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Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 4600 Frauen an Gebärmutterhalskrebs – etwa 1500 sterben jährlich daran. Hauptauslöser sind sogenannte Humane Papillomviren (HPV). „Die meisten Menschen infizieren sich schon in jungen Jahren mit HPV, die Mehrheit durch sexuellen Kontakt“, sagt Prof. Mandy Mangler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und am Vivantes Klinikum Neukölln.

„Bei 95 Prozent von ihnen schafft es der Körper, die Viren erfolgreich zu bekämpfen. Bei fünf Prozent gelingt das leider nicht. Dann baut das Virus Erbinformationen in die Zellen ein, die irgendwann zu Krebsvorstufen und schließlich auch Krebs führen können.“ Es gibt noch weitere Risikofaktoren, die die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs begünstigen, darunter beispielsweise Rauchen und ein geschwächtes Immunsystem.

Wie funktioniert der WID-qCIN-Test?

Wie bei den gängigen Testverfahren (PAP und HPV, siehe weiter unten) wird auch beim WID-qCIN-Test ein Abstrich am Gebärmutterhals (Zervix) genommen. Anschließend wird die DNA der Gebärmutterhalszellen untersucht. „Das Prinzip kennen wir schon vom Covid-Test“, sagt Prof. Martin Widschwendter, Gynäko-Onkologe, Präventionsmediziner und Leiter des European Translational Oncology Prevention and Screening Institute.

„Wir isolieren und modifizieren die DNA und lassen sie von einem PCR-Gerät untersuchen. Der Vorteil: Die Untersuchung wird dadurch komplett objektiviert und automatisierbar. Zeigen sich dort Veränderungen, kann man nicht nur die Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs erkennen, sondern auch das zukünftige Krebsrisiko vorhersagen.“ Bisher gängig sind der PAP-Test sowie der HPV-Test. Beim PAP-Test, den die gesetzlichen Krankenkassen Frauen zwischen dem 20. und 34. Lebensjahr einmal im Jahr zahlen, „untersucht Fachpersonal die Probe unter dem Mikroskop extrem engmaschig, damit keine Zelle übersehen wird, die eine Abnormalität aufweist“, erklärt Martin Widschwendter.

Ab 35 findet die Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs nur noch alle drei Jahre statt – in Kombination mit einem HPV-Test. „Der HPV-Test ist in der sexuell sehr aktiven jüngeren Altersgruppe weniger aussagekräftig. Da kann es vorkommen, dass man eine Frau positiv auf HPV testet – und ein halbes Jahr später hat der Körper die Erkrankung selbst in den Griff bekommen“, sagt Mandy Mangler. „In der Altersgruppe ab 35 sind HPV-Infektionen seltener. Frauen mit einem negativen Test-Ergebnis können sich relativ sicher sein, in den folgenden drei Jahren kein Risiko für Gebärmutterhalskrebs zu haben.“

Ist der neue Test zuverlässig?

In Kombination mit dem HPV-Test übertrifft der WID-qCIN-Test die bisher etablierten Methoden – so steht es aktuell in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift Nature Medicine. „Mit unserer Methode werden in der DNA 69 Prozent aller Krebsvorstufen und 80 Prozent aller Krebsfälle erkannt, die erst in ein bis sechs Jahren nach der Probenentnahme auftreten.

Die bislang übliche PAP-Zytologie konnte das nur in 18 beziehungsweise 20 Prozent dieser Fälle”, sagt Martin Widschwendter, der mit seinem Team diesen Test entwickelt hat. Die Wahrscheinlichkeit, beim PAP-Test eine entartete Zelle zu entdecken, liegt bei knapp über 50 Prozent. „Jeder Abstrich wird von einem Menschen bewertet. Und Studien zeigen, dass die mitunter zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen“, erklärt Gynäkologin Mangler.

„Es können zum Beispiel Entnahmefehler passieren. Nehmen wir an, eine Frauenärztin untersucht ihre Patientin und kommt nicht richtig an den Gebärmutterhals ran, weil es der Frau vielleicht wehtut. Dann erwischt sie unter Umständen nicht die Zellen, die sie erwischen möchte. Zudem sind PAP-Abstriche sehr schwierig zu interpretieren.“ Umso wichtiger ist es daher, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. „Wenn man nach einem Jahr oder drei Jahren – je nach Alter – wieder einen Abstrich machen lässt und bei der nächsten Möglichkeit wieder, kann man damit die Zuverlässigkeit des PAP-Tests deutlich erhöhen“, sagt die Expertin für Gebärmutterhalskrebs.

Kann man den WID-qCIN-Test jetzt schon machen lassen?

Bis der Test in die breite Anwendung kommt, wird es noch ein paar Jahre dauern. „Um das aktuelle, gut funktionierende Screening durch ein noch besseres zu ersetzen, fehlen uns noch weitere Daten. Wir müssen beispielsweise nachweisen, dass auch alle seltenen Einzelfälle durch das neue Verfahren gut abgedeckt sind“, sagt Martin Widschwendter.

Daher planen er und sein Team derzeit eine großangelegte Studie. „Wir hoffen, dass der DNA-Test für eine bestimmte Teilgruppe schon in 12 Monaten verfügbar sein wird: Für Frauen, die das HP-Virus in sich tragen, aber noch keine Zellveränderungen aufweisen, und wissen wollen, wie hoch ihr Risiko ist, in den nächsten sechs Jahren einen Krebs oder eine Krebsvorstufe zu entwickeln.“

Können verbesserte Früherkennungsmaßnahmen Gebärmutterhalskrebs künftig verhindern?

Die Inzidenz von Gebärmutterhalskrebs ist bereits seit 2010 rückläufig. Besonders oft betroffen sind Frauen zwischen 40 und 59 Jahren. Ein zweiter Anstieg der Häufigkeit zeigt sich nach dem 60. Lebensjahr. Vorstufen und Frühformen von Gebärmutterhalskrebs werden vor allem bei Frauen im Alter von 20-40 Jahren festgestellt.

„Die gesunde Zelle wird nicht plötzlich zu Krebs, sondern sie verändert sich, es entstehen Vorstufen – leichte, mittlere, schwere –, und erst dann entsteht der Krebs“, erklärt Mandy Mangler. „Meistens dauert das mehrere Jahre.“ Je schneller eine Veränderung erkannt wird, desto besser ist die Überlebensrate. Daher sind – neben der HPV-Impfung – regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen entscheidend.

Neue Untersuchungen zeigen, dass sich ein deutlicher Rückgang bei jungen Frauen aller Altersgruppen zeigt, die für eine Impfung infrage kommen: bei ab 1992 Geborenen treten mindestens ein Viertel weniger Fälle auf als bei früher geborenen Frauen. Die Impfung von Jungen und Mädchen gilt als wichtigste Maßnahme im Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs. „Vor allem wenn sie bei Mädchen vor dem 17. Lebensjahr durchgeführt wird, lässt sich die Krankheitslast insgesamt deutlich senken“, sagt Martin Widschwendter.

„Zusammen mit unserem Testverfahren hoffen wir, dass wir künftig einem Großteil aller Patientinnen und Angehörigen Leid ersparen können.“ Grundsätzlich sieht Mandy Mangler in den DNA-Testverfahren die Zukunft: „Wir werden dann in Blut-, Speichel-, Atem- oder Urinproben gezielt nach genetischen Fragmenten suchen können, die auf Krebs oder Krebsvorstufen hinweisen“, sagt sie, „im Moment ist das noch sehr teuer und die Methoden sind noch nicht perfekt. Aber künftig wird das Teil der Diagnosestellung sein.“

Kann ich den WID-qCIN-Test auch selbst durchführen?

Theoretisch ja – Untersuchungen dazu laufen. Für HPV ist eine Selbsttestung in manchen Ländern bereits verfügbar. Die Frauen führen sich selbst eine Art weiches Bürstchen in die Scheide ein und schicken sie in ein Labor. „Das ist sehr einfach, und im Prinzip für jede Frau anwendbar. Und es hätte den großen Vorteil, dass man damit auch Frauen erreicht, die eher nicht in eine gynäkologische Praxis gehen, weil sie zum Beispiel Missbrauchserfahrungen haben“, sagt Martin Widschwendter.