Herr Professor Wieler, sind Sie schon ein drittes Mal geimpft?

Nein. Aber sobald die Ständige Impfkommission (Stiko) das für meine Altersgruppe empfiehlt, werde auch ich mir eine Booster-Impfung holen. Die Stiko hat im Oktober erst einmal eine Empfehlung gegeben für Menschen ab 70 Jahren, für Personal, das vulnerable Gruppen betreut, und Menschen mit bestimmten Grundkrankheiten. Das sind allein bei den ab 70-Jährigen schon mehr als 13 Millionen Menschen, die erst einmal geimpft werden sollten. Die Stiko hat aber bereits angekündigt, dass sie die Empfehlung für die Booster-Impfung ausweiten wird.

Warum ist die Auffrischung so wichtig?

Es ist inzwischen klar, dass ein halbes Jahr nach der Impfung der Schutz abnimmt. Insbesondere bei sehr alten Menschen oder Personen, deren Immunsystem geschwächt ist. Darum ist es genau richtig, dass diese Risikogruppen zuerst geimpft werden.

Die Gesundheitsminister:innen haben aber zuletzt die Booster-Impfung für alle gefordert. Das ist nicht das erste Mal, dass die Politik den Stiko-Empfehlungen widerspricht. Ärgert Sie das?

Ich verstehe es so, dass die Gesundheitsminister:innen festgelegt haben, wer die Booster-Impfung bekommen kann. Die Stiko dagegen empfiehlt nach Auswertung aller Daten, für wen sie aus medizinischer Sicht besonders empfohlen ist; das muss sich nicht 1:1 decken. Die Stiko ist ja eine Kommission von ehrenamtlichen Wissenschaftler:innen, die auf Basis von Studien, also Evidenz-basiert, Empfehlungen gibt – und das auch immer rechtzeitig. Die Stiko-Empfehlungen geben den Ärztinnen und Ärzten und den Menschen eine hohe Sicherheit.

Die Infektionszahlen sind derzeit so hoch wie noch nie, die Intensivstationen füllen sich mit Coronapatient:innen. Wie konnte es soweit kommen?

Wir haben schon im Juli eine Modellierung veröffentlicht, die genau das gezeigt hat, was wir jetzt sehen. Wir sind davon ausgegangen, dass selbst bei einer Impfquote von 85 Prozent für die 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent für die ab 60-Jährigen noch zusätzliche Infektionsschutzmaßnahmen aufrechterhalten werden müssen. Diese Modellrechnung hatten wir natürlich auch allen Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt.

Das heißt wir sind sehenden Auges in die vierte Welle gegangen.

Ja. Ich weiß nicht, warum manche Menschen auf die Idee kamen, zu suggerieren, dass die Pandemie vorbei sei und manche sogar einen Freedom Day forderten. Allen, die sich wirklich wissenschaftlich fundiert mit der Pandemie beschäftigt haben, war klar, dass die Impfquote nicht reicht, um die vierte Welle zu verhindern oder niedrig zu halten.

Also hätte die Politik Ihrer Meinung nach mehr tun müssen?

Das Robert Koch-Institut hat mit ControlCOVID klare Empfehlungen ausgesprochen und diese allen Menschen in Deutschland an die Hand gegeben. In Abhängigkeit von drei Indikatoren – Inzidenz, Hospitalisierungsrate und Belegung der Intensivstationen – werden dort Maßnahmen empfohlen. Zum Beispiel 2G und 3G, aber je nach Situation auch Reduktion der Personenzahl bei Veranstaltungen oder weitere Kontaktbeschränkungen. Wenn diese Maßnahmen so umgesetzt worden wären, dann wäre diese vierte Welle nicht so hochgelaufen.

Ein Grund für die vierte Welle ist ja die nicht ausreichende Impfbereitschaft. Warum sind die Impfquoten in Deutschland verglichen mit manchen anderen Ländern so schlecht?

Wir haben in Deutschland definitiv eine kritische Einstellung zu Impfungen, die auch durch viele Fehlinformationen stark befeuert wird. Es gibt hierzulande etwa einen Anteil von fünf bis zehn Prozent, die momentan eine Impfung ablehnen. Die sind leider kaum zu überzeugen. Aber durch eine langsame und nicht stringente Umsetzung der Coronamaßnahmen – beispielsweise der 2G-Regelungen – wurde denen, die einfach nur zögerlich sind, auch zu viel Spielraum gegeben.

Also müsste die Politik indirekt mehr Druck auf Ungeimpfte ausüben?

Wir haben lange gehofft, dass sich noch viel mehr Menschen aus Solidarität und Verantwortungsbewusstsein impfen lassen. Ich denke, jetzt müssen die Rahmenbedingungen strenger sein. Denn wir wissen aus Untersuchungen, dass sich manche Menschen doch noch für eine Impfung entscheiden, wenn sie vor die Wahl gestellt werden – etwa weiter an Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen. Einen großen Teil der rund 16 Millionen Menschen ab 12 Jahren, die immer noch nicht geimpft sind, könnte man so überzeugen.

Sie empfehlen also 2G?

Genau. Die, die sich nicht impfen lassen, müssten sich dann zunehmend entscheiden, ob sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen bleiben wollen. Es kann doch nicht sein, dass die Ungeimpften das Leben von Geimpften in einem solchen Maße beeinflussen, wie das momentan der Fall ist. Je länger der Anteil derjenigen, die ungeimpft sind, groß ist, desto länger zieht sich auch diese Pandemie.

Haben Sie am Anfang der Pandemie damit gerechnet, dass es in Deutschland so viele Impfzweifler und Querdenker gibt?

Die Intensität hat mich definitiv überrascht. Auch diese Aggressivität hätte ich nicht erwartet.

Wie fühlt sich das für Sie an?

Mich bedrückt es, dass sich so viele Menschen noch nicht haben impfen lassen, obwohl die Impfstoffe wirklich eine bewiesene sehr große Sicherheit und Wirksamkeit haben. Das ist etwas, wo ich denke: Wir haben so tolle Werkzeuge, die jeder und jedem kostenlos zur Verfügung gestellt und trotzdem nicht genutzt werden. Das ist für mich schwer zu akzeptieren.

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