Baby und Familie

In den letzten Tagen wurde das Thema Impfung gegen Covid-19 für Kinder heftig diskutiert. Kam die jetzige Empfehlung der STIKO für Sie überraschend?

Jakob Maske: Nein, überhaupt nicht. Wäre die Politik nicht so vorangesprescht, wäre es ein ganz normaler Entscheidungsprozess der Ständigen Impfkommission gewesen. So wurde unnötig Druck aufgebaut und bei vielen Eltern Verunsicherung geschürt. Wir sollten uns aber bei so wichtigen Themen nicht von der Politik treiben lassen.

Jakob Maske ist Bundespressesprecher für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Jakob Maske ist Bundespressesprecher für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Warum empfiehlt die STIKO nun die Impfung von Kindern ab 12 Jahren?

Es gab bereits vorher den Rat, chronisch kranke Kinder und ihre Angehörigen impfen zu lassen. Nun gilt die Empfehlung auch für gesunde Kinder ab 12 Jahren. Der Grund ist einfach: Die STIKO kommt nach Überprüfung der Studienlage zu der Erkenntnis, dass das Risiko für Nebenwirkungen durch eine Corona-Impfung auch für Kinder geringer ist als das Risiko einer Covid-19-Erkrankung. Hier wurden Risiko und Nutzen gegeneinander abgewogen.

Welche Nebenwirkungen sind denn bei Kindern und Jugendlichen in Ländern aufgetreten, in denen diese Altersgruppe bereits geimpft wird, wie zum Beispiel in Amerika?

Es gab Fälle, in denen Kinder und Jugendliche nach der Impfung an einer Herzmuskelentzündung erkrankt sind. Allerdings kann eine Covid-19-Erkrankung auch eine Myokarditis (Anm. der Redaktion: Herzmuskelentzündung) auslösen. Betroffen waren tendenziell mehr männliche Teenager. Warum, ist noch nicht geklärt. Nach heutigem Wissenstand klingen die Beschwerden nach der Impfung aber schnell und ohne Folgeschäden wieder ab.

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Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit einem schweren Covid-19-Verlauf ist dennoch – und zum Glück – gering. Laut Melderegister der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI) befanden sich am 12. August 2021 neun Kinder und Jugendliche wegen einer Covid-19-Erkrankung stationär im Krankenhaus, niemand davon auf der Intensivstation. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt gerechtfertigt, Kinder impfen zu lassen?

Zunächst einmal stimmt die Aussage. Je jünger Kinder sind, desto seltener erkranken sie schwer. Einige haben normale Erkältungsbeschwerden, mit leichten Kopfschmerzen, Fieber oder Husten, und sind kurze Zeit später wieder fit. Viele sind symptomfrei und die Infektion ist ein Zufallsbefund, weil sich die Eltern infiziert haben und alle Familienmitglieder mitgetestet wurden. Das gilt auch für die Delta-Variante. Gleichzeitig steigt das Risiko einer Infektion ab dem zwölften Lebensjahr nachweislich an. Zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gibt es dann keinen Unterschied mehr, vor allem wenn diese viele Kontakte haben und schon viel auf Achse sind. Auch wenn selbst nach dem zwölften Lebensjahr die Gefahr für schwere Verläufe gering ist, gibt es diese Fälle. Daher ist aus unserer Sicht eine Impfung gerechtfertigt.

Es gibt auch nach wie vor kritische Stimmen. Ein Vorwurf lautet, dass Kinder jetzt nur geimpft werden, weil die Impfbereitschaft der Erwachsenen niedriger als erwartet ist und die Herdenimmunität nun über die Kinder erreicht werden soll.

Die Bereitschaft von Erwachsenen sich gegen Corona impfen zu lassen, ist regional sehr unterschiedlich. Sachsen hängt da etwas hinterher, in Bremen haben über 70 Prozent der Einwohner bereits ihre zweite Impfung erhalten. Tatsächlich sollte die Politik aktiv werden, um die Impfungen in diesem Bereich noch stärker voranzutreiben. Gleichzeitig wünschen wir uns alle wieder ein normales Leben. Die Impfung von über 12-Jährigen kann dann ein zusätzlicher Beitrag sein, die Herdenimmunität schneller zu erreichen.

Die Pharmaunternehmen forschen bereits an Corona-Impfstoffen für Kinder unter 12 Jahren.

Das ist richtig. Natürlich gibt es auch Babys und Kleinkinder mit schweren Erkrankungen, für die eine Corona-Impfung wichtig wäre. Ich erlebe es in der Praxis, dass betroffene Eltern nach Ärztinnen und Ärzten suchen, die schon jetzt die Kleinen impfen. Doch davor möchten wir als Berufsverband warnen. Wir haben noch keinen zugelassenen Impfstoff für unter 12-Jährige. Die Studien laufen. Geimpft werden sollte erst, wenn klar ist, dass keine unerwünschten Nebenwirkungen aufreten. Bisher gibt es für Kleinkinder noch keine Erkenntnisse, ab welchem Alter genau, mit wieviel Impfstoff und in welchen Intervallen geimpft werden sollten

Keine Schule für ungeimpfte Kinder ab 12 Jahren, vielleicht sogar die Ausweitung auf Kitas, wenn die Altersbegrenzung in Zukunft fällt. Ist dieses Szenario für Sie denkbar?

Die Schulen zu schließen ist ja eine beliebte Drohgebärde der Politik. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat da eine ganz klare Meinung: Der Besuch von Kitas und Schulen darf nicht von einer Corona-Impfung abhängig gemacht werden. Eine solche Ungerechtigkeit werden wir nicht akzeptieren. Kinder und Jugendliche brauchen diese Bildungseinrichtungen, sonst werden sie noch dicker und hängen noch mehr vor Bildschirmen. Auch die Zahl der psychischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe hat seit Pandemiebeginn dramatisch zugenommen. Das darf sich nicht wiederholen.

Sie haben selbst vier Kinder. Sind die schon gegen Corona geimpft, Herr Maske?

Die Älteren ja. Für die Jüngeren leite ich jetzt alles in die Wege.

Sportpause nach der Corona-Impfung:

Kinder im Alter ab zwölf Jahren und Teenager sollten in den Tagen nach einer Corona-Impfung auf Sport verzichten. Junge Leute sind nach dem Pieks für wenige Tage lieber vorsichtig mit starker körperlicher Aktivität, rät der Kinder- und Jugendmediziner Prof. Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden, der auf Infektionskrankheiten spezialisiert ist. Eine konkrete Zahl an Pausentagen nennt der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach: Er empfiehlt "insbesondere den Jungs" nach der Corona-Impfung zehn Tage Sportverzicht – auch wenn das noch nicht verbindlich empfohlen werde. Bei Symptomen wie Brustschmerz oder Atemproblemen in den Tagen nach der Impfung sollte man den Arzt aussuchen. Hintergrund ist, dass bei Impfungen in dieser Altersgruppe sehr selten Herzmuskelentzündungen als schwere Nebenwirkung auftreten. Dies wurde bei etwa 1 von 16.000 Jungs beobachtet, bei Mädchen trat die Entzündung seltener auf. Der Verzicht auf starke Belastung in den Tagen nach der Impfung soll dieses sehr geringe Risiko weiter senken. In der Mehrzahl der Fälle kamen Betroffene, die solch eine Herzmuskelentzündung hatten, laut dem Robert Koch-Institut (RKI) zwar ins Krankenhaus. Sie hätten aber unter der entsprechenden medizinischen Versorgung einen unkomplizierten Verlauf gehabt. (dpa)

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