Baby und Familie

Es sind bedrückende Zahlen, die die Experten Woche für Woche auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Seit Beginn der Pandemie wurden laut Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) 1259 Kinder wegen einer Covid-19-Erkrankung stationär behandelt. 62 davon mussten auf die Intensivstation. Acht Kinder sind gestorben, etwa die Hälfte davon war vorerkrankt, bei den anderen vier wurde Covid-19 als Todesursache festgestellt. Gleichzeitig ermöglicht die Statistik aber auch einen realistischen Blick auf die Zahlen, denn bezogen auf die etwa 14 Millionen Kinder, die in Deutschland leben, ist die Zahl der behandelten Kinder beinahe verschwindend gering. Eine Statistik kann beruhigen, aber die Verunsicherung freilich bleibt. Was ist mit Langzeitfolgen, führen die Mutationen bei Kindern zu schwereren Krankheitsverläufen und sind Schulen und Kindergärten auch bei steigenden Inzidenzen ein sicherer Ort oder nicht?

Die britische Virus-Variante ist deutlich ansteckender

Die vorherrschende Virus-Mutation in Deutschland ist die britische Variante B.1.1.7., die als ansteckender und gefährlicher gilt als der Wildtyp. Auch das Robert Koch-Institut meldete Ende März einen Anstieg bei Kindern. "Es ist richtig, dass die Verbreitung der britischen Mutante je nach Studie um 40 bis 70 Prozent höher als beim Wildtyp ist", sagt Professor Johannes Hübner, Kinderarzt und Infektiologe an der LMU München. Allerdings gelte das für alle Altersgruppen und – anders als häufig behauptet – nicht nur für Kinder. Die anfänglich durchgeführten Studien hätten mit missverständlichen Zahlen gearbeitet und seien inzwischen korrigiert worden, sagt Hübner. Ebenso sei es unzutreffend, dass die Mutante gerade bei Kindern häufiger zu schweren Krankheitsverläufen führe, betont Hübner. "Dafür gibt es keinerlei Hinweise." Auch bei den Ansteckungswegen habe sich nichts geändert. Es bleibe dabei: Übertragungen von Kind zu Kind oder von Kindern auf Erwachsene seien auch bei der britischen Variante eher selten.

Erklärvideo: Wie entstehen Mutationen bei Viren?

Hübner hält daher auch die Forderungen nach generellen Schulschließungen für falsch, aber auch die derzeitige Teststrategie für Kita-Kinder und Schüler für kaum sinnvoll. "Die Sensitivität der verwendeten Schnelltests ist zu schlecht. Sie liefern einerseits zu zwei Prozent falsch positive Ergebnisse, andererseits erkennen sie nur sieben von zehn tatsächlich positiven Fällen", sagt Hübner.

R-Wert unter 1: Nur mit Schulschließung möglich?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) kommt beim Thema Schulöffnung im Zusammenhang mit der britischen Mutante zu einer anderen Einschätzung. Gerade weil die höhere Übertragbarkeit in allen Altersgruppen ähnlich sei, seien in geöffneten Schulen auch mehr Infektionen zu erwarten, heißt es im wöchentlich erscheinenden "Epidemiologischen Bulletin" vom 1. April. Um den R-Wert unter 1 zu halten und somit die Virus-Ausbreitung in der gesamten Bevölkerung einzudämmen, seien die Schulschließungen nötig – so der damalige Stand. Nun, Ende April, liegt der bundesweite R-Wert der vergangenen sieben Tage laut Täglichem Lagebericht des RKI um 1 (Stand 26.4.21). Und laut Bericht zeigt sich auch: Covid-19-Ausbrüche finden zunehmend in Kitas und Schulen statt. Beispielhaft dafür steht Köln: In der viertgrößten Stadt Deutschlands wurde zuletzt mit einer Inzidenz von 250 der lokal höchste Wert seit Pandemiebeginn gemessen. Die Tagesstatistik vom 26. April zählt 987 Indexfälle an den Schulen und Kitas der Stadt, davon 691 Schüler und 123 Kita-Kinder. Seit Montag greift auch hier die von der Politik beschlossene Bundesnotbremse. Ab einer Inzidenz von 165 soll Unterricht nur noch digital stattfinden.

In unserem Podcast Klartext Corona berichtet Kinder- und Jugendarzt Dr. Robin Kobbe von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, dass es unabhängig von Mutationen zuletzt einen "Peak" bei der stationären Behandlung von Neugeborenen und sehr kleinen Kindern mit Verdacht auf eine Corona-Infektion gegeben habe. Aber auch das habe nicht zwingend mit einem schweren Verlauf zu tun, sondern sei auch einer Vorsichtsmaßnahme zur Überwachung geschuldet, da vereinzelt schwere Verläufe bei Neugeborenen beobachtet wurden.

Müssen Eltern Angst vor PIMS haben?

Es sind nicht nur das Virus und seine Mutationen, die Eltern derzeit Sorge bereiten. Immer häufiger wurde zuletzt über PIMS gesprochen. Ein Symptombild, das offenbar durch eine Covid-19-Infektion ausgelöst werden und mitunter schwere Verläufe ungefähr 4 Wochen nach einer Corona-Infektion zeichnen kann. Die Abkürzung steht für den englischen Fachbegriff "Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome". Damit ist ein Multi-Entzündungssyndrom bei Kindern gemeint, das vermutlich eine Überreaktion des Körpers auf Viren ist.

Ein bislang vergleichsweise unerforschtes Leiden, ähnlich dem sogenannten Kawasaki-Syndrom. Auch bei diesem kommt es zu einer Überreaktion des kindlichen Immunsystems, ausgelöst durch Viren oder Bakterien. Häufige Folgen sind zum Beispiel Fieber, Bauchschmerzen, Durchfall, Hautausschläge. Teilweise wird auch das Herz angegriffen. "Die meisten Fälle verlaufen mild", sagt Hübner. "Tödliche Verläufe sind sehr selten." Hübner hat in seiner Klinik bislang zwei Patienten stationär behandelt, beide hätten das Krankenhaus bereits nach etwa einer Woche völlig genesen verlassen können.

Hier die Folge hören: Dr. Robin Kobbe bei "Klartext Corona"

Laut DGPI-Register sind bundesweit derzeit etwa 281 PIMS-Fälle bekannt. Allerdings würden längst nicht alle Krankenhäuser melden, wohl nur etwa die Hälfte, vermutet Kobbe. Einen deutlichen Anstieg während der dritten Welle habe man zwar bisher nicht feststellen können, allerdings gibt es auch Verzögerungen im Meldevorgang selbst. Etwa 40 Prozent der PIMS-Patienten müssten auf Intensivstationen behandelt werden. Bei knapp einem Prozent verlaufe die Krankheit tödlich, sagt Kobbe. Dabei handele es sich um ungewöhnlich schwere Krankheiten von Kinder, die zuvor kerngesund gewesen seien. Es sei "wahrscheinlich eine ungünstige genetische Konstellation, die dann die schweren immunologischen Entzündungen auslöst".

Die Hoffnung liegt nun zumindest teilweise auf der möglichst schnellen Verfügbarkeit eines Impfstoffs auch für Kinder und Jugendliche. In den USA hat der Hersteller BioNTech/Pfizer bereits eine Notfallzulassung ihres Impfstoffes für Kinder ab zwölf Jahren beantragt. Die Zulassung für Kinder ab 12 Jahren sei auch in Deutschland nun in greifbarer Nähe, sagt Hübner.