Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland hat erneut einen Höchstwert erreicht. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl erfasster Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 pro 100 000 Einwohner und Woche am Mittwoch mit 1607 an. Vor einer Woche hatte der Wert noch 1319 betragen. Zwar sind positive Tests nach wie vor bei Kindern im Schulalter, Jugendlichen und Erwachsenen bis 34 Jahre am häufigsten. Einen deutlich steigenden Trend verzeichnet das RKI allerdings bei den älteren Menschen. Zuletzt waren auch mehr Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gemeldet worden.

Als Hauptgründe für die derzeitige Entwicklung gelten die laut Experten um etwa 40 Prozent besser übertragbare Omikron-Subvariante BA.2 und die Lockerungen von Schutzmaßnahmen. Bei den aktuellen Meldezahlen wird von einer hohen Zahl an Fällen ausgegangen, die nicht erfasst sind. Ein Hinweis auf die Dunkelziffer ist der Anteil positiv ausgefallener Tests: Der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) gab ihn für vergangene Woche mit knapp 54 Prozent an - ein Höchstwert in der Pandemie. Hintergrund könnte laut Verband sein, dass viele Infizierte keinen Arzt aufsuchen und/oder dass nach positivem Schnelltest oft kein PCR-Test mehr gemacht wird.

Die Ankunft der Flüchtenden bedeutet Zusatzaufgaben für den Gesundheitsdienst

In den Gesundheitsämtern sei die Lage weiter sehr angespannt, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Johannes Nießen, am 16. März 2022. „Wir haben steigende Infektionszahlen, der Omikron-Subtyp BA.2 setzt noch einmal einen drauf. Unser Fokus liegt auf den vulnerablen Gruppen - aber das heißt nicht, dass alle anderen Gruppen gar nicht mehr im Fokus sind.“ Die Ankunft von Flüchtlingen aus der Ukraine bedeute Zusatzaufgaben, wie etwa Tests auf Sars-CoV-2 und bei Gemeinschaftsunterbringung auch Untersuchungen auf Tuberkulose.

Äußerungen, wonach bei den Angekommenen aus der Ukraine bis zu 30 Prozent positiv auf Corona getestet würden, hält Nießen für zu hoch gegriffen, wie er sagte. „Einzelne werden nach der Ankunft positiv getestet.“ Bei Ausbrüchen in Unterkünften könnten jedoch durchaus schnell derart hohe Anteile von Infizierten erreicht werden. „Wichtig ist auch vor diesem Hintergrund, dass an der Maskenpflicht festgehalten wird. Kleine Maßnahme, große Wirkung“, sagte Nießen auch mit Blick auf die am selben Tag im Bundestag geplante erste Lesung zu Änderungen des Infektionsschutzgesetzes zu künftigen Corona-Schutzmaßnahmen vom 20. März an.

„Eine ungebremste Durchseuchung darf nicht Deutschlands Ziel sein.“

Der Münchner Virologe Oliver Keppler hält die bevorstehenden bundesweiten Corona-Lockerungen angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen für falsch. „Nach meinem Eindruck haben wir derzeit eine Entkopplung zwischen der tatsächlichen Entwicklung des Infektionsgeschehens und der politischen Diskussion über Lockerungen und einen Freedom Day“, sagte der Leiter der Virologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. „Eine ungebremste Durchseuchung - und so befürchte ich das derzeit - darf jetzt nicht Deutschlands Ziel werden.“ Nach wie vor gebe es täglich 200 bis 300 Corona-Tote. „Bei annähernd neun von zehn ist Covid auch ursächlich für den Tod“, sagte Keppler.

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Erspart uns den Freedom Day

Während einer historisch hohen Inzidenz sollen weitreichende Öffnungen beschlossen werden. Anne-Bärbel Köhle, Chefredakteurin des Diabetes Ratgeber kommentiert.

Der Aspekt Long Covid komme häufig zu kurz. „Im Mittel vieler Studienleiden fünf bis zehn Prozent der Infizierten über drei Monate hinaus, manche schon seit fast zwei Jahren, an diesem Beschwerdekomplex.“ Dazu zählten unter anderem starke Erschöpfung und fehlende Belastbarkeit, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Kurzatmigkeit und chronische Kopfschmerzen.

Müde Frau

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Die Zahl der in Kliniken gekommenen Corona-infizierten Patienten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am 16. März 2022 mit 7,45 an (15.03.2022: 7,21). Darunter sind auch viele Menschen mit positivem Corona-Test, die eine andere Haupterkrankung haben. Bei Corona-Infizierten auf Intensivstationen zeichnete sich zuletzt ein Plateau ab: Seit Ende Januar 2022 schwankte die Zahl dieser Patienten dort zwischen rund 2100 und 2450, am 16. März waren es rund 2300.

Personal und Kinderbetreuung fehlen

Derzeit würden konstant 0,13 Prozent aller Infizierten intensivpflichtig, twitterte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Es würden viele Ältere und Patienten mit unterdrücktem Immunsystem behandelt. Ein gravierendes Problem derzeit seien Personalausfälle durch Infektion, aber auch durch Kinderbetreuung.

Zum Vergleich: Der Höhepunkt der Belastung der Intensivstationen war in der dritten Welle 2021 erst Ende April erreicht worden, mit damals mehr als 5000 Covid-19-Patienten.

Wie es in diesem Jahr weitergeht, ist für einige Experten noch unsicher. „Derzeit ist die Entwicklung schwer abzuschätzen“, schrieb zum Beispiel die Physikerin und Corona-Modelliererin Viola Priesemann auf Twitter. Es könnten derzeit keine präzisen Vorhersagen gemacht werden, da man nicht genau wisse, wie stark gelockert wird und wie gut es um die Immunität gegen die Omikron-Untervariante BA.2 steht. Keppler vermutet: BA.2 sei „sicher ein Grund, warum die Infektionszahlen in vielen Ländern derzeit wieder stark ansteigen. In Kombination mit den geplanten weiteren Lockerungen wird das die Infektionszahlen bei uns stark befeuern. Es wird in diesem Sommerlänger dauern, bis wir zu niedrigen Inzidenzen kommen, wenn überhaupt.“

Die WHO warnt vor einem Ende der Schutzmaßnahmen

Angesichts der weltweit wieder steigender Corona-Zahlen warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einem zu frühen Ende von Schutzmaßnahmen. Dazu gehören etwa das Tragen von Masken und Abstand halten. Wenn die Maßnahmen aufgehoben würden, habe das Virus mehr Möglichkeiten zu zirkulieren, sagte Maria von Kerkhove, WHO-Covid-19-Spezialistin. Problematisch sei, dass weltweit inzwischen deutlich weniger getestet werde. Damit sei es schwerer, die Ausbreitung von Varianten zu überwachen.

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