Die erste Frau, die in Deutschland einen Lehrstuhl für Gynäkologie erhielt – das war Professorin Dr. Marion Kiechle nicht bewusst, als sie ihren Posten als Professorin für Frauenheilkunde und Direktorin der Frauenklinik rechts der Isar der Technischen Universität München bezog. Über 20 Jahre ist das jetzt her. Der Gynäkologin war schon früh klar: Sie möchte ganz nach oben. Heute ist sie eine Koryphäe in der gynäkologischen Onkologie und Vorreiterin in Sachen Karriere bei Frauen.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Der Wunsch, Chefin zu sein
  • Die Karriereplanung
  • Die erste Frau auf einem Lehrstuhl der Gynäkologie: War Ihnen diese Vorreiterrolle bewusst?
  • Familienplanung und Karriere: ein Fallstrick?
  • Reaktionen aus dem Umfeld
  • Ziele für die Zukunft

Mehr Infos zu unserem Gast: https://www.professoren.tum.de/kiechle-marion/

Marion Kiechle - Sprecht es aus eure Ziele. Weil das ist ein Weg, Dinge verbindlich zu machen.

INTRO - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Hallo. Schön, dass ihr dabei seid. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Eine Frau in einer Führungsposition. Leider noch immer keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht in der Medizinbranche, mit der ich mich jeden Tag beschäftige. Über 60% der Medizin Studierenden in Deutschland sind weiblich. In den Chefetagen der Branche merkt man das aber leider gar nicht. Dort sitzen in vielen Bereichen nur knapp über 10% Frauen. Was läuft da schief und wie können Frauen trotzdem Karriere machen? Das will ich herausfinden mit diesem Podcast und mit Frauen, die uns von ihrem Karriere weg erzählen. Herzlich willkommen bei „Frau Doktor übernehmen Sie“.

INTRO Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge bei mir zu Gast ist Professorin Dr. Marion Kiechle. Sie ist Direktorin der Frauenklinik der TU München, und sie war die allererste Frau auf einem Lehrstuhl der Gynäkologie in Deutschland. Ich sage herzlich Willkommen Frau Kirchle, ich freue mich sehr, dass Sie da sind.

Marion Kiechle - Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch, dass sie mich eingeladen haben, Frau Rotherbl.

Julia Rotherbl - Wir wollen uns heute über das spannende Thema Karriereplanung unterhalten. Sie plädieren dafür, dass Frauen ihre Karriere strategisch angehen. Bei Ihnen hat das ja auch sehr gut geklappt, und wir freuen uns immer sehr viele Tipps und Insights. Aber starten würden wir mit einem kleinen Warm-up. Das nennt sich der Sprücheklopfer, und es geht so. Ich lese Ihnen Sätze vor, die viele Frauen im Laufe ihrer Karriere gehört haben. Wenn das bei Ihnen auch so ist und sie einen der Sprüche erkennen, dann klopfen Sie und wir unterhalten uns kurz darüber. Ok bereit. Der erste Satz - bist du schlecht drauf, weil du deine Tage hast.

Marion Kiechle - Ja, in einer OP-Runde habe ich das schon gehört. Also da ging es nicht um mich, sondern um eine andere Kollegin und das fand ich schon also wirklich unter der Gürtellinie, weil der Östrogenspiegel hat ja nun nichts zu tun damit, wie ich gerade das Messer schwingen und wie ich operiere.

Julia Rotherbl - Hat in der Runde irgendjemand was gesagt zu dem Mann?

Marion Kiechle - Nein, da hat in der Runde niemand was gesagt hat, sich nicht getraut. Auch ich ehrlich gesagt nicht. Ich war ganz kleines Rad, ich war nur Famulantin und dann der große Chef. Also da hab ich nicht den Mut gehabt, was zu sagen. Aber es hat mich sehr betroffen gemacht.

Julia Rotherbl - Der zweite Satz ist - Jetzt reagiert doch nicht so emotional.

Marion Kiechle - Habe ich gehört, aber ich muss sagen eher im privaten Kontext nicht im beruflichen. Aber gerade heute morgen muss ich zugeben, habe ich diesen Spruch gesagt, weil ein Oberarzt sehr emotional wurde und dann habe ich auch zu ihm gesagt, er möge sich doch jetzt erstmal beruhigen, wir sprechen nachher weiter.

Julia Rotherbl - Dann kommen wir zum nächsten Satz, der lautet - Die hat den Job doch nur, weil sie mit dem Chef flirtet.

Marion Kiechle - Also den Spruch habe ich jetzt noch nicht gehört? Nein.

Julia Rotherbl - Die meisten Frauen wollen überhaupt nicht Chef sein.

Marion Kiechle - Habe ich gehört, ja.

Julia Rotherbl - In welchem Kontext?

Marion Kiechle - Im Kontext mit Diskussionen mit anderen Kollegen und auch Frauen, Kolleginnen, die das selber auch gesagt haben, das ist gar nicht mein Ziel. Das muss ja auch nicht sein, es muss ja auch nicht jeder wollen, das muss ja auch nicht jeder Mann wollen. Die Zahl der Chefs ist ja begrenzt beziehungsweise die Luft nach oben wird ja immer dünner, oder die Anzahl der der leading positions. Aber das grundsätzlich Frauen das nicht wollen, ist natürlich Käse.

Julia Rotherbl - Frau Kiechle, Sie gehören ja zu den Frauen, die Karriere machen wollten. Wann war der Moment, wo sie wusste, ich will Chefin werden, ich will mal ganz nach oben.

Marion Kiechle - Ja, ich muss sagen, ich hab das schon relativ früh im Kopf gehabt und eigentlich fings schon an im PJ. Dieses praktische Jahr habe ich in einem kleinen Krankenhaus gemacht im Schwarzwald und jeder interessante Fall oder der ein bisschen schwieriger war, der ging nach Freiburg in die Uniklinik. Und habe ich mir gedacht - Ja, genau da willst du hin.

Julia Rotherbl - Sie sind ja dann auch in die Uniklinik gekommen, also sie haben ihren Plan dann tatsächlich auch in die Tat umsetzen können und die Arbeit dort war für Sie so spannend und so lehrreich und interessant, dass sie sich gedacht haben - Okay, ich will jetzt mal in der Uniklinik arbeiten, ich will auch in der Führungsposition arbeiten. Wie sind Sie diesen Plan angegangen?

Marion Kiechle - Na ja, ich hab da schon ne Strategie mir hingelegt wie ich das mache, in welcher Zeit ich meinen Facharzt mache, wie viel Zeit ich für die Forschung investiere, wie ich das mit der akademischen Karriere angehen, wie ich das in Einklang bringen mit der klinischen Ausbildung. Das habe ich mir schon ganz klar überlegt und ich glaube, das ist auch das Manko von vielen. Ich möchte auch das männliche Geschlecht mit einbeziehen. Den Fehler machen nicht nur Frauen. Ich glaube, zu einer erfolgreichen Karriere gehört eben auch ein guter Karriereplan. Ich muss das einfach in meinem Kopf haben und muss mir Ziele stecken. Ich kann natürlich nicht gleich von 0 auf 100 planen. Das geht nicht. Aber es gibt ja sehr viele Zwischenetappen und die muss ich mir abstecken und die muss ich dann auch versuchen zu erreichen. Das machen viele nicht. Die kommen dann einfach auch bei mir ins Bewerbungsgespräch und sagen „Na ja, ja klar, ich will Facharzt werden und akademische Karriere - na ja, okay. Oder überhaupt, das kommt ja dann also auf mich zu, das lasse ich mal auf mich zukommen.“ Ich glaube, das ist der falsche Weg.

Julia Rotherbl - Wie war das denn bei Ihnen? Hat Sie denn jemand in der Hinsicht beraten? Also hatten Sie da Strategiegespräche oder wie muss ich mir das vorstellen? Da haben Sie sich diesen Plan im Kopf selber zurechtgelegt?

Marion Kiechle - Also ich hatte meinen Doktorvater, das war auch so ein bisschen mein Vorbild. Also ich hatte keine Frau als Vorbild leider, aber einen Mann habe ich mir dann hergenommen.

Julia Rotherbl - Weil es keine Frau gab.

Marion Kiechle - Weils keine Frau gab und den habe ich mir so ein bisschen zu meinem Mentor gemacht. Den habe ich immer gefragt „Du, Thomas, wie ist denn das? Ich möchte gern und wie kann ich hier eine Stelle kriegen an der Uniklinik? Und der hat mir schon geholfen, also ich hab den ausgequetscht.

Julia Rotherbl - Und was hatte Ihnen geraten?

Marion Kiechle - Ja, der hat mir geraten, also wenn du eine Stelle haben willst, dann musst du ein Alleinstellungsmerkmal mitbringen. Es wäre gut, wenn du Zeit investieren würdest in Forschung und Forschungsprojekte und Drittmittelgelder mitbringen würdest, dann wärst du attraktiv für die Klinik.

Julia Rotherbl - Also Geld mitbringen würdest als Drittmittel, ja?

Marion Kiechle - Genau, genau. Also genau das habe ich dann gemacht, meinen ersten Antrag gestellt. Bei der DFG für ein Ausbildungsstipendium. Das kann ich jeder jungen Kollegin und jedem jungen Kollegen nur raten, das auch zu versuchen und auch zu machen.

Julia Rotherbl - Würden Sie ganz kurz erklärt für Leute, die es nicht wissen, was die DFG ist?

Marion Kiechle - Das ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die eben junge Wissenschaftler, junge Mediziner, unterstützt in der Forschungsausbildung. Zunächst muss man ja erstmal Methoden lernen, wie gehe ich Forschung in einem bestimmten Bereich richtig an? Und dafür sind diese Ausbildungsstipendien, damit ich irgendwo eben diese Methoden auch lernen kann.

Julia Rotherbl - Wie ging es dann weiter?

Marion Kiechle - Ja, ich war in den USA zwei Jahre zur Forschung und kam dann zurück. Hatte schon eigene Publikationen, was ja für einen Medizinanfänger auch ne Besonderheit ist und ich habe auch gleich ein Drittmittelantrag mitgebracht. Und dadurch bekam ich eine Stelle an der Uniklinik in Freiburg, da wo ich hinwollte. Hat also gut geklappt die Strategie.

Julia Rotherbl - Genau, Sie sind ja dann wieder zurückgekommen nach Freiburg. Wie ging es denn dann weiter? Sowohl was den wissenschaftlichen als auch was die medizinischen Weg betrifft?

Marion Kiechle - Ja, dann habe ich mir vorgestellt, wie ich meine klinische Ausbildung jetzt angehe und hab dann schon geguckt, dass ich nach einer gewissen Zeit eben dann auch meinen Facharzt machen kann. Da muss man sich schon noch ein bisschen durchsetzen und auch dafür kämpfen. Gerade auch für die operative Ausbildung. Aber da habe ich mich durchgesetzt, hab gesagt, ich bin jetzt an der Reihe und ich brauch jetzt noch das für mein Facharzt und das und das und das und den will ich innerhalb dieser fünf Jahre abschließen. Und dann habe ich mir auch schon ausgerechnet – okay, Voraussetzung für die Habilitation ist ja der Facharzt und eine bestimmte Anzahl an Publikationen. Da muss man sich am besten gleich erkundigen und dann auch einen Plan entwickeln - Wie kann ich das überhaupt liefern? Wie kriege ich denn meine Publikationen. Und da ist auch ganz hilfreich, dass man frühzeitig Allianzen schmiedet, Kooperationen macht, damit man auch erst wirklich schafft, in dieser Zeit die nötigen Publikationen zu bekommen. Das klappt dann schon ganz gut. Forschung ist ja meistens interdisziplinär und meistens macht man das ja nicht alleine im Kämmerchen, sondern mit Kollegen zusammen und da sollte man sich frühzeitig treffen, sich frühzeitig absprechen, um auch das wirklich zu planen, damit es auch hinhaut.

Julia Rotherbl - Gabs denn dann in ihrem Umfeld viele Frauen, die das gleiche Ziel hatten oder haben sie dann diese Allianzen tatsächlich eher mit männlichen Kollegen geschmiedet?

Marion Kiechle - Also ich muss sagen, Frauen gab es relativ wenige. Die, die ich jetzt so getroffen habe, die hatten andere Pläne, was ja auch ok ist. Viele Kolleginnen hatten den Plan, Fachärztin zu werden, vielleicht noch eine Zeitlang Oberärztin und dann eine Praxis zu gründen.

Julia Rotherbl - Und eine Praxis zu gründen, das kam für Sie jetzt nie in Frage?

Marion Kiechle - Es war jetzt nicht mein Ziel, also, ich hab Praxisvertretungen gemacht in den Semesterferien - schon relativ früh – und das war habe ich gemerkt, okay, das ist nicht meins, ich wollte immer in der Klinik bleiben und an der Uni bleiben. Aber jetzt - um ihre Frage zu beantworten- ja, mir blieb nichts anderes übrig. Also meine Partner, meine Kollegen waren Männer in erster Linie.

Julia Rotherbl - Hat das gut funktioniert, haben Sie sich akzeptiert gefühlt?

Marion Kiechle - Ja, hab ich schon, aber der ein oder andere hat dann schon versucht, mich über den Tisch zu ziehen. Aber man muss halt so klar die Dinge abstecken, absprechen und auch vorher klar festlegen, wer leistet was? Wer schreibt die Publikation? Wer schreibt welchen Teil der Publikation und wo stehe ich dann als Autor? Das ist ja ganz wichtig für die Habilitation. Dass ich genügend Erstautorenschaft und genügend Letztautorenschaften habe.

Julia Rotherbl - Genau und sie haben ja dann auch tatsächlich habilitiert.

Marion Kiechle - Ja ist richtig.

Julia Rotherbl - Und sind, wie ich in der Anmoderation auch schon gesagt habe, die erste Frau auf einem Lehrstuhl für Gynäkologie in Deutschland gewesen. Also, Sie waren ja dann so ne richtige Pionierin gewesen. War Ihnen das bewusst?

Marion Kiechle - Nein, also war das nicht bewusst. Aber das kam mir dann so hoch gekrochen. Als ich den Ruf bekam, das war – das weiß ich noch - am 17 Dezember 1999. Kann mich sehr gut daran erinnern an dieses Datum. Das war für mich natürlich schon...

Julia Rotherbl - ... die Erfüllung Ihres Traumes, oder?.

Marion Kiechle - Genau, das muss ich schon sagen - die Erfüllung meines Traumes, die Erfüllung meines beruflichen Traumes. Das war schon ein tolles Gefühl und dann kam das eben immer mehr und dann kamen eben auch Presseartikel usw. Süddeutsche ganz groß „Herr oder Frau Professor, das ist hier die Frage“, und dann bekam ich das erst mit. Also durch diese Reflektion der Medien bekam ich mit, dass ich die Erste bin und das war mir nicht bewusst. Da war ich dann schon gerührt, mehr oder weniger auch, dass ich dazugehöre und da Geschichte geschrieben habe.

Julia Rotherbl - Wie war das denn, als Ihnen das bewusst geworden ist. Bringt das auch so ein Verantwortungsgefühl mit sich, dass man so als erste Frau auch anderen jetzt den Weg ebnet.

Marion Kiechle - Hm, also es schafft schon ein Bewusstsein, das ist schon richtig und man fragt sich dann natürlich, warum ist denn das eigentlich so und was muss denn geändert werden? Wo sind denn hier eigentlich die Fallstricke für die Frauen? Was kann ich denn als Chefin überhaupt tun, damit meine Frauen hier Karriere machen können? Also, das habe ich mir schon sehr zu Herzen genommen und ich war damit auch erfolgreich und bin auch darauf stolz. Weil ich habe dann darauf geachtet, dass ich in meiner Klinik mindestens genauso viele Frauen hatte wie Männer in den Führungspositionen und das eben auch Frauen, die jetzt schwanger sind und ein Baby bekommen, keine Nachteile haben und dass das eben auch anerkannt wird. Ich habe immer gesagt „Mensch Leute, klar ist sie jetzt schwanger und fällt jetzt aus ne Zeit lang. Aber wenn wir das nicht hinkriegen als Frauenärzte - wir leben davon, vom Kinder kriegen - wer soll es denn dann hinkriegen?

Julia Rotherbl - Ist denn diese Familienplanung tatsächlich in ihren Augen der größte Fallstrick in den Frauenkarrieren? Sie haben ja grad gesagt, Sie haben sich dann überlegt, warum bin ich eigentlich die Erste?

Marion Kiechle - Nein, nein. Ich habe Frauen erlebt, die also jetzt in Führungspositionen sind. Die Ordinaria und die anderen beiden, die Chefärztinnen sind, die haben alle Kinder. Was viel hinderlicher ist, dass Frauen mitunter sich es nicht zutrauen und zu zurückhaltend sind und - ich sage einfach - ihr Licht und ihr Können unter den Scheffel stellen.

Julia Rotherbl - Aber ist es nicht schon so, dass wenn man sich jetzt mal diese Kurvenstatistiken usw anschaut, dass eben dieser Knick in Frauenkarrieren tatsächlich meistens damit einhergeht, dass Kinder in die Welt gesetzt werden? Dort verliert die Klinik auch viele Frauen daneben an die ambulante Versorgung. Jetzt ist es vielleicht natürlich nicht ein Fallstrick, den die Frauen selbst verursachen, weil, gut organisiert kriegt man das alles hin? Aber vielleicht falsch dahingehend, dass das Umfeld meint, man kriegt es nicht hin. Also ich krieg schon in diesen Gesprächen für den Podcast mit, dass ab einer bestimmten Hierarchiestufe Teilzeit nicht so wirklich gewünscht ist in Kliniken. Ist da ihre Erfahrung anders?

Marion Kiechle - Ja, also, das habe ich auch immer ermöglicht, das auch selbst meine Vertreterinnen also die stellvertretende Klinikdirektorin, hat auch in Teilzeit gearbeitet. Ich finde das geht gut. Man muss es halt entsprechend kompensieren. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Also ich finde, das geht nicht, ist kein Argument....

Julia Rotherbl - Für sich selber...

Marion Kiechle - ... Aber vielleicht ein Aspekt noch zu dem Umfeld - Da haben Sie völlig recht. Ich habe Frauen auch erlebt, gerade mit einer Frau, die auch bei mir Karriere gemacht hat, die hat wirklich alles erreicht und sie hat den Topjob bekommen und dann hat sie zu mir gesagt „Marion, ich geh da nicht hin“. Da hab ich wie gesagt „Was?! Du spinnst du ja...“

Julia Rotherbl - Also, sie hat den Topjob angeboten bekommen

Marion Kiechle - Genau, und dann hat sie gesagt, sie geht nicht hin. Dann hab ich gesagt „Ne, das gibt es. Ja, was ist denn dein Problem?“ „Ja, ich glaube ich schaffe das nicht“ Da hab ich gesagt „Okay, dann lass uns mal zusammensetzen und das mal beleuchten...“ „Ja, ich schaff das nicht mit den Kindern“ und habe gesagt „Wer hat denn das gesagt, dass du das nicht schaffst?“ „Ja, meine Freundinnen“ Habe ich etwas „Was machen die denn“ „Ja, die sind zu Hause“ Hab ich gesagt „Aha, aber dann red doch mal mit jemandem, der eben arbeitet und trotzdem Kinder hat.“ Und habe ich gesagt „Jetzt weiß du was, jetzt machst du das, was du hier jetzt machst, das überträgst du 1 zu 1 auf deinen neuen Arbeitsplatz“ Und genauso so hat sie es gemacht und es hat super funktioniert. Und sie gesagt, das war ihr entscheidendes Gespräch überhaupt, das war ihr lebensentscheidendes Gespräch.

Julia Rotherbl - Okay, Ihre Karriereplanung ist ja komplett aufgegangen, aber hatten Sie eigentlich auch in der Familienplanung, hätten Sie sich Kinder gewünscht?

Marion Kiechle - Ja, wollte ich, aber ich hab leider den richtigen Mann erst mit 47 kennengelernt.

Julia Rotherbl - Also, Sie würden jetzt nicht sagen, dass die Karriereplanung der Familienplanung im Weg stand?

Marion Kiechle - Nein, es waren eher die Partner.

Julia Rotherbl - Sie sind verheiratet mit dem Sportkommentator Marcel Reich. Das ist ihre vierte Ehe. Würden Sie sagen, dass die vorausgegangene Ehen oder auch Partnerschaften auch daran gescheitert sind, dass die Männer nicht so zurechtgekommen sind mit einer Frau, die viel Ehrgeiz hat und ihre Karriereplanung strikt durchzieht?

Marion Kiechle - Ja, muss ich schon sagen. Nicht alle jetzt, aber das ist schon auch ein Aspekt. Das rate ich auch jeder Frau, den Mann genau zu beleuchten. Wie ist denn der so, kann der das Aushalten mit einer Karrierefrau? Das kann nur ein starker Mann. Den habe ich jetzt, der kann das aushalten.

Julia Rotherbl - Der auch selber eine Karriere hat, muss man dazu sagen.

Marion Kiechle - Vielleicht ist das ein Punkt, ich weiß es nicht natürlich. Man muss mit der Karriere des anderen klarkommen.

Julia Rotherbl - Wie hat denn generell ihr Umfeld darauf reagiert? Ich weiß, dass sie von Anfang an sehr offen mit dem Plan umgegangen sind, was Sie wollen? Sind Sie damit irgendwie angeeckt? Sind Sie unterstützt worden. Wie muss ich mir das vorstellen?

Marion Kiechle - Also manche haben schon gedacht, na ja, die Kiechle, die ist ja ganz schön couragiert, aber ich habe immer gedacht, wenn ich das nicht vor mir selber ausspreche und wenn ich das nicht vor anderen ausspreche, dann ist es nicht wahr. Ich sagt es im Rahmen eines Coachinggesprächs, sprecht es aus eure Ziele, weil das ist ein Weg, Dinge verbindlich zu machen. Ja, und ich habe Dinge dann auch ausgesprochen. Ich habe dann auch gesagt „Ja, ich will jetzt Facharzt werden, ich will habilitieren und ich will Karriere machen und ich will mal Chefin werden. Ja also, ich hab das ausgesprochen, auch um ein Stück weit eine Tatsache zu schaffen ja, weil ich finde das funktioniert.

Julia Rotherbl - Es hat ja auch funktioniert und es hat sogar in einem Umfeld funktioniert, das ja stark männlich geprägt war.

Marion Kiechle - Vielleicht war es auch an der Zeit, vielleicht war es auch reif, oder vielleicht spüren das andere Menschen auch - Aha, die kann man nicht so leicht wegwischen oder die kann man nicht so leicht unterbuttern oder wie auch immer und die macht es schon oder ich weiß es nicht. Vielleicht strahlt man das auch aus. Ich hab bestimmt nicht die schüchterne, zurückhaltende Person ausgestrahlt, die nicht weiß, was sie will.

Julia Rotherbl - Frau Kiechel, Krebserkrankungen bei Frauen und das war im Laufe ihrer ganzen Karriere eigentlich ein Herzensthema für Sie sowohl in der Forschung als auch in der medizinischen Versorgung. Ist es auch ein Punkt oder ist es auch ein Thema, wo Sie sagen, da habe ich echt noch Ziele für die nächsten 5 oder 10 Jahre? Denn grundsätzlich viele Ihrer Ziele, die sie uns ja vorher erläutert haben, haben Sie schon erreicht. Aber gibt es da noch was, wo Sie sagen, das wünsche ich mir noch, da möchte ich noch hin, das will ich noch schaffen?

Marion Kiechle - Ja, also ich habe jetzt gerade ein großes Forschungsprojekt an Land gezogen, da geht es darum, die Nachsorge von Frauen mit Brustkrebs zu verbessern. Weil mir das wirklich am Herzen liegt. Also da gibt es schon noch einige Forschungsprojekte, die ich gerne abschließen möchte und einfach auch die Versorgung für Frauen verbessern will. Das ist meine Leidenschaft und ich glaube, das wird sie auch immer bleiben. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, in Rente zu gehen. Solange ich gesund bin und mir es gut geht, werde ich sicherlich immer der Medizin treu bleiben und dem Fach Frauenheilkunde und ganz besonders den Frauen treu bleiben, die Krebs haben und denen möchte ich nachhaltig helfen.

Julia Rotherbl - Vielen Dank, dass Sie in diesem Podcast zu Gast waren, dass Sie uns erzählt haben von ihrer Karrieregeschichte, davon wie Ihre Träume tatsächlich Wirklichkeit geworden sind. Ich finde, es war ein tolles Gespräch, hat mir sehr gut gefallen.

Marion Kiechle - Ich danke Ihnen, mir auch.

Julia Rotherbl - Und vielen Dank auch an euch da draußen, dass ihr euch diese Frage angehört habt. Wenn sie euch Spaß gemacht hat, dann abonniert uns doch. Wir sind zu finden bei Spotify, Apple Podcasts oder auf eure Lieblingspodcast ab. Dann bekommt ihr auch Bescheid, wenn es eine neue Folge gibt. Wir erscheinen alle 14 Tage pünktlich zum Wochenstart immer montags um 06:00 Uhr.

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Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

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Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

Der Weg von der Medizinstudentin zur Chefärztin ist für Viele immer noch kein leichter. In diesem Podcast erzählen Frauen aus der Medizin von ihrem Karriereweg