Logo der Apotheken Umschau

Nicht ohne Grund wird das Virus H5N1 auch als Vogelgrippe bezeichnet. Denn H5N1 befiel lange Zeit vor allem Vögel. Nur vereinzelt sprang der Erreger auf andere Tiere über, 1997 wurde das erste Mal in Hongkong beobachtet, dass sich ein Mensch mit H5N1 von Vögeln infiziert hatte. In den letzten Jahren hat sich das Virus geographisch stark ausgebreitet und wurde von Vögeln auf etliche andere Säugetiere übertragen – darunter Robben, Füchse, Otter, Bären, sogar Hauskatzen, die dann oftmals verendeten.

H5N1 scheint sehr anpassungsfähig zu sein. Die Befürchtung ist, dass ein Virus, das auf einen Menschen übergesprungen ist, sich noch einmal derart verändert, dass es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Würde es dann über Tröpfcheninfektion übertragen, könnte es sich schnell ausbreiten.

Vor Kurzem wurde H5N1 in den USA in zahlreichen Rindern gefunden, Virusfragmente sind mittlerweile auch im texanischen Abwasser nachgewiesen. Das Virus in den Rindern hat offenbar bereits die Fähigkeit erlangt, von den Rindern auf den Menschen überzuspringen: In den USA haben sich bislang vier Mitarbeiter aus der Milchviehindustrie angesteckt, die engen Kontakt mit Rindern hatten.

Da es gut möglich ist, dass dieses mutierte Virus auch auf irgendeinem Weg nach Europa gelangt, forderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin British Medical Journal die Staaten der Welt auf, Pläne für einen H5N1-Pandemiefall aufzustellen. Wie bereiten sich Deutschland und die Europäische Union darauf vor?

H5N1: Die aktuelle Situation in Deutschland

Bislang wurde – trotz umfassender Testungen von Rindern – bei keinem Rind hierzulande eine Infektion mit H5N1 nachgewiesen. Die Übertragung des Virus H5N1 von Wildvögeln oder von infizierten Rindern aus den USA auf europäische Rinder hat es daher höchstwahrscheinlich nicht gegeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, wird vom Friedrich-Loeffler-Institut derzeit als „sehr gering“ eingestuft.

Was könnte zu einem Ernstfall in Europa führen?

Damit es zu einem Ernstfall kommt, bei dem es ausgehend von Rindern zu einer H5N1-Ausbreitung unter Menschen kommt, müssten drei neue Entwicklungen aufeinander folgen, die bislang in Europa nicht stattgefunden haben:

  1. Zunächst müssten infizierte Rinder in Europa auftauchen. Das könnte einerseits geschehen, indem sich das amerikanische H5N1-Virus, das bereits derart mutiert ist, dass es Rinder überhaupt infizieren kann, nach Europa eingeschleppt wird. Diese könnte etwa durch den Handel mit Rindern und kontaminierten Rinderprodukten aus betroffenen Betrieben in den USA geschehen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass Wildvögel hierzulande das Virus auf Rinder übertragen, so wie es vermutlich in den USA geschehen ist.
  2. Übertragung vom Rind auf einen Menschen. Das Virus müsste sich durch weitere Mutationen derart verändern, dass es vom Rind auf den Menschen übertragen werden kann. Dieser Schritt ist in den USA bereits erfolgt.
  3. Übertragung von Mensch zu Mensch. Das vom Rind auf den Menschen übertragene Virus müsste ein drittes Mal zufällig in eine bestimmte Richtung mutieren: Dass es die Fähigkeit erlangt, vom Menschen auf andere Menschen übertragen zu werden. Dies ist bislang noch nicht geschehen.

Das wäre insofern ein Ernstfall, weil eine Infektion mit H5N1 nach derzeitigem Kenntnisstand deutlich gefährlicher ist als etwa eine Infektion mit SARS-CoV-2 oder mit anderen menschlichen Influenzaviren.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich seit 2003 weltweit 900 Menschen mit H5N1 infiziert – in aller Regel durch direkten, engen Kontakt mit Geflügel. 463 von ihnen sind an der Infektion verstorben. Das legt eine enorm hohe Sterblichkeit von rund 50 Prozent nahe. Diese Sterblichkeitsrate bezieht sich allerdings nur auf bestätigte und gemeldete Fälle. Es besteht die Möglichkeit, dass mildere Fälle nicht erkannt oder gemeldet wurden, was die tatsächliche Sterblichkeitsrate beeinflussen könnte.

Da H5N1 zur Gruppe der Influenzaviren gehört und diese sich relativ schnell an neue Bedingungen anpassen können und via Tröpfcheninfektion übertragen werden, kann es sein, dass sich ein entsprechend mutiertes H5N1 sehr schnell unter Menschen ausbreitet. „Es dürfte zwar im Laufe der Zeit wie SARS-CoV-2 hin zu einer etwas milderen Form mutieren, weil es dann länger im Wirt überlebt. Doch bis dahin könnte H5N1 vor allem anfangs erst einmal viele Tote fordern“, sagt Prof. Stephan Pleschka, Leiter der Arbeitsgruppe Influenzavirusforschung am Institut für Medizinische Virologie der Universität Gießen.

Vogelgrippe-Ausbruch: Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Das oben beschriebene Szenario gilt aus zahlreichen Gründen derzeit nicht als sehr wahrscheinlich. „H5N1 befällt bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von Zellen, die im Menschen eher in den tieferen Bronchien vorkommen. Bei Vögeln hingegen sind diese Strukturen viel weiter verbreitet. Deshalb braucht es bei einem Menschen eine wirklich größere Menge an Viren, damit er sich ansteckt und ernsthaft erkrankt“, sagt Pleschka.

Und das scheint selbst bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Milchwirtschaft eine gewisse Hürde zu sein – ein Grund, warum bislang trotz der größeren Verbreitung des Virus unter Rindern in den USA bei nur vier Menschen eine Infektion entdeckt wurde. Und bei ihnen kam es zu keiner ernsthaften Erkrankung, sondern zu Bindehautentzündungen und teilweise Husten.

Die Barriere zu einer leichten Verbreitung von H5N1-Influenzaviren unter Menschen, die den Erwerb der Fähigkeit zur effizienten Ausbreitung über die Atemwege erfordern würde, ist noch immer als substanziell hoch einzuschätzen

Nach einer Ansteckung des Menschens wartet gleich die nächste Hürde: „Wenn ein Virus einen neuen Wirt ‚erobert‘, dann ist dort meist erst einmal Endstation. Dass es sich derart verändert, dass es von dort weitergegeben werden kann, fordert meist weitere Anpassungen des Virus an seinen neuen Wirt. Dies ist beim Menschen bislang nicht beobachtet worden, ist aber grundsätzlich nicht unmöglich“, sagt Pleschka.

Ausgeschlossen ist also nichts: „Die Erfahrung lehrt, das man bei Influenzaviren immer mit einer Überraschung rechnen kann“, sagt Dr. Thorsten Wolff, Leiter des Fachgebiets Influenzaviren und weitere Viren des Respirationstraktes am Robert Koch-Institut in Berlin. Trotzdem betont auch er: „Die Barriere zu einer leichten Verbreitung von H5N1-Influenzaviren unter Menschen, die den Erwerb der Fähigkeit zur effizienten Ausbreitung über die Atemwege erfordern würde, ist noch immer als substanziell hoch einzuschätzen.“

Beobachten und viel Testen – frühzeitige Eindämmung ist entscheidend

Die erste „Barriere“ für das Virus ist, auf Rinder in Europa überzuspringen und sich dort auszubreiten. Das gilt es zu verhindern. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) beobachte die Lage sehr genau, sagt Prof. Martin Beer, Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am FLI auf der Insel Riems bei Greifswald. Die Behörden seien sensibilisiert dafür, dass bei etwaigen unerklärlichen Krankheitsbildern in Kuhbeständen auch an H5N1 gedacht und entsprechend getestet werde.

Stephan Pleschka aus Gießen hält es für enorm wichtig, eine Ausbreitung bei Rindern frühzeitig zu entdecken und einzudämmen. „Das Virus kann sich nur weiterentwickeln, wenn es gewissermaßen eine ausreichend große ‚Spielwiese‘ hat, also genügend Möglichkeiten, sich auszuprobieren: Wenn viele Rinder mit H5N1 infiziert sind, dann steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus dort derart mutiert, dass es noch leichter auf Menschen überspringt oder andere Eigenschaften erlangt, die ihm später dabei helfen, sich auch unter Menschen auszubreiten“, sagt Pleschka. Deshalb sei es entscheidend, Infektionen unter Rindern frühzeitig zu erkennen und einzudämmen.

Die Voraussetzungen dafür sind in Deutschland deutlich besser als in den USA, da die Rinderbestände hierzulande deutlich besser kontrolliert werden. „In Deutschland haben wir eigentlich das gläserne Rind. Jedes Tier ist eindeutig markiert und jede Tierbewegung ist über eine Datenbank nachvollziehbar. Das ist in den USA nicht so“, sagt Martin Beer.

Was geschieht, wenn das Virus in Milchkühen hierzulande entdeckt wird?

Wenn eine Infektion mit einem Virus wie H5N1 in einer Geflügelfarm in Deutschland oder auch anderswo auf der Welt entdeckt wird, dann werden zur Sicherheit häufig radikale Maßnahmen ergriffen und alle Hühner eines Betriebs gekeult, um eine Ausbreitung zu verhindern. Allein im Februar 2024 wurden in Deutschland wegen Geflügelpest-Ausbrüchen – dazu gehören auch Infektionen mit H5N1 – mehr als 100.000 Hühner gekeult.

Bei Rindern könnte ein solches Vorgehen deutlich schwieriger umzusetzen sein. Einen festen Plan gibt es noch nicht, wie bei einer Infektion eines Rindes vorgegangen wird, es dürfte von Fall zu Fall entschieden werden. Eine umfassende Isolierung dürfte das Mindeste sein, was an Maßnahmen ergriffen wird. Das Robert Koch-Institut empfiehlt bereits heute, bei jedem Fall von Geflügelpest ein Beobachtungsgebiet mit einem 10-Kilometer-Radius einzurichten.

Was geschieht, wenn sich hierzulande ein Mensch mit H5N1 infizieren sollte?

Das Gleiche wie für die infizierten Rinder gilt auch für infizierte Menschen: Ihre Zahl sollte so klein wie möglich gehalten werden, damit das Virus keine größere Gelegenheit bekommt, sich weiterzuentwickeln.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat Empfehlungen zur Prävention bei Menschen mit einem erhöhten Kontakt mit H5N1 veröffentlicht. Das waren bisher vor allem Mitarbeitende aus der Geflügelindustrie, nun könnten es auch bald Angestellte in der Milchwirtschaft sein, die mit Milchkühen arbeiten.

Das RKI empfiehlt unter anderem das Tragen und entsprechende Entsorgen und Reinigen bestimmter Schutzkleidung mit FFP1-Masken und Augenschutz. Außerdem sollen Menschen, die engen Kontakt zu H5N1 hatten, gegen die normale Influenza geimpft werden. Die Impfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, sie soll vielmehr verhindern, dass Betroffene mit beiden Viren gleichzeitig infiziert werden, was dazu führen könnte, dass sich die Viren durch den gegenseitigen Austausch ihrer genetischen Informationen weiterentwickeln.

Impfen und Medikamente

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bereits verschiedene Impfstoffe zugelassen – und man hat darauf geachtet, dass sie gegebenenfalls relativ schnell verfügbar sein können. „Alle Impfstoffe greifen auf bestehende Technologien zur Herstellung von Grippeimpfstoffen zurück und können im Falle einer Pandemie im Prinzip relativ schnell hergestellt, weiter getestet und auf den Markt gebracht werden“, sagt Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Groningen in den Niederlanden. Die Europäische Kommission hat bereits den Zugang zu 665.000 Dosen für H5N1-Impfstoffe gesichert. Das würde zumindest ausreichen, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Milchindustrie zu impfen.

Die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen das heutige H5N1-Virus konnte noch nicht im Menschen getestet werden

Finnland ist das einzige Land, in dem bereits eine Impfung für Arbeitende auf Geflügelfarmen, Tierärztinnen und Tierärzte empfohlen wird. Unter Experten ist dieses Vorgehen allerdings umstritten. Laut Aussagen der am Robert Koch-Institut ansässigen Ständigen Impfkommission (Stiko) beobachtet man die Lage genau. Von einer Empfehlung einer Impfung für Angestellte der Milchindustrie sei man aber noch recht weit entfernt. Das liegt auch daran, dass die Impfstoffe zwar zugelassen sind, aber nicht sicher ist, wie gut sie vor einer Infektion mit H5N1 schützen. „Die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen das heutige H5N1-Virus konnte noch nicht im Menschen getestet werden“, sagt Huckriede.

Es gibt auch verschiedene Medikamente, die bei H5N1 wirken könnten. Dabei handelt es sich um sogenannte Virostatika. Würde jetzt eine Pandemie ausbrechen, stünden für den umfassenden Einsatz zu wenige zur Verfügung. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass umfassende Vorräte angelegt werden. Die Wirkung der Medikamente wird aber auch als begrenzt eingeschätzt.

Was man noch tun kann, um sich vorzubereiten

Es sind weitere Maßnahmen vorstellbar, um sich auf die Ausbreitung von H5N1 auf den Menschen vorzubereiten. Sie wurden bislang noch nicht umgesetzt, werden aber teilweise diskutiert:

  • Importverbot von Rindern und Rinderprodukten aus den USA. Noch wird ein solches Importverbot nicht öffentlich diskutiert. Die Maßnahme klingt erst einmal sehr einleuchtend, wäre aber nicht ganz einfach umzusetzen, unter anderem braucht es einen gewissen Vorlauf und regelmäßige Kontrollen.
  • Bestehende Abwassermonitorsysteme auf H5N1 ausweiten. Das forderte kürzlich der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen Janosch Dahmen im Magazin „Stern“. Es gibt hierzulande bereits verschiedene Abwassermonitorings, unter anderem zu SARS-CoV-2. Im Falle einer Pandemie würde ein Abwassermonitoring von H5N1 noch mehr Einblicke in das Ausmaß der Verbreitung des Virus verschaffen.

Und wenn es zum Ernstfall kommt?

Es gibt bereits einen Nationalen Pandemieplan, in dem skizziert wird, wie man bei einer Pandemie reagiert – in aller Kürze: Mit engmaschiger Beobachtung und auf die jeweilige Lage angepasste Aktionen. Das kann etwa die Verordnung von Schutzmaßnahmen sein, wie es in der Coronapandemie der Fall war. Natürlich liegt im Falle einer Pandemie auch ein Fokus darauf, die notwendigen Impfstoffe und Medikamente in ausreichenden Mengen zu organisieren und bereitzustellen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) würde die internationale Koordination von Maßnahmen übernehmen, hier wird auch das gesammelte Wissen zusammenfließen. Um noch schneller reagieren zu können, hat die WHO bereits 2021 das „Global Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence“ eingerichtet – eine Plattform, auf der das globale Wissen zusammenfließt, Empfehlungen erstellt und die Maßnahmen koordiniert werden. Sein Sitz ist in Berlin.


Quellen:

  • Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Current H5N1 Bird Flu Situation in Dairy Cows. https://www.cdc.gov/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Chan PKS: Outbreak of Avian Influenza A(H5N1) Virus Infection in Hong Kong in 1997. In: Clinical Infectious Diseases: 01.05.2002, https://doi.org/...
  • Dye C, Barclay WS: Should we worry about a growing threat from “bird flu”. In: BMJ: 04.06.2024, https://doi.org/...
  • Europäische Kommission: Commission secures access for Member States to 665,000 doses of zoonotic influenza vaccines to prevent avian flu. https://ec.europa.eu/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): Geflügelpest: Keine Hinweise auf H5N1-Infektionen bei Milchkühen außerhalb der USA. https://www.fli.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): Geflügelpestvirus H5N1: Fälle bei Füchsen in Niedersachsen nicht überraschend. https://www.fli.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): Risikoeinschätzung zur Hochpathogenen Aviären Influenza H5 (HPAI H5) Klade 2.3.4.4b. https://www.openagrar.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: WHO-Hub in Berlin , Globale Drehscheibe für Pandemie-Aufklärung. https://www.bundesregierung.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Robert Koch-Institut (RKI): Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zur Prävention bei Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko durch (hochpathogene) aviäre Influenza A/H5. https://www.rki.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)
  • Robert Koch-Institut (RKI): Nationaler Pandemieplan Teil I, Strukturen und Maßnahmen. https://www.gmkonline.de/... (Abgerufen am 05.07.2024)