Die Aufnahme auf dem Bildschirm zeigt eine Lunge. Irgendwo im oberen Bereich zeichnen sich helle Stellen ab, zarte Wolken im Schwarz-­Weiß-Grau des Röntgenbildes. Dr. Ulrich Krämer tippt mit dem Finger darauf. "Die da, die gehören da nicht hin." Helle Schatten, dunkle Flächen oder kleine weiße Punkte, die dem Berliner Radiologen verraten, dass es sich um Tuberkulose (TB) handelt. 

Die Infektionskrankheit ist ein alter Feind. Als Schwindsucht oder Weiße Pest gefürchtet, raffte die Volksseuche Millionen dahin – oft im Schlepptau von Kriegen oder Hungersnöten. Geschwächte Abwehrkräfte leisten dem Ausbruch Vorschub. Unbehandelt kann das Leiden Betroffene auszehren, bis es zu töd­lichen Lungen- oder anderen Organschädigungen kommt.

Tuberkulose in Deutschland: Selten, aber nicht verschwunden

Ende des 19. Jahrhunderts war die Schwindsucht die zweithäufigste   Todesursache in Deutschland. Aber auch heute noch bekommen Mediziner,   wie hier im Berliner Helios-Klinikum Emil von Beh­ring,   Tuberkulosepatienten zu sehen. 5915 Erkrankungen registrierte das   Robert-Koch-­In­sti­tut 2016 in Deutschland, in Berlin waren es 375. Das   sind nicht viele. Nach den Kriterien der Welt­gesundheits­organisation   WHO leben wir in einem "Niedrig-Inzidenzland".

"Tuberkulose ist bei uns  eine seltene Erkrankung, die sich gut therapieren lässt", sagt Professor  Torsten Bauer, Chefarzt der Lungen­klinik. Hier gibt es alles, was  Ärzte für die Diagnose und Behandlung brauchen: eine Röntgenabteilung  und ein modernes Labor, um den Erreger nachzuweisen. Die Medikamente für  die Therapie. Doch Bauer, auch Generalsekretär des Deutschen  Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, weiß, dass damit nicht  alle Probleme gelöst sind: "Besiegt ist die Tuberkulose nicht, sie war  nie ganz verschwunden."

Auch wenn das zwischenzeitlich in Vergessenheit  geraten war.  Auf der  Station 52, untergebracht in einem separaten  ­Gebäude, hängen   Schwarz-Weiß-Fotos der ­alten Lungenklinik Heckeshorn:  Kinder bei der   Liegekur, Schwestern mit Häubchen, große Gebäude und  Holzbaracken mit   Hunderten Betten. Der Bedarf war in den Fünfzigerjahren  groß. Etwa   50 000 Tuberkulosekranke gab es allein in Berlin.

Die multiresistente Tuberkulose ist eine neue Herausforderung

Heute  lässt sich die  Herausforderung nicht mehr an Fallzahlen festmachen. Eher  an  Tablettenboxen im Stationszimmer. Da sind solche, auf die die  Pfleger  nur bis zu vier verschiedene Medikamente verteilen. Und  Patienten,  deren Tagesdosis aus bis zu 20 Tabletten und einer Spritze  besteht.

Diejenigen, die nur vier Tabletten bekommen, haben die    medikamentensensible Form der Tuberkulose: Der Erreger spricht auf einen    Cocktail aus vier verschiedenen Antibiotika an. Sie bekämpfen die  Bakterien in unterschiedlichen Entwicklungsstufen, damit sie sich nicht    weiter vermehren können. "Das ist eine seit Langem etablierte  Therapie,   die in den meisten Fällen relativ gut vertragen wird", sagt  Oberarzt  Dr.  David Krieger. 

Ist der Erreger jedoch gegen die  beiden wichtigsten   Medikamente resistent, sprechen Experten von einer  multiresistenten   Tuberkulose oder MDR-TB. In Deutsch­land gibt es  nicht viele   TB-Patienten, die daran erkrankt sind – rund 2,7 Prozent.  Sie werden in   spezialisierten Zentren wie dem Berliner Helios-Klinikum  behandelt,  denn  die Therapie bedeutet für Patienten und Ärzte eine   Herausforderung.  "Man muss sich mit den Nebenwirkungen auskennen, die   Medikamente immer  wieder anpassen und die Patienten über lange Zeit   motivieren", sagt  Krieger.

Es fehlen neue Medikamente

Was in Deutschland kompliziert, aber machbar   ist, lässt sich   anderswo schwer realisieren – etwa in Ländern der   ehemaligen   Sowjetunion, Teilen Asiens oder Afrikas, wo mittlerweile   mehr als ein  Drittel der Patienten an MDR-TB leidet.  "Da hilft ihnen die schöne alte  Standardtherapie leider   nicht mehr",  sagt Dr. Sebastian Dietrich. Er  leitet bei "Ärzte ohne   Grenzen" in  Berlin Tuberkuloseprojekte in  Ländern, die besonders   betroffen sind.

Dass die Behandlung bis zu  zwei Jahre dauert und   quälend ist, trifft  Menschen dort mit großer  Härte: "Die Therapie   stehen viele nur sehr  schwer durch", sagt  Dietrich. Was fehlt, sind   neue Medikamente. Doch  die  Pharmafirmen hatten ihre Forschung auf dem   Gebiet weitestgehend   eingestellt. Die wichtigsten Mittel von heute sind   deshalb eigentlich   von gestern: Pyrazinamid, Isoniazid, Ethambutol  und  Rifampicin sind  seit  einem halben Jahrhundert im Einsatz.

Ist der   Erreger gegen sie   resistent, müssen andere  Arzneien genutzt werden –   weil es keine   Alternativen gibt auch  solche, die wegen ihrer   Nebenwirkungen  eigentlich  längst in der  Mottenkiste der Medizin   gelandet waren, wie  Dietrich  sagt.  Antibiotika, die Nieren oder Leber   schädigen können.  Wirkstoffe,  die  bei manchen Patienten Psychosen,   Depressionen oder  Schwerhörigkeit hervor­rufen. Trotzdem sind sie für   die Behandlung  unverzichtbar.  Noch.

Pretomanid gilt als neue Hoffnung gegen die MDR-Tuberkulose

Erst 2014 wurden die Wirkstoffe   ­Delamanid und   Bedaquilin für die  TB-Behandlung zugelassen. "Aber zwei   Medikamente   reichen leider nicht",  sagt Dietrich. Neue Hoffnung   verspricht   PA-824, auch Pretomanid genannt.  Es schädigt über den   Stoffwechsel   das Erbgut des Bakteriums. Die Rechte  an dem Präparat   kaufte vor   einigen Jahren die TB Alliance, eine Art  virtuelles und   nicht   profitorientiertes Pharmaunternehmen. Die Gelder  kommen unter   anderem   von der Bill- und-Melinda-Gates-Stiftung, der EU,  den USA und     Spenden. Universitäten, Pharma- und andere  Forschungseinrichtungen sind     Teil des Netzwerks.

Pretomanid ist das  erste Medikament, das die TB     Alliance  bis zu Zulassungs­studien gebracht  hat. "Eine kürzere,     einfachere  und günstigere Therapie der  multiresistenten TB, das wäre in     diesen  Ländern ein wichtiges Ziel",  sagt Dr. Bern-Thomas Nyang’wa   von    "Ärzte ohne Grenzen". Er koordiniert  von London aus die     "TB-Practecal-Study", eine der größten  Patientenstudien mit dem noch    nicht  zugelassenen Medikament.

Auch eine bessere medizinische Versorgung ist nötig

Dass  sich  die Hilfsorganisation an   der   TB-Alliance-Studie beteiligt,  war ein  ungewöhnlicher Schritt. Man   sei   schließlich kein  Pharmaunternehmen, sagt  Nyang’wa. "Leider gibt   es   niemand anderen,  der solche Studien  durchführt, deshalb machen  wir  es   jetzt." 630  Patienten aus Usbekistan,  Weißrussland und  Südafrika  sollen   daran  teilnehmen. Ein Teil davon wird  sechs Monate  lang mit  einer    Kombination der beiden neuen Antibiotika  Bedaquilin  und  Pretomanid  und   drei bereits erprobten Medikamenten  behandelt.  Eine   Kontrollgruppe   erhält die bisherige Therapie, wie die  WHO sie    empfiehlt.

Ergebnisse   werden erst für 2021 erwartet; die  bisherigen     Erfahrungen lassen jedoch   Hoffnung aufkommen, dass das neue      Behandlungsschema funktionieren   könnte. Es wäre ein Zwischenziel.      Händeringend gesucht werden auch ein   neuer Impfstoff und Tests, um      Resistenzen schneller zu ­­erkennen,  etwa  bei Kindern.

Doch  selbst     solche Forschungserfolge würden ohne  bessere  medizinische  Versorgung     wenig nützen. Tuberkulose ist überall  auf der  Welt die  Krankheit, an    der  sich zeigt, wie Gesellschaften mit  den   Schwächsten umgehen,  sagt    Nyang’wa. "Da haben wir noch ­einen   langen  Weg vor uns."