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Was ist die Zöliakie?

Bei einer Zöliakie besteht eine lebenslange Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten. Symptome wie chronischer Durchfall können auftreten, aber auch fehlen

von Dr. Dagmar Schneck, aktualisiert am 02.04.2019

Unser Video erklärt Zöliakie kurz und knapp


Zöliakie - kurz zusammengefasst

Patienten mit Zöliakie reagieren auf Gluten, ein in verschiedenen Getreidesorten enthaltenes Eiweiß. Nahrungsmittel, die Gluten enthalten, können bei ihnen beispielsweise Symptome wie Durchfall, Bauchschmerzen oder Blähungen hervorrufen. Insgesamt sind die Symptome eine Zöliakie sehr unterschiedlich. Manchmal verläuft sie über Jahre unbemerkt. Mithilfe von Bluttests und einer Dünndarmbiopsie diagnostiziert der Arzt eine Zöliakie. Die Behandlung besteht dann in einer lebenslangen glutenfreien Diät.

Die Zöliakie – auch Glutenunverträglichkeit, einheimische Sprue oder glutensensitive Enteropathie genannt – ist eine Erkrankung, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Bei den betroffenen Personen führt die Aufnahme des in verschiedenen Getreiden enthaltenen Klebereiweißes Gluten zu einer Entzündung des Dünndarms. Diese hat im Laufe der Zeit zur Folge, dass sich die Darmschleimhaut verändert und weniger Nährstoffe aufgenommen werden können.

Die Häufigkeitsangaben für eine Zöliakie schwanken zwischen einem von 70 bis einem von 200 Menschen in den meisten Ländern der Welt. In Deutschland ist etwa jeder 100ste von einer Zöliakie betroffen.

Der Zeitpunkt der Erstdiagnose ist sehr unterschiedlich. So kann die Zöliakie bereits bei Säuglingen mit dem Beginn der ersten Beikost auffallen oder erst im Erwachsenenalter symptomatisch werden – hier meist zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr.

Was ist Gluten?

Gluten ist das vorherrschende Eiweiß in Getreiden wie Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel. Für uns ist Gluten vor allem wegen seiner teigbildenden Eigenschaft beim Backen bedeutend. Wird das Getreide zu Mehl gemahlen und mit Wasser vermischt, erhält es dank der beiden Glutenbestandteile Gliadin und Glutenin seine typische zähe Masse. Daher wird Gluten auch als "Klebereiweiß" bezeichnet. Gliadin und Glutenin sorgen durch ihre Struktur zusätzlich dafür, dass Brot und Gebäckteig locker werden und aufgehen.

Gluten wird nicht vollständig im Magen und oberen Dünndarm verdaut. Die Dünndarmschleimhaut nimmt die unverdauten Glutenbruckstücke (sogenannte Glutenpeptide) auf.

Schematische Darstellung vom Darm

Was passiert bei Zöliakie im Darm?

Die aufgenommene Nahrung wird im Dünndarm in ihre Bestandteile zerlegt. Die Nährstoffe werden anschließend über die Dünndarmschleimhaut aufgenommen. Liegt eine Zöliakie vor, reagiert die körpereigenen Abwehr auf die ebenfalls so aufgenommenen Bruchstücke des Glutens irrtümlicherweise wie auf Bakterien oder andere feindliche Eindringlinge. Es kommt zu einer Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Zusätzlich richtet sich die Körperabwehr auch noch gegen Bestandteile der Dünndarmschleimhaut, an die Gluten bindet.

Hält diese Entzündung länger an, weil nicht auf Gluten verzichtet wird, bilden sich die Ausstülpungen der Dünndarmschleimhaut, die sogenannten Schleimhautzotten, mit der Zeit zurück. Damit verringert sich die Oberfläche der Darmschleimhaut und es werden weniger Nährstoffe aus der Nahrung aufgenommen.

Bei schwerem Verlauf können die verschiedenen Nahrungsbestandteile (zum Beispiel Fette, Eiweiß, Milchzucker, Kalzium, Eisen, Vitamine) damit nur noch unzureichend verwertet werden. Das kann unter anderem zu Mangelerscheinungen wie Blutarmut oder Knochenschwund führen. Darüber hinaus können Kinder unter Entwicklungsstörungen wie Wachstumsverzögerungen oder verzögerte Pubertät und erwachsene Frauen unter Unfruchtbarkeit leiden. Menschen, die an Zölikie leiden und sich nicht glutenfrei ernähren haben nach jahre- bis jahrzehntelangem Krankheitsverlauf zudem ein erhöhtes Risiko, an sonst seltenen, bösartigen Dünndarmtumoren, einem Adenokarzinom oder dem sogenannten intestinalen T-Zell-Lymphom zur erkranken.

Symptome: Welche Beschwerden können bei einer Zöliakie auftreten?

Die Zöliakie ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Ärzte nennen sie daher auch ein "Chamäleon der Medizin". Die Symptomatik der Zöliakie kann sehr unterschiedlich sein. Manche Personen leiden stark unter den Symptomen, sobald sie auch nur ein bisschen Gluten konsumieren. Andere merken über Jahre nichts von ihrer Erkrankung, obwohl sie sich nicht glutenfrei ernähren. Bei einigen Patienten treten typische Symptome wie Durchfall, Gewichtsverlust oder fettige Stühle auf. Andere leiden unter Hautveränderungen (Dermatitis herpetiformis Duhring) oder immer wiederkehrenden Aphten im Mund. Bei wieder anderen weisen nur indirekte Zeichen wie eine Blutarmut, eine Osteoporose (Knochenschwund), eine Unfruchtbarkeit oder Allgemeinsymptome wie Bauchschmerzen, Müdigkeit und Gelenkschmerzen auf eine Zöliakie hin. Auch zu Mangelerscheinungen (zum Beispiel an Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D, Kalzium oder Eisen) kann es kommen. Vor allem Jugendliche und Erwachsene haben häufig kaum Beschwerden, obwohl an der Dünndarmschleimhaut ausgeprägte und für eine Zöliakie typische Veränderungen nachweisbar sind. Ebenso finden sich häufig lediglich von der Norm abweichende Blutwerte, wie zum Beispiel unerklärlich erhöhte Leberwerte. Erst wenn diese Patienten eine glutenfreie Diät einhalten, stellen sie auch eine Besserung von Beschwerden fest.

 

Klassischer Verlauf am häufigsten im Baby und Kleinkindalter

Bei Babys fällt die Erkrankung oft auf, wenn die Kleinen das erste Mal Getreideprodukte in Form von Brei erhalten. Wenige Wochen bis Monate später, also häufig im Alter zwischen sechs Monaten und einem Jahr, können dann die klassischen Symptome einer Zöliakie auftreten:

  • Blähungen
  • chronische Durchfälle
  • großvolumige, übelriechende und durch die gestörte Fettverdauung glänzende Stühle

Weitere Symptome sind:

  • Appetitlosigkeit
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Gewichtsverlust
  • Muskelschwäche
  • Abgeschlagenheit
  • ausladender, geblähter Bauch
  • schlechte Laune, Weinerlichkeit, psychische Veränderungen
  • schlechter Schlaf
  • Wachstums- und Entwicklungsstörungen

Welche Symptome tatsächlich auftreten, ist jedoch sehr unterschiedlich. Teilweise verläuft die Krankheit so unauffällig, dass sie über viele Jahre unentdeckt bleibt.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen verläuft die Zöliakie oft symptomarm

Da die Zöliakie bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen häufig nur zu unspezifischen Beschwerden führt oder sogar gar keine offensichtlichen Symptome auslöst, vergeht nicht selten eine lange Zeit, bis die Krankheit erkannt wird. So weisen Anzeichen wie Bauchschmerzen, unregelmäßiger Stuhlgang oder Wachstumsverzögerungen bei Jugendlichen nicht eindeutig auf eine Zöliakie hin. Teilweise zeigt sich die Unverträglichkeit auch nur indirekt durch die Folgen einer Mangelernährung. Ein Eisenmangel kann beispielsweise zu Blutarmut führen, eine verminderte Kalziumaufnahme im Darm kann in eine Osteoporose münden. Bei jungen Frauen können eine ungeklärte Unfruchtbarkeit oder gehäufte Fehlgeburten auf eine Zöliakie hinweisen. Ausserdem muss auch bei bestimmten Autoimmunerkrankungen an eine Zöliakie gedacht werden.

Bei folgenden Krankheiten und Symptomen sollte der Arzt unter anderem abklären, ob eventuell auch eine Zöliakie vorliegen könnte:

  • Diabetes mellitus Typ 1
  • Hashimoto-Thyreoiditis/Schilddrüsenunterfunktion
  • Autoimmunhepatitis
  • primär biliäre Zirrhose
  • Eisenmangelanämie ohne andere Erklärung
  • Dermatitis herpetiformis Duhring
  • Rheumatische Erkrankungen
  • wiederkehrende Aphten
  • Laktoseunverträglichkeit
  • Depressionen
  • chronische Müdigkeit
  • unklare Leberwerterhöhungen
  • Osteoporose
  • Osteomalazie
  • Reizdarmsyndrom
  • selektiver IgA-Mangel
  • Unfruchtbarkeit oder häufige Fehlgeburten bei jungen Frauen
  • Down-Syndrom
  • Turner-Syndrom

Formen der Zöliakie

Folgende Formen werden unterschieden:

  • klassische Zöliakie

Die klassische Zöliakie zeigt sich insbesondere im Kleinkindalter beim Verzehr von glutenhaltiger Nahrung mit den Symptomen:

  • aufgetriebener Bauch
  • voluminöse, übelriechende, fettglänzende Durchfälle
  • Verhaltensveränderung, zum Beispiel Weinerlichkeit
  • Gedeih- und Wachstumsstörung
  • Mangelerscheinungen wie Eisenmangel

Unter glutenfreier Kost verschwinden die Beschwerden rasch.

  • (gering) symptomatische Zöliakie

Die symptomatische Zöliakie verläuft oft deutlich dezenter und wird daher häufig erst spät entdeckt. Teilweise stehen auch Symptome im Vordergrund, die nichts mit dem Magen-Darm-Trakt zu tun haben. Diese Unterform der symptomatischen Zöliakie wurde früher als atypische Zöliakie bezeichnet.

Symptome können zum Beispiel sein:

  • Blähungen
  • Verdauungsstörungen
  • Wechsel der Stuhlgewohnheiten (zum Beispiel Durchfälle oder Verstopfung)
  • Schlaflosigkeit, Müdigkeit
  • Depressionen

Teilweise wird die (gering) symptomatische Zöliakie zufällig bei der Abklärung von erhöhten Leberwerten, zu geringen Eisenwerten oder aber Schilddrüsenfunktionsstörungen entdeckt. Glutenfreie Kost führt zum Abklingen der Beschwerden.

  • subklinische Verlaufsform der Zöliakie

Bei diesen Personen fallen keine Krankheitszeichen auf. Es finden sich jedoch die typischen Antikörper im Blut (siehe unten) sowie zöliakie-spezifische Veränderungen in der Dünndarmschleimhaut. Eine glutenfreie Ernährung ist daher trotzdem nötig. Die meisten Patienten mit subklinischer Zöliakie stellen dann fest, dass sie sich ohne Gluten besser fühlen, obwohl sie vorher keine Symptome beklagten.

  • refraktäre Zöliakie

Bei der refraktären Zöliakie Typ 2 halten die Symptome trotz streng glutenfreier Diät über mindestens ein Jahr hinweg an oder treten erneut wieder auf. In der Regel handelt es sich bei den Betroffenen um Erwachsene jenseits des 50 Lebensjahres. Diese Personen sollten in einem spezialisierten Zentrum untersucht und therapiert werden, auch wegen des erhöhten Risikos für eine seltene Krebsart im Darm (intestinales T-Zell-Lymphom).

Abzugrenzen ist die refraktäre Zöliakie Typ 1, bei der wahrscheinlich nur eine stark erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Gluten vorliegt. Sie ist meist mit Medikamenten, die auch bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt werden, gut zu behandeln.

  • potentielle Zöliakie

Diese Diagnose ist meist ein Zufallsbefund oder das Ergebnis einer Testung Verwandter von Zöliakiepatienten. Die betroffenen Personen haben meistens kaum oder keine Beschwerden. Unter glutenhaltiger Ernährung lassen sich entsprechende Antikörper, aber keine zöliakietypischen Veränderungen der Dünndarmschleimhaut nachweisen. Bei stärkerer Glutenbelastung kann sich eventuell eine Zöliakie ausbilden. Diese Personen sollten daher überwacht und Antikörper und Dünndarmschleimhautbefund regelmäßig kontrolliert werden. Bilden sich entsprechende Veränderungen aus, sollte auf glutenfreie Kost umgestellt werden.

Ursachen: Woher kommt eine Zöliakie?

Verschiedene Faktoren spielen bei der Entstehung der Zöliakie eine Rolle. Zwei Voraussetzungen müssen auf jeden Fall gegeben sein, damit eine Person erkrankt:

Voraussetzung 1: Genetische Veranlagung

Eine genetische Veranlagung, die bei 30 bis 40 Prozent der Bevölkerungen vorkommt, erhöht das Risiko, an einer Zöliakie zu erkranken um das dreifache. Es handelt sich dabei um das Vorhandensein bestimmter Oberflächenmerkmale auf Immunzellen: den Eiweißen HLA-DQ2 oder HLA-DQ8. Finden sie sich nicht, kann der Arzt eine Zöliakie  ausschließen.

Durch die erwähnte genetische Voraussetzung besteht eine familiäre Veranlagung für die Zöliakie. Ist bereits ein Verwandter ersten Grades (Geschwister, Eltern oder Kinder) an einer Zöliakie erkrankt, besteht für die Familienmitglieder ebenfalls ein erhöhtes Risiko (zirka 10 bis 15 Prozent), eine Zöliakie zu haben oder zu entwickeln.

Voraussetzung 2: Autoimmunreaktion

Gluten wird nicht komplett verdaut. Unverdaute Bruchstücke der Glutenmoleküle werden von der Dünndarmschleimhaut aufgenommen und können von den Immunzellen von Personen, die über HLA-DQ2 oder -DQ8 verfügen, präsentiert und fälschlicherweise als "Feind" erkannt werden – ähnlich einem Erreger einer bakteriellen oder viralen Infektion. Die Aktivierung des Immunsystems erfolgt noch ausgeprägter, wenn die Glutenbruchstücke mit dem körpereigenen Enzym Gewebetransglutaminase (tTG) reagieren, welches im gesamten Darm vorkommt. Gegen dieses Enzym entstehen dann auch Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper. Da sich diese Antikörper gegen körpereigenes Gewebe richten, spricht man von einer Autoimmunreaktion oder -krankheit.

Weitere Faktoren, welche die Entstehung einer Zöliakie möglicherweise begünstigen können sind zum Beispiel ein früher und massiver Glutenkontakt bei entsprechend genetisch veranlagten Kindern oder aber Darminfektionen.

Blutproben

Diagnose: Wie weist man eine Zöliakie nach?

Zu welchem Arzt sollte man gehen?

 

Beim Verdacht auf Zöliakie oder bei den oben genannten Beschwerden wendet man sich zunächst am besten an den Hausarzt oder wenn ein Baby oder Kind betroffen ist an den Kinderarzt. Beide können gegebenenfalls an einen Gastroenterologen oder eine spezialisierte Ambulanz weiterüberweisen.

Antikörpertest

Einen entscheidenden ersten Anhaltspunkt liefert der Nachweis von sogenannten Autoantikörpern gegen das Enzym Gewebetransglutaminase (tTG-IgA) im Blut. Sie lassen sich bei mehr als 97 Prozent der Patienten mit aktiver Zöliakie nachweisen, sofern sie nicht bereits über viele Monate hinweg glutenfrei essen. Seltener werden auch Antikörper gegen das sogenannte Endomysium (EMA-IgA) bestimmt, die einen ähnlich hohen Aussagewert haben.

Antikörper gegen den Glutenbaustein Gliadin (deaminierte Gliadinpeptide, DGP-IgG) sind die zweite Wahl und sollten nur zur Erstdiagnose einer Zöliakie verwendet werden, wenn ein IgA-Mangel vorliegt.

Wichtig: Der Antikörpertest aus dem Blut ist nur aussagekräftig, wenn die betroffene Person sich glutenhaltig ernährt oder sich erst seit wenigen Wochen glutenfrei ernährt hat. Unter glutenfreier oder sehr glutenarmer Kost normalisieren sich die Antikörperwerte nämlich. Sie fallen innerhalb von 30 bis 50 Tagen um die Hälfte des jeweiligen Ausgangswertes ab und sie sind dann bald nicht mehr nachweisbar.

Gleichzeitig sollte immer auch ein Gesamt-IgA-Wert bestimmt werden, um einen bei etwa drei bis sieben Prozent der Zöliakie-Patienten vorkommenden IgA-Mangel auszuschließen. Falls ein IgA-Mangel vorliegt, wäre ein negativer Test auf tTG-IgA nicht aussagekräftig. Statt der Immunglobuline A sollten dann Immunglobuline G gegen die Gewebstransglutaminase oder gegen deamidiertes Gliadin (IgG anti-DGP) bestimmt werden.

Biopsie

Konnte der Arzt Antikörper nachweisen, sollten Proben von der Dünndarmschleimhaut entnommen und auf die für Zöliakie typischen Veränderungen untersucht werden. Dazu ist eine Spiegelung von Magen und Dünndarm notwendig.

Mit Hilfe eines speziellen, schlauchartigen Gerätes (Endoskop) kann der Arzt bei einer Magenspiegelung den Magen und den oberen Dünndarm von innen betrachten. Er kann auch Gewebeproben (Biopsien) aus der Dünndarmschleimhaut entnehmen, die dann unter dem Mikroskop auf die typischen Veränderungen bei Zöliakie untersucht werden. Die Magenspiegelung findet üblicherweise ambulant statt, dauert etwa zehn Minuten und gilt als risikoarm.

Anhand einer Gewebeprobe aus der Dünndarmschleimhaut (Dünndarmbiopsie), sind unter dem Mikroskop die für eine Zöliakie typischen Veränderungen an der Schleimhaut erkennbar. Sie faltet sich nicht, wie normal, in zahlreiche Ausstülpungen auf, sondern diese Zotten wirken abgeflacht oder fehlen ganz. Zugleich kann es zu stark ausgeprägten Krypten (Schleimhautvertiefungen) und Ansammlungen von Lymphozyten (Immunzellen) innerhalb der Schleimhaut kommen.

Wann geht es ohne Biopsie?

Bei Kindern geht es manchmal ohne eine Dünndarmbiopsie. Wenn sie

  • über sehr hohe tTG-Antikörperwerte (mehr als das zehnfache erhöht) verfügen,
  • mehrfach erhöhte Endomysium-Antikörper aus unterschiedlichen Blutproben nachweisbar waren,
  • die genetische Testung ein Vorliegen von HLA-DQ2 oder -DQ8 ergab und
  • die Beschwerden unter glutenfreier Kost verschwinden

kann ihnen die Magenspiegelung erspart bleiben, da sich die Diagnose auch so stellen lässt.

Was ist mit Selbsttests auf Zöliakie für zuhause?

Selbsttests aus der Apotheke, dem Internet oder Drogerien können die Diagnose Zöliakie nicht stellen. Aus einem einfachen Grund: Im besten Fall weisen Sie - bei korrekter Durchführung - Zöliakie-relevante Antikörper im Blut nach. Dies kann ein Hinweis auf Zöliakie sein, genügt allerdings alleine nicht für die Diagnose. Bei Erwachsenen ist grundsätzlich noch die Entnahme von Proben aus der Dünndarmschleimhaut gefordert, insbesondere, wenn die Symptome nur mässig ausgeprägt sind. Bei Kindern ist mindestens eine quantitative Antikörperbestimmung und noch weitere positive Blutwerte oder der Nachweis von HLA-DQ2 oder HLA-DQ8 notwendig, um die Diagnose Zöliakie zu stellen.

Ein negativer Selbsttest schließt wegen seiner Ungenauigkeit eine Zöliakie auch nicht sicher aus.

Deswegen: Wer wissen will, ob er an Zöliakie leidet oder nicht, sollte einen Arzt aufsuchen! Er kann nach der Diagnosestellung auch weitere Krankheiten ausschließen und zur Behandlung beraten.

Therapie: Wie lässt sich eine Zöliakie behandeln?

Die derzeit einzige Möglichkeit, eine Zöliakie zu behandeln ist eine strikt glutenfreie Diät, die der Patient sein Leben lang einhalten muss. Eine glutenfreie Ernährung führt anfangs in vielen Fällen zu einer erheblichen Umstellung, die normalerweise zusammen mit einem/r Ernährungsberater/in stattfindet – auch, damit es nicht zu einer einseitigen Ernährung kommt. Zunächst etwas häufiger, später alle ein bis zwei Jahre sollte eine Kontrolle beim Arzt erfolgen.

Auch ohne Gluten kann sich ein Mensch so ausgewogen ernähren, dass er alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge zu sich nimmt. Deshalb sind Nahrungsergänzungsmittel nur sehr selten – gegebenenfalls in den ersten Wochen bis Monaten einer glutenfreien Diät – nötig. Bestehen Defizite, zum Beispiel an Eisen, Kalzium, Magnesium, Vitamin B12, Folsäure oder Vitamin D, dann sollte der Patient in Absprache mit dem Arzt und/oder dem Ernährungsberater die fehlenden Nährstoffe allerdings über einige Wochen oder auch längerfristig zusätzlich zuführen.

Einige Menschen, die an einer Zöliakie leiden, können Fett und Milchzucker nur eingeschränkt verdauen und bekommen deshalb zusätzlich Probleme wie Durchfall oder Blähungen. Es kann bei ihnen erforderlich sein, vorübergehend auf Fett und bestimmte Milchprodukte zu verzichten, bis sich die Darmschleimhaut unter der glutenfreien Diät wieder erholt hat.

Wie schnell nützt eine glutenfreie Ernährung?

 

Bei zirka zwei Drittel der Patienten bessern sich die Beschwerden unter glutenfreier Kost in etwa zwei Wochen. Auch die Veränderungen an der Darmschleimhaut bilden sich nach einigen Monaten normalerweise zurück: Die Entzündung lässt nach, die für die Nährstoffaufnahme so wichtigen Darmzotten bilden sich wieder aus. Das Risiko für Komplikationen und Langzeitfolgen sinkt bei einer streng glutenfreien Diät nach einigen Jahren auf Normalniveau. Auch das Risiko für eine Entartung der Dünndarmschleimhaut (intestinales Lymphom) bei einer spät diagnostizierten Zöliakie nimmt unter strikter glutenfreier Diät rasch ab.

Was bedeutet glutenfreie Ernährung? 

Glutenfreie Kost bedeutet, dass keine Produkte, die Gluten enthalten konsumiert werden dürfen. Das Klebereiweiß Gluten kommt unter anderem in folgenden Getreidesorten vor:

  • Weizen
  • Gerste
  • Roggen
  • Dinkel
  • Grünkern
  • Khorasan-Weizen
  • Emmer
  • Einkorn
  • Bulgur (einige Sorten)

Zöliakiekranke müssen diese Getreidesorten und Produkte, die diese enthalten meiden. Ist ein Produkt auf der Packung als glutenfrei deklariert, darf Gluten nicht in einer Menge enthalten sein, die einem Zöliakie-Patienten schaden könnte. Der vorgeschriebene Richtwert für glutenfreie Produkte liegt bei 20 Teile pro eine Million (parts per million) oder Milligramm pro Kilogramm.

Glutenfrei sind unter anderem:

  • Mais
  • Reis
  • Hirse
  • Soja
  • Sesam
  • Kartoffeln
  • Quinoa
  • Amarant
 

Hafer ist an sich glutenfrei, wird aber bei der normalen Ernte und Verarbeitung nicht selten mit Gluten kontaminiert. Daher sollten Zöliakiepatienten nur Hafer verwenden, der aufgrund der Herstellungsprozesse als glutenfrei deklariert ist.

Wichtig: Auch wenn die Darmkrankheit mild oder vermeintlich symptomlos verläuft, sollte der Patient strikt auf Gluten verzichten. Denn sonst besteht die Entzündung in der Darmschleimhaut weiter – mit der Gefahr langfristiger Komplikationen, wie einem Nährstoffmangel mit seinen Folgen wie Kleinwuchs, Osteoporose oder verminderte Leistungsfähigkeit, oder im schlimmsten Fall der Entstehung des oben erwähnten Dünndarmkrebses (intestinales Lymphom, Adenokarzinom).

Komorbiditäten

Die Zöliakie kommt nicht selten zusammen mit anderen Erkrankungen vor. Dies hat mit der zugrundeliegenden genetischen Veranlagung zu tun. Das Vorliegen von HLA-DQ2 und/oder HLA-DQ8 auf den Immunzellen begünstigt auch andere Autoimmunkrankheiten. Die fortgesetzte Zufuhr von Gluten kann das Risiko für die oft in Kombination mit der Zöliakie auftretenden Autoimmunkrankheiten noch erhöhen.

Zu den Krankheiten, die häufig gemeinsam mit einer Zöliakie auftreten, gehören unter anderem

  • Diabetes mellitus Typ 1
  • Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis, Basedow-Krankheit)
  • Autoimmunerkrankungen der Haut (Dermatitits herpetiformis)
  • Autoimmunhepatitis
  • primär biliäre Zirrhose
  • eine bestimmte Form des Haarausfalls (Alopecia areata)
  • Psoriasis
  • Rheumatoide Arthritis
  • weitere Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises.

Ferner tritt eine Zöliakie häufig bei anderen genetischen Erkrankungen auf (Down-Syndrom, Turner-Syndrom).

Prof. Dr. med. Dr. rer.nat. Detlef Schuppan

Beratender Experte

Prof. Dr.med. Dr.rer.nat. Detlef Schuppan ist Gastroenterologe und seit Dezember 2013 Leiter des Institutes für Translationale Immunologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Außerdem ist er Full Professor of Medicine in der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Beth Israel Deaconess Medical Center an der Harvard Medical School in Boston, USA.

Er studierte Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie anschließend Humanmedizin an der LMU München, der Philipps-Universität Marburg und der Freien Universität Berlin. 1982 Promotion am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München; 1986 Approbation als Arzt; 1989 Promotion in Medizin; 1992 Habilitation in Biochemie, 1996 in Innerer Medizin. Von 1992 bis 1997 war er Oberarzt der Notaufnahme und der Gastroenterologie im Klinikum B. Franklin der Freien Universität Berlin, von 1997 bis 2014 stellvertretender Klinikdirektor und leitender Oberarzt der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg. 2004 wurde er an die Harvard Medical School in Boston berufen. Dort war er klinisch tätig und forschte in der Gastroenterologie und Hepatologie. In dieser Zeit auch Ernennung zum Full Professor of Medicine. 2010 wurde er nach Deutschland zurückberufen.

Seine klinisch-wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Entwicklung neuer Diagnostika und spezifischer Therapien, unter anderem für Zöliakiem entzündliche Erkrankungen der Leber und des Darmes, Organfibrosen und solide Tumoren. Mit seinen Mitarbeitern entdeckte er unter anderem die Transglutaminase als Zöliakie-Autantigen. Professor Schuppan forscht auch zu atypischen Nahrungsmittelallergien als Ursache des Reizdarmsyndroms und zur ATI-Sensitvität als Verstärker von Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen. Klinisch hat er in Mainz ein Zentrum für Zöliakie, komplizierte Dünndarmerkrankungen, Reizdarm/Nahrungsmittelallergien und Autoimmunität etabliert. Er ist außerdem Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Zöliakiegesellschaft.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Quellen:

Schuppan D, Zimmer KP: Die Diagnose und Therapie der Zöliakie. In: Dtsch Arztebl Int. 2013, 110: 835-846.
Schuppan D: Zöliakie: Pathogenese, Klinik, Epidemiologie, Diagmostik und Therapie. In: Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2016, 59: 827-835.

Schuppan D, Gisbert-Schuppan K: Täglich Brot: Krank durch Weizen, Gluten und ATI, Springer Medizin, Heidelberg, 2018

Felber J, Aust D, Baas S et.al.: Ergebnisse einer S2k-Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) gemeinsam mit der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) zur Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität. In: Zeitschrift für Gastroenterologie 2014, 52: 711-743, Online:  https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2016/11/DGVS_Empfehlung_fuer_Zoeliakie.pdf (Abgerufen am 02.04.2019)

Henker, J, Aust D, Laaß, M: Zöliakie – das Chamäleon unter den Erkrankungen. Im Ärzteblatt Sachsen 7/2017. Online: https://www.slaek.de/media/dokumente/04presse/aerzteblatt/archiv/2011-2020/2017/07/0717_283.pdf (Abgerufen am 02.04.2019)

Deutsche Zöliakie Gesellschaft e.V.: https://www.dzg-online.de (Abgerufen am 02.04.2019)