Gut ein Jahr ist es her, dass die Corona-Pandemie Deutschland erreicht hat. Der erste Lockdown leerte nicht nur die Straßen der Innenstädte, sondern auch die Wartezimmer vieler Arztpraxen. Verglichen mit den Patientenzahlen des Vorjahres kam es etwa vom 1. bis 28. April 2020 in den Praxen von Haus-, Fach- und Kinderärzten sowie bei Psychotherapeuten im Schnitt zu Einbrüchen um 23 Prozent. Das zeigen Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi).

Im April und Mai 2020 nahmen deutlich weniger Patienten Termine in der Praxis beim Arzt oder Psychotherapeuten wahr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die stärksten Rückgänge verzeichneten Kinder- und Fachärzte. Ab Ende Mai stiegen die Zahlen in alle Bereichen wieder, offenbar holten Patienten Arztbesuche nach.

Im April und Mai 2020 nahmen deutlich weniger Patienten Termine in der Praxis beim Arzt oder Psychotherapeuten wahr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die stärksten Rückgänge verzeichneten Kinder- und Fachärzte. Ab Ende Mai stiegen die Zahlen in alle Bereichen wieder, offenbar holten Patienten Arztbesuche nach.

Besonders Zahnärzte litten unter der Pandemie

„Zum einen hatten viele Patienten Angst vor einer Infektion. Zum anderen waren auch die Praxisteams verunsichert. Es fehlte zum Beispiel an Schutzmaterialien“, erzählt Dr. Heribert Brück, Kardiologe und Pressesprecher des Bundesverbandes Niedergelassener Kardiologen (BNK). Die Arztpraxen brauchten Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen.

Das berichtet auch Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Zahnärzte traf die Pandemie besonders heftig: Laut einer Erhebung des Verbandes kam es in ihren Praxen zwischen Februar und April 2020 im Schnitt zu einem Arbeitseinbruch von 50 Prozent. Das sei wenig verwunderlich, meint Oesterreich: „Der Infektionsort im Körper und unser Wirkbereich – die Mundhöhle – liegen nicht weit auseinander.“

Hygienekonzepte zeigen positive Wirkung

Mittlerweile würden jedoch verschiedene Studien zeigen, dass die Gefahr einer Infektion in der Zahnarztpraxis sehr gering sei, meint Oesterreich: „Die ohnehin hohen Hygienestandards wurden unter Pandemie- Bedingungen weiter verstärkt.“

So auch in den Haus- und Facharztpraxen. Hygienekonzepte wurden etabliert, Mitarbeiter mit Schutzausrüstung ausgestattet, sodass ab Ende Mai die Patientenzahlen deutlich stiegen. Auswertungen aus Kardiologenpraxen für das gesamte Jahr 2020 zeigen laut Brück: „Die Situation hat sich ab Mitte April für den Rest des Jahres wieder normalisiert.“

Auch zu Beginn des zweiten Lockdowns im Dezember sei nur ein kleiner Rückgang der Patientenzahlen zu verzeichnen gewesen. Allerdings seien in den Praxen noch nicht alle Untersuchungen wieder im gleichen Umfang wie vor der Pandemie durchgeführt worden.

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Symptome ernst nehmen

Die ärztlichen Fachgesellschaften appellieren an Patienten, ihre Arzt- sowie Zahnarzttermine wahrzunehmen und nicht zu verschieben. „Sonst besteht die Gefahr, dass Krankheiten nicht entdeckt werden oder bereits vorhandene sich verschlechtern“, warnt Professor Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin.

Wie wichtig es ist, dass Patienten Symptome ernst nehmen, betont auch Privatdozent Dr. Sebastian Ewen, ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Universitätsklinikum des Saarlandes. Zusammen mit anderen Forschern stellte er in einer Studie fest, dass sich während des ersten Lockdowns bundesweit rund 30 Prozent weniger Patienten in den zentralen Notaufnahmen vorgestellt hatten als im Vorjahreszeitraum. Vor allem blieben Menschen mit vermeintlich harmlosen Erkrankungen fern.

„Zudem kamen deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenembolie in die Notfallaufnahmen“, berichtet Ewen. Dabei hatte er wie andere Mediziner eigentlich mit dem umgekehrten Szenario gerechnet: „Virale Erkrankungen wie Covid-19 oder die Grippe begünstigen Gefäßverschlüsse und können Ereignisse wie einen Herzinfarkt auslösen.“

Dass während des ersten Lockdowns viele Patienten ihre Symptome ignorierten oder erst verzögert mediznische Hilfe holten, deuten verschiedene Studien an. So zeigt eine Analyse des Universitätsklinikums Ulm, dass Herzinfarktpatienten oft zu spät in die Klinik kamen und es im Vergleich zu den Vorjahren häufiger Komplikationen gab.

Eine im Magazin Clinical Research in Cardiology veröffentlichte Datenauswertung hessischer Gesundheitsämter zeigt zudem, dass acht bis zwölf Prozent mehr Menschen an Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gestorben sind als im Vorjahr.

Laut einer bundesweiten Studie im Fachblatt Stroke wurden in der Phase bis zum 15. Mai in den Krankenhäusern rund 18,5 Prozent weniger Schlaganfallpatienten aufgenommen als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig sei die Schlaganfallsterblichkeit gestiegen.

Grund sei, dass viele Patienten mit bereits schweren Symptomen und somit schlechterer Prognose eingeliefert worden seien, so die Autoren. Die Sorge, dies könnte sich im zweiten Lockdown wiederholen, scheint sich nach ersten Erkenntnissen nicht bestätigt zu haben. „Bei uns sind die Zahlen zwar zum Ende des Jahres etwas gesunken, aber keinesfalls so stark wie im Frühjahr“, sagt Ewen. Dies wird aktuell noch analysiert.

Folgen für Krebstherapien

Auf den ersten Blick beunruhigende Ergebnisse liefert eine Analyse in Oncology Research and Treatment. Demnach hat es im und nach dem ersten Lockdown weniger stationäre Krebsbehandlungen gegeben als im gleichen Zeitraum 2019. Das geht aus Daten von 75 Einrichtungen der Helios-Klinikgruppe hervor. Der Rückgang der stationären Aufnahmen für Krebsdiagnostik oder -therapie betrug im Schnitt 10 bis 20 Prozent.

Niedergelassene Onkologen und Hämatologen konnten dagegen zwischen April und Juni einen Zuwachs an Patienten verzeichnen, die eine Krebstherapie erhalten haben. „Aufgrund dieser Daten vermuten wir, dass wir einen Teil dieser Patienten auffangen konnten“, sagt Professor Wolfgang Knauf, Vorsitzender des Berufsverbandes der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland. Insgesamt habe es in der ambulanten Therapie von Krebskranken keine Ein-brüche gegeben.

Anders bei Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen: Das Brustkrebs-Screening etwa wurde für zwei Monate ausgesetzt. „Dabei handelt es sich um eine Sicherheitsuntersuchung an einem zumeist gesunden Menschen“, sagt Knauf. Diese um zwei Monate zu verschieben sei nicht so problematisch. Weil die Arztpraxen mittlerweile gut ausgerüstet sind und Patienten dort keine Ansteckung befürchten müssen, appellieren Experten aber, diese wieder regelmäßig auf-zusuchen. Knauf: „Je früher man einen bösartigen Tumor erkennt, desto besser die Heilungschancen.“

In den Praxen von niedergelassenen Kardiologen beschränkte sich der Rückgang der Patientenzahlen auf den Zeitraum von Mitte März bis Mitte April 2020. Danach normalisierten sie sich wieder. Die Ausschläge nach unten sind Feiertage

In den Praxen von niedergelassenen Kardiologen beschränkte sich der Rückgang der Patientenzahlen auf den Zeitraum von Mitte März bis Mitte April 2020. Danach normalisierten sie sich wieder. Die Ausschläge nach unten sind Feiertage

Videosprechstunden werden populärer

Als der persönliche Kontakt zwischen Ärzten und Patienten eingeschränkt war, boomten Videosprechstunden. Zwischen Anfang März und Ende Juni fanden über eine Million Arztbesuche per Videochat statt, im Vorjahr lag diese Zahl noch bei wenigen Tausend.

Am häufigsten nutzten Hausärzte und Psychotherapeuten diese Möglichkeit. „Dadurch konnte die ärztliche Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen schnell aufgefangen werden“, sagt Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

„Teilweise erzählen mir Patienten sogar intimere Dinge, als wenn ich ihnen gegenübersitze.“ Ältere, weniger internetaffine Patienten nutzten eher Gespräche per Telefon. Ein Manko: Gruppentherapien dürfen aktuell nicht per Video stattfinden.

Mittlerweile kämen die meisten Patienten wieder lieber in die Praxis, sagt Roth-Sackenheim: „Viele wollen doch den Kontakt von Angesicht zu Angesicht.“ Für viele psychisch Kranke sei die Pandemie sehr belastend – vor allem für Menschen, die schlecht mit Stress umgehen können.

In psychiatrischen Kliniken habe die Anpassung an Pandemie-Bedingungen etwa drei Monate gedauert, so Roth-Sackenheim. Teils kam es zu Aufnahmestopps. „Inzwischen sind die Kliniken gut ausgestattet und haben effektive Hygienekonzepte entwickelt.“ Während des zweiten Lockdowns hätten sie rund die Hälfte der sonst üblichen Patientenzahl aufgenommen.

Die genauen Folgen für die Versorgung verschiedener Patientengruppen müssen weitere Analysen beleuchten. Etwas Positives brachte die Pandemie aber mit sich: Für zukünftige Krisenfälle sind Kliniken wie Arztpraxen nun besser gewappnet.