Der bayerische Ministerpräsident Söder hat die Tage eine Debatte über eine mögliche Impfpflicht bei Pflegekräften ausgelöst. Wie denken Sie darüber?

Das Nachdenken über eine Impfpflicht sollte - wenn überhaupt - das allerletzte Mittel sein. Im Moment halte ich das für extrem verfrüht. Die Covid-Impfung ist ja erst seit wenigen Wochen zugelassen. Die Leute wollen und brauchen schlicht mehr Information – auch, um eigene erste emotionale Impulse besser einzuordnen.

Bleiben Menschen nicht meist bei ihrer ersten Einstellung – also Für oder Gegen die Impfung?

Aus Studien wissen wir: Eine informierte  Entscheidung braucht Zeit. Der erste Impuls ist oft emotional. Die Gedanken sind da vergleichsweise langsam. Diese Zeit des Prüfens und Abwägens zuzugestehen, ist wichtig. Geschieht dies nicht, kann die verfrühte Debatte um eine Impfpflicht im Extremfall eine Polarisierung vorantreiben.

Gerade die Impfgegnerschafft wird dann besonders laut. "Die nehmen uns unsere Freiheit" – das passt zur bisher erzählten Geschichte "Ich darf nicht selbst entscheiden, ob ich eine Maske trage". Was wir aktuell brauchen, ist Information, nicht Druck. Besonders die Gruppe der sogenannten Impfskeptiker hat hier großen Bedarf.

Wie skeptisch sind die Menschen denn derzeit?

Einer aktuellen Umfrage unserer Hochschule zufolge würden sich 57 Prozent der Befragten impfen lassen. Die Zahl ist zuletzt deutlich gestiegen, Anfang Dezember lag sie noch bei 48 Prozent. Damals war die Impfung für viele aber auch noch ein Stück weit Theorie. In dem Moment, wo ein Impfstoff zugelassen wird, sind bestimmte Sicherheitsverfahren abgeschlossen, das dürfte die Zunahme der Impfbereitschaft erklären.

Vergessen wir aber nicht: 57 Prozent Zustimmung bedeuten im Umkehrschluss, 43 Prozent Ablehnung oder Skepsis. Darunter finden sich Impfskeptiker und Impfgegner. Es ist wichtig, hier zu unterscheiden. Wir wissen, dass die Zahl der Impfgegner seit Jahren bei drei bis fünf Prozent liegt. Diese Menschen lassen sich durch Informationen kaum noch erreichen, sie sind festgelegt.

Bei den Impfskeptikern sieht es anders aus. Eigentlich ist das selbstredend, denn Skepsis ist ja nicht gleich Ablehnung. Skepsis ist im Grunde sogar etwas sehr Gesundes. Letztlich ist es die Grundlage jeder Wissenschaft, Zweifel an den Dingen zu haben, die man beobachtet. Aufgrund weiterer Überprüfungen werden Überzeugungen dann aktualisiert. Impfgegner tun genau das nicht. Sie aktualisieren nicht ihr Weltbild, sie suchen sich nur Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen. Impfskeptiker stellen Fragen und wollen mit diesen Fragen ernst genommen werden.

Dr. Philipp Schmid, Psychologe von der Universität Erfurt

Dr. Philipp Schmid, Psychologe von der Universität Erfurt

Werden die Fragen der Impfskeptiker aus Ihrer Sicht ausreichend gehört?

Mein Eindruck ist, da hapert es im Moment noch. Das ist nicht ungefährlich. Wo Informationslücken größer werden, bleiben Zweifel beziehungsweise verstärken sich noch. Folgt auf den ersten emotionalen Impuls kein Relativieren und Einordnen, werden gern auch mal Milchmädchenrechnungen aufgemacht. Wir Menschen sind ja sehr emotionsgesteuert. Einzelschicksale, von denen man gehört oder gelesen hat, werden in der eigenen Wahrnehmung zuweilen riesengroß, Zahlen und Statistiken, die das Ganze geraderücken könnten, werden dagegen ausgeblendet. Ein Stück weit ist das auch ein Problem der Medienlandschaft. Wer berichtet schon darüber, wie unaufgeregt ein Impfstart verlaufen ist? Darüber, wie gut es den Menschen hinterher geht? Negative Berichte wie der über den seltenen Impfschaden kommen deutlich öfter in den Fokus.

Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam – die Älteren erinnern sich noch daran, wie unter diesem Motto in den sechziger und siebziger Jahren für die Polioimpfung geworben wurde. Ist eine ähnliche Kampagne auch bei Covid-19 geboten?

Das war damals ein Slogan, der sich gut eingeprägt hat, eben auch, weil er emotional war. So etwas kann man machen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Umgang mit dem Thema muss aber deutlich weitreichender sein. Die Unterfütterung mit differenzierter Information ist das A und O. Aufklärungsbögen, wie sie vor der Impfung in Form von zwei A4-Blättern ausgegeben werden, enthalten viel Information – aber die kommt im letzten Moment. Und mal ehrlich: Wer liest das schon alles? Was die gezielte Information einzelner Gruppen im Vorfeld angeht ist, mir aktuell wenig bekannt. Auch Sorgen und Ängste gehören in diesem Zusammenhang aufgegriffen. Menschen müssen diese Fragen haben dürfen, man darf sie nicht kleinreden.

Werden die Risiken der Impfung kleingeredet?

Fachleute machen zumindest gern den Fehler, reflexartig gegenzuhalten. Im schlimmsten Fall entsteht eine Art Monolog: "Ich kann dir diese Studie zeigen, jene Untersuchung belegt, …" und so weiter. Was wir brauchen, ist das Gegenteil. Die offene Auseinandersetzung.

Wie kann eine ehrliche Impfaufklärung aussehen?

Sie greift Ängste auf, es wird zurückgefragt: Was genau lässt dich so unsicher sein? Im direkten Dialog geht das natürlich am besten, in der Massenaufklärung ist das schwieriger, aber nicht unmöglich. Online gibt es beispielsweise die Möglichkeit sogenannter Chat Bots. Das sind Computer-Programme, die den Dialog um Impfungen mit Informationssuchenden auch ohne die Anwesenheit eines Arztes realisieren können. Ein solches Programm ersetzt zwar nicht das Arztgespräch, kann aber das Gesundheitssystem bei sehr hoher Nachfrage entlasten.

Solche Lösungen machen natürlich nur bei denjenigen Sinn, die solche Medienkanäle nutzen. Wir wissen, dass ältere Menschen eher zu Flyern greifen. Auch hier gibt es Möglichkeiten offen und dynamisch zu kommunizieren. So kann man Hotlines anbieten, an die man sich wenden kann. Auch können mögliche Falschinformationen bereits auf dem Flyer angesprochen werden. Das heißt, man wird schon vor Falschinformationen gewarnt, bevor diese einen auf anderem Wege erreichen.

Wir nennen das psychologische Impfung. Die Menschen bekommen Rüstzeug an die Hand. Das schützt sie vor Fake News, wie sie derzeit vielfach im Umlauf sind. Nicht nur in den sozialen Netzwerken. Kollegen von der Uni Mainz haben vor wenigen Tagen vor entsprechenden Desinformationskampagnen in Form von Flyern gewarnt.

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Sie nennen Zweifel an der Sicherheit von Impfungen als einen möglichen Grund für Impfskepsis. Die Menschen fürchten sich vor Nebenwirkungen.

Das ist richtig. Ein weiterer Grund, weshalb Menschen sich gegen das Impfen entscheiden, ist eine fehlende Wahrnehmung für die Gefahr von Krankheiten. Eine solide Kalkulation bezieht beides mit ein. Es stimmt, Impfungen können Nebenwirkungen haben. Aber die Erkrankung selbst verursacht Schäden und zwar ungleich häufiger. Richtig wäre es daher, beispielsweise zu fragen: Wie viele und welche Nebenwirkungen finden sich bei 10.000 Geimpften? Und wie viele und welche Nebenwirkungen finden sich bei einer Vergleichsgruppe ohne Impfung beziehungsweise mit Placebo? 

Manchen Menschen macht besonders der neue mRNA-Impfstoff Angst. Vielleicht macht es ja Sinn zu warten, bis Impfstoffe verfügbar sind, die auf anderer, bekannterer Basis funktionieren?

Mal abgesehen davon, dass wir nicht wissen, ob es beim Impfstoff Wahlfreiheit geben wird: Die Entscheidung zu warten bedeutet gleichzeitig, sich länger dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen. Das sollte man wissen.
Zudem basieren viele Bedenken um den mRNA-Impfstoff auf Unwissenheit.

Vielen erscheinen die Risiken einer Covid-19 Erkrankung immer noch gering…

… gefühlt ist das so, ja. Zudem wird auch oft angeführt, dass ja selbst das RKI sagt, dass Covid-19 in den meisten Fällen mild verläuft. Das stimmt, aber entscheidend ist das Risiko in der Relation. Das Risiko des Impfens wird im Vergleich zum Risiko der Krankheit gerne überschätzt. Daher ist gute, differenzierte Aufklärung so wichtig. Das zentrale Argument sollte immer die Information sein.