Eine volle Haarpracht wünscht sich vermutlich jeder. Die nämlich steht für Gesundheit, Jugend, Attraktivität. Leider lassen manche Faktoren diesen Wunsch ab einem gewissen Alter in weite Ferne rücken. Vor allem die Gene, aber auch verschiedene Erkrankungen und eine ungesunde Lebensweise tragen dazu bei, dass die Frisur sich lichtet.

Zunächst wächst das Haar und wird von Blutgefäßen ernährt. Diese Phase dauert zwei bis sechs Jahre. Dann ruht es für einige Monate – bis ein neues Haar nachkommt und das alte ausfällt.

Zunächst wächst das Haar und wird von Blutgefäßen ernährt. Diese Phase dauert zwei bis sechs Jahre. Dann ruht es für einige Monate – bis ein neues Haar nachkommt und das alte ausfällt.

Jeder voll behaarte Mensch hat etwa 80 000 bis 120 000 Haare auf dem Kopf. Für Dichte, Dicke und Farbe ist das Erbgut zuständig. Bis zu 100 Haare verlieren wir im Schnitt am Tag. Das ist normal und liegt am Haarzyklus: Jedes Haar wächst nur eine bestimmte Zeit lang, meist zwei bis sechs Jahre, dann fällt es aus und wird durch ein neues ersetzt. Bei Menschen mit erblich bedingtem Haarausfall ist die Wachstumsphase verkürzt.

Fachleute sprechen dann von androgenetischer Alopezie. Rund die Hälfte aller Männer und etwa 20 Prozent der Frauen sind betroffen. Dabei reagieren die Haarwurzeln überempfindlich auf männliche Geschlechtshormone, genauer auf ein Umwandlungsprodukt des Testosterons, das Dihydrotestosteron (DHT). Die Wurzeln verkümmern nach und nach, die Haare wachsen langsamer und fallen schneller aus. Während bei Frauen die Haare eher im Scheitelbereich ausdünnen, lichten sie sich bei Männern vor allem an Schläfe und Stirn. Das kann im Einzelfall bis zur Teil- oder Vollglatze führen.

Hilfe durch Arzneien statt Wunderkuren

Wer das Gefühl hat, übermäßig viele Haare zu verlieren, sollte zum Arzt gehen. Neben einer erblichen Veranlagung gibt es weitere mögliche Ursachen: etwa Probleme mit der Schilddrüse, Eisen- oder Zinkmangel, Infektionen. Manchmal können auch bestimmte Medikamente der Grund sein. Diese keinesfalls einfach absetzen, sondern mit seinem Arzt oder Apotheker reden.

Mithilfe einer Haarwurzelanalyse kann der Hautarzt einen krankhaften Haarverlust feststellen. Gegebenenfalls führt er weitere Tests durch, um die genaue Ursache zu ermitteln. Je früher man Haarausfall erkennt, umso besser kann man ihn behandeln.

Haarfollikel

Haarfollikel

Zwar sind in der Werbung angepriesene Wunderkuren in der Regel wirkungslos. Einige Medikamente wirken jedoch nachweislich, darunter Arzneien mit dem Wirkstoff Minoxidil. „Durch eine Gefäßweitstellung steigern sie die Durchblutung und verbessern damit die Nährstoffversorgung der Haarfollikel“, erklärt Dr. Thorben Royeck, Hautarzt am Kompetenzzentrum Haar des Universitätsklinikums Bonn.

Minoxidil-Präparate eignen sich für Männer wie Frauen, jedoch in unterschiedlicher Dosierung. „Sie werden als Schaum oder Lösung auf die Kopfhaut aufgetragen“, sagt Royeck. Aber: Bis sie wirken, dauert es meist einige Monate, und in den ersten Wochen kann sich der Haarausfall zunächst verstärken. Auch ist eine dauerhafte Anwendung des Mittels nötig.

Verlängerung der Wachstumsphase

Für Männer besteht die Option, Tabletten mit Finasterid einzunehmen. Dieser Stoff blockiert Umwandlungsprozesse des Testosterons in DHT. „Die Mittel verlängern die Wachstumsphase des Haares und verzögern den Übergang in die Ruhephase“, so Royeck. Bei Frauen mit zu viel männlichen Hormonen können sogenannte Antiandrogene die Wirkung des Testosterons hemmen. Alle Substanzen beheben aber nicht die genetischen Ursachen. Finasterid kann zudem starke Nebenwirkungen haben. Betroffene sollten immer mit dem Arzt abwägen, welche Therapie für sie infrage kommt.

Ebenfalls wichtig: eine ausgewogene, gemüse- und ballaststoffreiche Ernährung. Sie sorgt dafür, dass alle für das Haarwachstum wichtigen Nährstoffe im Blut vorhanden sind. Manchmal, etwa bei starkem Eisen- oder Vitamin-D-Mangel, kann es sinnvoll sein, zeitweise ein Präparat aus der Apotheke zu nehmen. Besprechen Sie dies mit dem Arzt oder Apotheker. Auch andere Lebensstil-Faktoren beeinflussen die Haardichte. „Rauchen kann die Haarfollikel schädigen, weil es ihre Durchblutung verschlechtert und den oxidativen Stress erhöht“, erklärt Royeck.

Suche nach weiteren Therapien

Und wie sieht es mit der Haarpflege aus? Bei der Wahl des Shampoos darauf achten, dass es gut verträglich ist, so Royeck. „Wir empfehlen Produkte mit einem pH-Wert um 5 ohne Duft- und Konservierungsstoffe.“ Zudem könnten sanfte Massagen die Durchblutung der Kopfhaut aktivieren. Vermeiden sollte man Frisuren, die viel Zug aufs Haar bringen.

Bis zu einem gewissen Grad lässt sich Haarausfall also günstig beeinflussen, Wunder sollte man aber nicht erwarten. Hilft alles nichts und fällt Akzeptanz schwer, können Haarteile, Perücken oder eine Haartransplantation eine Möglichkeit sein.

Nach Therapien wird weiter geforscht. Kürzlich veröffentlichte das Fachmagazin Cell Metabolism eine Studie über einen neu entdeckten Mechanismus, der Haarausfall verhindert. Zumindest bei Mäusen. Offenbar spiele bei ihnen ein bestimmtes Eiweiß eine Rolle für den Zellstoffwechsel und die Langlebigkeit von Stammzellen im Haarfollikel. Mäusen, denen das Eiweiß fehlte, zeigten mit zunehmendem Alter Haarausfall und eine sinkende Zahl der Haarfollikelstammzellen, so das Team mit Forschern aus Köln und Helsinki. Ob sich das Ergebnis auf den Menschen übertragen lässt und wie das Eiweiß in Arzneien eingearbeitet werden kann, müssen weitere Studien zeigen.

Haarausfall als Spätfolge einer Covid-19-Erkrankung

Nachuntersuchungen zeigen: Einige Covid-19-Patienten leiden oft Wochen bis Monate nach der akuten Infektion an plötzlichem Haarausfall. Die Ursache ist bislang unklar. Experten vermuten körperlichen und emo­­tionalen Stress. Dass Stress-Ereignisse sowie Infektionen oft zeitversetzt zu Haarausfall führen können, ist bekannt. Oft normalisiert sich das wieder.

Laut einem Beitrag der New York Times melden US-Hautärzte zudem vermehrt Fälle von diffusen und kreisrunden Haarausfall. Bei letzterem entstehen runde, kahle Stellen auf dem Kopf. Ursache ist eine Autoimmun­­erkrankung. Sie kann bei Menschen, die eine Ver­anlagung dazu haben, etwa durch Stress oder Infektionen ausbrechen.