Noch vor einem Jahr kannten wohl die wenigsten Menschen in Deutschland den britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca. Das hat sich gründlich geändert. Immer wieder beherrscht die Firma die Schlagzeilen wegen ihres gemeinsam mit der Universität Oxford (England) entwickelten Impfstoffs. Aktuell im Fokus stehen seltene Formen von Thrombosen, die in Deutschland zu einer geänderten Impfempfehlung führten: Menschen unter 60 Jahren sollen regelhaft einen anderen der derzeit vier in Deutschland zugelassenen Impfstoffe erhalten.

Zulassungsbehörde: Nutzen überwiegt

Auch die europäische Zulassungsbehörde EMA haben die beunruhigenden Meldungen auf den Plan gerufen. Einige Tage haben sich Experten intensiv mit den Blutgerinnseln beschäftigt. Nun präsentierte sie die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Auswertung. Fazit: Bei den Thrombosen in den sogenannten Sinusvenen des Gehirns handelt es sich tatsächlich um eine Nebenwirkung der Impfung.

Sie tritt nur in Verbindung mit dem AstraZeneca-Impfstoff auf, nicht bei Impfstoffen mit einem anderen Wirkprinzip. Dennoch bleibt der Impfstoff zugelassen. Denn der Nutzen der Impfung überwiege bei weitem das Risiko, und das in allen Altersgruppen, urteilt die EMA.

Sie bezog sich bei Ihrer Bewertung auf die vor der Zusammenkunft bekannten 62 Fälle von Hirnthrombosen und 24 Fälle von Thrombosen im Bauchbereich. 18 davon hatten tödlich geendet. Das entspricht einer bis zwei Thrombosen pro 100.000 Geimpften. Am häufigsten waren Frauen unter 60 Jahren betroffen. Was auch daran liegen könnte, dass Frauen viel häufiger als Männer geimpft waren. Jedenfalls konnte die EMA weder das Geschlecht noch das Alter als Risikofaktor ausmachen.

Zahlen steigen

„Wir können uns nur auf die Zahl der gemeldeten Fälle beziehen, die tatsächliche Rate könnte auch etwas höher liegen“, betonte Dr. Sabine Strauss, Vorsitzende des Sicherheitsbewertungs-Ausschusses der EMA. Sie apelliert an Ärzte und Kliniken, beobachtete Fälle den Behörden zu melden. Am besten funktioniert das bisher offensichtlich in Deutschland.

Dort waren bis 2. April beim zuständigen Paul-Ehrlich-Institut 42 Patienten mit Hirnvenenthrombosen bekannt geworden, acht Menschen waren daran gestorben. Inzwischen melden auch andere Länder verstärkt, wie aus der offiziellen europäischen Datenbank hervorgeht. Stand 4.April 2021 waren dort EU-weit 169 Fälle von Hirnvenenthrombosen sowie 53 Fälle von Thrombosen in Bauchvenen verzeichnet - bei 34 Millionen Impfungen.

Vorerst keine Konsequenz für Deutschland

Was folgt daraus für Deutschland? Zunächst nichts. „Wir werden uns sicher in einer der nächsten Sitzungen mit der EMA-Bewertung befassen“, sagt Professor Christian Bogdan von der Universität Erlangen, Mitglied der für Impfempfehlungen zuständigen Ständigen Impfkommission (STIKO).

Die STIKO hatte Anfang April empfohlen, dass nur noch Menschen über 60 Jahren den AstraZeneca-Impfstoff erhalten sollen, jüngere Menschen nur nach ausführlicher Aufklärung und nach ärztlichem Ermessen. Dem hatten sich die Ministerpräsidenten angeschlossen. Dabei wird es zumindest zunächst auch bleiben.

Denn zum einen kommen die seltenen Thrombosen fast nur bei Menschen unter 60 Jahren vor, zum anderen sterben in dieser Altersgruppe nur vergleichsweise wenig Menschen an der Corona-Infektion. „Vor diesem Hintergrund war das Nebenwirkungs-Risiko für uns nicht akzeptabel“, erklärt Bogdan.

 Internationaler Flickenteppich

Auch Sabine Strauss will abweichende nationale Regeln nicht verurteilen. „Es kommt immer auch auf die Verfügbarkeit anderer Impfstoffe, auf die Fallzahlen und die Situation in den Intensivstationen an“, sagt sie. Und sicher auch auf eine unterschiedliche Einschätzung derselben Fakten. So ist die AstraZeneca etwa in Dänemark komplett ausgesetzt, während in Österreich Menschen aller Altersgruppen geimpft werden.

Fatale Aktivierung von Blutplättchen

Eine internationale Forschergruppe um Professor Andreas Greinacher von der Universität Greifswald hat Blutproben von Betroffenen analysiert und daraus eine mögliche Erklärung für das Risiko seltener Thrombosen abgeleitet. Verkürzt gesagt entstehen bei der Impfung Antikörper, welche die Blutplättchen aktivieren und schließlich verklumpen lassen.

Sehr häufig zerfallen in der Folge so viele Blutplättchen, so dass es zusätzlich zu Blutungen kommt. Völlig geklärt ist der Mechanismus freilich nicht. Eine Therapie ist mit anderen Antikörpern möglich. Allerdings kann die Venenverstopfung und der Mangel an Blutplättchen sehr schnell lebensbedrohlich werden.

Auf Symptome achten

Die EMA wird Ihre Analysen fortsetzen, auch AstraZeneca wurde zur Lieferung weiterer Daten verpflichtet. Festzuhalten bleibt: Unabhängig davon, ob das Impfrisiko auf Bevölkerungsebene akzeptabel ist oder nicht – für den einzelnen Mensch ist es sehr gering. Wem es jedoch etwa ab dem vierten Tag nach der Impfung zunehmend schlechter geht, der sollte einen Arzt aufsuchen.

Typische Symptome sind Atemnot, akute Brust-, Bauch- oder Beinschmerzen, anhaltende schwere Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel, Übelkeit oder punktförmige blaue Flecken. Die gute Nachricht für die überwältigende Mehrheit der Geimpften: Nach 16 Tagen besteht kein Risiko mehr. Und bis dahin hat sich bereits nach der ersten Impfung ein guter Schutz ausgebildet.