Wie viel man ständig riecht, welche wichtige Rolle ausgerechnet die Nase bei der Wahrnehmung unserer Umwelt spielt – das lässt sich oft erst wirklich begreifen, wenn einem die Fähigkeit zu riechen einmal abhandenkommt. Im Jahr 2020 haben diese Erfahrung viele Millionen Menschen gemacht: Der Verlust des Riechempfindens ist ein bekanntes und mittlerweile charakteristisches Symptom für eine COVID-19-Infektion. In einer sogenannten Metastudie, in der verschiedene Studien dazu zusammengefasst wurden, zeigte sich, dass es bei etwa jedem zweiten Infizierten auch zu einer Einschränkung des Riechempfindens kommt.

Das Coronavirus verursacht häufig einen Geruchsverlust

In der Regel kommt es sehr früh im Laufe der Infektion zur Einschränkung des Geruchsempfindens, häufig noch bevor andere Beschwerden auftreten. Entsprechend kann eine Einschränkung des Riechvermögens auch ein früher Hinweis einer SARS-CoV-2-Infektion sein.

Vor diesem Hintergrund kam am 28. Januar, in Deutschland ein Riechtest auf COVID-19 in den Handel. Der Schnelltest besteht aus einer Karte, auf der fünf Felder zum Anrauen vorhanden sind. Jedes Feld hat einen anderen Geruch. In Kombination mit einer App kann man in wenigen Minuten den Test machen und erhält sofort das Ergebnis.

"Riechtests sind als Ausschluss einer SARS-CoV-2-Infektion nicht geeignet"

Privatdozent Matthias Orth, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Marienhospital Stuttgart, nimmt an, dass der Test den Geruchssinn zuverlässig testet – bezweifelt aber, ob er wirklich zielführend ist. "Mit dem Test scheint man rasch und gut herauszufinden, ob man einen beeinträchtigten Geruchssinn hat. Aber das interessiert die meisten Menschen ja letztlich gar nicht. Sie wollen doch eigentlich wissen, ob sie an COVID-19 erkrankt sind. Und dafür ist der Test viel zu unsicher", sagt Orth.

Für diese Unsicherheit gibt es gleich mehrere Gründe. So ist einerseits die Empfindlichkeit des Tests gegenüber COVID-19 sehr niedrig. Empfindlichkeit bedeutet, wie viel Prozent der Corona-Infizierten, sich durch ein solchen Test entdecken lassen. "Zu einem Geruchsverlust kommt es bei ungefähr jedem zweiten, mit SARS-CoV-2 infizierten Patient. Damit hat der Test – wenn er alle Geruchsstörungen identifiziert, wovon ich ausgehe – eine Empfindlichkeit von 50 Prozent", sagt Professor Gregor Rothe, Leiter des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Marienkrankenhaus in Hamburg. Für den Ausschluss einer SARS-CoV-2-Infektion sei der Test daher nicht geeignet.

Auch für ein sogenanntes Screening ist der Test nicht nur wegen der geringen Empfindlichkeit nur bedingt geeignet. Unter Screening versteht man das systematische Testen einer Gruppe von Menschen, etwa aller Mitarbeiter einer Firma immer dann, wenn sie morgens zur Arbeit kommen. "Dazu gibt es noch keine Studie. Sicher sind dort auch falsch positive Ergebnisse zu erwarten", sagt Rothe. Heißt: Ein Riechtest ergibt ein beeinträchtigtes Riechempfinden, aber es liegt trotzdem keine SARS-CoV-2-Infektion vor. Das kann insbesondere bei älteren Menschen der Fall sein, nimmt der Geruchsinn doch im Alter in der Regel ab.

Andere Erkrankungen können auch den Geruchssinn beeinflussen

Neben dem fortgeschrittenen Alter kann eine Einschränkung des Geruchssinns viele weitere Ursachen haben, die das Riechempfinden kurzfristig oder auch längerfristig einschränken. Vor allem in der Neurologie werden Geruchstests regelmäßig eingesetzt, etwa bei einem Verdacht auf Parkinson. Diese Krankheit geht ebenfalls mit einem Verlust des Riechempfindens einher. Außerdem können Hirntumore und Kopfverletzungen die entsprechenden Nervenfasern beschädigen und den Geruchssinn stören.

"Auch verschiedene Viren können den Geruchssinn beeinträchtigen. Mit SARS-CoV-2 ist nun eben ein weiterer Virus hinzugekommen. Allerdings einer, bei dem es recht häufig zum vorübergehenden Verlust des Riechempfindens kommt", sagt Professor Thomas Hummel, Leiter des Interdisziplinären Zentrums und der Spezialsprechstunde Riechen und Schmecken an der Dresdner Universitäts-HNO-Klinik. "In Anbetracht der grassierenden Pandemie ist es sicher nicht verkehrt, einen Riechtest zu machen, wenn man das Gefühl hat, dass das Riechempfinden plötzlich verändert ist."

Mit Kaffee und Lavendel den Geruchssinn testen

Aber kann man seinen Geruchssinn nicht auch ohne Test prüfen? Im Falle des Verdachts einer COVID-19-Infektion gehe das normalerweise sogar recht gut, sagt Professor Stephan Zierz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie: "Gerade weil die Einschränkung des Geruchssinnes bei COVID-19 nach derzeitigem Kenntnisstand doch schnell recht ausgeprägt ist, dürften es die allermeisten Menschen auch so bemerken, wenn sie wegen COVID-19 plötzlich nicht mehr gut riechen können." Wer sich unsicher ist, dem empfiehlt Zierz seinem Geruchssinn am Duft von zwei Substanzen auszuprobieren, die Menschen normalerweise besonders gut Riechen können: Kaffee und Lavendel. Wenn man diesen Geruch nicht mehr wahrnehmen kann, könne man der Sache weiter nachgehen. Um davon ausgehend COVID-19 zu diagnostizieren, brauche es dann aber keinen weiteren Riechtest, sondern etwa einen SARS-CoV-2-Antigentest.

Aber Achtung: Wenn die Nase verstopft ist, wie es im Winter nicht selten vorkommt, dann kann das auch dazu führen, dass man kaum noch etwas riecht. Also bevor man in Panik ausbricht, weil man den Kaffee und Lavendel kaum wahrnimmt: erst mal schauen, ob nicht ein starker Schnupfen daran schuld sein könnte. Das gilt übrigens auch für diejenigen, die den jetzt erhältlichen Riechtest machen wollen.

Das Universitätsklinikum Dresden bietet online einen Fragebogen an, in dem es um den Riechverlust bei COVID-19 geht. Am Ende des Fragebogens findet sich auch die Anleitung für einen kurzen Selbsttest, mit dem sich der Geruchsinn einschätzen lässt.