Die Koordinierungsstelle NOAH ist beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn angesiedelt. Ihre Leiterin, die Sozialwissenschaftlerin Jutta Helmerichs, sagt: „Das A und O ist eine schnelle und auf die Ressourcen der Betroffenen ausgerichtete Unterstützung“. Hier das ausführliche Interview:

Frau Dr. Helmerichs, Ihr NOAH-Team kommt laut gesetzlichem Auftrag eigentlich nur zum Einsatz, wenn Deutsche im Ausland von einer Katastrophe betroffen sind. Aktuell leisten Sie jedoch psychosoziale Notfallversorgung in den Hochwassergebieten. Eine Ausnahmesituation?

Dadurch, dass es bisher keine vergleichbare zentral koordinierende staatliche Stelle für Katastrophennachsorge im Inland gibt, werden die etablierten Strukturen und Kooperationen der Koordinierungsstelle NOAH derzeit genutzt, um diese Lücke vorübergehend zu schließen. Wir können auf 19 Jahre Erfahrung, Fachkunde und hochqualifiziertes Personal und ein bundesweites Netzwerk zurückgreifen.

Vermutlich sprengt der Einsatz in den Hochwassergebieten Ihre Kapazitäten?

Diese Aufgabe ist nur dadurch zu leisten, dass sich zur Zeit kein Unglück im Ausland - ein Terroranschlag, ein Erdbeben oder ein Busunglück - mit betroffenen Deutschen ereignet hat. Wäre parallel ein Einsatz der Koordinierungsstelle NOAH notwendig, müsste neu überlegt werden, wie die psychosoziale Versorgung der Betroffenen gewährleistet werden kann.

Wie kann man sich Ihre Arbeit mit den Opfern des Hochwassers konkret vorstellen?

Natürlich sprechen wir mit Betroffenen. Unsere Telefon-Hotline ist durchgängig Tag und Nacht besetzt. Der Schwerpunkt ist aber die Koordination und Vernetzung von psychosozialer Hilfe. Wir haben zum Beispiel Krisen-Interventionsteams und Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger ins Ahrtal geschickt. Umgekehrt gingen genauso von Helfer-Seite aus Anfragen bei uns ein: ‚Habt ihr noch Teams, die ihr uns aus anderen Bundesländern schicken könnt?‘ Da es uns schon lange gibt und wir zahlreiche Einsätze hatten, sind uns bundesweit die Teams der Katastrophennachsorge sehr gut bekannt. Das ist in der momentanen Situation natürlich ein großer Vorteil. Tatsächlich ist genau das nämlich das Beste, was wir tun können: Netzwerke vor Ort aufbauen. Der im Krisenmanagement bekannte Satz „In Krisen Köpfe kennen“ gilt hier ganz besonders: in einem sensiblen Arbeitsbereich, in dem es um das Leid von Menschen geht. Besser ist es sogar, noch „vor Krisen Köpfe zu kennen“.

Sie haben gerade die Telefonate angesprochen. Auf der NOAH-Homepage steht, dass Sie nicht vor Ort betreuen, alles dreht sich um die Telefon-Beratung. Ist das nicht unglaublich schwer, mit jemandem, der ein schlimmes Schicksal erlebt hat, am Telefon zu sprechen?

Der direkte Kontakt ist natürlich immer besser. Aber in der Regel sind die Menschen, die mit uns in Kontakt treten, weit weg, im Ausland. Telefonate sind natürlich nur eine Form der Angebote von vielen. Aber sie sind ein besonders guter und niederschwelliger Ausgangspunkt für die Einleitung weiterer Unterstützungsmaßnahmen – wenn denn ein Bedarf besteht. Immer wieder hören wir später von Betroffenen, wie gut und wichtig es war, dass sie einen Ansprechpartner rund um die Uhr telefonisch erreichen konnten, um sich auf diese Art auszutauschen, dass sie über ihr Leid und ihre Sorgen mit uns sprechen konnten, sich aber auch mit Fragen jederzeit an uns wenden konnten.


Ob am Telefon oder im direkten Kontakt: Gibt es etwas, das Krisenhelferinnen und Krisenhelfer unbedingt beachten müssen?

Menschen sind sehr unterschiedlich. Darauf muss man sich einstellen. Überhaupt muss man sich wirklich auf alles einstellen, auf alles gefasst sein. Und genau dafür sind wir speziell ausgebildet. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, durch Zuhören zu entlasten und eine Orientierung zu geben. Die Grundlage unserer Arbeit und unseres Verständnisses ist es, mit den Menschen zusammen zu überlegen, was ihnen in ihrer akuten Not helfen könnte. Und dieses „zusammen“ geht nun mal nur, wenn ich nicht als Ratgeber von oben kommuniziere, sondern auf Augenhöhe mit Betroffenen gemeinsam versuche, Lösungen zu entwickeln. Das ist eine wichtige und entscheidende Grundhaltung in diesem Arbeitsgebiet.

Was wäre ein No-Go?

Sich von Betroffenen ausführlich schildern zu lassen, wie furchtbar die erlebte Situation war, sollte vermieden werden. Das triggert, sagen wir: Im Erzählen wird alles nochmal erlebt. Das bringt die Betroffenen überhaupt nicht weiter. Hilfreich sind dagegen die Fragen: ‚Was haben Sie in anderen krisenhaften Situationen in der Vergangenheit getan? Was hat damals geholfen?‘ Wir versuchen mit dieser Methode der Gesprächsführung die Resilienz von Betroffenen zu stärken. Wir lenken ihre Aufmerksamkeit auf alles, was in dieser Situation als hilfreich und unterstützend empfunden wurde, beispielsweise durch die Frage: ‚Wer genau war für Sie da, als es Ihnen schon einmal ganz schlecht ging? Waren das Familienangehörige? Freunde?‘ Weiter gefasst: ‚Welche Bewältigungsmechanismen haben Sie, auf die Sie in schlechten Zeiten zurückgreifen?‘ Wie gesagt: Menschen sind sehr verschieden. Die einen brauchen Ruhe, die anderen trösten sich mit Essen, ein Dritter möchte sich körperlich betätigen. Für uns ist es das Wichtigste, dass die Menschen bemerken, dass sie ihre Situation nicht allein durchstehen müssen. Das erlebte Leid können wir zwar nicht ungeschehen machen. Aber bei der Bewältigung des Erlebten können wir gemeinsam mit den Menschen schauen, wer oder was jetzt helfen kann und welche Möglichkeiten dafür zur Verfügung stehen.

Aber ist das nicht einseitig, den Blick vor allem hin zu den Ressourcen zu lenken? Muss man sich nicht auch genauer anschauen, inwieweit die Seele Schaden genommen hat?

Ich danke Ihnen, dass Sie diese Frage stellen. Viele meinen, dass jeder Mensch nach schweren Schicksalsschlägen automatisch für das ganze Leben traumatisiert ist. Natürlich gibt es Menschen, die traumatisiert sind. Und für sie sind Trauma-Therapeuten eine sehr wichtige Unterstützung. Aber sie sind nicht die Lösung für alles. Das muss ich ganz klar sagen. Gerade bei Unglücken wie der aktuellen Hochwasserlage zeigen Erfahrung und Wissenschaft, dass die Mehrheit der Betroffenen ein niedrigschwelliges Angebot einer psychosozialen Unterstützung benötigen - mit den bereits erwähnten ressourcenaktivierenden Maßnahmen und eng verbunden mit praktischen Hilfen und Unterstützung bei behördlichen Fragen.. Bei wenigen Menschen, die einen Schicksalsschlag erlebt haben, wird eine sofortige psychotherapeutische Maßnahme notwendig.

Was ist dann die Lösung? Was hilft Menschen in schweren Krisensituationen?

Ein ressourcenorientiertes Herangehen auf Augenhöhe, orientiert an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen, ist enorm wichtig. Dafür sind die Fachkräfte in den Strukturen der psychosozialen Notfallversorgung ausgebildet und untereinander gut vernetzt. Wird zum Beispiel psychosoziale Unterstützung auch außerhalb der Schadensgebiete benötigt, weil beispielsweise Familienangehörige, die in ganz anderen Teilen Deutschlands leben, Todes- oder Vermisstenfälle durch das Hochwasser zu beklagen haben, kann das bundesweite Netzwerk innerhalb kürzester Zeit eine entsprechende Unterstützung koordinieren. Und das ebenfalls Tag und Nacht, denn Betroffenheit kennt keine Bürozeiten. Damit ist für den ersten Moment schon viel geleistet.

Wieso nur für den Moment?

Die Bedürfnisse von Betroffenen verändern sich im Laufe der Zeit. In einer Akutsituation benötigen sie eine andere Form der psychosozialen Unterstützung als mittel- und langfristig. Die psychosoziale Akuthilfe hilft den Menschen in der ersten Zeit, sich zu stabilisieren. Dann müssen nahtlos Strukturen greifen. Hier bedarf es einer zentral koordinierenden staatlichen Stelle. Optimal wäre es für die Betroffenen, wenn sich alle Fachleute unter einem Dach befinden, um weitergehende Fragen und Anliegen der Menschen gemeinsam und abgestimmt in den Blick nehmen zu können.

Neben vielen Fragen der finanziellen Unterstützung oder Schadensleistungen, ist dabei auch weiterhin der psychosoziale Bereich ein Thema. Auch dafür gibt es sowohl Erfahrungen aus der Vergangenheit sowie entsprechende Konzepte dazu, die auch schon erfolgreich umgesetzt wurden: Aktuell dürfte bei vielen Betroffenen ganz viel Adrenalin im Körper sein. Dadurch, dass viele Menschen gerade Aufräumarbeiten leisten und die gröbsten Schäden beseitigen, wird dieses Adrenalin abgebaut.

Dieser aktiven Zeit folgt dann eine Zeit des Trauerns um Lebensentwürfe, um die Heimat, um Verstorbene. Doch wohin sollen sich dann – nach Wochen und Monaten oder in einem Jahr – diese Menschen wenden? Sie müssen von Anfang an wissen, wer dann noch für sie da ist. Sie brauchen verlässliche Strukturen, möglichst eine zentrale Anlaufstelle. Viele Menschen in den Hochwassergebieten erfahren derzeit ein großes Gefühl von Ohnmacht und Verlust. Für viele ist gerade eine Welt zusammengebrochen. Alles, was noch bis gestern als dauerhaft verlässlich gegolten hat, hat sich heute als unerwartet fragil und instabil gezeigt. Durch diese Erfahrung stellen manche derzeit alles in Frage. Auf was ist überhaupt noch Verlass? Zumindest die Hilfestruktur muss daher jetzt unbedingt konstant und verlässlich sein!

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