Als die Sommerferien in Schleswig-Holstein Ende Juli und wenig später in weiteren nördlichen Bundesländern zu Ende gingen, startete das Schuljahr für viele Familien mit dem Gefühl der Ungleichbehandlung. Während Veranstaltungen mit zum Teil Tausenden Teilnehmern wieder stattfanden, waren bei Einschulungsfeiern pro Erstklässler zum Teil nur zwei Begleitpersonen erlaubt. Geschwisterkinder, Großeltern – mussten den Feierlichkeiten fernbleiben. Häppchen und Getränke – vielerorts verboten. Der Dreiklang „Getestet, genesen, geimpft“, mit dem man sich überall sonst locker machte? Spielte vielfach keine Rolle.

Familien: Verlierer der Pandemie – schon wieder

Nachdem in einigen Ländern die ersten Schulwochen vorüber sind, gibt es für Familien wenig Entwarnung. Im Gegenteil: „Kinder und ihre Familien drohen einmal mehr zu Verlierern der Pandemie zu werden“, sagt Heinz Hilgers. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) wirft der Politik Untätigkeit vor. Und, falsche Prioritäten zu setzen: „Alle beteuern zwar, es werde zu keinen Kita- und Schulschließungen mehr kommen“, sagt Hilgers. „Aber wenn gleichzeitig keine Maßnahmen getroffen, dafür aber Clubs geöffnet und Fußballstadien gefüllt werden, dann ist das reine Theorie.“ Praktisch erlebten Familien nicht nur in Nordrhein-Westfalen, wo der DKSB-Präsident selbst wohnt, wieder Quarantänen, geschlossene Kitagruppen und Schulklassen. Hilgers nennt das die „normative Kraft des Faktischen“: Nicht die Politik sorgt für Schließungen. Das Virus tut es.

Tatsächlich schafft die Pandemie vielerorts wieder Fakten: In Ländern, in denen die Sommerferien enden, schießen die Inzidenzen in die Höhe. Und es trifft vor allem die Jüngeren, insbesondere die Zehn- bis 14-Jährigen, aber auch die Null- bis Neunjährigen. Damit tritt das ein, was Virologen und Epidemiologinnen seit Monaten vorausgesagt haben: eine Verschiebung des Infektionsgeschehens. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel liegen die 7-Tages-Inzidenzen in diesen Altersgruppen in vielen Städten und Landkreisen Ende August bei mehr als 400. Allein in Köln gingen an einem Tag mehr als 1300 Kinder in Quarantäne.

Aber was bedeutet das? Wie geht es den Infizierten? Und welchen Anteil haben Schulen und Kitas an der Verbreitung?

Nicht viele Kinder stationär aufgenommen

Anruf bei Dr. Jakob Armann. Er ist einer der Projektleiter des sogenannten „Covid-19-Surveys“ der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Bei ihm läuft ein Großteil der Daten zusammen, die zu stationären, also in Kinderkliniken behandelten Kindern und Jugendlichen vorhanden sind. Es gibt kaum einen geeigneteren Experten, wenn es um die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 für Kinder und Jugendliche geht. Und es gibt wohl kaum einen, der so offen sagt, wie genervt er ist: „Wir sind in die Pandemie mit der Aussage gestartet, dass Kinder ihre Treiber sind. Auch in die zweite Welle sollen wir auf der Schul-Welle geritten sein“, sagt Armann, der als Kinderarzt an der Universitätsklinik in Dresden arbeitet. „Und jetzt heißt es: Bisher sind Kinder nie richtig einer Infektion ausgesetzt gewesen, weshalb nun die große Durchseuchung kommt und alles ganz schlimm wird. Ich finde, man sollte sich entscheiden.“ Mittlerweile sei gut belegt, dass Kinder am Infektionsgeschehen teilnähmen, aber keine Treiber seien. Und dass insbesondere gesunde Kinder quasi keine relevante Krankheitslast durch die akute Infektion tragen.

Jakob Armann plädiert dafür, bei den vorhandenen Daten und Fakten zu bleiben:

• In den ersten drei Augustwochen, in denen in einigen nördlichen Bundesländern die Sommerferien wieder vorbei waren und die Corona-Fallzahlen in den unteren Altersklassen stark anstiegen, sind insgesamt 19 Kinder und Jugendliche auf einer Normalstation aufgenommen worden.

• Die meisten der Kinder und Jugendlichen kommen und kamen allerdings nicht wegen der Covid-19-Infektion in die Klinik, sondern wegen anderer Erkrankungen.

• Den absoluten Höchststand auf den Normalstationen erreichten die Zahlen Ende Dezember: Damals lagen 77 Kinder und Jugendliche dort. Die meisten Intensivfälle hat es Ende November gegeben: Neun Kinder und Jugendliche wurden damals auf Intensivstationen behandelt.

• Die Multientzündungserkrankung PIMS, die Kinder betrifft und in Folge einer Coronavirusinfektion auftritt, verläuft oft schwer. Aber: Sie tritt nach wie vor selten auf und ist letztlich gut behandelbar. Über Long-Covid wiederum lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt seriös kaum etwas sagen­­. Außer, dass Kinder auch hier vermutlich ein deutlich geringeres Risiko als Erwachsene haben.

• Und: Mehr als ein Drittel der in einer Klinik behandelten Kinder war und ist jünger als ein Jahr, fast die Hälfte davon nicht älter als einen Monat. Sie stecken sich sehr wahrscheinlich bei ihren Eltern an – und kommen vorsichtshalber in die Klinik, wenn sie sich nicht schon dort befinden (nach der Geburt).

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Massentests an Schulen und in Kitas überflüssig?

Vor allem der letzte Punkt ist für Armann wichtig: weil er die Frage berührt, wo Kinder sich infizieren: „Der Anstieg der Zahlen, der in den Ländern zu beobachten ist, in denen die Sommerferien enden, ist in großem Maße ein Anstieg durch Aufdeckung“, meint der Kinderarzt. „Die Kinder, die in den ersten Schultagen positiv getestet werden, haben sich Zuhause angesteckt. Würden sie nun nicht in die Schulen gehen und dort getestet werden, würde sich kein Mensch dafür interessieren.“

Er verweist auf Länder wie Schleswig-Holstein, wo nach dem starken Inzidenzanstieg nach Ferien-Ende recht schnell ein Plateau erreicht worden sei. „Die Zahlen werden zunehmen, aber das rechtfertigt nicht die Maßnahmen, die Quarantänen und schlimmstenfalls Kita- und Schulschließungen nach sich ziehen“, sagt Armann. „Das führt zu einer Einschränkung der sozialen Teilhabe, die wirklich schlimme Folgen für viele Kinder hat – deutlich gravierendere als das Coronavirus selbst für diese Altersgruppe.“

Jakob Armann plädiert für drei Dinge: Erstens dafür, die Massentests an Schulen auslaufen zu lassen: „Ich wäre dafür, Kinder nur noch anlassbezogen, also bei Symptomen und ganz bewussten Kontakten mit Infizierten, zu testen.“ Zweitens, dass sich vor allem die erwachsene Bevölkerung zusammenreißt und zusieht, sich nicht zu infizieren: „Ob irgendwann die Hälfte der Kinder Zuhause sitzt oder nicht, liegt an uns – nicht an den Kindern.“ Und damit verbunden, drittens: dass sich alle, die können, impfen lassen. „Dann bleibt die Frage, ob einschneidende Maßnahmen gerechtfertigt sind wegen derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen?“, so Armann. Seine Antwort wäre wohl: nein.

Kinder sollen nicht mehr unverhältnismäßig viel leiden

Was die Massentests anbelangt, vertritt Jakob Armann eine Position, die zum Beispiel vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) nicht teilt: „Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, ab dem man Infektionen akzeptieren muss“, sagt der Bundessprecher Jakob Maske. „Dieser Zeitpunkt aber ist noch nicht gekommen, und wann er es ist, wird zu diskutieren sein.“ Ähnlich sieht es Dr. Andreas Oberle, Vizepräsidentder Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Als Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Olgahospital des Klinikum Stuttgart erlebt er täglich die psychosozialen Corona-Folgen. „Die Kinder haben in der Pandemie unverhältnismäßig viel gelitten“, sagt Oberle. „Aber ich bin positiv gestimmt, dass wir mit den jetzt gültigen Maßnahmen einen gesunden Mittelweg gehen.“

Maske wie Oberle verweisen darauf, mittelfristig zumindest zu einer anderen Art der Testung übergehen zu wollen: Anstatt der Antigenschnelltests sollen nur noch sogenannte Lolli-Tests eingesetzt werden, wie es das Bundesland Bayern zum Beispiel auch für den Beginn des neuen Schuljahres plant. „Diese Art der Testung ist nicht nur genauer und ermöglicht, Positive bereits zu erkennen, bevor sie infektiös werden“, erklärt Maske „Sie ist auch weniger belastend für die Kinder sowie den Kita- und Schulbetrieb an sich.“

Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, ist kein Mediziner. Welche Art der Testung notwendig ist, wie sich dementsprechend Quarantäneregeln verändern müssten oder könnten und wie groß die Gefahr durch mögliche Langzeitfolgen von Infektionen ist – das sollten diejenigen beantworten, die dafür Experten sind. Was er aber weiß: „Dass Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind – und die Freiheit des Einzelnen immer dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt“, sagt Hilgers. „Unsere gesellschaftliche Verantwortung ist, alles dafür zu tun, dass die Kinder zur Kita und zur Schule gehen können.“