Fragen sind ja nicht abgesprochen gewesen in dem Sinne. Mittlerweile denkt man sich „Ach, das ist alles gar nicht so schlimm.“ Aber in dem Moment so das erste Mal, das war dann schon so und man dachte „Ach Gott, was soll ich denn da jetzt antworten? Und wenn ich da jetzt keine Antwort drauf weiß, dann ist das ja komisch.“

Mittlerweile habe ich gelernt, wenn ich auf eine Frage nicht antworten will oder die Antwort schlicht und einfach vielleicht nicht so hundertprozentig weiß, dann sage ich das, was ich denke, was zum Thema passt. Und das ist dann auch meistens gut. Ich glaube, dass machen viele Politiker auch. Aber es ist ja wichtig, diese Botschaft einfach rüberzubringen. Und natürlich, wenn man was überhaupt nicht weiß, dann sagt man natürlich auch „Da kann ich jetzt nichts zu sagen“. Das war mir... am Anfang musste man sich auch erst so rein fuchsen. Also da hatte ich schon erst noch Hemmungen.

Julia Rotherbl:
Aber du hast ja nicht kurz überlegt abzusagen, sondern du hast von Anfang an gesagt „Ja klar, das mache ich“.

Dr. Jördis Frommhold:
Genau. Ich hab dann gesagt „Nein, das ist wichtig“ und also gerade auch diese Chance zu nutzen. Die mediale Präsenz im Bereich Reha aber natürlich auch junge Chefärztin, sozusagen, dass man da wirklich auch mal zeigt „Hier, passt auf, das geht auch mit Kind. Und das geht auch als Frau. Und das geht auch wenn man noch unter 40 ist.“

Kapitel 3: Tipps für mediale Präsenz und den Umgang mit Shitstorms

Julia Rotherbl:
Du hattest schon so in deiner Antwort ein paar Tipps indirekt eingebaut für Ärztinnen, die vielleicht jetzt vor der Entscheidung stehen „Okay, möchte ich mehr Medienpräsenz, ich gehe mit meiner Botschaft nach draußen.“ Was sind weitere Dinge die du Medien-Anfängerinnen quasi mitgeben würdest?

Dr. Jördis Frommhold:
Also wir Frauen machen uns ja immer ganz viel Gedanken darum - oder auf jeden Fall bei mir ist es so - wie kommt man denn jetzt so auf so ein Bild oder im Film, wie kommt man da so rüber? Wie sieht das aus? Was hab ich da jetzt an? Sieht jetzt irgendwie mein Gesichtsausdruck schlimm aus oder liegen die Haare nicht richtig? Wobei, da hab ich ja nun wenig Probleme. Aber selbst wenn die mal lang sind, sieht das halt auch... Naja was ich aber sagen will, ich hab mir da am Anfang total viel Gedanken drüber gemacht. Hab wirklich jeden Beitrag dann danach auch im Fernsehen gekuckt und hab geschaut.

Und letztendlich hab ich dann aber irgendwann gelernt, es muss irgendwie sicherlich ordentlich aussehen, aber letztendlich ist es völlig egal und es gibt so viele Beiträge und da achtet nicht jeder darauf, was man nun gerade anhat oder wie der Gesichtsausdruck ist oder sonst irgendwas. Und ich glaube viel, viel wichtiger ist, dass man da authentisch irgendwie ist, dass man das, was man sagt, dass man da auch hinter steht. Und wie dann die Optik dazu ist, ist eigentlich relativ nebensächlich. Oder vor allem habe ich gelernt, mir da einfach nicht mehr so einen großen Kopf drum zu machen, ne. Bei mir ist das jetzt mittlerweile so, dass ich ... Also Medienanfragen gehen praktisch... im Tagesverlauf werden die mit eingearbeitet. Das funktioniert aber nur, wenn man sich nicht um jeden Beitrag einen irren Kopf macht.

Julia Rotherbl:
Wie ist es dir denn eigentlich gegangen mit den teilweise nicht sehr netten Rückmeldungen auf deine Medienauftritte? Also Corona ist ja so ein Thema, was auch immer so ein bisschen Shitstormgefahr birgt.

Dr. Jördis Frommhold:
Ja, das war ja sehr ausgeprägt mal im Sommer 2020 muss ich sagen. Weil da ist uns so... Oder mir so das erste Mal aufgegangen, „Mensch, es gibt nicht nur die Akuterkrankten, die Schwersterkrankten, die dann noch Probleme haben, sondern eben auch Long-Covid-Symptomatiken bei milden Akutverläufen“. Und das hatte ich dann so erstmals auch öffentlich gesagt und das war schon viele Mails, die da kamen, so nach dem Motto „Ich soll hier mal nicht Panik machen“. Oder das wirklich auch die Kompetenz angezweifelt wurde. Das ging so weit, dass da wirklich auch zum Teil Empfehlungen zum Suizid dann gepostet wurden und so weiter.

Also, wo man so dachte... Das war für mich natürlich total schockierend erst einmal in dem Moment, weil als Arzt ist man ja... Wir die Guten so, ne? Also, wir wollen ja letztendlich unser Hauptziel den Menschen helfen bzw. Aufklärung betreiben. Oder andersherum. Jeder hat das Recht auf Wissen. Wenn wir sehen, es gibt solche Verläufe bei uns in der Klinik, dann ist es auch wichtig, dass man das nach außen trägt und wer es nicht hören will, der muss die Ohren dann eben zumachen. Aber das war für mich schon irritierend, dass man jetzt mit solchen Shitstorm-Mails irgendwie konfrontiert wurde. Und ich hab dann tatsächlich kurzfristig gedacht „Oh Mensch, das das ist mir jetzt zu viel. Dann sage ich jetzt lieber nichts mehr.“

Auf der anderen Seite hab ich mir dann aber überlegt „Naja, die, die einem sowas um die Ohren hauen, die denken da ja auch nicht drüber nach oder reflektieren ihr Verhalten ja auch nicht. Und warum sollte ich denn da jetzt dann meinen Mund nicht mehr aufmachen dürfen?“ Und hab mich dagegen entschieden. Und habe gesagt, ich mache da weiter und ignoriere das bzw. habe auch niemals auf solche Mails geantwortet. Also grundsätzlich nicht. Und habe auch diese Mails an meinen kaufmännischen Leiter damals weitergeleitet oder eben an jemanden anderes. Das muss er... also eine Vertrauensperson oder wie auch immer, die das dann gelesen hat, einfach um rauszufiltern, ob nicht wirklich irgendetwas ernstzunehmendes dahinter steckt. Und ich glaube, dass ist fürs eigene Seelen wohl total wichtig. Zum Glück haben diese Shitstorm-Mails deutlich abgenommen, das muss man so sagen. Also jetzt ist es andersherum. Man kriegt eigentlich viel, viel mehr dankbare Zuschriften und das streichelt die Seele dann natürlich auch. Ganz klar.

Kapitel 4: Raus aus der klassischen Frauenrolle

Julia Rotherbl:
Jördis, du bist ja Mutter eines Sohnes. Und was ich ziemlich interessant fand, was mir Anja aus dem Vorgespräch berichtet hat, was aber auch aus deinem Lebenslauf hervorgeht, ist die Tatsache, dass du zunächst auch vollkommen in diese Mutterrolle reinschlüpfen wolltest, um dann festzustellen, dass es jetzt irgendwie doch nicht so richtig das, was ich mir vorstelle, was ich will. Richtig?

Dr. Jördis Frommhold:
Ja, tatsächlich, das war so. Also, ich habe eigentlich so einen ganz klassischen Mädchenkarriereweg sozusagen angefangen und wusste relativ früh schon, dass mich die Medizin einfach interessiert und dass ich auch Medizin studieren möchte. War aber so auch nach dem Studium und in meiner jungen Erwachsenenzeit sozusagen noch sehr auch so auf meine Eltern da geprägt bzw. auf den Einfluss von meinen Eltern. Und hab dann aber im Verlauf gemerkt, dass das nicht unbedingt wirklich mein Weg der ist, der da meinen Eltern vorschwebt. Und musste dann lernen, dass ich mich sozusagen nicht in dieser Mutterrolle komplett sehe, sondern eigentlich auch zusätzlich noch anderes vor hab. Nämlich Führungspositionen zu übernehmen und das liegt bei mir daran denke ich, dass ich ein Mensch bin, der gerne Dinge entwickelt und auch Dinge voranbringt. Und das geht in der Medizin eben nur eingeschränkt, wenn man nicht selbst die Führungsposition innehat.

Und dann war es aber tatsächlich so, dass ich auch in meiner Assistenzarztzeit dann meinen Sohn bekommen habe und hab danach dann auch natürlich erstmal Elternzeit gemacht ein Jahr und bin danach Teilzeit angefangen zu arbeiten und habe dann eben auch so überlegt „Naja, ich hol dann doch das Kind ab“ Und mein damaliger Mann, der hat sich natürlich auch damit arrangiert und war auch als Papa da. Aber irgendwie war das tatsächlich so diese klassische Rolle - Mutti geht Teilzeit arbeiten und so, wie wir das eben kennen. Ich hab dann aber für mich gemerkt, dass mich das nicht ausfüllt und dass mir das letztendlich so nicht reicht. Das darf man glaub ich nicht falsch verstehen. Ich bin total gerne Mutter und ich liebe mein Kind und auch meinen jetzt angeheirateten Großen, also den Sohn meines Mannes. Aber das eben war für mich nicht alles und…

Julia Rotherbl:
Jördis, darf ich dich kurz unterbrechen und fragen, wie du das gemerkt hast?

Dr. Jördis Frommhold:
Also, das war für mich so eine Phase, wo ich mehr versucht habe, auf meine Bedürfnisse zu horchen und wo ich gemerkt habe „Na, das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein. Das kann doch jetzt nicht so auf Dauer so weitergehen.“ Und dann ist man... irgendwann macht man seine Facharztprüfung und dann und so, so... Das war wie so eine, ich weiß nicht, vorgezogene Midlife-Crisis, keine Ahnung. Also, dass man wirklich so gedacht hat „Nee, das war jetzt mein Leben? Und so arbeite ich jetzt bis zur Rente?“ Und das war für mich ganz schwer zu verstehen irgendwie

Und auf der anderen Seite war es für mich aber auch wichtig, mich von den Idealen, von meinen Eltern, die ich von da mitgekriegt hätte, zu lösen, um einfach zu gucken - Was will ich denn wirklich? Und letztendlich ist es dann so, dass ich dann gesagt habe, das funktioniert für mich nicht weiter. Und dann spielt natürlich auch das Schicksal immer so ein bisschen noch eine Rolle mit. Ich hab dann meinen jetzigen Mann kennengelernt, ganz klassisch wie im Arztroman - er Oberarzt in der Klinik, ich Assistenzärztin. Also so ein bisschen klischeemäßig. Aber ja, wir sind wie Topf und Deckel und das funktioniert wunderbar. Und hab dann die Scheidung durchgezogen. Bin dann mit Kind und noch nicht Facharzt umgezogen und hab mein Leben letztendlich...

Julia Rotherbl:
Alles umgekrempelt!

Dr. Jördis Frommhold:
Ja, hab mein Leben einmal komplett umgekrempelt. Ja, meine Eltern haben diesen Wandel überhaupt nicht verstanden. Und das führte dann letztendlich dazu, dass ich auch den Kontakt zu meinen Eltern jetzt komplett abgebrochen habe, weil ich gemerkt habe, dass das so nicht mit meinen Gedanken und meinen Lebenszielen zusammenpasst, obwohl ich das natürlich häufig versucht habe. Also da auch wirklichen Kontakt herzustellen wieder, was aber nicht gut funktioniert hat. Das ist schmerzhaft. Aber ich muss einfach sagen, es hat mich persönlich insofern weitergebracht, dass ich jetzt wirklich das mache, was ich für mich und für meine Familie für richtig empfinde und nicht was irgendwer vielleicht von mir erwartet oder was ich in irgendwelchen Gesellschaftshinblicken erfüllen sollte.

Julia Rotherbl:
Waren es denn nur deine Eltern, die kritisiert oder die das kritisch gesehen haben, dass du dieses klassische Frauenbild oder diese klassische Frauenrolle nicht ausfüllen willst? Oder hast du das auch in anderen Kontexten erlebt, dass Leute das hinterfragen?

Dr. Jördis Frommhold:
Also schon, besonders, vielleicht besonders stark meine Eltern. Vielleicht trifft es einen aber auch nur besonders stark. Ich habe schon erlebt, dass z.B. auch mein damaliger Chefarzt in der Assistenzarztzeit, als ich dann gesagt habe „So, ich mache jetzt was anderes, ich gehe jetzt in die Reha oder ich geh in eine andere Fachrichtung.“ Ich wollte nämlich eigentlich erst, nachdem ich Internistin geworden bin und Notfallmedizin gemacht habe, dann eigentlich Kardiologie machen und habe dann aber gesagt „Nö, mache ich jetzt doch nicht. Kardiologen gibt‘s so viele, dann mach ich halt mein Pneumologie, das sieht besser aus.“ Und da hat mir mein damaliger Chef schon gesagt, als ich dann gekündigt habe, naja, also eigentlich findet er das jetzt nicht so toll und ich hätte jedoch, dass man sozusagen sein Fähnchen nach dem Wind steckt. Und ich hatte ja gesagt, ich will Kardiologie machen, warum ich denn dabei nicht bleiben würde und außerdem könne man ja auch hier bleiben.

Also so, dass war schon so ein bisschen, wo ich gedacht hab „Mensch, wenn ich jetzt Kollegen habe, die natürlich hier auch irgendwann bei mir fertig sind und einfach, wenn die Ausbildungszeit hier vorbei ist, die müssen weggehen, aber dann freue ich mich doch für die. Dann bin ich doch nicht selber enttäuscht, weil ich vermeintlich im Stich gelassen werde“. Natürlich ist es immer blöd. Man muss sich dann jemand Neues suchen, klar. Aber auf der anderen Seite bin ich doch stolz, dass es ja auch für jemanden, der bei mir gelernt hat, dass es für den vorangeht.

Kapitel 5: Netzwerke knüpfen für Profis

Julia Rotherbl:
Und du bist ja dann deinen Weg gegangen. Ich hab's ja vorher schon gesagt, du giltst mittlerweile als DIE Long-Covid-Expertin in Deutschland. Ich würde mit dir gerne noch über das Thema Netzwerken sprechen. Weil, ich finde das in deinem Themenbereiche sehr spannend, weil das natürlich ein sehr neuer Themenbereich ist. Das heißt, diese eingefahrenen Strukturen, diese - was Frauen häufig kritisieren in anderen Gremien - Verbänden, dass dort schon so fixe Männerbünde vorhanden sind, die man schlecht durchbrechen kann. Das ist ja hier noch nicht. Also die Bünde knüpfen sich gerade so. Wie hast du dir denn dein Netzwerk aufgebaut in diesem Themengebiet?

Dr. Jördis Frommhold:
Also, ich habe immer sehr breit geschaut. Hab natürlich auch viel, wenn jetzt Anfragen kamen, auch zu Fortbildungsveranstaltungen, z.B. wenn jetzt irgendwie gefragt wurde „Mensch, können Sie dazu nicht nochmal was erzählen“. Da hab ich wirklich fast alles, was mir irgendwie möglich war, angenommen. Geht natürlich das jetzt auch gut mit digitalen Möglichkeiten. Klar, muss man sagen. Aber natürlich sind solche Fortbildungsveranstaltungen, wo man dann selber eben auch als Referentin geladen ist, auch immer ein super Podium um einfach Connections aufrechtzuerhalten. Und da lernt man ja ganz, ganz viele Leute kennen.

Und da war es z.B. hilfreich, wo ich denn auch gedacht habe, wenn ich mal irgendwie eine Situation hatte, wo ich dachte „Oh, da bräuchte ich vielleicht von dem und dem Kollegen nochmal Input oder vielleicht kann mir der und der da weiterhelfen“, dass ich dann einfach überlegt habe, wen hat man denn schon mal wo gesehen. Und hab dann auch einfach so nach dem Motto „frech voran“ da einfach mich gemeldet und meine Frage gestellt. Und wenn dann der- oder diejenige nicht mit mir sprechen wollte, na ja, gut, dann antwortet man nicht. Aber die allermeisten haben tatsächlich sich dann schon gemeldet.

Und ich glaube das ist auch so ein Punkt, dass man da keine Scheu haben muss, wenn man jemanden... oder wenn man eine Expertise oder eine Erfahrung oder eine Zuarbeit oder wie auch immer von jemandem anderen braucht, dass man sich da durchaus trauen kann, diese Menschen dann auch anzusprechen. Und wenn die nicht mit einem reden wollen, dann werden sie einem das schon wissen lassen. Aber ansonsten ist es eigentlich immer super produktiv gewesen.

Julia Rotherbl:
Ihr habt ja auch vor kurzem den „Ärzte und Ärztinnenverband Long COVID“ gegründet. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Jördis Frommhold:
Das kam so zustande, dass wir im Sommer 2021 ne – was war das - beim Bundestag eine Anhörung hatten, glaube ich. Virtuell, genau. Und da waren dann auch noch andere Kolleginnen und dann haben wir gesagt „Mensch, lass uns doch mal zusammen nochmal über das Thema unterhalten. Das war jetzt irgendwie so ein bisschen frustrierend und nur so kurz. Und naja...“ Auf jeden Fall hatten wir uns dann nochmal untereinander zusammengeschlossen und haben dann gesagt „Na Mensch, was müsste man denn machen?“ Und dann hab ich gesagt „Mensch, also eigentlich müssten wir eine Fachgesellschaft gründen.“ Und dann Gedacht - Getan. Und da braucht man natürlich auch dann wiederum die Connections, die man dann vorher schon auf möglichen Fortbildungsveranstaltungen gesehen hat. Das fand ich ganz, ganz toll. Diese Idee kam ja relativ spontan, aber wie viele dann doch bereit waren, da sofort mitzumachen. Also fand ich super.

Julia Rotherbl:
Jördis, wenn jetzt uns eine junge Lungenfachärztin oder Neurologin zuhört und sagt „Ich hätte Jördis gerne in meinem Netzwerk“. Wie möchtest du denn jetzt als jemand, der da jetzt schon Standing hat, der vielleicht auch als Vorbild gilt, der jemand ist, wo man mal einen Rat einholt - Wie würdest du gerne kontaktiert werden?

Dr. Jördis Frommhold:
Also, für mich läuft das am besten über Mail. Das ist tatsächlich so. Und natürlich ich kriege viele, viele, viele Mails und natürlich viele von jetzt ratsuchenden Patienten und so weiter. Das kann man natürlich nicht alles beantworten, weil man da an eine ganze Sprechstunde für aufmachen könnte. Das ist schon so. Aber ich glaube, wenn mir jetzt jemand schreiben würde so hier, das und das und ich bin junge Pneumologin und mir steht jetzt das und das ins Haus. Ich habe den und den Termin. Können Sie mir einen Rat geben? Also da wäre ich sicherlich eine der letzten, die da sagen würde „Nee, da gehe ich jetzt nicht drauf ein“. Und so ist es, glaube ich, geht es vielen. Also, wenn man wirklich eine konkrete Fragestellung oder nun wirklich einen Rat sucht, dann ist man natürlich bereit, auch Wissen weiterzugeben oder Tipps zu geben.

Julia Rotherbl:
Ich fand es ganz schön zu lesen in den Notizen, die Anja von eurem Vorgespräch gemacht hat, dass du auch gesagt hast, Netzwerke sind ein Geben und Nehmen. Ich finde, das ist oft so dieses „Wir supporten uns alle“ und das ist ganz wichtig. Und manchmal fehlt mir so ein bisschen dieser Aspekt, das Netzwerk natürlich auch Arbeit ist. Man muss unglaublich in Vorleistung gehen, um sich überhaupt mal ein Netzwerk aufzubauen und das natürlich pflegen. Wie viel Zeit wendest du auf oder hast du am Anfang aufgewendet, um dir ein Netzwerk aufzubauen?

Dr. Jördis Frommhold:
Das kann man, glaube ich so in wirklichen Zeitspannen nicht beziffern. Bei mir läuft das wirklich parallel bzw. es ist... Ich mache das ja auch nicht nur jetzt sozusagen in der Arbeitszeit, sondern das ist ja auch ganz viel was sozusagen auch parallel läuft, auch in der Freizeit durchaus läuft oder auch, wenn man dann abends nochmal eine Idee hat, dann so „Ach Mensch, das fällt mir jetzt gerade noch ein. Da müsste ich nochmal dem und dem schnell eine Mail schreiben.“

Also, ich hab das nie so gesehen, dass das jetzt alles belastend ist und auch nur in der Arbeitszeit vonstatten geht, sondern das läuft wirklich, das ist letztendlich mein Leben, das läuft nebenher sozusagen. Und natürlich ist es so, wenn ich jemanden als Kontakt oder als Netzwerk betrachte, dann bin ich für den- oder diejenige auch ein Netzwerkteil. Das heißt, an mich werden genauso auch Hoffnungen gestellt oder Ansprüche gestellt oder sonst irgendwie was. Und deswegen denke ich ist es schon immer ein Geben und Nehmen. Und nur so funktioniert auch ein stabiles Netzwerk.

Wenn ich jetzt da mit dem Gedanken hingehe und sage „Ich will mir jetzt ein Netzwerk aufbauen und such mir den und den und den Kontakt und kann aber leider selber nichts einbringen“, dann ist das so ein bisschen schlecht, weil alle anderen Menschen sind ja auch nicht dafür, oder die gehen ja auch nicht davon aus, dass sie nur Helfercharakter haben, sondern die wollen ja auch etwas zurückhaben.

Julia Rotherbl:
Jördis, jetzt hast du mit deiner Antwort schon ein bisschen was vorweggenommen von meiner letzten Frage. Die lautet nämlich. Also, du behandelst, forscht, du trittst viel in Talkshows und den Medien auf und ich hätte gerne so als Abschlussfrage gestellt, wie du das alles eigentlich schaffst. Das hast du jetzt so ein bisschen vorweggenommen. Vielleicht magst du es trotzdem nochmal sagen?

Dr. Jördis Frommhold:
Genau. Also man darf sich da wirklich nicht verrückt machen lassen. Also, ich bin schon jemand, ich arbeite genau und das muss auch schon alles richtig und korrekt und ordentlich sein.

Aber man muss an manchen Dingen auch wirklich mal Fünfe gerade sein lassen, ne. Und wenn manches dann vielleicht hätte besser laufen können - ist es nicht, aber es ist jetzt auch nicht ganz schlecht. Also heißt, eine 2 oder eine 3 reicht in manchen Sachen auch. Man muss nicht immer 1+ sein. Und das hilft mir tatsächlich, dass man ein bisschen da triagiert und wirklich genau schaut, wo ist es... wo kommt es jetzt darauf an? Da muss es natürlich dann super sein. Aber an manchen Stellen kann man ja vielleicht durchaus mal mit einem Befriedigend oder Gut sich zufrieden geben.

Auf der anderen Seite ist da der familiäre Rückhalt natürlich... oder familiär bzw. Freunde. Also irgendwie ein Rückfallmechanismus, wo man sich aufgehoben fühlt, wo man sich geborgen fühlt, wo man auch einfach mal Quatsch machen kann, wo man einfach Mensch sein kann, so wichtig. Und natürlich auch ein gewisser Ausgleich, dass man sich bewegt, dass man an der frischen Luft ist, dass man schöne Dinge macht bzw. schöne Dinge - für mich ist meine Arbeit und die wirklich auch vielfältig ja aufgestellt ist - ist für mich schön, weil sonst würde man das gar nicht aushalten. Man darf es nicht sehen als Belastung, sondern ja, als Lebenswerk, als Aufgabe.

Julia Rotherbl:
Also, ich habe jetzt diesen Vormittag auch nicht als Arbeit gesehen, das hat mir total Spaß gemacht. Vielen Dank dass du meine Gästin warst.

Dr. Jördis Frommhold:
Ja, mir auch. Danke.

Julia Rotherbl:
Jördis hat ja vorher gesagt, dass es nicht immer eine 1+ sein muss. Man muss sich auch manchmal mit einer 2 oder 3 zufrieden geben. Wir würden jetzt gerne wissen welche - in Anführungszeichen - Note Ihr unserem Podcast geben würdet. Wir freuen uns über Bewertungen und möglichst viele Sterne. Das geht auf Apple Podcasts und Spotify. Und wir freuen uns natürlich auch, wenn Ihr dem Podcast treu bleibt und auch eine der nächsten Folgen anhört. Wir erscheinen immer montags alle 14 Tage.

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

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