Grippeviren können lebensgefährlich sein. Insbesondere für ältere Menschen. Vor vier Jahren war die Grippewelle besonders aggressiv. Damals starben in Deutschland etwa 25.100 Menschen an den Folgen der Erkrankung. Im letzten Winter hingegen fiel die Saison fast vollständig aus: Gerade einmal 564 Grippe-Infektionen und 16 Todesfälle wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. Das lag vor allem an den Vorsichtsmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie, darunter das Tragen von Mundschutz, Kontaktbeschränkungen und Abstandsmaßnahmen.

Wie stark die Grippe (Influenza) in diesem Winter sein wird und wie aggressiv, lässt sich nicht voraussagen. Manche Epidemiologen glauben, die weitere Lockerung der Vorsichtsmaßnahmen gegen COVID-19 könnte dazu führen, dass die Grippewelle in diesem Winter besonders heftig ist. Andere Mediziner wiederum vermuten, auch diese Saison könnte mild verlaufen.

Fest steht: Die Grippewelle ist eine zusätzliche Belastung zu den vielen COVID-19-Erkrankungen, die für diesen Herbst und Winter zu erwarten sind. Entsprechend groß ist derzeit das Interesse an einer Grippe-Impfung. Dr. Jürgen Herbers kann das bestätigen. „Es ist nicht verkehrt, zur Sicherheit geschützt zu sein und sich gegen die Grippe impfen zu lassen. So denken in dieser Saison sehr viele meiner Patienten“, sagt der Fortbildungsbeauftragte des Hausärzteverbands Baden-Württemberg und niedergelassene Allgemeinmediziner im schwäbischen Pleidesheim. Im Januar hatte er einige Hundert Dosen Impfstoff bestellt – sie waren Mitte Oktober bereits fast aufgebraucht.

Impfwillige blieben ungeimpft

Gibt es also diesen Herbst wieder Lieferengpässe bei Grippe-Impfstoffen? So wie in der vergangenen Saison? Damals hatte das zur Folge, dass impfwillige Personen ungeimpft blieben.

Generell fällt es schwer, das Angebot an Grippe-Impfstoffen mit der jeweiligen Nachfrage in Einklang zu bringen. Bereits zu Jahresbeginn melden Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker ihren Bedarf für den kommenden Herbst an. Sie bestellen den Impfstoff so früh vor, weil dieser nur jeweils für eine Saison ausgelegt ist. Die Firmen produzieren dann wieder neuen Impfstoff. Und dazu müssen sie vorab wissen, welche Mengen sie für Deutschland einplanen sollen.

Grippe-Impfstoffe werden also jedes Jahr angepasst. Es werden dabei diejenigen Influenza-Stämme berücksichtigt, die in der vergangenen Saison besonders verbreitet waren. Und auch solche Stämme, für die man in der kommenden Saison eine erhöhte Verbreitung vermutet. Mit der Auswahl will man einen Impfstoff bekommen, der möglichst gut vor den Viren der kommenden Saison schützt.

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Notreserve kam zu spät

Wie viele Menschen sich dann damit impfen lassen, ist schwer vorhersagen. Generell rät die Ständige Impfkommission (STIKO) rund 40 Millionen Menschen in Deutschland zur Grippe-Impfung. Senioren ab 60 Jahren bilden dabei die größte Gruppe. Im Winter 2019/2020 lag die Impfquote bei den Über-65-Jährigen bei 39 Prozent, immerhin vier Prozentpunkte höher als im Jahr zuvor. Doch die Quote liegt deutlich unter dem von der Weltgesundheitsorganisation angestrebtem Wert von mindestens 75 Prozent für diese Altersgruppe.

Für den vergangenen Winter wurden 21 Millionen Impfdosen bestellt, vor allem von Arztpraxen und Apotheken. Der Bund organisierte eine zusätzliche Notreserve von sechs Millionen Impfdosen, weil er wegen Covid-19 mit einem erhöhten Bedarf rechnete. Auf Anfrage der Apotheken Umschau sagte das Bundesministerium für Gesundheit, dass die Bestellung „pandemiebedingt erst im April/Mai 2020“ erfolgte. Ein ungewöhnlich später Zeitpunkt – der im Winter zu Verspätungen führte.

Tatsächlich war das Interesse an einer Influenza-Impfung in der vergangenen Saison groß: Etwa 20 Millionen Menschen ließen sich deutschlandweit impfen. Während im Herbst für viele Impfwillige erstmal kein Impfstoff da war, kamen manche Impfdosen dann zu spät. Eine endgültige Auswertung liegt noch nicht vor, weil in die Zahl der registrierten Impfungen vor allem die gesetzlich versicherten Impflinge in den Arztpraxen einfließen. Doch viele Impfdosen mussten wohl entsorgt werden.

30 Millionen Impfdosen

Diesen Winter aber soll alles wieder besser werden, verspricht auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Wir konnten viel früher bestellen.“ Und tatsächlich scheint der Impfstoff aus der Reserve auch bereits zeitnah verfügbar zu sein, auch wenn vereinzelt über Impfstoffknappheit berichtet wird, ist es doch nicht vergleichbar mit der Situation im vergangenen Winter, und vieles deutet darauf hin, dass diese Knappheit nur kurzfristig ist.

Das ist es auch bei Jürgen Herbers. Er hat im Oktober mehr als hundert Dosen nachbestellt – und nicht einmal eine Woche später trafen sie bei ihm ein. „Das noch größere Interesse in dieser Saison können wir bisher gut bedienen“, sagt Herbers. Auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gibt sich optimistisch, dass in diesem Jahr die Lage deutlich entspannter ist: „Das Institut hat bis zum 24. Oktober bereits knapp 30 Millionen Impfdosen freigegeben – das sind mehr als in der vergangenen Saison“, sagt eine Sprecherin des PEI.

Senioren-Impfstoff ist knapp

Im Detail ruckelt es allerdings doch noch. So empfiehlt die STIKO in dieser Saison für Menschen ab 60 Jahren erstmals einen sogenannten Hochdosis-Impfstoff: Er enthält das Vierfache der üblichen Dosis. Das soll das oft schwächere Immunsystem älterer Menschen wirkungsvoller trainieren. Doch von dem Hochdosis-Impfstoff steht nicht überall genug zur Verfügung. Grundsätzlich ist das kein Problem, die Unterschiede in der Wirkung sind klein. Senioren sollten in diesem Fall mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, was zu tun ist.

Das Entscheidende scheint in diesem Winter zu funktionieren: Jeder, der geimpft werden will, dürfte die Impfung auch bekommen. Natürlich kann es zu ein paar Tagen Wartezeit kommen, aber das macht nichts, wenn man bald aktiv wird und sich wegen der Impfung an seinen Hausarzt wendet. „Wenn man die Impfung bis Ende November bekommt, reicht das in der Regel völlig“, sagt Herbers. Denn die Grippewelle nimmt meist frühestens im Dezember Fahrt auf. Und das dürfte auch in diesem Jahr, wo derzeit noch Eindämmungsmaßnahmen gegen die Coronapandemie wie Abstand und Mundschutz gelten, nicht anders sein. Und in der Regel können sich Impfwillige auch bis Ende Dezember noch gut impfen lassen.

Jürgen Herbers hofft, dass auch diese Saison möglichst viele Menschen sich bei ihm impfen lassen. Und dass ihm nicht dasselbe passiert wie im vergangenen Jahr. Der Allgemeinmediziner bestellte Impfstoff nach – doch dieser traf erst in der zweiten Dezemberhälfte ein, als viele seiner Patienten die Impfung schon abgeschrieben hatten. „Ungefähr hundert Impfdosen blieben übrig“, sagt Herbers. Er musste sie entsorgen. So geschah es vermutlich vielerorts in Deutschland.

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