Lieber Lesen als Hören? Das Gespräch in Schriftform

„Ein Verkehrsunfall, wegen dem viele Menschen gleichzeitig ins Krankenhaus kommen. Eine Notoperation, die sofort durchgeführt werden muss und unvorhergesehener Weise auch ziemlich lange dauert. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dürfte in der Notfallmedizin noch um einiges komplizierter sein als in vielen anderen Bereichen der Medizin. Zumindest stelle ich mir das so vor. Vielleicht stelle ich mir das auch falsch vor. Kann man nicht auch als Mutter eine solche Abteilung führen? Darüber geht es heute in meinem Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ - Chefärztin sein in der Notfallmedizin.

Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und in dieser Folge bei mir zu Gast ist Professorin Viktoria Bogner-Flatz, seit kurzem Chefärztin der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Ebersberg bei München.

Julia Rotherbl:
Hallo Viktoria, schön, dass du in dieser Folge unser Gast bist.

Viktoria Bogner-Flatz:
Hallo Julia, vielen Dank , dass ich zu Gast sein darf.

Julia Rotherbl:
Du bist ja unsere zweite Gästin, die in der Klinik in Ebersberg arbeitet. Das hat wahrscheinlich damit zu tun... oder was heißt wahrscheinlich... ganz sicher damit zu tun, dass ich im Landkreis Ebersberg wohne und die Klinik so ein bisschen über die lokale Berichterstattung im Blick habe. Und wir hatten Helen Budimann zu Gast in unserer dritten Folge.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ah super!

Julia Rotherbl:
Die damals noch einzige Chefärztin des Klinikums war. Jetzt hat sie dich an ihrer Seite.

Viktoria Bogner-Flatz:
Jetzt hat sie Verstärkung. Es ist auch interessant, wir haben unsere Büros gegenüber. Also man hat fast den Eindruck, man hat uns in eine Ecke geräumt. Aber... Nein, nein, es ist sehr schön und mit Helen komme ich sehr gut aus und wir halten zusammen. Im Rahmen dessen, wo es überhaupt nötig ist.

Julia Rotherbl:
Viktoria, du hast die Ehre, heute bei einer Premiere dabei zu sein. Wer diesen Podcast schon öfter gehört hat, der weiß, dass wir eigentlich immer mit einem kleinen Spiel starten. Das nennt sich „Der Sprücheklopfer“. Wir hatten jetzt einfach mal Lust auf was Neues und haben uns ein anderes Spiel ausgedacht. Und dazu kommt meine Podcast-Redakteurin Anja ins Spiel... Haha... Also, sie kommt jetzt dazu. Wir sind gleich zu dritt im Gespräch. Anja begleitet diesen Podcast, sitzt quasi immer auf dem Regiestuhl, wenn man das so sagen will, ist mit mir im Studio, führt die Vorgespräche und erklärt uns jetzt, wie das neue Spiel geht. Hallo Anja.

Anja Kopf:
Ja, hallo ihr beiden. Hallo Viktoria und hallo Julia. Vielen Dank für die schöne Anmoderation und ich freue mich auch total, dass ich jetzt auch hier in dem Gespräch zu hören bin, als Spielleiterin für das Spiel. Und als Spielleiterin darf ich auch erklären, was ihr beide jetzt machen dürft. Ich habe nämlich Sätze rausgesucht bzw. Satzanfänge rausgesucht, die sich so ums Thema Karriere und Frauenförderung, Frauen in der Medizin, generell Geschlechtergerechtigkeit, aber ein bisschen auch um private Dinge drehen. Und ihr dürft diese Sätze vervollständigen. Das Wichtige ist, ihr beide sollt aus dem Bauch raus reden und total spontan sein, weil damit kommen dann auch hoffentlich die schönsten Antworten zustande.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ich bin gespannt.

Julia Rotherbl:
Ich auch.

Anja Kopf:
Gut, dann würde ich jetzt mit dem ersten Satz starten und... Ach ja, genau, die Gästin darf anfangen. Also in dem Fall bist das du, Viktoria. Und der Satz für dich wäre „Im Urlaub lese ich meine Mails...“

Viktoria Bogner-Flatz:
... jeden Tag. Leider immer noch. Ich hatte versucht , mir das abzugewöhnen und bin in einem Mittelfeld zwischen Stress, weil ich die Mails nicht lesen kann und vielleicht was verpassen könnte und dem Stress, wenn ich die Mails gelesen habe und daraus irgendetwas logischerweise resultiert, worauf ich reagieren muss... Ich habe keine gute Lösung dafür gefunden bislang.

Julia Rotherbl:
Ich auch nicht übrigens. Gut, dann kommt mein Satz. Ich bin gespannt.

Anja Kopf:
Dein Satz ist „Der Spruch der mich am meisten ärgert ist...“

Julia Rotherbl:
... dass es für manche Jobs einfach keine qualifizierten Frauen gibt auf dem Arbeitsmarkt.

Anja Kopf:
Und für dich, Viktoria, kommt jetzt „Meine regelmäßige Sportroutine ist...“

Viktoria Bogner-Flatz:
... also meine regelmäßige Sportroutine war früher sehr viel schwimmen gehen, täglich reiten gehen. Meine regelmäßige jetzige Sport Routine ist, die Treppe hochlaufen, die Treppe runterlaufen, untern merken, was man vergessen hat und dann wieder die Treppe hochlaufen. Gelegentlich hat man ein Kind oder zwei oder beide und eine Tasche auf dem Arm. Das ist alles an Sport, zu dem ich zurzeit leider komme.

Anja Kopf:
Und bei dem nächsten Satz bin ich sehr gespannt, Julia, wie du antwortest, weil ich dich ja schon ein bisschen kenne. „Ohne Handy...“

Julia Rotherbl:
Oh Gott, kann ich mir nicht vorstellen. Also, ohne Handy geht gar nicht. Ich empfange natürlich auch berufliche Sachen auf dem Handy. Fühle ich mich nicht komplett, muss ich ehrlich sagen.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ohne Handy fühlt man sich fast, als wäre man nicht komplett angezogen und auch darüber ärgert man sich. Dann denke ich mir, heute gibt's jetzt mal so und so lang Ohne-Handy-Zeit. Und fast immer ist es so, dass, wenn ich das Handy dann wieder zur Hand nehme, bereue ich es. Da hätte man dann ans Telefon gehen müssen. Das ist gar nicht nur beruflich, sondern auch privat. Dann versucht man einen Rückruf und erreicht die Person nicht. Oder noch besser, man geht ohne Handy - man stelle sich vor - Einkaufen und kommt nur mit der Hälfte zurück. Leider ist es mittlerweile kaum noch vorstellbar ohne Handy. Da wird mein Mann auch lachen, der mir immer wieder vorschlägt, doch eine kurze Ohne-Handy-Phase einzulegen und beobachtet mich dann wie in einer medizinischen Feldstudie, wie nervöser ich werde mit der Zeit. Dem gelingt es nämlich ganz gut.

Anja Kopf:
Okay Viktoria, du bist wieder an der Reihe mit dem Satz „Ungerechtigkeit begegne ich...“

Viktoria Bogner-Flatz:
... meistens offensiv. Und zwar dann offensiv, wenn ich das Gefühl habe, man kann was ändern und das bringt was. Und wenn es einfach nichts bringt, dann ignoriere ich es auch manchmal.

Anja Kopf:
Der letzte Satz ist jetzt nochmal für dich, Julia. „Wenn mir nur früher jemand gesagt hätte, dass...“

Julia Rotherbl:
... Männer und Frauen in beruflichen Kontexten tatsächlich noch ziemlich unterschiedlich behandelt und betrachtet werden. Also, wenn ich mir vorstelle, so als junge Frau, als ich angefangen habe im Journalismus, hab ich das überhaupt nicht wahrgenommen bzw. einfach ausgeblendet.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ich hab mir die Unterschiede auch anders vorgestellt, muss ich sagen. Allerdings, wenn man den Satz von vorne liest „Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass Männer und Frauen im Beruf anders betrachtet werden“, hätte es für mich überhaupt keine Konsequenz gehabt. Ich hätte daran nichts anders gemacht, wie es jetzt gemacht habe. Und ich glaube, das ist auch der erste Weg zur Gleichberechtigung. Wenn man das einfach mal ignoriert.

Julia Rotherbl:
Wobei ich an manchen Stellen, glaube ich, dann schon früher was gesagt hätte. Ich glaube, ich habe manche Dinge nicht durch diese Brille betrachtet. Also, warum ein Redakteurskollege mehr verdient hat als ich. Das habe ich einfach betrachtet als „Er hat besser verhandelt“ und nicht „Okay, das ist vielleicht generelles Problem, dass Männer besser bezahlt werden als Frauen in der exakt derselben Position mit exakt derselben Ausbildung“.

Anja Kopf:
Damit würde ich jetzt auch tatsächlich die Runde, das Spiel beenden und finde die Premiere ist total gut geglückt. Danke euch beiden für die guten Antworten, für die vor allem offenen und ausführlichen Antworten. Dafür, dass ihr ja schon mal ein bisschen eine Diskussion gestartet habt. Ich würd mich jetzt wieder auf meinen - du hast es vorhin so schön gesagt, Julia - auf den Regiestuhl verziehen und sag jetzt einfach mal „Bühne frei und los geht's“. Und viel Spaß bei eurem Gespräch.

Julia Rotherbl:
Danke Anja. Freu mich schon auf die nächste Spielrunde.

Rettungsdienst und Familien(un)freundlichkeit (ab Minute 8:52)

Julia Rotherbl:
Viktoria, du bist ja jetzt zu Gast in diesem Podcast, du warst allerdings auch schon mal bei uns in der Apotheken Umschau-Printausgabe. Da ging es auch um Frauen in der Medizin. Ich fand die Überschrift, die meine Kollegin sich damals ausgedacht hat ziemlich genial. „Dr. Brinkmanns Töchter“. In Anspielung auf diese Schwarzwaldklinik-Klischees von mittelalten, weißen Männern in ebenfalls weißen Kitteln. Und damals hast du unter anderem darüber berichtet, dass du morgendliche Teamsitzungen mit Führungskräften aus dem Rettungsdienst eröffnest mit „Guten Morgen, die Herren“. Weil außer dir wenig Frauen im Raum sind. Warum, würdest du denn sagen, ist es speziell auch in diesem Notfallmedizinbereich so, dass immer noch wenig Frauen anwesend sind in solchen Teamsitzungen?

Viktoria Bogner-Flatz:
Das muss man sich tatsächlich fragen. Also in der Rettungsmedizin oder wenn man gerade den Kreis der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst anschaut, ist es tatsächlich so, dass es in ganz Bayern mittlerweile nur noch zwei Frauen gibt. Das ist eine Kollegin aus Augsburg und mich und das wundert mich schon. Ich kann es nicht genau sagen, woran es liegt. Vielleicht auch, weil eben dieses Rettungs-Blaulicht-Geschäft doch noch immer eine Männerdomäne ist. Und ich sehr gespannt bin, wie sich das über die nächste Zeit verändert. Weil wir auch sehen, dass im Bereich der Notfallsanitäterinnen immer mehr Frauen den Beruf ergreifen zum Glück und der Beruf dadurch auch - nicht nur wie in der Medizin, sondern auch in der Notfallmedizin hinsichtlich der Notfallsanitäterinnen - deutlich familienfreundlicher werden muss. Das sind ganz große Herausforderungen, die man da hat.

Julia Rotherbl:
Das ist das, was ich mir eben gedacht habe. Aber ist vielleicht auch ein Klischee, dass man sich vorstellt, dass die Notfallmedizin noch familienunfreundlicher ist als vielleicht viele andere Bereiche in der Klinik, weil man dort natürlich keine geplanten Eingriffe hat in der Regel. Ist es denn so, dass die Familienfreundlichkeit gering ist?

Viktoria Bogner-Flatz:
Wir haben in Bezug auf die Wägen und auch auf die Notarztfahrzeuge - oder auch die Rettungshubschrauber, wenn man mal alles nennen möchte - da ein ganz großes Problem. Weil, diese Fahrzeuge müssen natürlich immer verfügbar sein und müssen, wenn sie einsatzklar sind, auch disponiert werden. Und so kommt es ganz häufig dazu, dass die Dienstschichten nicht nur nicht pünktlich beendet werden, sondern extrem unpünktlich mit riesen Zeitverzug, manchmal ein, zwei Stunden.

Jetzt denkt man sich beim Notarzt Dienst „Na gut, das mache ich ja nicht jeden Tag. Da bin ich halt dann mal zwei, drei Stunden drüber“. Aber wenn jetzt eine Notfallsanitäterin oder auch ein Notfallsanitäter, der eine Frühschicht hat und seine Kinder abholen muss um 14 Uhr - weil einfach die Kinderbetreuung dann vorbei ist - der kann nicht fast jeden Tag da drüber sein und auch unkalkulierbar drüber sein. Und in einer Art und Weise, wo er sich in dieser Zeit nicht mal melden kann und nicht einmal sagen kann „Es tut mir leid, ich kann gerade nicht kommen“, weil der halt am Patienten beschäftigt ist. Das ist ein sehr großes Problem in ganz – wahrscheinlich - Deutschland und derzeit auch noch nicht richtig gelöst.

Julia Rotherbl:
Gäbe es denn deiner Meinung nach praktikable Lösungen? Es ist gerade schwer vorstellbar für mich nachdem, was du erzählt hast?

Viktoria Bogner-Flatz:
Das ist schwer vorstellbar. Wir stehen da ja sogar mit den Ministerien in Kontakt dazu. Es gibt vielleicht die Möglichkeit, dass man tatsächlich ein zweites Fahrzeug im laufenden Einsatz zur Ablöse schickt. Das hat auch verschiedene Nachteile und ist auch nicht gut praktikabel. Aber im Moment fällt uns da keine goldene Superlösung ein dafür.

Job und Familie – ein Erfahrungsbericht (ab Minute 12:52)

Julia Rotherbl:
Du bist ja selber Mutter von drei Kindern zwischen sechs und... Ich weiß gar nicht, wie alt ist das jüngste...

Viktoria Bogner-Flatz:
Der Felix ist ein Jahr alt.

Julia Rotherbl:
Zwischen sechs und eins. Wie machst du das denn, dass das irgendwie zusammengeht, der Job und die Familie?

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja, sowas funktioniert nur im Familiengefüge natürlich. Mein Mann ist auch Vollzeit in der Medizin tätig. Der ist Oberarzt in der Radiologie und ich bin als Chefärztin in der Notfallmedizin natürlich auch sehr eingebunden. Das war auch beim Vorarbeitgeber nicht anders. Das funktioniert nur mit sehr engen Absprachen, mit Kinderbetreuungen. Wir nehmen da die öffentliche Kinderbetreuung in Anspruch. Und es funktioniert eigentlich nur mit täglichen Absprachen, Organisation... Es ist schwierig und anstrengend, aber es ist möglich.

Julia Rotherbl:
Und wie fühlt sich es für dich an? Also, wir haben unsere Tochter auch relativ früh in eine Betreuung gegeben und ich habe schon - muss ich zugeben - manchmal mit einem schlechten Gewissen gekämpft bzw. habe es mir vielleicht auch einfach einreden lassen von außen. Wie gehst du damit um?

Viktoria Bogner-Flatz:
Die Tatsache, dass die Kinder in die Betreuung gehen, auch nach der Schule - die Leonie wird dieses Jahr eingeschult - das finde ich nicht so schlimm. Weil meine Eltern mir das vorgelebt haben, wie das ist, wenn jeder seine beruflichen ... Wünsche erfüllt kann man vielleicht nicht sagen, aber beruflich sehr eingespannt ist, sehr aktiv ist. Ich habe zum Glück nie - und ich glaube auch, dass das für meine Geschwister gilt, wir waren nämlich auch zu dritt - das Gefühl gehabt, dass ich jetzt emotional verarmt, vernachlässigt bin oder abgeschoben bin oder sonst was.

Man muss aber sagen, dass wenn man jetzt meine Eltern betrachtet, die Zeit, in der die gearbeitet haben, mit drei Kindern nochmal deutlich schwieriger waren, weil das Betreuungsangebot vor 40 Jahren oder vor 30 Jahren viel, viel schlechter war. Und aus meiner Sicht dass Emanzipation nicht, dass man arbeiten kann oder dass man, wenn man nicht voll arbeitet oder gar nicht arbeitet, blöd angeguckt wird, sondern dass jede Familie eben die Möglichkeit hat, das Konzept für sich persönlich festzulegen und individuell zu leben.

Wenn jemand sich dafür entscheidet, dass er die Kinderbetreuung vollständig selbst übernimmt und schon dafür sorgt, dass die Gleichaltrigen Kontakt haben - den halte ich durchaus für wichtig - dann kann man das auch respektieren und akzeptieren. Ich persönlich, für mich käme es nicht in Frage in der Form. Und ich glaube, da sollte auch niemand am anderen stark Kritik üben. Ich bin weder eine Rabenmutter, weil ich meine beruflichen Ziele weiter verfolge und das übrigens den Kindern auch vorleben, dass das ein Wert ist, der in der Welt relevant sein kann und auch einen selbst glücklich machen kann. Und ich sage auch nicht zu anderen „Du machst Kinderbetreuung, du bist nicht so viel wert wie ich“.

Julia Rotherbl:
Wann war dir denn klar, dass das für dich nicht infrage kommt, Zuhause mit den Kindern zu sein für eine lange Zeit?

Viktoria Bogner-Flatz:
Ich habe darüber auch wirklich nicht ernsthaft nachgedacht, dass ich dann aus dem Job rausgehen würde oder irgendwas da aufhören würde. Ich habe für die Leonie ein Jahr Elternzeit genommen, hatte da aber immer zur Arbeit Kontakt gehalten, verschiedene Wissenschaftssachen gemacht, meine Vorlesungen weitergemacht. Ich war mit Baby in der Vorlesung. Das kam sehr gut an. Bei beiden, die fanden das ganz lustig. Insofern glaube ich, dass das schon möglich ist, das zu verbinden. Und ich habe mir nie überlegt, dass ich längerfristig zu Hause bleibe. Wollte ich nicht.

Den Karriereknick umgehen (ab Minute 16:49)

Julia Rotherbl:
Wie war das denn vonseiten deiner Arbeitgeber? Also, war diese private Voraussetzung, dass du drei Kinder hast, jemals irgendwie Bestandteil von Diskussionen über deine Karriere? Von wegen „Ja, ist ja schön, dass Sie sich auf die Stelle bewerben. Aber sind Sie dann nicht ständig Zuhause bei dem kranken Kind?“

Viktoria Bogner-Flatz:
Ich habe mit 34 die Leoni bekommen und habe absichtlich ein paar berufliche Schritte vorher geplant gehabt und mir als Ziel gesetzt, dass das gewesen sein muss, sodass es manche Diskussionen nicht gab. Zum Beispiel „Du hast ja den Facharzt noch nicht. Wie schaffst du denn jetzt noch deine Eingriffe, wenn du jetzt nur Teilzeit da bist oder nicht mehr so viele Dienste machen kannst?“ Das ist das Erste.

Das Zweite ist, dass ich den Arbeitgebern - so glaube ich oder das ist zumindest meine Eigenwahrnehmung - immer das Gefühl gegeben habe, dass ich trotz Familie weiterhin an der Abteilung, an der Klinik, an meiner Arbeit, Wissenschaft und Lehre maximal interessiert bin. Und ich bin ja auch nicht in der Elternzeit verschwunden. Das wäre auch schon so eine erste Botschaft an Kolleginnen, wenn man in der Elternzeit ist. Verschwindet nicht komplett. Auch wenn man manchmal vielleicht den Wunsch hat, so einen Cut zu haben und mal vollständig seine Ruhe zu haben - Stichwort Urlaub und Handy - ist es auch aus Arbeitgebersicht nicht gut, wenn man in der Elternzeit komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Glaub ich.

Julia Rotherbl:
Glaube ich auch.

Viktoria Bogner-Flatz:
Also, da war ich auch weiter in jede Entscheidung für die Abteilung eingebunden, bin aufgetaucht und habe Kontakt gehalten. Das ist eine und das zweite ist, dass ich sehr viel Glück dadurch hatte, dass auch mein damaliger Chef, der Chef der Unfallchirurgie an der LMU, selbst Vater ist, damals auch noch von jungen Kindern und eine Frau hat, die auch sehr erfolgreich ihre Karriere weiterverfolgt hat. Das heißt, sie haben selbst das Modell gelebt, das ich mir vorgestellt habe. Und das ist hinsichtlich des Verständnisses nochmal etwas völlig anderes. Und ich glaube, dass das auch eine große Chance ist für Frauen in der Medizin oder auch für Frauen, die Karriere machen, egal in welchem Umfeld. Wenn sie ein Arbeitsumfeld und auch einen Vorgesetztenumfeld vorfinden, die eigentlich im selben Boot sitzen und die gleichen Probleme haben, möglicherweise eine ähnliche Einstellung, dann geht's auch plötzlich viel einfacher, so eine Abteilung zu organisieren, als wenn man in der Schwarzwaldklinik ist.

Julia Rotherbl:
Also das heißt, dir war bewusst, dass es unter Umständen zu einem Karriereknick führen kann, wenn du dein Kind früher bekommst oder dass generell die Familienplanung zu einem Karriereknick führen kann?

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja, das war mir klar. Und das sind auch Faktoren, die häufig in der Arbeit selbst liegen und gar nichts mit Vorgesetzten und aktiver Steuerung durch irgendwen, der einen dann mobben will, zu tun hat. Ich war selbst eine ganze Zeit in der Personalplanung eingebunden in der Klinik und habe gesehen, wie schwierig es ist, Personal zu planen, wenn man eben die Elternzeiten und Bringezeiten und Individualbedürfnisse von vielen Mitarbeitern berücksichtigen muss. Weil man sich ja da in dem Spannungsfeld bewegt zwischen, man möchte ein familienfreundliches Umfeld haben - die Mitarbeiter müssen ja ihre Kinder in die Krippe bringen, die müssen auch mal gehen können, wenn man ein Kind abholen muss et cetera, et cetera. - aber gerade in der Notfallmedizin oder damals in der Unfallchirurgie muss halt auch der Betrieb laufen. Und insofern ist es schon schwierig, da allen gerecht zu werden. Vor allem, weil sowohl die Unfallchirurgie als auch die Notfallmedizin als auch die Familie ja einen hohen Anteil an Unplanbarkeit beinhalten.

Julia Rotherbl:
Viktoria, die Frage, die mir mit am meisten im Kopf rum gespuckt hat in Vorbereitung auf dieses Gespräch war, wie du es schaffst, den Job gedanklich nicht mit nach Hause zu nehmen. Du siehst bestimmt viele schlimme Dinge, bist bei Schicksalsschlägen live dabei. Wie schaffst du das, nach Hause zu gehen und zu sagen „Okay , jetzt ist Familienzeit und der Job spielt auch in meinem Kopf keine Rolle mehr“. Schaffst du es überhaupt?

Viktoria Bogner-Flatz:
Gar nicht. Das gelingt mir gar nicht. Das liegt auch ein bisschen an diesem Notfallmedizin-Rettungsdienst-Dingen, bei denen einfach ab und zu auch Informationen kommen, weil sie halt kommen. Oder wenn gerade eine größere Schadenslage ist und man interessiert sich dann dafür. Und diese tragischen Dinge, die nehme ich immer mit und kann aber darüber, dass ich viel drüber nachdenke, das schon einigermaßen gut hinkriegen.

Ich erinnere mich an einen Fall, da war ich mit dem Dominik schwanger und hab die Leonie nachmittags abholen sollen. Und wir hatten tagsüber bei uns im Schockraum einen sehr schweren Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer. Der war auch Familienvater, ist nach einer langen Reanimationszeit, die ich im Schockraum verantwortet habe, verstorben. Und ich habe dann seine Frau angerufen. Das war alles in meinem Alter. Die kam dann, musste dann das Kind noch abholen nachmittags. Also, war eigentlich in der gleichen Situation wie ich. Und da bin ich nach Hause gekommen und hatte ganz große Probleme damit irgendwie klarzukommen. Und war dann mit der Leonie beim Eis kaufen. Und die hat mir dann, die war da zweieinhalb, den Hammertrotzanfall ihres Lebens in dieser Eisdiele hingelegt. Und da sieht man halt einfach, wie das Leben dann doch für den einen weitergeht, für den anderen nicht. Wie das miteinander verwoben ist und wie einem dann doch die Familie auch helfen kann, da irgendwie auf andere Gedanken zu kommen.

"Ich würde alles nochmal so machen" (ab Minute 22:34)

Julia Rotherbl:
Du hast im Vorgespräch ja auch gesagt, dass Familie, Beruf und Karriere, wenn man das vereinbaren will, dass du es mit sehr viel Einsatz verbunden ist und durchaus auch anstrengend sein kann. Warum würdest du es immer wieder so machen? Würdest du es immer wieder so machen, wäre vielleicht die erste Frage?

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja, absolut. Ich würde alles genauso wieder machen. Auch die Fachrichtung nochmal wählen. Es hängt ja nicht nur von einem selber ab, ob man es nochmal so machen würde, sondern die anderen 50 Prozent ist ja auch der Ehepartner, Lebenspartner oder -partnerin, der sowas natürlich mittragen muss. Den man übrigens auch erst einmal finden muss. Aber, ja würde ich jederzeit alles wieder so machen. Ist aber sehr anstrengend, weil man natürlich alle Komponenten miteinander verbindet. Ich persönlich wäre mit einer Komponente weniger nicht glücklich, würde mich nicht erfüllt fühlen. Ohne Familie nicht und auch ohne diesen Job nicht oder ohne die Möglichkeit mich beruflich zu entfalten. Und insofern geht es ja nur, wenn man alles macht. Vielleicht ist es in zehn Jahren anders. Wer weiß. Glaub's aber nicht.

Julia Rotherbl:
Wenn wir uns in zehn Jahren nochmal hier treffen würden zu einer Podcast-Aufnahme - Wie optimistisch bist du, dass dann Parität herrscht in deiner Berufssparte und dass die Vereinbarkeit leichter gelingt als jetzt?

Viktoria Bogner-Flatz:
Also, von Parität herrschen, glaube ich, braucht man nicht reden. Das wird nicht so sein. Und das liegt auch daran, dass viele Kolleginnen von mir sich dafür nicht entscheiden, sich ihr Leben lang so zu stressen. Und das ist so, dass man sich sehr, sehr stresst für die Kombination aus dem allen.

Julia Rotherbl:
Findest du es schade, dass es ... Ohne jetzt... Ich will nicht wertend sein, aber findest du es einfach schade, dass zu wenige Frauen sich dann für dieses Modell entscheidend für das du dich entschieden hast?

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja klar, total schade. Ich hab mich ja auch dafür eingesetzt und auch immer wieder versucht, Kolleginnen zu fördern und auch meine Inhalte und Vorschläge weiterzugeben. Ich habe aber gesehen, dass es einigen nicht gelungen ist, diesen Sprung Arbeit und die Karriere in der Arbeit zu verfolgen. Es geht ja auch nicht nur darum, dass man jeden Tag als Arzt arbeitet, sondern auch, dass man versucht, eben weiter voranzukommen und die Familie so zu vereinbaren.

Julia Rotherbl:
Also, Parität, glaub ich, in zehn Jahren, das ist auch unrealistisch. Da bin ich bei dir. Aber, dass wir uns zumindest vielleicht mal über die zehn Prozent Führungsquote bei den Frauen in der Medizin bewegen, das wäre natürlich top.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja, vor allem, weil die Schere ja immer weiter aufgeht und es immer ungleicher wird. Die ... Ich weiß nicht, wie hoch ist der Anteil der Medizinstudentinnen aktuell? Der ist ja deutlich höher als der Männer. Das hat auch ein bisschen was mit dem absurden Numerus Clausus zu tun. Kann sein.

Julia Rotherbl:
Also ich glaube, er steuert auf die 70 Prozent zu.

Viktoria Bogner-Flatz:
Ja, das heißt, wir haben immer mehr Frauen in der Medizin und die werden von immer mehr Männern geführt. Das ist ja absurd.

Julia Rotherbl:
Ja, das ist echt absurd. Viktoria, ich sage vielen Dank, dass du mit mir über dieses wichtige Thema geredet hast und uns erzählt hast, wie bei dir das gelingt. Und ehrlich gesagt hast, dass es anstrengend ist, weil, das kann ich nur bestätigen Es ist anstrengend. Aber es lohnt sich.

Viktoria Bogner-Flatz:
So sehe ich es auch. Ein schönes Schlusswort. Sehr gerne.

Julia Rotherbl:
Das war mein Gespräch mit Professorin Viktoria Bogner-Flatz. Ich hoffe, es hat beim Zuhören genauso viel Spaß gemacht wie beim Aufnehmen. Ich freue mich über Feedback. Gerne Email senden an redaktion@gesundheithoeren.de. Hier könnt ihr auch gerne Sätze hinsenden , die meine Gästinnen oder ich vervollständigen sollen. Wir freuen uns über viele Ideen. Alle Folgen des Podcasts findet ihr auf Apple Podcasts oder Spotify. Oder bei eurem Lieblingspodcastanbieter. Alle 14 Tage neu. Immer montags.“

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf

Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne eine Mail an redaktion@gesundheit-hoeren.de

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