Gemischte Teams können davon profitieren. Dazu gehört aber auch, dass auch die Führungsspitzen gemischt zusammengesetzt sind. Professorin Vera von Dossow versucht als Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Kardioanästhesie in Deutschland gezielt junge Frauen zu fördern. Auch, weil sie es selbst erlebt hat, in einem Bewerbungsverfahren nur "Kanonenfutter" zu sein. Wieso sie sich kritisch gegen den Begriff "Quotenfrau" ausspricht und was ein Vorhang damit zu tun hat, hört ihr in dieser Folge.

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Lieber Lesen als Hören? Das Gespräch in Schriftform

Julia Rotherbl:
Was bei der Diskussion rund um das Thema Frauenförderung leider oft falsch verstanden wird, ist, dass es nicht darum geht, Männer grundsätzlich auszuschließen, sondern dass es darum geht, mehr Frauen zu integrieren. Denn im Endeffekt ist es so, dass gemischte Teams die beste Leistung bringen und wahrscheinlich auch den meisten Spaß. Genau dieses Ziel verfolgt auch meine Gästin, die mit dieser Folge hier bei mir im Podcast ist, nämlich Frau Professorin Dr. Vera von Dossow, Direktorin des Instituts für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Herz- und Diabeteszentrum NRW. Wir wollen uns heute darüber unterhalten, wie es in der Medizin mehr Frauen in Führungspositionen schaffen und warum dieser Wandel dringend notwendig ist. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich freue mich, dass Ihr unseren Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ anhört.

Herzlich willkommen, Frau Vera von Dossow.

Vera von Dossow:
Ja, ich freue mich auch.

KAPITEL 1: FRAUEN AN DER SPITZE? MUSS MAN IMMER NOCH SUCHEN

Julia Rotherbl:
Ich möchte mit etwas beginnen, was mich sehr erstaunt hat. Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass dieser Podcast hier die erste Gelegenheit ist, wo Sie drauf angesprochen werden, wie Sie dorthin gekommen sind, beruflich, wo Sie heute stehen. Ist es tatsächlich so das allererste Mal?

Vera von Dossow:
Ja. Also, dass ich als Frau gefragt werde, wie ich über die letzten 20 Jahre in diese Position, auch Lehrstuhlinhaberin, gekommen bin, hat mich so in der Form noch nie jemand interviewt.

Julia Rotherbl:
Aber es ist ein wichtiges Thema eigentlich. Weil wenn man sich in der Medizin die Quoten anschaut, wie viele Frauen starten und wie viele dann ganz an der Spitze ankommen, klafft da eine ziemliche Schere.

Vera von Dossow:
Ja definitiv. Und ich arbeite ja noch in einem Fach, Anästhesiologie ist über 60% Frauen, und eigentlich ist das ja ein Fach, wo man sich denken müsste - da wäre, sage ich mal, die Frauenförderung oder Frauen noch präsenter. Auch in den Gremien, in den Fachgremien, in der Fachgesellschaft, im Präsidium. Und das ist aber noch, auch noch nicht so. Und da sind wir noch ganz am Anfang. Zum Beispiel haben wir in unserer Fachgesellschaft seit letztem Jahr auf Initiative eben von einigen unserer Chefärzte eine AG für „Wellbeing, Gender und Diversity“ gegründet und das ist auch von unserer Fachgesellschaft so als Arbeitskommissionssitzung anerkannt worden. Und da sind wir gerade dabei erst einmal das Feld von 30.000 Anästhesisten in Deutschland und davon sind 15.000 Frauen - das sind die Hälfte - zu überlegen. Wie ist denn überhaupt die Verteilung? Wie sieht das überhaupt aus in unserer Fachgesellschaft?

Julia Rotherbl:
Also, ich hab mir mal die Mühe gemacht nachzuzählen. Ich hab mal... ich war mal auf den Internetseiten von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Im Präsidium sind 13 Mitglieder und zwei davon sind Frauen. Und von allen Landesvorsitzenden ist genau eine Frau. Und beim Berufsverband Deutscher Anästhesisten sind immerhin fünf von 15 im Präsidium Frauen. Aber bei den Ausschüssen der Länder an der Spitze steht keine einzige.

Vera von Dossow:
Ja, so ist die momentane Situation. Ich glaube aber, dass auch innerhalb unserer eigenen Fachgesellschaft mittlerweile ein Umdenken stattgefunden hat. Und ich glaube auch, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis wir wirklich an den Punkt kommen, wo es zu 50% letztendlich in diesen repräsentativen Positionen Frauen auch sind und auch entsprechend wahrgenommen werden.

Julia Rotherbl:
Kurze Zwischenfrage. Was glauben Sie denn, warum ist es denn so, dass in diesen Gremien so wenig Frauen sitzen momentan?

Vera von Dossow:
Ich glaube einfach, dass Männer haben einfach andere Netzwerke oder haben eine andere Netzwerkarbeit, die wir als Frauen irgendwo in dem auch zwischen Familie und Beruf glaube ich immer irgendwo auch vernachlässigen, weil eine Frau einfach durchstrukturiert, wahrscheinlich auch gerade wenn eine Frau Kinder hat und Karriere machen möchte. Gut, das ist jetzt bei mir jetzt nicht der Fall gewesen, aber trotzdem habe ich ja auch eine Familie und habe auch ein Privatleben und versuche irgendwie das alles unter einen Hut zu bekommen. Ich glaube, dass Frauen einfach noch viel mehr netzwerken müssen.

Julia Rotherbl:
Erkennen denn auch die Männer, die jetzt diese Präsidienposten besetzen, dass es Zeit ist, dass sich was ändert? Oder müssen die Frauen diesen Wandel dort reintragen?

Vera von Dossow:
Also vor ein paar Jahren werden Sie mir die Frage gestellt hätten, hätte ich gesagt ja, die Frauen müssen das definitiv da reintragen, weil sie haben... die Männer haben es noch nicht im Kopf. Jetzt, seit ein zwei Jahren, muss ich sagen, sehe ich auch bei uns im Präsidium einen Wandel und es ist gerade dabei, in eine andere Richtung zu gehen. Das liegt aber auch daran, dass wir jetzt natürlich in den letzten zwei drei Jahren auch weitere Frauen auch als Chefärztin oder auch als berufene Ordinarien an deutschen Universitätskliniken bekommen haben und diese Lehrstühle auch mit Frauen besetzt wurden.

KAPITEL 2: WIE FRAUENFÖRDERUNG GELINGEN KANN

Julia Rotherbl:
Sie haben gerade schon das Thema Netzwerk angesprochen. Wäre das denn etwas, was Sie jungen Frauen als Tipp mitgeben würden? Dass es unabdingbar wichtig ist für eine Karriere in der Medizin, das man sich als Frau Netzwerke schafft?

Vera von Dossow:
Ja, also man muss halt überlegen welche Netzwerke. Also ich denke mal eine Mitgliedschaft im Deutschen Ärztinnen Bund ist sicherlich ein Punkt. Wenn ich das vorher gewusst hätte, dass es das überhaupt gibt. Ich habe es auch nicht so richtig auf dem Schirm gehabt und habe mich auch sehr spät dann eigentlich im Prinzip dort angemeldet, weil ich irgendwie immer gedacht habe „Ach naja, das braucht man irgendwie nicht und irgendwie kommt man ja so durch“.
Aber auf der anderen Seite muss man sagen, wenn man jung... als junger Mediziner oder Student sich schon in solchen Netzwerken engagiert und auch schon die Problematik versteht, wenn ich das Problem besser kenne und auch weiß, wie ich vielleicht agieren kann, dann mache ich vielleicht auch in meiner Karriereplanung oder in der Laufbahn an der einen oder anderen Stelle bin ich da vielleicht auch tatsächlich etwas effektiver, weil ich weiß, worauf ich mich einstellen muss.

Julia Rotherbl:
Wann haben Sie denn erkannt, dass es hier ein Problem gibt? Also was war so der erste Punkt in Ihrem Lebenslauf, wo Sie sagen da ist mir irgendwie klar geworden, dass Männer und Frauen in der Medizin, was ihre Karriere anbelangt, nicht ganz gleichberechtigt behandelt werden?

Vera von Dossow:
Ich sag mal so - ich habe das persönlich nie erfahren, dass jemand zu mir gesagt hat, du musst jetzt Prioritäten setzen, ob du Familie oder Beruf machen möchtest. Aber ich habe es durchaus in anderen Konstellationen bei Kolleginnen erlebt, die dann frustriert aus Mitarbeitergespräch auch herausgekommen sind, wo ihnen auch vielleicht nicht von Chefs, aber von Oberärztin auch signalisiert wurde - wenn du Kinder haben willst, dann kannst du eben nicht in diese Karriereleiter, Habilitation, Professur und solche Geschichten hochgehen, und die das dann auch abgebrochen haben. Und das war so ein Punkt. So das ist vielleicht jetzt zehn Jahre her. Das hat mich wahnsinnig frustriert, weil ich natürlich auch als Oberärztin irgendwo versucht habe, da immer ein bisschen gegen zu wirken und diese auch entsprechend zu fördern und das eigentlich aber so ein bisschen konterkariert wurde.

Julia Rotherbl:
Wie kann man denn als Oberärztin, die ja dann auch in so einem Kliniksystem arbeitet was ja irgendwie vorgegeben ist, überhaupt dagegen arbeiten - oder für eine Frauenförderung arbeiten, um es positiv zu formulieren?

Vera von Dossow:
Na ja, sie können natürlich, wenn sie Lehre oder Forschungsprojekte haben, die Studentinnen oder auch die jungen Assistenzärztinnen auch motivieren, sich in den Projekten zu engagieren. Was ich auch immer gemacht habe.

Julia Rotherbl:
Momentan scheint es ja so zu sein, dass nicht jeder Oberarzt und jede Oberärztin weiblichen Nachwuchs fördert, sonst wären die Zahlen vielleicht anders. Was muss denn Ihrer Meinung nach ein Vorgesetzter oder eine Vorgesetzte mitbringen, damit diese Förderung auch tatsächlich fruchtet?

Vera von Dossow:
Ich glaube einfach, es hat etwas damit zu tun, wie intensiv und wie inhaltlich man sich mit Dem- oder Derjenigen letztendlich auch auseinandersetzt und auch immer wieder den Ansporn treibt. Ich habe hier zum Beispiel in Bad Oeynhausen auch zwei Doktorandinnen, die sehr, sehr motiviert und sehr stringent ihre Arbeit absolviert haben. Die auch jetzt Posterpreise bekommen haben und die auch in Richtung Publikation und die mich dann auch fragen, wie soll ich denn meinen Habilitationweg planen, wie lange dauert das denn, wie kann ich das denn planen und wo kann ich Familie eingehen? Ich sag mal so, das Konzept, so wie ich es aufgebracht habe, so wie ich nach vorne gekommen bin und wie ich auch unterstützt wurde, lag ja auch vor allem daran, dass ich viel eigene Motivation und Eigeninitiative auch mit reingebracht habe. Und dann wird man auch gefördert und ich glaube, das ist etwas, was man jungen Frauen als Impuls mitgeben kann.

KAPITEL 3: VERVOLLSTÄNDIGEN SIE BITTE DIESEN SATZ

Julia Rotherbl:
Und jetzt kommt die Zeit für ein kleines Spiel. Dieses Spiel ist Teil unseres Podcasts seit ein paar Folgen und Spielleiterin ist meine Redakteurin Anja. Hallo Anja!

Anja Kopf:
Hallo Julia und Hallo Frau von Dossow. Als Spielleiterin darf ich das Spiel auch natürlich erklären. Folgendermaßen. Ich habe Sätze rausgesucht, Satzanfänge rausgesucht und die Gästin - also Sie, Frau von Dossow - oder der Host - also du, Julia - Ihr dürft die Sätze abwechselnd vervollständigen. Das Wichtige an diesem Spiel, oder das Schwierige auch, niemand kennt die Sätze. Damit ist also viel Spontanität und Reaktionsvermögen gefragt. Okay und ja, ich würde mit dem ersten Satz starten und der geht an Sie, Frau von Dossow. Und der lautet. Einen Moment ich such ihn raus. „Bevor ich schlafen gehe…“

Vera von Dossow:
…lese ich meistens noch meine E-Mails.

Anja Kopf:
Klingt ein bisschen nach so einer typischen Chefinnen-, ähm ja...

Julia Rotherbl:
... Routine!

Anja Kopf:
Routine.

Julia Rotherbl:
Ich lese dafür meine E-Mails als allererstes wenn ich aufstehe, bevor meine Tochter aufwacht, lese ich alle E-Mails.

Vera von Dossow:
Das mache ich zum Beispiel nicht mehr. Das hab ich früher gemacht. Das hab ich abgehakt.

Anja Kopf:
Jetzt kann ich leider den nächsten Satz der an dich, Julia, geht, fast in die Tonne treten. Der lautet nämlich „Direkt nach dem Aufstehen…“

Julia Rotherbl:
Tatsächlich gehe ich in die Küche und klapp mein Laptop auf. Hab nen Kaffee in der Hand und guck, was so in der Arbeit anfällt an dem Tag.

Anja Kopf:
Man muss dazu sagen, wer Julia kennt weiß, sie hat eigentlich immer eine Tasse Kaffee in der Hand! Frau von Dossow, der nächste Satz an Sie lautet „Ich ärgere mich darüber, dass…“

Vera von Dossow:
Im Beruflichen ärgere ich mich, wenn ich morgens in der Frühbesprechung etwas sage, was ich ungefähr fünfmal hintereinander in Frühbesprechung sage und das beim siebten Mal immer noch nicht gehört wird.

Anja Kopf:
Ich lasse das jetzt mal so unkommentiert stehen. Julia, für dich der nächste Satz wäre „Als Chefin sollte man…

Julia Rotherbl:
…Empathisch sein.

Anja Kopf:
Wichtige Eigenschaft. Frau von Dossow nickt?

Vera von Dossow:
Ja, man sollte so ein Teamplayer sein. Aber seine Ziele nicht aus den Augen verlieren und immer wieder auch sich umblicken und schauen, ob die Mitarbeiter im Team dahinter sind.

Anja Kopf:
Gut. Wir haben den allerletzten Satz, der geht auch an unsere Gästin. Der lautet „In einer wirklich gleichberechtigten Welt…“

Vera von Dossow:
In einer gleichberechtigten Welt sind alle Diskussionen und Gespräche sollten da auf Augenhöhe stattfinden. Unabhängig von Gender, von Geschlecht, von Landsherkunft, Behinderung, was auch immer.

Julia Rotherbl:
Und es würde diesen Podcast nicht benötigen.

Vera von Dossow:
Das stimmt.

Anja Kopf:
Ich find das übrigens total schönes Schlusswort ehrlich gesagt. Ich würde mich jetzt dann auch wieder zurück in die Regie begeben und das Spiel jetzt hiermit offiziell beenden und ich wünsche dann auch noch ganz viel Spaß weiterhin beim Gespräch.

KAPITEL 4: „MAN SOLLTE DEN BEGRIFF ‚QUOTENFRAU’ UMBENENNEN“

Julia Rotherbl:
Frau von Dossow, wenn man sich ihren Lebenslauf anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass Sie Ihre Karriere sehr genau geplant haben. Sie waren an der Charité, dann an der LMU, bevor Sie dann quasi dorthin gewechselt sind, wo Sie jetzt sind. So grob ist das Ihr Karriereweg? Sie dürfen mich gern korrigieren, wenn ich es jetzt falsch wiedergegeben habe. Wie sind Sie das angegangen? Sie haben ja jetzt mehrmals gesagt, dass Sie sich da schon einen Plan zurechtgelegt hatten.

Vera von Dossow:
Geplant, dass ich Chef werde, habe ich eigentlich nie. Ich habe mein Medizinstudium in Italien begonnen, weil ich keinen Studienplatz in Deutschland bekommen habe. Also habe ich die Sprache gelernt und bin nach Italien gegangen und habe dort meine ersten zwei Jahre in Italien studiert. Bin dann wieder nach Deutschland gewechselt und bin dann irgendwie in meinen ersten klinischen Semestern bei meiner ehemaligen Chefin als Doktorandin aufgeschlagen und habe dort eigentlich immer gearbeitet und für mich war immer klar, ich möchte meine Doktorarbeit machen. Und dann hab ich einfach meine Habilitation geplant, weil es absehbar war, dass es irgendwie... dass ich die Möglichkeiten dazu habe und dass mir auch der Freiraum dafür gegeben wurde.
Und natürlich habe ich aber meine - neben der Forschung - meine klinische Laufbahn auch im Bereich der Herz- und Lungenanästhesie - das war immer so mein Schwerpunkt mit Intensivmedizin - nie verlassen und bin da relativ... hab da auch meine Prioritäten gesetzt und okay, dann gab es irgendwann den Punkt, wo mein damaliger Chef gesagt hat - diese Stelle hier in Bad Oeynhausen ist ausgeschrieben, ob ich mich nicht darauf bewerben würde. Und da hab ich dann kurz mal drüber nachgedacht

Julia Rotherbl:
Der Plan, sich auf ein Spezialgebiet zu fokussieren, der ist er dann auch sehr gut aufgegangen. Sie sind heute Inhaberin des momentan einzigen Lehrstuhls für Cardio-Anästhesie in Deutschland.

Vera von Dossow:
Genau.

Julia Rotherbl:
Ich weiß, dass Sie auch andere Berufungsverfahren auf Lehrstühle durchlaufen haben und dass es da durchaus Erlebnisse gegeben hat, die Sie ziemlich frustriert haben. Und Sie haben gesagt, Sie würden sich eigentlich wünschen, dass solche Berufungsverfahren quasi hinter einem Vorhang stattfinden und wahrscheinlich auch mit verzerrter Stimme.

Vera von Dossow:
Genau.

Julia Rotherbl:
Sodass die, die dann über die Bewerber, Bewerberinnen entscheiden, gar nicht wissen, ob sie es mit einem Mann oder einer Frau zu tun haben. Ich habe jetzt aus diesem Wunsch ein bisschen geschlossen oder diesen Wunsch so interpretiert, dass sie davon ausgehen, dass Sie in manchen Bewerbungsverfahren gescheitert sind, weil Sie eine Frau sind.

Vera von Dossow:
Also ich glaube, man kann immer damit leben, wenn jemand sagt „Sie erfüllen die Voraussetzungen nicht oder Sie passen eigentlich nicht dazu“. Also ich finde so ein Feedback finde ich ja gut, weil man kann... dann weiß man, woran man ist und man kann daran arbeiten. Und es ist ja auch nicht so, dass man jetzt von der gesamten Thematik auf jeden Lehrstuhl in Deutschland sag ich mal, perfekt passt. Und ich sag mal so, ich habe mich eigentlich nur auf Lehrstühle beworben, wo ich gesagt habe, das ist etwas, womit ich mich, ja auch identifizieren kann.
Und ich glaube, nur so kann man dann auch - so für mich zumindest - das, was ich jetzt auch aus den vier Jahren, die ich jetzt als Chefärztin tätig bin, gelernt habe, wenn man davon überzeugt ist und einen klaren Weg für sich hat, dann ist es auch in Ordnung. Und dann kann man auch damit leben, auch Feedback zu bekommen, was Negatives oder kritisches Feedback ist kein Problem, daran kann ich nur besser werden.
Aber wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind nur die Quotenfrau und Sie sind das Kanonenfutter, was letztendlich da eingeladen wird, um die Formalien zu erfüllen, die die Politik vorgibt... Und deshalb hatte ich das ja auch im Vorgespräch gesagt, dass ich so ein bisschen manchmal resigniert bin, was die politischen, also was die Parteien letztendlich für Programme in ihre Parteiprogramme reinschreiben, was dann tatsächlich auch in der gelebten Praxis dann umgesetzt wird. Ja, ich glaube da, da können wir durchaus noch viel besser werden. Und in anderen Ländern ist das vielleicht tatsächlich auch etwas strukturierter.

Julia Rotherbl:
Sie haben ja jetzt den Begriff Quotenfrau hier negativ besetzt. Also ich bin nur eingeladen worden, damit eben auch ne Frau im Berufungsverfahren ist. Wie würden Sie denn generell die Frauenquote beurteilen? Finden Sie, wir brauchen eine Frauenquote in der Medizin? In den Führungsetagen der Medizin vielleicht?

Vera von Dossow:
Also wahrscheinlich brauchen wir sie, damit wir irgendwann vielleicht mal bei 30, 40 Prozent Frauen in Führungspositionen erreichen können. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass für solche Posten in Führungspositionen, Qualifikationen und die Eignung eigentlich genderunabhängig getroffen werden sollte. Und für mich existiert so jetzt eigentlich die Quotenfrau für mich im Kopf irgendwie nicht, oder es hängt irgendetwas negatives, also allein schon an dem Wort. Vielleicht sollte man einfach das Wort umbenennen und das irgendwie anders angehen. Ich weiß es nicht.

Julia Rotherbl:
Ja, ich weiß, was Sie meinen. Andererseits denke ich mir immer, also es gibt ja dann viele Frauen die sagen, nee, wir müssen das irgendwie alleine schaffen. Der Anspruch ist man kriegt es auch ohne diese vorgeschriebene Quote hin. Und dann frage ich mich manchmal so „Okay, wie lange geben wir uns noch?“ Also wann ist der Punkt erreicht, wo man sagt „Okay, wir müssen jetzt irgendwie einräumen, dass wir es nicht ohne vorgegebene Quote schaffen. Und deswegen wollen wir diese Quote.“ Aber ich gebe Ihnen recht, dieser Begriff ist negativ besetzt mittlerweile.

Vera von Dossow:
Ja, es muss irgendwie ein Wort sein, was positiv kommt. Ich hab noch keine Idee. Aber Quotenfrau hört sich einfach irgendwie begrenzt an. Und es heißt ja nicht begrenzt sein, sondern das heißt, dass das Feld einfach etwas variabler aufgemacht wird. Und ich glaube einfach, Universitäten vergeben sich nichts wirklich, auch Frauen aktiv auf Lehrstuhlbewerbungen anzusprechen und da würde ich mir auch wünschen, dass die Universitäten einfach noch etwas aktiver auf die Frauen zugehen und es dann aber auch tatsächlich auch ernst gemeinter Zuspruch ist, und auch ganz klar sagen ,wenn sie die Bewerbungsunterlagen auch durchgesehen haben „Naja, okay, es passt vielleicht doch nicht“, oder „Sie haben eigentlich schlechte Karten. Möglicherweise stellen Sie sich darauf ein.“ Die und die Faktoren sind vielleicht irgendwie, seien es jetzt Publikationsleistungen oder Forschungsdrittmittel, Gelder oder bestimmte Dinge, dass das einfach wieder... also dass das gespiegelt wird. Und ich glaube, dann würden sich auch viel mehr Frauen auf diese Lehrstühle bewerben, weil sie das dann auch eher als einen kompetitiven Ansporn auch sehen, sich da auch mit ihrer Leistung zu präsentieren und eben auch in solche Führungspositionen zu gehen. Und das ist ja nicht so, dass es keinen Spaß macht, sondern es ist ja schon ein Beruf, der einem viel abverlangt, viel Disziplin. Aber das ist was man vielleicht über 10, 15 Jahre sich erarbeitet hat.

KAPITEL 5: EIN KURZER BLICK INS AUSLAND

Julia Rotherbl:
Frau von Dossow, ich habe im Vorfeld Sie natürlich mal gegoogelt. Wie man das heutzutage so macht. Um auch mir ein Bild zu machen, wer mir dann gegenübersitzt. Und wenn man Ihren Namen eingibt unter Google Bildersuche findet man sehr viel Bilder, wo Sie als einzige, oder als Frau da stehen, umgeben von Männern. Ich glaube, Sie sind auch an dem Standort, wo Sie jetzt sind, die einzig berufene Frau unter sieben Männern. Wie ist es denn so? Passt man sich dann irgendwie an so männliche Führungseigenschaften an? Sticht man heraus? Also, wie muss ich mir das vorstellen, wenn man als Frau unter ganz vielen Männern arbeitet? Mit ganz vielen Männern arbeitet. Nicht unter, im Sinne von unterstellt. Sie wissen, was ich meine.

Vera von Dossow:
Wir haben vielleicht hier am Standort den Vorteil, dass wir so wenige sind und dass wir eher so einen... dann doch ein sehr interdisziplinäres, enges Team sind, die halt sehr eng zusammenarbeiten. Das ist vielleicht der Vorteil. Natürlich ist man als Frau immer eher etwas zurückhaltend im ersten Moment und beobachtet erstmal, wenn man in so einer großen Männerrunde, sag ich mal, dann auch auftritt. Aber auf der anderen Seite haben wir natürlich auch eine Frau als Geschäftsführung. Was das Ganze dann auch wieder ausgleicht.

Julia Rotherbl:
Sie arbeiten ja auch wissenschaftlich, also Sie publizieren unglaublich viel. Sie sind auch auf Kongressen unterwegs, wo ich mir das ähnlich vorstelle, also viele Männer, eher wenig Frauen. Hat man dann schon so ein Grüppchen von Frauen, von Frauen in der Anästhesie, die sich dann auf solchen Kongressen immer treffen, oder...?

Vera von Dossow:
Ja. Also wir haben ein großes Netzwerk. Ich bin ja sehr engagiert im Rahmen des Delir-Managements und kognitiver Funktionsstörungen. Postoperativ, aber auch im Bereich von Hochrisikopatienten für Lungen-, Herz- und Lungentransplantationen. Und ich habe eben verschiedene europäische Netzwerke, in denen auch Frauen und Männer gemeinsam Kongressplanungen machen, in denen wir Besprechungen haben. Ich bin, ich sage mal, so auf dieser Kongress- oder Fachgesellschaftsebene international... National ist es auch, vor allem international noch einfacher, weil in die europäischen Ländern - natürlich auch England oder die skandinavischen Länder - da natürlich auch einen viel höheren Frauenanteil haben. Na also, da sind viele Frauen auch in der Forschung, die auch Lehrstühle haben. Gerade in den skandinavischen Ländern, Dänemark, Holland. Von daher merken wir dort eigentlich... ich hab's nicht so präsent, dass dort nur Männer sind. Also das kann ich jetzt für die Anästhesie eigentlich gar nicht sagen.

Julia Rotherbl:
Woran könnte das denn Ihrer Meinung nach liegen, dass in anderen Ländern die Situation eine andere ist?

Vera von Dossow:
Ja, ich glaube, dass dort einfach die Frauenförderung in den anderen Ländern schon etwas weiter fortgeschritten ist und dort auch vielleicht schon von Studium an bewusst auch solche Dinge schon mit begleitet werden. Und vielleicht auch mehr Programme angeboten werden. Und sowas wäre für Deutschland sicherlich auch ein Punkt, den man weiter ausbauen muss.

Julia Rotherbl:
Hat es vielleicht auch was mit Vereinbarkeit zu tun? Also, Frankreich gilt ja immer so als Vorzeigeland, wenn man sagt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nimmt man in den Blick. Hat es vielleicht auch damit zu tun?

Vera von Dossow:
Ja gut. Ich meine, Frankreich hat natürlich unglaublich gute Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Da sind die, glaub ich, allen europäischen Ländern voran. Das ist aber auch ehrlicherweise in Deutschland ja auch eigentlich nicht mehr so schlecht geregelt. Ich stelle aber schon fest, dass in Frankreich zum Beispiel die Frauen viel früher auch wieder arbeiten gehen, weil das einfach so traditionell, glaube ich, dort so verankert ist. In Deutschland ist es ein bisschen anders, finde ich aber auch gar nicht schlimm. Ich denke aber, dass wir in Deutschland schon auch ganz gute Voraussetzungen haben, dass man eben Beruf und Familie und auch seine Karriereplanung vereinbaren kann.

Julia Rotherbl:
Sie haben ja vorher schon im Nebensatz gesagt, dass Sie selbst keine Kinder haben. Hat Ihnen das Ihre Karriereplanung erleichtert?

Vera von Dossow:
Also ich gehe mal davon aus, dass wenn ich jetzt Kinder - und ich hätte gerne Kinder gehabt, es hat leider nicht geklappt. Aber es hat sicherlich einiges erleichtert. Aber nichtsdestotrotz habe ich ja auch Familie. Ich habe auch Privatleben. Das muss auch ja miteinander vereinbart werden sollen. Sonst ist es auch für den Beruf glaube ich wichtig, dass man ein ausgeglichenes Privatleben hat. Sonst würde man ja diesen Job, sag ich mal, jetzt nicht so mit der Intensität betreiben können.

KAPITEL 6: GEMISCHTE TEAMS SIND GEMEINSAM STARK

Julia Rotherbl:
Frau von Dossow, Sie haben jetzt ja auch schon gesagt, dass Sie versuchen, quasi in Ihrer Klinik Frauen zu fördern, dass Sie auch in der wissenschaftlichen Arbeit versuchen, Frauen zu fördern. Vielleicht würden Sie mir als letzte Frage noch die eine beantworten, warum Sie es für so wichtig halten, dass Frauen in der Medizin gefördert werden, dass auch mehr Frauen in der Medizin, in der Anästhesie an Führungspositionen kommen. Was ist der Punkt, der für Sie hier wichtig ist? Was würde sich Ihrer Meinung nach zum Positiven ändern?

Vera von Dossow:
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir auf diese 50:50 Verteilung von Frauen auch in Führungspositionen kommen. Auch gerade in der Medizin. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Teams gemischt sind und das auch in den Verantwortungspositionen sowohl Männer als auch Frauen sind, weil sie sich auch gegenseitig besser verstehen, dass sie ihre Bedürfnisse auch verstehen und dass sie auch eine gewisse Rücksichtnahme und ein gewisser Respekt für die einzelnen Bedürfnisse, die dort sind, einfach im Team besser auch gemeinsam lösen können und sich gemeinsam für die Sache an sich verantwortlich fühlen. Und ich glaube, das ist ein ganz entscheidender Punkt, wo vielleicht auch Männer irgendwann mal dahin kommen können, zu sagen „Ach Mensch, ja, da gibt's eine Frau, die übernimmt dafür die Verantwortung, die mir nicht den Rang wegnimmt, sondern die kümmert sich jetzt um genau diese Sache. Und ich habe sozusagen meine Zeit, um mich auf meine anderen Sachen zu konzentrieren.“ Und ich glaube, an den Punkt müssen wir irgendwann kommen.

Julia Rotherbl:
Ich finde, das war ein sehr schöner Schluss, weil ich finde, das muss man auch immer wieder betonen in dieser Diskussion, dass es ja nicht darum geht, Männer auszuschließen. Es geht nur darum, mehr Frauen zu integrieren. Und es gibt jetzt mittlerweile so viel Untersuchungen, die zeigen, dass diese gemischten Teams auch viel effizienter arbeiten. Ja genau. Das muss man immer wieder betonen, dass es, dass wir kein Männer-bashing machen. Wir machen nur Frauenförderung.

Vera von Dossow:
Ja, genau.

Julia Rotherbl:
Also vielen Dank für Ihre Zeit und dass Sie hier zu Gast waren.

Vera von Dossow:
Ja vielen Dank.

Julia Rotherbl:
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Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf

Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

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Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

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