Baby und Familie

Manche Menschen, insbesondere Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch sind noch unsicher: Soll ich mich jetzt schon gegen Covid-19 impfen lassen - oder lieber noch warten?

Warum wird Schwangeren manchmal geraten, auf proteinbasierte Impfstoffe wie den der Firma Novavax zu warten?

Mit mRNA-Impfstoffen habe man noch wenig Erfahrung - schon gar nicht bei Schwangeren, argumentieren manche Menschen. Denn der Covid-19-Impfstoff der Firma BioNTech war der erste mRNA-Impfstoff, der wirklich die Marktreife erlangte und in der breiten Masse eingesetzt wurde. Womöglich könne der Impfstoff schwere Nebenwirkungen verursachen und dem Baby schaden. Auf Basis solcher Überlegungen - für die es allesamt keine wissenschaftlichen Beweise gibt - raten sogar manche Ärztinnen und Ärzte schwangeren Frauen und solchen, die es werden wollen, auf die Zulassung des Novavax-Impfstoffes zu warten.

Dabei handelt es sich um einen proteinbasierten Impfstoff. Das bedeutet: Anders als mRNA- oder Vektor-basierte Impfstoffe liefert Novavax das Spike-Protein des Coronavirus direkt, anstatt Körperzellen dazu anzuregen, dieses selbst herzustellen. Impfstoffe, die auf diesem Prinzip beruhen, werden schon seit langer Zeit angewendet, etwa gegen Grippe oder Hepatitis B - auch während der Schwangerschaft. Negative Folgen für die Schwangerschaft oder das Kind sind hier nicht bekannt.

Sollten Schwangere tatsächlich lieber abwarten?

„Es ist sehr zu hoffen, dass es sich bei solchen Einschätzungen, die zum Abwarten raten, um seltene Einzelfälle handelt“, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover.

Erst kürzlich aktualisierte die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Covid-19-Impfempfehlung. Sie empfiehlt Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sowie Stillenden, sich mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs immunisieren zu lassen. Darüber hinaus heißt es, alle nicht oder noch nicht vollständig Geimpften im gebärfähigen Alter sollten sich gegen Covid-19 impfen lassen.

„Es ist unsinnig und nicht vertretbar, eine Corona-Impfung mit einem zugelassenen, verfügbaren und international bereits vielfach untersuchten Impfstoff nicht zu nutzen und stattdessen auf proteinbasierte Impfstoffe zu warten“, sagt Albring. „Das Risiko, dass eine Infektion während der Schwangerschaft schwer verläuft, ist deutlich größer, als jenes, das die Impfung birgt“, sagt auch Ulrike Protzer, Professorin am Lehrstuhl für Virologie an der Technischen Universität München.

Bisherige Studien zeigen, dass Schwangere ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken wie gleichaltrige, nicht schwangere Frauen. Eine Analyse der Daten von mehr als 400.000 US-amerikanischen Frauen, die letztes Jahr im Krankenhaus entbunden hatten ergab, dass diejenigen, die zu der Zeit mit dem Virus infiziert waren, etwa sechsmal häufiger auf die Intensivstation verlegt und etwa 23-mal häufiger beatmet werden mussten. Daneben stieg auch die Wahrscheinlichkeit für eine Früh- oder Totgeburt.

Darüber hinaus ist keine der oben genannten Behauptungen wissenschaftlich belegt. Mikrobiologe und STIKO-Mitglied Christian Bogdan von der Universitätsklinik Erlangen zählt mRNA-Impfstoffe zur selben Kategorie wie Impfstoffe gegen Grippe oder Keuchhusten: „Die mRNA ist kein lebender Organismus, sie gehört zur großen Kategorie der Totimpfstoffe im weiteren Sinn“, sagte er in einem Pressegespräch des Science Media Centers.

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Kürzlich hat der mRNA Impfstoff von BioNTech und Pfizer in den USA als erster Covid-19 Impfstoff seine vollständige Zulassung erhalten. Dafür wertete die amerikanische Zulassungsbehörde FDA etwa zehnmal so viele Daten aus wie für die Notfallzulassung. Viele davon stammen aus dem massenhaften Einsatz des Impfstoffs während der letzten Monate. Dieser Impfstoff ist also bereits in der Breite erprobt und so gründlich untersucht, wie das in der kurzen Zeit möglich ist - auch bei Schwangeren.

In einer Studie mit rund 21.000 Schwangeren in Israel infizierten sich diejenigen, die mit dem mRNA-Impfstoff von BioNTech und Pfizer geimpft waren, deutlich seltener mit dem Coronavirus als Ungeimpfte. Die Wirksamkeit nach der zweiten Dosis beziffern die Wissenschaftler mit 96 Prozent, damit sei die Impfung bei Schwangeren ähnlich effektiv wie bei der restlichen Bevölkerung. Auch die Nebenwirkungen sind offenbar nicht schwerer.

Studien zu Folge ist die Rate an Früh- oder Fehlgeburten unter geimpften Schwangeren nicht höher als unter Nicht-Geimpften. Eine weitere gute Nachricht: Lässt man sich vor oder während der Schwangerschaft impfen, schützt man eventuell das Ungeborene gleich mit. Denn die mütterlichen Antikörper werden über die Plazenta auf das Kind übertragen. Ob das für einen Schutz des Neugeborenen vor einer Infektion ausreichen würde, ist derzeit allerdings noch unklar.

Wie lange dauert es noch, bis der proteinbasierte Impfstoff auf den Markt kommt?

Das ist noch nicht abzusehen. Zwar bescheinigen bisherige Studien der Vakzine von Novavax eine Wirksamkeit von rund 90 Prozent, je nach Virusvariante etwas mehr oder weniger. Die meisten Probanden haben den Impfstoff gut vertragen, in nur 0,5 Prozent der Fälle kam es zu schweren Nebenwirkungen. Die vollständigen Daten für die Zulassung erwartet die Europäische Arzneimittelagentur EMA aber erst im vierten Quartal. Ob und wann die Zulassung dann auch tatsächlich erfolgen wird, steht auf einem anderen Blatt. Das alles könne sich noch über eine sehr lange Zeit hinziehen, meint Gynäkologe Albring.

Können mRNA-Impfstoffe unfruchtbar machen?

Im Netz kursierte zudem das Gerücht, die Impfung könne Antikörper erzeugen, die nicht nur gegen das Spike-Protein des Coronavirus gerichtet sind, sondern auch gegen ein Eiweiß, das in der Entwicklung des Mutterkuchens (Plazenta) eine Rolle spielt. Würde dieses Eiweiß durch Antikörper blockiert, könne das zur Unfruchtbarkeit führen.

„Es gibt keine medizinischen Hinweise, dass dieses Gerücht wirklich stimmt und die Fruchtbarkeit durch die Impfung und durch die Antikörper, die gegen das Spike-Protein gebildet werden, beeinträchtigt wird“, sagte Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt im NDR-Podcast Coronavirus-Update. Forschende haben sich den Aufbau des Plazenta-Eiweißes Syncytin-1 ganz genau angeschaut und es mit dem Spike-Protein des Coronavirus verglichen. Dabei fanden sie keine auffallende Ähnlichkeit. Damit ein Antikörper ein anderes Antigen erkennt, müssten es dem eigentlichen Ziel ähnlich sein. „Deswegen macht das biologisch einfach keinen Sinn, dass sich jetzt Antikörper gegen Spike auch gegen Plazenta-Syncytin-1 richten“, sagte Virologin Sandra Ciesek.

Fachleute haben auch schon Blutproben von Frauen, die mit mRNA-Impfstoffen geimpft wurden, untersucht. Die Antikörper, die sie gebildet hatten, reagierten nicht mit dem Plazenta-Eiweiß. Falls es solch eine Wechselwirkung geben würde, müsste sie sich zudem nicht nur nach einer Impfung, sondern auch nach einer natürlichen Infektion zeigen. Denn auch bei einer Infektion werden Antikörper gegen das Spike-Protein gebildet. Sprich: Auch Frauen, die sich mit dem Virus infiziert haben, müssten anschließend unfruchtbar werden. Dazu ist aber bislang nichts bekannt. Zudem gibt es Beispiele von Frauen, die im Laufe einer Studie geimpft oder positiv getestet wurden - und anschließend schwanger wurden.

Gibt es tatsächlich Frauen, die sich aktuell besser nicht impfen lassen sollten?

Grundsätzlich gibt es sehr wenige Kontraindikationen für die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Dazu gehören Unverträglichkeiten gegen den Impfstoff oder Bestandteile davon, was extrem selten ist. Ein generell erhöhtes Risiko für Menschen mit bekannten Allergien, etwa gegen Lebensmittel und Medikamente ist laut dem Paul-Ehrlich-Institut nicht abzuleiten und stellt somit keine Kontraindikation dar. Wichtig für Allergiker ist jedoch, dass sie bei der Anamnese vor der Impfung ihre Allergien wahrheitsgemäß angeben.

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Bei Personen mit einer akuten, fieberhaften Erkrankung sollte die Impfung verschoben werden. „Es ist für alle Menschen ab 12 Jahren sinnvoll, sich impfen zu lassen“, sagt Albring. Wenn eine Frau die Corona-Impfung in der Schwangerschaft umgehen wolle, solle sie sich zuvor impfen lassen.

Das findet auch Ulrike Protzer am sinnvollsten. Frauen, die vorhaben, schwanger zu werden, rät die Virologin, ihren Impfpass zu kontrollieren und sich - sofern noch nicht geschehen - vorab gegen das impfen zu lassen, was während der Schwangerschaft gefährlich werden kann. Dazu gehört das Varizella-Zoster-Virus, der Verursacher von Windpocken und Gürtelrose. Auch die Impfungen gegen Röteln, Masern oder Keuchhusten muss man eventuell auffrischen. Doch auch wenn eine Frau bereits schwanger ist, würde Protzer ihr zu einer Impfung gegen Covid-19 mit mRNA raten.

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