Über zwei Jahre lang herrschte ein Ausnahmezustand. Weltweit hieß es seit dem Frühjahr 2020: Abstand halten, Mundschutz tragen und Menschenansammlungen meiden. Diese Maßnahmen dienten zwar vor allem dem Schutz vor SARS-CoV-2. Doch nebenbei schützten sie uns auch vor vielen anderen Erregern – wie zum Beispiel dem Influenzavirus, das die Grippe auslöst. Die erfreuliche Folge: In den vergangenen zwei Wintern – eigentlich klassische Grippe-Saison – waren die Zahlen der Grippe-Fälle hierzulande enorm niedrig. Doch in diesem Winter könnte alles anders werden, wie erste Hinweise zeigen.

Ungewöhnlich viele Grippe-Fälle im Raum München

„Wir hatten letzte Woche nicht nur eine für diese Zeit besonders hohe Zahl von Influenza-Testungen. Die Quote der positiven Ergebnisse der Tests war mit mehr als 30 Prozent auch außergewöhnlich hoch“, sagt Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer der süddeutschen Laborgemeinschaft Becker. Sonst bewege sich die Rate in dieser Jahreszeit eher im einstelligen Bereich.

Ein Teil des Anstiegs lässt sich laut Durner damit erklären, dass die Menschen bei Atemwegsbeschwerden nach zwei Jahren Pandemie eher sensibilisiert seien und früher zum Arzt gingen: „Vor der Pandemie hat man Symptome wie den saisonalen Husten und eine laufende Nase mit erhöhter Temperatur noch oft als schwere Erkältung abgetan“, sagt Durner. Heute mache man eher erst einmal einen SARS-CoV-2-Schnelltest und gehe dann sicherheitshalber zum Arzt. „Deshalb dürften die Ärzte in ihren Praxen zurzeit mehr von den Influenzafällen da draußen mitbekommen als sonst“, vermutet Durner.

Auch bundesweit deutlicher Anstieg

Das Robert Koch-Institut (RKI) sammelt Ergebnisse der Tests bei Atemwegsinfektionen aus teilnehmenden Praxen in ganz Deutschland. Dadurch, dass die Informationen erst zusammengeführt und ausgewertet werden müssen, sind die Daten des RKI nicht immer ganz so aktuell wie die Daten der einzelnen Labore.

Aber auch hier ist auf Anfrage der Apotheken Umschau bereits ein deutlicher Anstieg seit Ende September zu verzeichnen: Lag die Zahl der bundesweit gemeldeten Influenza-Fälle zwischen dem 19. und 25. September noch bei 278, so wurden in der ersten Oktoberwoche bereits 790 Fälle gemeldet. Zum Vergleich: Im gesamten Winter 2020/2021 wurden dem RKI gerade einmal 705 Influenza-Fälle gemeldet.

Und in der ersten Oktoberwoche 2019, also vor Corona-Zeiten, wurden nur 30 Influenza-Fälle gemeldet. Auch in den Jahren davor gab es in den Oktoberwochen selten mehr als 100 Meldungen. Normalerweise nimmt die Grippewelle erst später Fahrt auf, so war es auch 2019 geschehen: Erst in der zweiten Dezemberwoche 2019 gab es mit 692 gemeldeten Fällen eine ähnliche Zahl wie dieses Jahr Anfang Oktober.

Mehr Grippe-Testungen führen zu mehr Diagnosen

Einen Teil der Anstiege erklärt man sich auch beim RKI mit der erhöhten Aufmerksamkeit aufgrund von Covid-19. Kämen Patientinnen und Patienten mit entsprechenden Symptomen in die Praxis, werde neben einem Test auf Covid-19 sicher oft auch einer auf Influenza gemacht. Das steigere natürlich die Zahl der erfassten Influenza-Fälle.

Vollständig erklären ließe sich der starke Anstieg dadurch aber nicht. Zugleich zeigten die dem RKI vorliegenden Daten auch, dass sich derzeit „Atemwegsviren praktisch ungebremst in der Bevölkerung verbreiten können“, heißt es weiter. Vermutlich, weil die Schutzmaßnahmen aktuell stark zurückgefahren wurden.

Nachholeffekt: Mehr Infektionen durch fehlenden Influenza-Kontakt

Abgesehen davon, dass sich Viren dadurch wieder leichter ausbreiten können, gibt es auch eine Reihe medizinischer Gründe, warum es in diesem Winter zu einem weiteren deutlichen Anstieg der Influenza-Infektionen kommen könnte. Normalerweise stecken sich jedes Jahr laut RKI etwa fünf bis 20 Prozent der Bevölkderung mit Influenza an. Häufig verläuft die Infektion auch ohne Symptome – also ohne, dass man etwas davon merkt.

„Die Betroffenen sind dann meist auch für die nächsten Winter teilweise vor den neuen Influenza-Varianten geschützt, die ähnlich sind“, sagt Professor Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der medizinischen Fakultät der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. Und selbst wenn sie sich ansteckten, sei bei ihnen das Risiko für einen schweren Verlauf geringer. „Weil vor allem im vergangenen Winter kaum jemand mit Influenza Kontakt hatte, fehlt ein solcher Schutz derzeit weitgehend in der Bevölkerung“, erklärt der Epidemiologe.

Verlauf der Grippewelle hängt auch von Influenza-Variante ab

Steht uns also eine größere Grippewelle bevor? „Das ist gut möglich – aber noch lange nicht ausgemachte Sache. Denn wie stark und gefährlich eine Grippewelle ist, hängt mit vielen Faktoren zusammen“, sagt Mikolajczyk. Es komme auch zu einem großen Teil auf die Veränderungen an, die das Influenza-Virus jedes Jahr durchmacht.

Die kleineren Veränderungen – Drifts genannt – und die größeren Veränderungen – sogenannte Shifts – bestimmen nicht nur, inwieweit ein menschliches Immunsystem mit Vorerfahrung das Influenzavirus noch erkennt. Sie spielen auch eine entscheidende Rolle dabei, wie aggressiv die Grippe ist, die die jeweilige Influenza-Variante auslöst. „Das schwankt von Jahr zu Jahr stark. Ob im Winter eine mehr oder weniger veränderte oder aggressive Variante dominiert, spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie die Grippewelle verläuft“, sagt Mikolajczyk.

Hinzu komme die Wirksamkeit der saisonalen Grippe-Impfung: „Der für jede Saison neu entwickelte Influenza-Impfstoff ist immer nur eine versuchte Annäherung an die Variante, von der man glaubt, dass sie im kommenden Winter dominiert. Der Impfstoff kann diese Variante mal sehr gut treffen, und mal kann es weniger passen“, sagt Mikolajczyk. Auch hier spiele letztlich der Zufall mit hinein.

Womöglich gibt auch die zeitlich vorgelagerte Grippewelle in Australien Hinweise darauf, wie es in diesem Winter hierzulande weitergehen wird. Dort ist die Grippesaison gerade zu Ende gegangen: Tatsächlich kam die Grippewelle dort früher und der Anstieg war steiler als sonst.

Wie unterscheidet man Grippe- von Covid-19-Symptomen?

Gerade für Laien ist es nicht leicht, die Symptome von Covid-19 und einer Grippe zu unterscheiden, weil sie sich in beiden Fällen stark unterscheiden und teilweise stark ähneln können. Grob kann man sagen, dass die Beschwerden bei einer Influenza eher schlagartig kommen und mit hohem Fieber und einem starken Krankheitsgefühl einhergehen.

Geruchs- oder Geschmacksstörungen sind bei einer Grippe hingegen selten und kommen in der Regel nur bei einer verstopften Nase vor. Doch weil die Beschwerden bei beiden Erkrankungen stark variieren, wird künftig bei einem Arztbesuch wohl weiterhin häufig sowohl auf SARS-CoV-2 als auch auf das Influenza-Virus getestet.

Grippe-Impfung für Risikogruppen besonders wichtig

Influenza kann wie SARS-CoV-2 besonders für Risikogruppen mit bestimmten Krankheiten und für ältere Menschen gefährlich werden. Gerade sie sollten sich deshalb mit einer Impfung schützen. Angesichts der aktuell ebenfalls steigenden SARS-CoV-2-Fälle sind auch allgemeine Schutzmaßnahmen wie Abstand halten, gründliches Händewaschen und eventuell das Tragen einer FFP-2-Maske in geschlossenen Räumen sinnvoll.

Die jährliche Impfung gegen Grippe empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) für Menschen ab 60 Jahren und mit bestimmten Vorerkrankungen, werdenden Müttern ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, sowie Personen mit viel Kontakt zu anderen Menschen oder Risikogruppen. Die Impfung kann etwa in der hausärztlichen Praxis oder auch in der Apotheke erfolgen.

Der Impfstoff wird jedes Jahr neu zusammengesetzt. So will man Varianten des Influenza-Virus mit abdecken, von denen man erwartet, dass sie im bevorstehenden Winter häufiger sind. Aber selbst wenn sich andere Varianten durchsetzen, schützt die Impfung zumindest etwas. Die Influenza-Impfung kann übrigens gleichzeitig mit einer Covid-19-Impfung durchgeführt werden.

Anmerkung der Redaktion: Der Gesellschafter der Laborgemeinschaft Becker, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.

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