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2300 Menschen haben sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts[1] 2024 neu mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) infiziert, rund 200 mehr als im Vorjahr. Zwar nur ein leichter, aber ein Trend, den man ernst nehmen sollte.

Das HI-Virus schwächt das Immunsystem, kann unbehandelt so weit fortschreiten, dass Aids eintritt, das schwerste Krankheitsstadium, das unbehandelt in der Regel zum Tod führt. Was bedeuten die Zahlen für den Umgang mit HIV und Aids?

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer ist Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (STI steht für Sexuell übertragbare Krankheiten) und beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Professor Brockmeyer, welche Gründe sehen Sie für den erneuten Ansstieg der HIV-Neuinfektionen?

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer: Es ist jetzt bereits das dritte Jahr in Folge, dass die Zahlen angestiegen sind. Das hängt auch mit der verstärkten Migration aus Osteuropa, speziell aus der Ukraine zusammen. Auch sind HIV und Aids nicht mehr so stark im Bewusstsein der Menschen verankert, wie es damals in den 80er und 90er Jahren der Fall war. Auch die Berichterstattung dreht sich meist nur um HIV und Aids in Afrika oder Asien, die Situation in Deutschland wird häufig nicht erwähnt.

Haben die Menschen also hierzulande den Schrecken vor HIV und Aids verloren?

Brockmeyer: Die Mehrheit der Bevölkerung denkt, HIV und Aids sind hier kein Thema mehr. Die Leute werden unvorsichtiger. Deshalb nimmt auch die Bereitschaft zu Tests ab. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), machen die größte Gruppe mit Neuinfektionen aus, aber auch heterosexuelle Menschen stecken sich an. Gerade bei Heterosexuellen gehen wir davon aus, dass 50 Prozent der HIV-Infektion erst in einem späten Stadium diagnostiziert werden. Die Dunkelziffer der HIV-Infektion unter heterosexuellen Menschen ist sehr hoch.

Was bedeutet eine Diagnose in einem späten Stadium genau für die Betroffenen, aber auch für das Infektionsgeschehen?

Brockmeyer: Je länger eine Person ohne Behandlung infiziert ist, umso ansteckender ist sie auch. Heißt konkret: In einem späten HIV-Stadium kann das Virus leichter verbreitet werden. Bei den betroffenen Personen treten vermehrt Infekte auf, Pilzinfektionen auf der Zunge oder im Intimbereich zum Beispiel. Auch vermehrte Herpes-Infektionen oder eine Gürtelrose können auf eine Infektion mit dem HI-Virus hindeuten. Generell sind die Symptome jedoch sehr unspezifisch.

Was bedeutet es, heute eine HIV-Diagnose zu erhalten?

Brockmeyer: Es ist oft ein Schock. Je früher Menschen jedoch die Diagnose erhalten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, mithilfe von Medikamenten ein ganz normales Leben führen zu können. Es gibt Tabletten und auch Spritzen, die dafür sorgen, dass sich das Virus nicht vermehrt. So wird das Immunsystem geschützt und auch eine Übertragung auf andere verhindert.

Was bringt die sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) zur Eindämmung von HIV, also die vorbeugende Einnahme von bestimmten Medikamenten, um eine Infektion bei einem möglichem HIV-Kontakt wirksam zu verhindern?

Brockmeyer: Der Nutzen von PrEP ist sehr groß. Ohne diese Medikamente wäre die Zunahme der Neuinfektionen mit HIV noch deutlich höher. Die Schutzwirkung beträgt bei injizierten PrEP nahezu 100 Prozent.

Während sie in der MSM-Community recht gut angenommen wird, müssen wir vor allem auch Frauen und transgender Menschen für HIV sensibilisieren und ihnen den Vorteil von PrEP näherbringen. Gerade Frauen, die viele wechselnde Sexualpartner haben oder auch in bestimmten Urlaubsländern wie Jamaika, Thailand oder einigen Ländern Afrikas mit Einheimischen Sex haben, sind gefährdet. Mit der Prophylaxe würden sie ihr Risiko minimieren.

Wie gut ist Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt?

Brockmeyer: Deutschland ist und war von Anfang an ein Vorreiter in Sachen HIV-Kommunikation und Prävention. Durch die sehr guten Kampagnen der damaligen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, d. Red.) oder der Aids-Hilfe und NGOs wurden die Menschen hierzulande für die HIV-Infektion sensibilisiert. Wer kennt ihn nicht, den berühmten Spot, in dem Hella von Sinnen durch den gesamten Supermarkt ruft: „Tina, was kosten die Kondome?“

Es ist jedoch besorgniserregend, dass die USA, aber auch Großbritannien und Deutschland, ihre finanzielle Unterstützung für die internationale HIV-Hilfe in Teilen gekürzt haben. Das kann wie ein Bumerang zurückkommen, wenn in vielen Ländern Afrikas oder Asien nicht mehr getestet und HIV behandelt werden kann. So können die HIV-Zahlen wieder ansteigen und Resistenzen entstehen, diedurch unsere vernetzte Welt auch irgendwann bei uns in Europa auftreten werden, also Medikamente ihre Wirksamkeit verlieren. Die Gelder zu kürzen, ist meiner Meinung nach sehr kurzsichtig.

Was sollte jetzt unternommen werden?

Brockmeyer: HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) müssen durch gezielte Aufklärung wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen in Deutschland zurückkommen. HIV ist immer noch da, es ist aber kein Todesurteil mehr, sondern kann gut behandelt werden. Man hat eine ähnliche Lebenerwartung wie nicht HIV-Infizierte und ist nicht infektiös. Trotzdem sollte man sich bei Sexualkontakten immer schützen und sich regelmäßig testen lassen, um eine mögliche Verbreitung des HI-Virus zu verhindern.


Quellen:

  • [1] Robert Koch-Institut (RKI): Epidemiologisches Bulletin: HIV in Deutschland 2024. https://www.rki.de/... (Abgerufen am 24.11.2025)