"Was wollen Sie denn hier eigentlich?" Diesen Satz hat Dr. Laura Weisenburger mehr als einmal im Laufe ihres Lebens als (angehende) Ärztin gehört. Die Chirurgie "sei schließlich nichts für Frauen." Lange Zeit war ihr Motto: Einfach weitermachen. Bis sie sich entschloss, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Denn manchmal verbergen sich hinter der gläsernen Decke auch Chancen...

Laura Weisenburger - Frauen sind so viel besser aufgehoben in der Kinderheilkunde oder machen Sie doch Gyn oder machen sie doch Pathologie. Da haben Sie schön feste Arbeitszeiten. Da können Sie sich das alles einteilen. Der hat mir quasi vorgeschlagen, wieder mal, „Sie gehören hier nicht her. Was wollen Sie überhaupt? Suchen Sie sich gefälligst was anderes, als Frau“.

Brandvoice - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl – Hallo. Schön, dass ihr diesen Podcast hört. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Eine Frau in einer Führungsposition. Im Journalismus, aber vor allem auch in der Medizinbranche leider immer noch eher eine Seltenheit. Zwar sind 60% der Medizinstudierenden in Deutschland weiblich, aber in den Chefetagen sitzen teils nur knapp über 10% Frauen. Was läuft da schief? Und wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das will ich herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen. Herzlich willkommen beim Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge bei mir zu Gast ist Dr. Laura Weisenburger. Sie ist Chirurgin, wollte auch gerne ursprünglich in der Chirurgie arbeiten. Mittlerweile arbeitet sie bei uns im Verlag in der Fachwissenschaft. Das bedeutet, sie prüft all unsere Texte darauf, ob medizinisch alles korrekt dargestellt ist. Warum sie ihre Karrierepläne so komplett umgeschmissen hat, erzählt uns Laura heute. Und ich freue mich sehr, dass du da bist. Hallo Laura.

Laura Weisenburger - Hallo. Ich freue mich auch sehr.

Julia Rotherbl - Laura und ich kennen uns natürlich jetzt hier aus diesem Verlag. Wir arbeiten eng zusammen. Deswegen duzen wir uns jetzt auch, das nur zur Erklärung. Und, Laura, wir starten in diesen Podcast mit einem kleinen Spiel. Das nennt sich „Sprücheklopfer“. Dazu sage ich dir Sätze, die viele Frauen, vielleicht auch einige, die hier zuhören, im Laufe der Karriere zu hören kriegen. Wenn du einen dieser Sätze wiedererkennst, dann klopfst du und wir sprechen kurz drüber.

Laura Weisenburger - Alles klar. Okay.

Julia Rotherbl - Wir fangen an mit dem Satz „Führung in Teilzeit, das funktioniert nicht“.

Laura Weisenburger - Das habe ich von meiner ehemaligen Chefin gesagt bekommen, als es dann so in die Richtung ging, wie geht es jetzt weiter? Was mache ich vielleicht mit meiner bestandenen Facharztprüfung dann als Fachärztin. Und das war ganz klar die Aussage. Also noch weiter als Fachärztin kommen Sie hier nicht in Teilzeit. Also sie ist auch davon ausgegangen, dass ich in Teilzeit bleibe. War ich auch zu dem Zeitpunkt, muss man ganz klar sagen, aber das war schon ganz deutlich. Sie werden hier keine Oberärztin in Teilzeit, Punkt.

Julia Rotherbl - Wie hast du reagiert?

Laura Weisenburger - Da kann man natürlich in dem Gespräch jetzt gerade gar nicht so wahnsinnig viel sagen. Das war einfach nur so ein „Okay“. Naja, was soll ich da jetzt zu sagen? Da weiß ich auch nicht, darf man sowas überhaupt sagen? Keine Ahnung. Und im Zweifel ist es ja dann eh immer so, dass es dann heißt „Ja, nein, da gibt's einfach Leute, die sind fähiger als Sie und deshalb geht das auch gar nicht“. Insofern, also da ist man einfach in keiner guten Position, weil man sowas hört.

Julia Rotherbl – Okay. Kommen wir zum nächsten Satz bei dem ich jetzt auch nicht so genau wüsste, wie ich reagieren sollte. Der lautet „Hast du deine Tage oder warum bist du so schlecht drauf?“.

Laura Weisenburger - Ja auch schon gehört. Und auch nicht gut oder gar nicht reagiert, weil meistens eben so schnell, schnell, mal so ein dummer kurzer Spruch in der Hektik wahrscheinlich dann auch noch, weil man ja da auch meistens gestresst ist. Das passiert schnell und oft in der Chirurgie, dass man in stressige Situationen gerät und vielleicht auch barscher oder hektischer ist und jemanden hektischer anspricht, als man das möchte und in dem Zusammenhang sicherlich gehört und nicht gescheit darauf reagiert. Im Grunde genommen dann einfach ignoriert und im Nachhinein aber sehr drüber geärgert, dass ich an der Stelle nicht gesagt habe „Sag mal spinnst du?“. Ja, ich weiß es jetzt auch nicht mehr, wer war das, der mich so angesprochen hat. Grundsätzlich sind da auch die Oberärzte nicht ganz unschuldig immer in dem Feld und da würde ich auch nach wie vor wahrscheinlich nicht viel sagen, denn das sind meine unmittelbaren Vorgesetzten.

Julia Rotherbl - Das ist ja ein Klischee, in der Chirurgie ist der Ton generell barscher. Es gibt noch ein zweites Klischee. Das heißt für die Chirurgie muss man körperlich sehr fit sein und Frauen würden das oft nicht packen. So eine, weiß ich nicht, 6 Stunden OP. Hast du diesen Satz schon mal gehört „Du bist körperlich gar nicht fit genug dafür“?

Laura Weisenburger - Ich nicht. Aber ich bin groß, relativ groß, hab‘ auch relativ große Hände. Das wurde mir nie gesagt. Aber tatsächlich eine deutlich kleinere Kollegin als ich. Die hat das viel, sehr, sehr viel gehört. Das hab ich auch richtig mitbekommen. Und ich hab dann auch immer gesagt, das ist totaler Schwachsinn. Also, die war einfach zierlich, die war kleiner, die hatte auch sehr feine, sehr, sehr kleine Hände und es wurde dann immer argumentiert „Ja und die kommt ja gar nicht da ran“. Aber auch im OP gibt es natürlich kleine Tritte - so heißen die – ja, so kleine Metallstufen unterschiedlichster Größe. Und das ist total wurscht, ob jemand 1,50, 1,40 oder zwei Meter groß ist. Ich kann den Tisch anpassen, ich kann die Instrumente anpassen, ich kann meine persönliche Höhe anpassen. Das ist Quatsch. Die Technik ist wichtig, ob man das kann, aber nicht, wie groß die Hände sind.

Julia Rotherbl - Wie man jetzt an unserem Gespräch schon merkt, also die Chirurgie ist für Frauen - wenn man jetzt mal die Medizin allgemein betrachtet - glaube ich so das schwierigste Feld, wo man sich durchboxen muss. Da ist auch die Frauenquote generell und in den Führungsetagen sowieso mit am geringsten. War dir das bewusst als du diesen Fachbereich ausgewählt hast oder ist es dem Studium irgendwann bewusst geworden?

Laura Weisenburger - Ja, also spätestens als sich da einer der Dozierenden -- kann man gar nicht sagen... einer der Dozenten, das war einfach ein Chirurg, der an der Charité Universitätsmedizin Berlin - so umständlich heißt die Uni da - in der Chirurgie arbeitete und die machen dann immer beides, die haben auch einen Lehrauftrag, also die müssen auch mal eben ihre Seminargruppe abholen und dann müssen die eigentlich anderthalb Stunden mit denen entweder eine Anamnese, chirurgische Krankheiten, irgendwas durchgehen und Unterricht machen. Man merkte natürlich, der war jetzt nicht so besonders begeistert, dass er da zur Lehre abgestellt wurde. Chirurgen wollen immer in den OP und operieren. Das liegt so ein bisschen in ihrer Natur. Und der schaut uns an und ich weiß noch, wir waren so eine klassische Seminargruppe, wo das Geschlechterverhältnis schon sichtbar wurde. Wir waren nämlich glaube ich zehn Frauen und drei Männer. Und er guckte echt in die Runde und sagte uns... Ich glaube, wir waren vielleicht im zweiten oder dritten klinischen Semester. Da hat man dann so zweieinhalb, drei Jahre studiert. Hat das Physikum schon fertig. Und dann meinte er zu uns „Sie brauchen ja... Warum machen Sie das hier überhaupt? Warum unterrichte ich Sie überhaupt? Also, all die Frauen hier werden sowieso in die Kinderheilkunde gehen oder in die Innere Medizin oder die machen eine Praxis auf, ja. Also sie brauchen eigentlich hier gar nicht...“ Also der hat sich wirklich selber gefragt „Warum mache ich den Scheiß eigentlich für euch?“.

Julia Rotherbl - Und was habt ihr euch in dem Moment gefragt, als er das ausgesprochen hat?

Laura Weisenburger - Wir waren alle so – uh. Niemand hat was gesagt. Ist auch schwierig. Du stehst ja da voll... also da ist wirklich eine Machtposition insofern vorhanden. Du stehst vor jemanden, der dir die Unterschrift gibt, dass du diesen Kurs jetzt gemacht hast, dass du am Seminar teilgenommen hast. Du bist da abhängig. Ja. Und diese Machtposition so deutlich missbraucht zu haben im Sinne von „Sucht euch gefälligst alle nen anderen Job. Was wollt ihr hier eigentlich?“ - Das war schon ganz schön heftig. Aber das war dann in dieser Deutlichkeit war das das erste Mal zu spüren.

Julia Rotherbl - Warum bist du denn trotzdem im Bereich der Chirurgie geblieben?

Laura Weisenburger - Tatsächlich weil ich mir dann gedacht habe, das hat mir niemand zu erzählen, ob ich hier jetzt reinpass‘ oder nicht. Das weiß ich. Und ich finde das spannend. Und es sagt mir am meisten zu. Und deshalb probiere ich das jetzt aus und kein Mann, also ich glaube, ich hab da eher drüber nachgedacht, dass niemand grundsätzlich, aber im Nachhinein muss ich auch sagen, kein Mann kann mir sagen, ob das jetzt der geeignete Beruf für mich ist oder nicht, weil er mich einmal in einer Seminargruppe gesehen hat. Und auch wenn er mich ein halbes Jahr lang unterrichtet hat, ist das noch nicht wirklich viel an Aussage, die man da treffen kann. Und deshalb hab‘ ich mir gesagt „Nee, das ist jetzt das Richtige. Wird wahrscheinlich schwierig.“ Das wusste ich dann schon. Es ist wahrscheinlich nicht ganz so easy. Aber da war ich mir dann auch bewusst. Hab ich das dann so gemacht, dass ich gesagt hab, ich geh nicht an die Universitätsklinik.

Julia Rotherbl - Da hattest du dann ja wahrscheinlich auch deine ersten Bewerbungsgespräche mit Männern.

Laura Weisenburger – Ja, nur.

Julia Rotherbl – Genau. Also wie lief das Klinkenputzen bei den Männern?

Laura Weisenburger – Ja. Immer noch unvergessen. Das allererste Bewerbungsgespräch. Also wirklich ich jetzt frisch, relativ frisch. Ich habe noch meine Doktorarbeit fertig geschrieben. Von der Uni mit meinem Examen in der Tasche, was jetzt auch gut war soweit, und dieses erste Vorstellungsgespräch. Große, sie war relativ groß, keine Uniklinik, aber groß, im Berliner Westen. Ich vollkommen aufgeregt natürlich in meinem Staatsexamen-Hosenanzug. Man muss sich ja, man weiß ja gar nicht was erwartet einen da. Und ich merkte schon irgendetwas stimmt nicht. Der Chef vollkommen, ach... Er kam so rein und ich wusste schon, „Gottes Willen, was braucht der... Soll ich sie lieber auf der Couch schlafen lassen oder was?“ Der war vollkommen fertig. Gut, war wahrscheinlich oder vielleicht eine furchtbare Nacht gewesen. Kann ja sein, sowas gibt's immer wieder in der Chirurgie, hab ich selber auch erlebt. Aber nichtsdestotrotz, es war schon extrem deutlich wie der diese Anstrengung und Müdigkeit hat raushängen lassen im Gespräch. Und der fragte mich auch gar nichts. Ist ja dann eigentlich üblich, „So erzählen sie doch mal ein bisschen was von sich.“ Also, das sind so auch in der Chirurgie oder in der Medizin die klassischen Einstiege. Aber dazu kam es gar nicht, sondern „Was wollen Sie denn hier eigentlich? Frauen sind so viel besser aufgehoben in der Kinderheilkunde oder machen Sie doch Gyn oder machen Sie doch Pathologie. Da haben Sie schön feste Arbeitszeiten. Da können Sie sich das alles einteilen. Und Teilzeit.“. Der hat mir quasi, ohne mich in irgendeiner Art und Weise mal zu Wort kommen zu lassen, vorgeschlagen wieder mal, Ja, Sie gehören hier nicht her. Was wollen Sie überhaupt? Suchen Sie sich gefälligst was anderes, als Frau.

Julia Rotherbl - Okay. Wie geht man nach so einer Erfahrung in die nächsten Bewerbungsgespräche?

Laura Weisenburger – Weitermachen. Das ist so ein bisschen wie im Nachtdienst. Das ist aber schon immer... - vielleicht habe ich es da auch deshalb so lange ausgehalten, das waren am Ende ja neun Jahre - einfach weitermachen. Das ist... das hat nicht viel gebracht, ich hab mir dann auch selber gesagt „Du passt mal auf...“ Als ich dann nach Hause gefahren bin, wurde mir das erst so klar - Was war das für ein scheiß Vorstellungsgespräch? Und nicht weil ich so viel Scheiß gebaut hab, sondern weil der so einen fiesen Einstieg gewählt hat und auch ... ich kann mich an den Rest gar nicht mehr erinnern. Wollte dann noch ein bisschen wissen, was ich machen will und so. Aber jetzt nichts dramatisch Wichtiges. Und dann war es aber so, dass ich das ziemlich schnell für mich weggelegt habe. Ich glaube das war das einzig Vernünftige in der Situation. Ich gesagt habe, Okay, komm, du hast noch drei andere sind schon raus und die vier die schickst du noch und dann schaust du weiter. Und so war es daneben einfach. Einfach weitermachen.

Julia Rotherbl - Was würdest du denn heute, wenn du in der Situation wärst, erwidern? Oder was würdest du diesem Mann generell sagen wollen?

Laura Weisenburger - Ich hab mir das schon früh gedacht. Ich wäre am allerliebsten, am allerliebsten würde ich das nochmal zurückdrehen und ich würde aufstehen und sagen „Das muss ich mir nicht bieten lassen“ und gehen. Damit klar wird, was eigentlich hier gerade abgeht. Egal wie müde derjenige ist. Dann soll er meinetwegen das Vorstellungsgespräch absagen. Ja es ist ja auch nicht weiter schlimm. Oh, ich kann heute leider gar nicht und überhaupt. Aber das jemanden so derartig vor den Latz zu knallen, dass er da nicht hingehört, dass diejenige da nicht hingehört. Das gehört sich nicht. Und ich hätte eigentlich aufstehen müssen, sagen müssen „Passen Sie mal auf, was Sie hier machen ist eine Diskriminierung und zwar der allerfeinsten Sorte. Das gehört sich nicht im Bewerbungsgespräch und wenn Sie keine Lust auf dieses Bewerbungsgespräch haben, dann sagen Sie das im Vorfeld ab. Wiederschauen.“ Das ich einfach nur, dass auch diese Grenze würde ich heute viel, viel klarer ziehen. Dass auch klar ist, so geht niemand mit mir, geht niemand mit einer Frau, die sich irgendwo bewirbt, um. Das geht nicht.

Julia Rotherbl - Was macht es denn generell mit einem, wenn man ständig hört, dass es nicht das richtige Fach für dich?

Laura Weisenburger - Also zum Glück hatte ich auch immer wieder Menschen, die mir meine tatsächliche Leistung gespiegelt haben. Woher ich dann wusste, eigentlich bin ich voll gut. Ich arbeite schnell, ich arbeite konzentriert, ich mache im OP nichts falsch, nichts Dramatisches. Ich habe ja immer gelernt, ja. Und du wirst ja auch immer begleitet. Dann, wenn es eben wirklich zu Operationen kommt, steht dir ja jemand bei. Oberärztin, Oberarzt oder erfahrene Fachärztin. Und daher wusste ich“Okay, grundsätzlich mache ich schon mal ganz, ganz viel richtig.“ Und das war wichtig, weil sonst wäre ich da vielleicht nicht bei geblieben. Aber ansonsten nur diese, dieses Wissen, alle sagen immer „Als Frau brauchst du hier gar nichts“. Das war mir so, dass ich denen inhaltlich allen den Mittelfinger zeigen wollte und mir dachte „Nee, meine Lieben, ich werde Chirurgin.“ Das war dann wieder dieser Impuls. Das habt ihr mir gar nicht zu erzählen. Ob das jetzt passt oder ob das nicht passt. Denn das entscheide ich. Es war so ein bisschen, jetzt erst recht.

Julia Rotherbl - Dieses „Jetzt erst recht“ ist ja dann auch aufgegangen. Du hast dich nicht entmutigen lassen und bist denn deine Facharztausbildung gestartet. Wie ging es denn in dieser Ausbildung für dich weiter?

Laura Weisenburger - Ja, also als ich dann endlich angekommen war, dann hab ich auch nochmal einmal die Klinik gewechselt. Bin ja jetzt nicht mehr in Berlin und dann inzwischen nach München gekommen. Und da war dann die Familienplanung nicht mehr Gesprächsthema bei den Vorstellungsgesprächen - das hatte ich ja dann in der Tasche, ich hatte einen Job - sondern es war durchaus einfach mal relativ ungefragtes Gesprächsthema bei so einer kleinen netten Smalltalk- Unterhaltung mit dem Oberarzt.

Julia Rotherbl – Oh.

Laura Weisenburger - Kam ja sowieso auch gleich wieder, der hat es nicht böse gemeint. Nein, natürlich hat er das nicht böse gemeint. Und er gehört auch einer ganz, ganz anderen Generation an. Der wollte, glaub ich, mir einen väterlichen Rat geben. Zumindest war der immer eigentlich extrem kompetent, mit dieser Väterlichkeit, diesem lehrerhaftem, etwas beizubringen. Aber da hat er eigentlich eine Grenze überschritten, weil er mir dann eben den Rat geben wollte. Ich weiß gar nicht mehr wie wir darauf kamen, ja, Familienplanung. „Laura warte damit. Also du solltest wirklich, wirklich warten, bis du mit der Fachärztin fertig bist.“ Man muss sich dazu überlegen - Eine Facharztausbildung in der Chirurgie dauert minimum sechs Jahre. Darunter darf man nicht. Man wird nicht zur Prüfung zugelassen, wenn du nicht mehr als sechs, also wenn du weniger als sechs Jahre gemacht hast. Ich war da, uff, ich glaube 28, 29 um den Dreh. Der hat mir gesagt „Also Minimum bis zu Mitte 30 musst du warten. Aus meiner Sicht wäre das genau die richtige Idee. Bis Mitte 30 zu warten und dann mit der Familienplanung zu starten.“ Ich hatte ja keine Kinder und den wollte ich nicht vor den Kopf stoßen. In dem Fall nicht, weil ja, der war mein Vorgesetzter, aber ich konnte ehrlich mit dem reden. Aber es tat mir irgendwie leid. Ich wollte ihn jetzt nicht verprellen, aber das war auch wieder die Situation, wo ich nur im Inneren genickt habe und gesagt habe „Ja, ja, ist gut. Ich weiß schon wann ich schwanger werden will, ist schon okay.“

Julia Rotherbl - Du hast ja dann auch nicht auf seinen Rat gehört, das weiß ich schon.

Dr. Laura Weisenburger - Und das war einer der besten Ideen überhaupt. Denn tatsächlich waren durch die damals herrschenden Mutterschutz- und auch Elterngeldregelungen war das für mich ein relativ guter Zeitpunkt, weil ich war gesettelt. Ich hatte einen Facharztvertrag. Das heißt, ich wusste, ich kann in dieser Klinik meine Ausbildung beenden. Die Klinik war jetzt auch nicht so im Nachteil, weil die... Ich hab die Schwangerschaft früh mitgeteilt, du fällst da ja nicht sofort aus, du bist ja weiter da am Start. Das ist ja nicht „Ich bin schwanger. Ich leg mich jetzt ins Bett.“ Sondern du arbeitest weiter, was ich auch bis zum jeweiligen Mutterschutz getan habe und für mich war das alles gut und managbar. Ich konnte es planen, in Ruhe mit meinem Partner absprechen - Wie machen wir das? Und es hat mir im Gegenteil eigentlich eher Sicherheit gegeben, dass ich wusste, du kannst immer in diese Klinik zurückkommen, weil du hast ja den bestehenden Vertrag und tatsächlich hab ich das auch all meinen anderen Kolleginnen so weiter gesagt.

Julia Rotherbl - Du hast zwei Kinder bekommen.

Dr. Laura Weisenburger - Ich habe dann zwei Kinder bekommen, ja.

Julia Rotherbl - Und dann war es aber so, dass diese Familiengründung letzten Endes dann auch dazu geführt hat, so, um ein Paar Ecken zumindest, dass du heute nicht mehr in der Chirurgie arbeitest. Wie kam es dazu?

Dr. Laura Weisenburger - Ja. Irgendwann überlegt man sich natürlich grob, wo will ich jetzt eigentlich hin? Dann hatte ich mein zweites Kind, hatte ich so, mit so 34 bekommen. Dann war klar, nach weiteren anderthalb Jahren bin ich - Pi mal Daumen - mit meiner Facharztausbildung fertig, kann die Prüfung beantragen, dann muss es -- brauchte man ziemlich viel Vorlaufzeit dann bis man zugelassen wird und dann kann ich den Facharzt machen. Und dann war für mich ein Wendepunkt erreicht. Jetzt wusste ich, wie ist es mit einem Kind zu arbeiten, Elternzeit. Wie ist es, mit zwei Kindern zu arbeiten, in Teilzeit. Wie ist es, Nachtdienste zu machen mit Kindern, wie ist das Wochenenddienste und Feiertagesdienste mit Familie zu machen. Das bedeutete viel, viel Absprache. Und da habe ich für mich, weil ich auf den Kopf zu zugesagt bekommen habe, wirklich auch in dem Wortlaut „Mit Teilzeit werden Sie bei uns keine Oberärztin.“ Und damals wusste ich natürlich nicht, wie lange will ich überhaupt noch Teilzeit arbeiten, ja, aber es kann immer sonst was passieren, ja. Irgendwas stimmt mit den Kindern nicht. Es gibt Krankheiten, es gibt schwierige Fälle in der Familie. Warum auch immer man Teilzeit arbeiten möchte. Es sind ja auch vielleicht nicht immer nur die Kinder, sondern vielleicht auch die eigenen Eltern. Who knows? Und deshalb hätte ich mich da nicht von vornherein ausgeschlossen, dass ich da Teilzeit arbeiten möchte. Aber diese Aussage „Hier aber dann nicht.“ also „Nicht weiter als das, was Sie bis jetzt geschafft haben.“ Das ist eben wirklich die gläserne Decke. Die wurde mir gezeigt, hier jetzt stößt du gerade dran. Da ist sie.

Julia Rotherbl - Ironischerweise wurde dir diese gläserne Decke ja von einer Frau gezeigt. Wie war denn die Situation genau?

Dr. Laura Weisenburger - Das war meine Chefin, die eben die nötigen Mitarbeitenden-Gespräche geführt hat. Und natürlich gab es da auch immer, bei denen wurde normalerweise eben drüber gesprochen „Okay, wie liefs so in der letzten Zeit? Sind Sie soweit zufrieden in der Position? Wie geht es weiter?“ Und es war eben ein Aspekt, dieses „Wie geht's denn jetzt weiter“-Gesprächs. Also, dass... ja, sagen wir mal so - es hat mich jetzt nicht gewundert, denn nach neun Jahren oder... Gut in der Klinik war ich nicht ganze neun Jahre, sondern natürlich dann nur sechs, aber da weiß man natürlich schon, wie die Menschen ticken, grob. Das hat man dann oft genug mitbekommen. Und deshalb hat mich das jetzt nicht erstaunt, dass sie mir sagte „Bis hierhin und nicht weiter in Teilzeit“ und daher, also es war nicht überraschend und insofern... Das ist jetzt nicht so auseinander gegangen, dass ich gesagt hätte, da bin ich mit einem Knall raus oder sowas, sondern es war absehbar, dass wir da nie so richtig gut zusammen gepasst haben, obwohl sie, glaube ich, in vielen, vielen Punkten eigentlich das Richtige wollte. Aber eben so mit dieser „So habe ich es gemacht. Das ist doch eine gute Idee. So hat es doch gut funktioniert.“... Ja, aber eben nicht für alle und nicht für alle Frauen oder nicht für alle Eltern, ja, das betraf auch durchaus Väter. Und auch wenn ich sage, ich mache es anders als sie oder ich gebe weniger Zeit in die Arbeit, heißt es ja nicht, dass ich dann eine schlechte Oberärztin abgeben würde. Wie gesagt, ich hätte da auch, ich hatte eine Freundin... - ja eine Freundin, die ist eine gute Freundin geworden dann in der Zwischenzeit - die auch zwei Kinder hat und mit der ich mir diese Stelle in der Theorie perfekt hätte teilen können, ja. Aber diese Möglichkeit wurde gar nicht angedacht oder angesprochen. Also nicht mir gegenüber zumindest. Dachte ich mir dann auch so „Okay, dann nehmen sie auch eher das in Kauf, dass zwei gestandene Chirurginnen - wir haben da sechs Jahre gearbeitet und niemand hat uns rausgeschmissen, das heißt also irgendwie muss ja die Arbeit auch vernünftig gewesen sein - die die Klinik kannten die das Team gut kannten, aber lieber die gehen lassen“ Weil die Freundin ist auch gegangen. Anstatt, dass man sagt „Was können wir tun, damit die bleiben?“ Und da glaube ich da ist so ein Ansatzpunkt, wo man sagen müsste, da müsste sich eigentlich noch ein bisschen mehr tun.

Julia Rotherbl - Also wenn du jetzt dich selbst zurückversetzt an den Punkt, wo du deine, dann deinen Facharzt deine Facharztausbildung begonnen hast oder kurz nach dem Studium. Was würdest du der Laura von damals heute sagen?

Dr. Laura Weisenburger - Nicht so lange in Umgebung bleiben, von denen man eigentlich weiß, das tut mir gar nicht gut und wir kommen nicht mehr zusammen, weil die Grundeinstellungen so unterschiedlich sind.

Julia Rotherbl - Und was würdest du jetzt einer Frau raten, die jetzt gerade am Ende ihres Studiums ist und am Ende ihrer Facharztausbildung und in der Chirurgie bleiben und dort auch vielleicht eine Karriere machen will?

Dr. Laura Weisenburger - Sich gut überlegen „Was will ich?“, auch nachfühlen. Einfach das zu können. Auch dazu gehören einfach ausprobieren, netzwerken, sich zusammentun, austauschen. Es gibt ganz, ganz tolle Initiativen Austauschnetzwerke. Es gibt „Die Chirurginnen“, es gibt dieses - wenn man die Familienplanung in Angriff nimmt - dieses „Operieren in der Schwangerschaft“. Das gehört inzwischen so ein bisschen dazu. Und es ist inzwischen, tatsächlich muss man auch sagen, viel, viel leichter als noch vor zehn Jahren als ich angefangen habe in der Klinik, weil man jetzt eben riesige WhatsApp-Gruppen oder Telegram-Channel und über Social Media, das lässt sich so viel mehr verbinden und vernetzen. Also ich glaube, das ist wichtig. Zusammenhalten und nicht gegeneinander arbeiten. Ist in der Chirurgie manchmal gar nicht so einfach.

Julia Rotherbl - Apropos zusammenarbeiten, zusammenhalten, sich gegenseitig fördern. Es gibt ja auch immer mehr Männer in der Medizin, die durchaus erkennen, dass es wichtig ist, Frauen in dieser Branche zu fördern. Gab's denn in deiner Karriere einen Mann, der dich gepusht hat?

Dr. Laura Weisenburger - Ja, das war mein erster Chef in Berlin, der mich dann sozusagen auch als ganz frische Assistenzärztin genommen hat. Und der hat das nie so deutlich gesagt. Der hat tatsächlich auch im Vorstellungsgespräch nach der Familienplanung gefragt. Aber das kann ich ja auch auf eine sehr spezielle Weise machen. „Können Sie sich vorstellen, Familie zu haben? Ja, das geht gut zusammen mit der Chirurgie, Ich habe auch drei Kinder.“. Das ist plötzlich ein vollkommen anderer Klang als wenn ich „Wie sieht es denn aus mit der Familienplanung?“ und „Aha wie haben Sie sich das vorgestellt, bitteschön?“ und „Wann werden Sie schwanger?“

Julia Rotherbl – Und „Wer kümmert sich um das Kind, wenn es krank ist?“.

Dr. Laura Weisenburger – Genau! Es gibt nur mich. Ja, also der war einfach ein ganz anderer Schlag, ohne dass er das großartig hat raushängen lassen oder sowas. Er war einfach ein sehr empathischer, sehr viel mitdenkender Mensch, der immer auch auf das Wohl seiner Mitarbeitenden geachtet hat. Ich weiß noch, wie ich mit ihm nach einem samstäglichen Nachtdienst morgens gemeinsam noch einen Blinddarm rausgebastelt hab. „Sie haben doch da ein Freunden in München. Ist das Pendeln nicht anstrengend?“. Und er hat mir quasi vorgeschlagen, ob ich nicht mit dem irgendwann mir vorstellen kann, zusammen zu leben. Und „Das ist doch viel schöner, wenn man das macht.“ Also, der war quasi ein Familienmensch und hat mich letztendlich mehr oder minder nach München gebracht. Was wunderbar funktioniert hat, denn inzwischen bin ich mit dem von damals verheiratet und hab‘ die zwei Kinder. Und hab mir mein Leben so eingerichtet in der Chirurgie und mit der Chirurgie, die ist ja zum Glück noch Teil geblieben, durch die Arbeit hier im Verlag, dass sie immer noch ein bisschen da ist, die Medizin immer noch da ist. Also, der war eigentlich der Stein des Anstoßes, dass ich vielleicht auch den Weg so genommen habe wie ich ihn genommen habe. Und darüber bin ich im Endeffekt sehr glücklich. Auch, dass mir gezeigt wurde, es gibt Chefs, die gucken auf das Wohl des Teams und auf das Wohl der Einzelnen, denn das ist wichtig. Es ist nicht nur wichtig, dass hier ganz zackig -- um 7 Uhr 30 stehen hier alle pünktlich. Das muss man auch machen, aber es gehört halt noch mehr dazu.

Julia Rotherbl – Ja. Danke Laura, dass du mein Gast warst.

Dr. Laura Weisenburger - Ja, sehr gerne.

Julia Rotherbl – War ein super Gespräch. Und allen anderen danke ich für‘s Zuhören und Dabeisein und ich hoffe ihr freut euch genauso wie ich aufs nächste Gespräch.

OUTRO

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Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

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Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

Der Weg von der Medizinstudentin zur Chefärztin ist für Viele immer noch kein leichter. In diesem Podcast erzählen Frauen aus der Medizin von ihrem Karriereweg