Es knallt. Dann geht erst mal nichts mehr. Reißt die Achillessehne, kann man das tatsächlich oft hören. Ab diesem Moment brauchen Patienten viel Geduld und Disziplin: Denn bis alles wieder wie vorher ist, dauert es etwa ein Jahr. Und das gelingt auch nur, wenn man gewissenhaft trainiert. Neben den Schmerzen und der vorübergehenden Unbeweglichkeit, die eine solche Verletzung mit sich bringt, ist das Dranbleiben die größte Herausforderung.

Am häufigsten reißt die dickste Sehne des Körpers bei Männern zwischen 30 und 50 Jahren, während sie Sport treiben. Jedes Jahr ereignen sich rund 20 Fälle pro 100.000 Einwohner. Tendenz steigend. "Oft trifft es Männer, die es noch mal wissen wollen", sagt Dr. Manfred Thomas, Orthopäde und Fußchirurg in der Hessingpark-Clinic Augsburg. In der Regel sind das Männer, die früher viel Sport getrieben haben, und dann noch mal starten, etwa wenn sie zum zweiten Mal Vater geworden sind und die Familienplanung abgeschlossen ist. "Sie gehen dann gleich auf Maximalbelastung – zu viel für ihren Trainingszustand", so der Chirurg.

Risikosportarten: Fußball, Handball und Tennis

Sportarten, bei denen die Achillessehne häufig verletzt wird, sind Fußball, Handball, Tennis, Squash, Basketball. Alles Disziplinen, in denen man ruckartig losläuft, sich schnell mit viel Kraft auf den Beinen dreht oder springt. Die Achillessehne ist zwar dick und stark, doch es wirken auch immense Kräfte auf sie. "Diese Sehne hält etwa das 25-Fache des Körpergewichts aus", sagt Dr. Hans Polzer, leitender Fuß- und Sprunggelenkchirurg der Klinik für Allgemeine, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum München. Bei höherer Belastung droht ein Riss.

Zeigt die Sehne bereits Verschleißspuren, kann das die Verletzung begünstigen. Als Ursache kommen etwa Mikrorisse und Durchblutungsstörungen oder Erkrankungen wie Diabetes infrage. Und auch einige Medikamente sind dafür bekannt, das Risiko zu erhöhen, beispielsweise Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone. Im Alter ändert sich die Zusammensetzung der Sehne – sie verliert an Stabilität. "Die genauen Ursachen, die den Ausschlag für einen Riss geben, sind im Detail noch nicht verstanden", sagt Polzer.

Über die beste Art, die Verletzung zu versorgen, gibt es verschiedene Ansichten. Am häufigsten gehen Chirurgen mittlerweile minimal-invasiv vor (siehe Bildergalerie): Sie setzen mehrere kleine Schnitte, durch die sie die Sehne mit speziellen Instrumenten unter der Haut vernähen. Vorteil: Es treten weniger Wundheilungsstörungen auf. Diese sind die größte Gefahr bei einer offenen Operation, denn der Chirurg muss dabei einen etwa 15 Zentimeter langen Schnitt setzen.

Unter der Haut vernäht

Mögliche Folgen: Schlechte Wundheilung und Nervenschmerzen

Das Problem: Die Sehne liegt direkt unter der Haut, nur von wenig  weichem Gewebe umhüllt, und ist schlecht durchblutet. Da passiert es  leicht, dass die Wunde nicht gut heilt. "Das kann größere Eingriffe zur  Folge haben, bei denen man Haut aus anderen Körperteilen verpflanzen  muss", erklärt Polzer.

Bei der minimal-invasiven Methode, auch  perkutane Technik genannt, besteht ein anderes, gar nicht so seltenes  Risiko. "Der Suralis-Nerv, der direkt neben der Sehne verläuft, wird in  rund 5 von 100 Fällen verletzt", sagt Fußchirurg Thomas. Die Folgen:  Nervenschmerzen an der betroffenen Stelle oder ein Taubheitsgefühl,  falls der Nerv zerstört wurde.

Wenn der Sehnenriss bereits einige  Wochen alt ist oder die Stumpfenden auseinandergerutscht sind, lässt  sich eine offene Operation kaum umgehen. "So sieht man die Sehne am  besten", sagt Manfred Thomas. Schließlich ist eine Sehne eine ziemlich  faserige Angelegenheit. "Nach einem Riss muss man sich die Enden wie  einen Pferdeschwanz vorstellen", sagt Fußchirurg Polzer.

Achillessehne: Verbindung zwischen Wadenmuskel und Fersenknochen

Achillessehne: Verbindung zwischen Wadenmuskel und Fersenknochen

Heilung auch ohne OP möglich

Einige Operateure bevorzugen mini-offene Eingriffe, eine Mischung aus  beiden Methoden. Thomas: "Da ist die Naht über dem Riss etwa fünf  Zentimeter lang." Es  geht aber auch ohne OP. Der Fuß wird dann nur in  gestreckter Form – wie  auf Zehenspitzen stehend – ruhiggestellt. Die  Idee dahinter: Die  gerissenen Sehnenenden liegen nun eng aneinander und  können wieder  zusammenwachsen. Die Variante kam vor rund 20 Jahren in  Mode, um das  Wundheilungsproblem zu lösen.

Allerdings  zeigte sich nach einiger Zeit, dass die Vorteile dieser  Behandlung nicht  so groß waren, als dass diese sich als Standard  durchgesetzt hätte.  "Nicht selten verlängert sich dabei die Sehne. Dann  fehlt die Spannung",  sagt Thomas. Kleinste Bewegungen, die sich auch  in ruhig gestellter  Form nicht vermeiden lassen, und die Narbe selbst  führen dazu.

In so  einem Fall kann man nicht mehr viel machen. Der Patient bleibt  auf Dauer  eingeschränkt. Ist die Sehne erst einmal zu lang, lässt sich  die Kraft  aus den Wadenmuskeln nicht mehr übertragen. Laufen oder gar  Springen  sind passé.

Wichtig für Patienten

Begrenztes Zeitfenster: Um Ihr früheres Trainingsniveau wiederzuerlangen, haben Sie nach der Operation etwa ein Jahr Zeit. "Danach geht erfahrungsgemäß nichts mehr", sagt Fußchirurg Polzer. Was Sie bis dahin nicht geschafft haben, lässt sich später kaum noch erreichen.

Also gehen Sie nach der Operation konsequent zur Physiotherapie. Lassen Sie sich dort auch beraten, wie sinnvolles regelmäßiges Training aussieht, selbst wenn Sie bereits wieder normal gehen können.

Ein weiteres Handicap: Patienten, die nicht operiert  wurden, muss  man sehr engmaschig kontrollieren. "Am Anfang ist jeden  zweiten Tag ein  Ultraschall nötig, um sicherzustellen, dass die  Sehnenenden richtig  aneinanderwachsen", sagt Polzer. Das Risiko für  einen erneuten Riss,  bei dem dann doch operiert werden muss, scheint  auch höher zu sein als  bei minimal-invasiven Eingriffen. Exakte Zahlen  gibt es dazu allerdings  nicht.

Nach OP: Fuß wieder belasten

Ob Patienten nach einem  Achillessehnenriss wieder genauso Fußball  oder Squash spielen können wie  vorher, hängt sehr davon ab, wie sich  die Rehaphase gestaltet und wie  gewissenhaft und intensiv sie Muskeln  und Standfestigkeit trainieren.  Denn das Training endet längst nicht  dann, wenn der verletzte Fuß im  Alltag wieder einigermaßen belastbar  ist.

Wer früher noch sechs  Wochen in einem Gips in spitzer Fußstellung  ruhig gestellt wurde, muss  heute schon sehr viel früher ran. Manche  Operateure sind der Meinung,  dass der Fuß sogar unmittelbar nach dem  Eingriff belastet werden soll.  Die Patienten tragen sofort einen  Spezialstiefel, in dem man den Winkel  für die Fußstellung verändern  kann. Auch wie viel Gewicht auf dem Fuß  lasten soll, lässt sich  regulieren. Im Normalfall wird der Fuß  allerdings zwei Wochen in  Spitzfußposition mit einer Schiene fixiert,  bevor das sich stetig  steigernde Belasten beginnt.

"Weil die  Patienten in kurzer Zeit viel Muskulatur verlieren, müssen  sie gleich  nach dem Eingriff beginnen, die Muskeln zu kräftigen",  erklärt Thomas.  Lymphdrainagen gegen Schwellungen und Krankengymnastik  stehen so lange  auf dem Programm, bis der Fuß voll belastet werden  kann. Dann folgt eine  Schulung, um wieder richtig gehen zu lernen. All  das braucht Zeit.

Mit  rund zehn Wochen Physiotherapie sollten Betroffene mindestens  rechnen.  Heilt die Sehne gut, kann man nach drei bis vier Monaten  gemäßigt Sport  treiben. Nach einem Jahr schließlich sollten die  Patienten mit dem  operierten Bein wieder auf Zehenspitzen stehen und  auf und ab wippen  können. Das ist der letzte Test. Gelingt er, können  sie wieder auf den  Platz. Und das ohne Bedenken.

Tipps für die optimale Behandlung

Ist Ihre Achillessehne gerissen, lassen Sie sich wenn möglich in einem Zentrum behandeln, in dem solche Operationen häufig gemacht werden. Die entsprechenden Fachleute heißen Fuß- und Sprunggelenkchirurgen.

Die Klinik oder das Zentrum, in dem Sie versorgt werden, sollte ein Konzept für die Nachbehandlung anbieten. Das ist wichtig. Ein gelungener Eingriff ist nur der erste Schritt. Ob die Sehne hinterher wieder so belastbar ist wie vorher, hängt dagegen sehr davon ab, wie die Rehaphase gestaltet wird.

Wer nach der Operation eine Gehhilfe benötigt, kann einen Fuß-Entlastungsrollator benutzen. Vor allem Patienten, die zusätzlich Probleme mit Handgelenken oder Schulter haben, hilft der elektrisch betriebene Wagen, weil sie mit ihm die betroffenen Stellen weniger belasten als mit Krücken.