Die Corona-Zahlen explodieren, die Intensivstationen laufen voll - und der Großteil der Menschen, die dort landen, ist ungeimpft. Politiker und Mediziner sprachen daher zuletzt öfter von einer „Pandemie der Ungeimpften“.

Die Diskussion über die 2G Regel

2G-Regeln wurden diskutiert oder in einigen Ländern eingeführt. Dabei sollen nur noch Geimpfte oder Genesene Zutritt zu Veranstaltungen oder Gastronomie bekommen. Doch trägt die Annahme überhaupt noch, dass ein Ausschluss Ungeimpfter aus einigen Bereichen ausreicht, um die Situation einzufangen?

In einem sind sich viele Wissenschaftler, Intensivmediziner und auch das Robert Koch-Institut (RKI) einig: Die Corona-Impfung schützt effektiv vor schweren Verläufen oder Tod. „Viele schwere Erkrankungen und Todesfälle hätten verhindert werden können, wenn die Zielgruppen früher und vollständiger geimpft worden wären“, sagt etwa der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause.

Auch der Infektiologe Mathias Pletz vom Uniklinikum Jena betont: „Das Hauptproblem sind nach wie vor die schwer erkrankten Ungeimpften, denn der Flaschenhals, das sind die Intensivstationen.“

Auch Geimpfte tragen zum Infektionsgeschehen bei

Viele Experten machen aber auch klar: Wer geimpft ist, kann trotzdem zum Pandemiegeschehen beitragen. „Es ist in diesem Herbst und Winter trügerisch zu glauben, dass ein Geimpfter sich nicht infizieren kann und das Virus nicht an seine Großmutter weitergeben kann, die vielleicht noch keine Booster-Impfung bekommen hat“, sagt etwa der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Auch wenn es am Anfang vielleicht so ausgesehen habe, aber der Begriff „Pandemie der Ungeimpften“ sei nie richtig gewesen. Alle Menschen seien Teil dieser Pandemie.

Auch der Virologe Christian Drosten sagte jüngst der „Zeit“, er finde es falsch, wenn derzeit von einer „Pandemie der Ungeimpften“ gesprochen wird. „Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen - auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger“, erklärte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité. „Die Delta-Variante hat leider die Eigenschaft, sich trotz der Impfung zu verbreiten.“

Veränderungen durch die Delta-Variante

Auch Drosten macht klar, dass sich die Delta-Variante trotz Impfung verbreiten könne. Der Verbreitungsschutz lasse bei der Delta-Variante schon zwei bis drei Monate nach der Impfung nach.

Dass Geimpfte zwar erkranken können, sie aber dennoch ein sehr viel niedrigeres Risiko haben, zeigt auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, in einem Tweet in zwei Grafiken: Ungeimpfte Menschen ab 60 Jahren haben demnach eine drei- bis viermal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Covid-Infektion mit Symptomen wie Geimpfte in diesem Alter. Das Risiko für Ungeimpfte dieses Alters, in eine Klinik zu kommen, ist sogar siebenmal höher.

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Keine Impfdurchbrüche nur, wo niemand geimpft ist

Sehr eindrücklich erklärt die Epidemiologin Berit Lange vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung die derzeitige Entwicklung. Sie löste in der „Braunschweiger Zeitung“ das vermeintliche Paradox der steigenden Zahl von Impfdurchbrüchen angesichts einer steigenden Impfquote so auf:

„Keine Impfdurchbrüche gibt es nur dort, wo niemand geimpft ist“, sagt sie. „Wenn umgekehrt 100 Prozent der Menschen geimpft wären, dann müssten auch 100 Prozent der Corona-Fälle auf den Intensivstationen Impfdurchbrüche sein. Das Entscheidende ist: Es wären dann absolut viel weniger Fälle als jetzt.“

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Auffrischungsimpfungen und 2G: Nötige Maßnahmen

Angesichts der insgesamt steigenden Infektionszahlen mahnen Experten besonders für ältere Menschen rasche Auffrischungsimpfungen und das Schließen von Impflücken an, um die Vierte Welle zu brechen. Aber auch vollständige Geimpfte müssen sich wohl wieder auf mehr Regeln gefasst machen.

Der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plädierte beispielsweise dafür, etwa für Veranstaltungen ein 2G-Plus-Modell anzuwenden. Also nur Geimpften und Genesenen den Zutritt zu gewähren, wenn sie vorher einen Schnelltest gemacht haben.

Nach Ansicht einige Forscher reicht das aber eher nicht aus. Es brauche mindestens 2G mit Maske, sagt etwa der Infektiologe Pletz. „Das muss man nun wirklich versuchen in die Köpfe zu bringen: Dass 2G nicht heißt, dass man ohne Maske in großen Mengen in Innenräumen sitzt.“

Auch die Wiedereinführung von Kontaktbeschränkungen könnte aus Sicht mehrerer Experten dazu beitragen, die Welle zu brechen. „Wir werden nicht darum herumkommen, dass wir in gewisser Weise wieder Kontaktbeschränkungen haben werden und dass man Großveranstaltungen in dieser Form vielleicht nicht mehr durchführen kann - oder wenn, dann nur unter strengen Auflagen“, sagt etwa Streeck.

Drosten betonte: „Mangels Alternativen wird man wegen der Ungeimpften wieder in kontakteinschränkende Maßnahmen gehen müssen.“ Ob das rechtlich haltbar ist, wisse er nicht. Übrig bleibe dann ein 2G-Modell, also ein Lockdown für Ungeimpfte. „Ob das noch im November die Inzidenz senkt - ich habe da meine Zweifel.“

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