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Was ist RSV?

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist Auslöser von Erkrankungen der unteren und oberen Atemwege sowie Mittelohrentzündungen. Es wird hauptsächlich durch Tröpfchen übertragen, aber auch eine Schmierinfektion ist möglich, zum Beispiel über gemeinsam genutzte Gegenstände oder ungewaschene Hände.

Die Erkrankung tritt gehäuft im Winter auf. Das Erkältungsvirus ist weltweit verbreitet; bis zum Ende des zweiten Lebensjahres haben sich in der Regel alle Kinder mit dem Virus infiziert. Eine lebenslange Immunität besteht allerdings nicht, man kann sich auch mehrmals mit RSV anstecken.

Ist eine RSV-Infektion gefährlich?

Eine Infektion mit dem RS-Virus kann ganz unterschiedlich verlaufen: Von einer unkomplizierten Erkältung mit Husten, Schnupfen und Halsschmerzen bis hin zu einer schweren beatmungspflichtigen Atemwegserkrankung, wenn das Virus die unteren Atemwege angreift. In seltenen Fällen kann eine Infektion zum Tod führen.

Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben Frühgeborene, Säuglinge unter sechs Monaten sowie Kinder mit Herzfehlern und Lungenerkrankungen. Durch die Entzündung der unteren Atemwege und die erhöhte Schleimproduktion kann es zu einer Verengung der Atemwege bis hin zu Atemnot und Atemaussetzern kommen. Betroffene Säuglinge sind in einer schlechten Verfassung, haben Probleme ausreichend zu trinken oder können erbrechen. In Deutschland müssen jährlich etwa 25.000 Säuglinge wegen RSV im Krankenhaus und 200.000 ambulant behandelt werden.

Weitere Risikogruppen für schwere Verläufe sind an Herz oder Lunge vorerkrankte Erwachsene, Menschen mit Immunschwäche sowie Menschen über 65 Jahre. Bei Gesunden, die bereits RSV-Infektionen durchgemacht haben, verlaufen die weiteren Infektionen oft mit milden Symptomen oder gar asymptomatisch.

Eine ursächliche Behandlung bei RSV-Infektion gibt es nicht. Es werden nur die Symptome behandelt.

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RSV: „Atembeschwerden sind ein Warnsignal“

Bis zum dritten Lebensjahr infizieren sich fast alle Kinder mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Kinderärztin Dr. Henriette Rudolph erklärt, warum das Virus bedrohlich sein kann. zum Artikel

Was empfiehlt nun die STIKO zu RSV?

Bisher haben kinderärztliche Fachgesellschaften eine Antikörpergabe nur für Säuglinge mit bestimmten Risikofaktoren empfohlen, etwa Herz- oder Lungenerkrankungen. Seit Ende Juni 2024 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) allen Neugeborenen und Säuglingen eine passive Immunisierung mit dem Antikörper Nirsevimab in ihrer ersten RSV-Saison. Die Saison erstreckt sich in der Regel von Oktober bis März.

Die RSV-Prophylaxe mit dem Antikörper soll einmalig in den Muskel gespritzt werden. Die Dosis ist vom Gewicht des Säuglings abhängig. Wann der Antikörper verabreicht wird, hängt davon ab, in welchem Monat das Kind geboren ist:

  • Bei Geburt zwischen April und September soll die Antikörpergabe im Herbst, vor der ersten RSV-Saison erfolgen
  • Bei Geburt in der RSV-Saison (also meist Oktober bis März) sollen die Antikörper möglichst rasch nach der Geburt verabreicht werden, zum Beispiel, kurz bevor Mutter und Kind aus der Geburtsklinik entlassen werden oder bei der U2-Untersuchung in den ersten Lebenstagen.
  • Eine versäumte Gabe sollte innerhalb der ersten RSV-Saison so schnell wie möglich nachgeholt werden.

Die Antikörper können auch zusammen mit anderen Impfungen verabreicht werden. Säuglinge die bereits eine im Labor bestätigte RSV-Infektion hatten, brauchen laut RKI in der Regel keine weitere Prophylaxe.

Warum empfiehlt die STIKO die Immunisierung nun allen Kindern?

Frühgeborene und vorerkrankte Säuglinge machen nur 3,5 Prozent der Kinder in der Altersgruppe aus, haben aber mit 20 Prozent einen verhältnismäßig hohen Anteil an den Fällen schwerer RSV-Erkrankungen. Aber: „Da bleiben 80 Prozent der Kinder mit schweren RSV-Infektionen, die zuvor eigentlich gesund sind. Und damit sind sie mengenmäßig einfach der größere Anteil der Kinder, die wir in den Kinderkliniken sehen und behandeln“, sagt Dr. Julia Tabatabai, Kinderärztin am Universitätsklinikum Heidelberg und Mitglied der STIKO, bei einer Presseveranstaltung des Science Media Centers.

„Sowohl in der Kinderarztpraxis als auch in den Kinderkliniken ist die jährliche RSV-Saison eine riesige Herausforderung“, fügt Prof. Dr. Johannes Liese, Leiter der pädiatrischen Infektiologie und Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg hinzu. Besonders stark seien die beiden ersten RSV-Saisons nach der Corona-Pandemie gewesen. Kinder konnten zu der Zeit nicht mehr stationär aufgenommen werden, obwohl dies eigentlich nötig gewesen wäre und mussten teilweise in andere Kliniken verlegt werden, so Liese. Eine Immunisierung könnte das Gesundheitssystem entlasten.

Was ist Nirsevimab?

Nirsevimab ist ein Antikörper zur Vorbeugung von RSV-Erkrankungen der unteren Atemwege bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern. Er steht seit Herbst 2023 zur Verfügung. Anders als sein Vorgänger Palivizumab, der bereits seit über 20 Jahren bei Kindern mit bestimmten Vorerkrankungen eingesetzt wird, muss Nirsevimab nur einmal pro Saison verabreicht werden (Palivizumab muss monatlich in der RSV-Saison gespritzt werden).

Antikörper sind Eiweiße, die genau auf bestimmte Antigene (zum Beispiel Teile eines Virus) passen und an sie andocken können. Nirsevimab dockt etwa an ein bestimmtes Protein des RS-Virus an und verhindert, dass das Virus mit der Zelle verschmilzt beziehungsweise, dass infizierte Zellen mit gesunden verschmelzen. Das verhindert die Ausbreitung des Virus im Körper.

Auch unser Immunsystem stellt Antikörper her, wenn es – durch eine Infektion oder Impfung – mit einem Erreger in Kontakt kommt. Dieser Vorgang dauert allerdings einige Zeit. Der Vorteil einer direkten Antikörper-Gabe ist, dass sich der Körper sofort gegen einen Erreger wehren kann. Der Vorgang wird auch passive Immunisierung genannt, weil das Immunsystem nicht aktiv gefordert wird. Nach einer aktiven Immunisierung, also zum Beispiel einer Impfung, braucht es einige Zeit, bis der Immunschutz aufgebaut ist. Manchmal sind auch mehrere Dosen eines Impfstoffs nötig. Dafür hält der Schutz aber jahre- oder sogar lebenslang an. Eine passive Immunisierung hat den Nachteil, dass der Schutz nicht so lange anhält. Nirsevimab soll mindestens sechs Monate vor einem schweren RSV-Verlauf schützen.

In Studien zeigte Nirsevimab eine Schutzwirkung gegen schwere RSV-Verläufe von etwa 80 Prozent. Zudem gibt es auch Erfahrungen aus anderen Ländern, die solche Immunisierungsprogramme eingeführt haben, etwa Spanien, die USA oder Luxemburg. Auch hier konnte bestätigt werden, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen durch die Immunisierung zurückgeht.

Hat die Immunisierung gegen RSV Nebenwirkungen?

„Wie bei allen Injektionen kann eine Rötung, Schwellung oder Schmerzen im Bereich der Einstichstelle auftreten“, sagt Julia Tabatabai. Auch Hautausschlag und Fieber werden als häufigere Nebenwirkungen beschrieben. „Ansonsten wurde das Arzneimittel als sehr sicher eingestuft“, so die Kinderärztin.

Bezahlt die Krankenkasse die Impfung?

Ab Herbst 2024 sollen gesetzliche Krankenkassen die Immunisierung gegen RSV wie von der STIKO empfohlen für alle Neugeborenen und Säuglinge bezahlen. Das teilte ein Sprecher des Bundesministeriums für Gesundheit auf Nachfrage der Apotheken Umschau mit.

Kann man sich auch in der Schwangerschaft impfen lassen, um das Kind zu schützen?

Seit 2023 sind zwei Impfstoffe gegen RSV verfügbar. Einer von beiden – Abrysvo – ist auch bei Schwangeren zum Schutz des Säuglings ab der Geburt zugelassen. Eine Empfehlung der STIKO für den Einsatz bei Schwangeren gibt es allerdings noch nicht, dazu fehle es derzeit noch an ausreichenden Daten. Ist die Mutter aber gegen RSV geimpft worden, zum Beispiel auf eigenen Wunsch oder Empfehlung ihres Arztes oder ihrer Ärztin, brauchen gesunde Kinder nach der Geburt in der Regel keine Antikörpergabe.

Können sich auch andere Risikogruppen impfen lassen?

Der Impfstoff Abrysvo sowie ein weiterer RSV-Impfstoff, Arexvy, sind für Menschen ab 60 Jahren zugelassen. Eine Empfehlung der STIKO zur Impfung älterer Menschen gibt es noch nicht.


Quellen:

  • Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie: Leitlinie zur Prophylaxe von schweren Erkrankungen durch Respiratory Syncytial Virus (RSV) bei Risikokindern. Leitlinie: 2023. (Abgerufen am 27.06.2024)

  • Robert Koch-Institut: RSV-Infektionen. https://www.rki.de/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • European Medicines Agency: Abrysvo (Respiratorischer Synzytial-Virus (RSV)-Impfstoff (bivalent, rekombinant)). https://www.ema.europa.eu/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • European Medicines Agency: Arexvy (Impfstoff gegen das respiratorische Synzytial- Virus (RSV) (rekombinant, adjuvantiert)). https://www.ema.europa.eu/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Aktive und passive Immunisierung - Was ist der Unterschied? . https://www.impfen-info.de/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • European Medicines Agency: Beyfortus. https://www.ema.europa.eu/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Schutzimpfungen. https://www.g-ba.de/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus). https://www.infektionsschutz.de/... (Abgerufen am 27.06.2024)
  • Robert Koch-Institut: 27. Juni 2024 26 2024 AKTUELLE DATEN UND INFORMATIONEN ZU INFEKTIONSKRANKHEITEN UND PUBLIC HEALTH Epidemiologisches Bulletin STIKO: Prophylaxe von RSV-Erkrankungen mit Nirsevimab bei Neugeborenen und Säuglingen. In: Epidemiologisches Bulletin 27.06.2024, 26: 1-33
  • Deutsches Ärzteblatt: RSV-Prophylaxe soll zum Herbst Kassenleistung werden. https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 16.07.2024)