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Cholesterinsenker auf der Basis von Rotschimmelreis sorgen derzeit in Japan für Furore – geprüft wird ein Zusammenhang zwischen der Einnahme solcher Präparate und dutzenden Todesfällen. Auch in Deutschland sind Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Rotschimmelreis erhältlich. Wie bedenklich sind sie?

Was ist der Grund für den Skandal in Japan?

Der Skandal um Cholesterinsenker auf der Basis von Rotschimmelreis macht in Japan seit Wochen Schlagzeilen. Laut Medienberichten sieht sich Hersteller Kobayashi Pharmaceutical mit einer Vielzahl von Fällen konfrontiert, in denen Produkte des Unternehmens gesundheitliche Schäden verursacht oder indirekte Auswirkungen auf die Gesundheit haben sollen. Die japanische Nachrichtenagentur Koyodo berichtet, dass Kobayashi Pharmaceutical derzeit 76 Todesfälle darauf untersucht, ob es einen Zusammenhang mit der Einnahme des Cholesterinsenkers auf der Basis von Rotschimmelreis gibt.

Im März hatte das Unternehmen fünf Produkte zurückgerufen, nachdem Menschen nach der Einnahme mit Nierenproblemen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Kobayashi Pharmaceutical hatte erklärt, dass in einem seiner Werke eine potenziell giftige Säure entdeckt worden war, die der Schimmelpilz produziert habe.

Kobayashi Pharmaceutical hatte rund 50 weitere Unternehmen in Japan sowie zwei Unternehmen in Taiwan mit Rotschimmelreis beliefert – einige haben inzwischen Rückrufaktionen gestartet.

Was ist Roter Reis und was ist Rotschimmelreis?

„Roter Reis ist nicht zu verwechseln mit Rotschimmelreis“, sagt die Ernährungsmedizinerin Daniela Kielkowski. Roter Reis, zum Beispiel aus der Camargue, der seine Farbe durch den Anbau auf tonigem Boden erhält, ist laut Kielkowski reich an Mineralstoffen und Vitaminen. Daneben gibt es noch den klassischen Roten Bergreis aus dem Himalaya oder roten Reis von den Philippinen – beide sind von Natur aus rot.

Dagegen hat Rotschimmelreis – auch bekannt als Rotreis oder Red Yeast Rice – seinen traditionellen Ursprung in China. Er entsteht, wenn gekochter weißer Reis mit Schimmelpilzstämmen der Gattung Monascus fermentiert, also vergoren, wird. „Dabei bilden sich Stoffe, die den Reis intensiv rotfärben“, erläutert Dr. Anke Weißenborn vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

In welcher Form wird Rotschimmelreis in Deutschland angeboten?

In Asien wird Rotschimmelreis wegen seiner angeblich cholesterinsenkenden Wirkung konsumiert, um Verdauungsbeschwerden und Krankheiten des Herz- und Gefäßsystems zu kurieren. Auch in Europa sind Nahrungsergänzungsmittel mit Rotschimmelreis in verschiedenen Dosierungen im Handel erhältlich. Die Werbung verspricht nach der Einnahme eine cholesterinsenkende Wirkung.

Wie wirken Präparate mit Rotschimmelreis?

Beim Fermentieren von Reis bilden sich Inhaltsstoffe, die möglicherweise wie ein Medikament wirken, aber auch die Gesundheit schädigen können. „Eine wichtige Rolle hierbei spielen Monakoline“, erklärt Kielkowski. Monakoline sind chemische Verbindungen. Natürlicherweise kommen sie in Schimmelpilzstämmen vor. Auch in Rotschimmelreis sind sie zu finden. Sie können ein Enzym in der Leber hemmen, das der Körper für die Bildung von Cholesterin benötigt.

Monakolin K kommt mengenmäßig am meisten im Rotschimmelreis vor. „Von Aufbau und Wirkung her ist Monakolin K identisch mit dem Wirkstoff Lovastatin“, erläutert Weißenborn. Lovastatin ist in zulassungspflichtigen Arzneimitteln enthalten, die den Cholesterinspiegel senken.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

„Lovastatin kann möglicherweise Nebenwirkungen hervorrufen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Schwäche, Hautausschläge und Muskelkrämpfe“, sagt Ernährungsmedizinerin Kielkowski. In seltenen Fällen sind auch Störungen der Nieren- und Leberfunktion sowie Schädigungen der Skelettmuskulatur möglich.

Arzneimittel mit dem Wirkstoff Lovastatin sind rezeptpflichtig. In jedem Einzelfall ist eine ärztliche Risiko-Nutzen-Abwägung nötig, ob eine Lovastatin-Behandlung für die Patientin oder den Patienten sinnvoll ist.

Da das im Rotschimmelreis enthaltene Monakolin K vom Aufbau her mit Lovastatin identisch ist, kann Monakolin K die genannten Nebenwirkungen ebenfalls hervorrufen. „Problematisch ist, dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel im Gegensatz zu Arzneimitteln meist nicht ärztlich begleitet ist“, so Kielkowski.

Ihr zufolge kann es durch Cholesterinsenker auf Basis von Rotschimmelreis zu Wechselwirkungen mit einer Vielzahl von Medikamenten kommen, unter anderem mit Blutgerinnungshemmern. Auch Verbraucherschützer warnen.[1]

Wie gefährlich sind Erzeugnisse mit Rotschimmelreis?

Das BfR hat Monakolin K in Rotschimmelreisprodukten als Nahrungsergänzungsmittel wiederholt ausführlich bewertet, zum Beispiel im Jahr 2020 – und erhebliche gesundheitliche Risiken für derartige Erzeugnisse ausgemacht.[2] Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kam zu dem Ergebnis, dass die Aufnahme von Monakolinen aus Rotschimmelreis in Nahrungsergänzungsmitteln schwerwiegende unerwünschte Wirkungen auf den Bewegungsapparat und auf die Leber zur Folge haben kann.[3] Die EFSA schlussfolgerte, dass bei einer Menge von zehn Milligramm Monakolinen aus Rotschimmelreis erhebliche Sicherheitsbedenken bestehen.

In Einzelfällen wurden laut EFSA schwere Nebenwirkungen durch Monakoline bei einer Aufnahme von drei Milligramm pro Tag gemeldet. Es traten zum Beispiel Schädigungen der Skelettmuskulatur, Hepatitis und Hautreaktionen auf, die eine Krankenhausbehandlung erforderlich machten. Das EFSA sah sich nicht in der Lage, eine Aufnahmemenge von Monakolinen aus Rotschimmelreis abzuleiten, die für die für Allgemeinbevölkerung als gesundheitlich unbedenklich gelten kann. Diese Einschätzung teilt das BfR.

Worauf sollte man bei Produkten mit Rotschimmelreis achten?

Seit Juni 2022 dürfen in der EU laut einer Verordnung nur noch Produkte mit Monakolinen aus Rotschimmelreis vermarktet werden, wenn diese weniger als drei Milligramm pro Tagesdosis enthalten. „Außerdem sind eine Reihe von Kennzeichnungs- und Warnhinweisen auf den Produkten anzubringen“, so Weißenborn. Dazu gehört:

  • Die Produkte sollten nicht von Schwangeren oder Stillenden eingenommen werden und
  • nicht von Kindern unter 18 Jahren.
  • Gleiches gilt für Personen über 70 Jahren.
  • Zudem sollten die Erzeugnisse nicht parallel zu cholesterinsenkenden Medikamenten eingenommen werden.

Das BfR rät wegen erheblicher gesundheitlicher Sicherheitsbedenken davon ab, Nahrungsergänzungsmittel mit Rotschimmelreis einzunehmen. Wenn überhaupt, sollte die Einnahme nur nach ärztlicher Rücksprache und unter ärztlicher Kontrolle erfolgen. Dabei ist vor allem zu beachten, dass die Produkte unterschiedliche Dosierungen von Monakolin K enthalten.

Erhöhte Cholesterinwerte – was kann man tun?

Ganz wichtig: Immer ärztlichen Rat einholen. Und auf einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und ausgewogener Ernährung achten. „Gehen hohe Cholesterinwerte mit Übergewicht einher, macht es Sinn, abzunehmen“, sagt Kielkowski. Teilweise sinken dann auch die Cholesterinwerte. Außerdem kann es helfen, weniger cholesterinhaltige Lebensmittel wie Eier oder Krustentiere zu essen sowie Zucker und tierische Fette zu reduzieren.

Sind hohe Werte genetisch bedingt, reichen eine Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung oft nicht aus. Dann gibt es wirksame Medikamente, die der Arzt oder die Ärztin verordnen kann. Er oder sie kontrolliert auch auf mögliche Nebenwirkungen und kann dazu beraten.


Quellen:

  • [1] Verbraucherzentrale: Roter Reis – ganz natürlich den Cholesterinspiegel senken?. Online: https://www.verbraucherzentrale.de/... (Abgerufen am 04.07.2024)
  • [2] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Cholesterinsenkung mit Folgen: Nahrungsergänzungsmittel mit Rotschimmelreis nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen. Online: https://www.bfr.bund.de/... (Abgerufen am 04.07.2024)
  • [3] European Food Safety Authority (efsa): Scientific opinion on the safety of monacolins in red yeast rice. Online: https://www.efsa.europa.eu/... (Abgerufen am 04.07.2024)