Eine Gruppe von 14 Wissenschaftlern hat die Initiative “NoCovid” ins Leben gerufen. Professor Matthias Schneider, Leiter des Bereichs Medizinische und Biologische Physik an der Technischen Universität (TU) Dortmund, erklärt im Interview, mit welchen Strategien die Gruppe das Virus aus Deutschland wieder beseitigen möchte.

Herr Prof. Schneider, es heißt ja immer wieder, wir müssten lernen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu leben. Wie sieht das Ihre NoCovid-Gruppe?

Aus unserer Sicht müssen wir nicht lernen, mit dem Virus zu leben. Denn es gibt Alternativen. Wir wollen das Virus eliminieren. Das Virus wird zwar nicht komplett vom Erdball verschwinden. Aber wir möchten das Virus zumindest in großen Teilen auslöschen. Letztes Jahr im Sommer waren 150 Landkreise in Deutschland virusfrei. Es geht also prinzipiell.

Worum geht es konkret bei Ihrer NoCovid-Strategie?

Es handelt sich um eine Öffnungsstrategie. Wir wollen Inzidenzen auf sehr niedrigem Niveau stabilisieren. Wir wollen keinen blinden Lockdown für alle, wie ihn in die Regierung verordnet hatte. Ein Lockdown sollte höchstens ein Mal verordnet werden und dann braucht man eine Strategie, damit die Zahlen unten bleiben. Immer wieder Quarantäne, unerwartete Veränderungen, Schulschließungen – das ist das Problem. Einen Lockdown sollte man daher richtig machen, damit man ihn nur einmal machen muss.

Wie macht man einen Lockdown richtig?

Ein Lockdown und dessen Lockerung sollte nicht einfach an ein beliebiges Datum geknüpft sein. Die Lockerungen müssen stattdessen von dem Erreichen eines Ziels abhängen. Beispielsweise sollen die Neuinfektionen mit unbekannter Ansteckungsquelle wöchentlich unter 10 pro 100.000 Einwohnern liegen. Ist eine Beendigung des Lockdowns an diese Bedingung geknüpft, erhöht das auch die Motivation der Menschen, sich an die geltenden Regeln zu halten. Mit dem NoCovid-Plan eröffnen wir Planungssicherheit und Perspektive, was am Ende allen nützt.

Was unterscheidet Ihren Ansatz noch von den Maßnahmen der Politik?

Bei unserem Ansatz schaut man sehr lokal. Man geht mit Maßnahmen nicht mehr bundesweit oder landesweit vor, sondern auf Gemeindeebene. Die Gebiete, die einige Wochen Null Inzidenzen haben, werden zu grünen Zonen erklärt und dürfen wieder aufmachen. Und diese grünen Zonen muss man in einem zweiten Schritt vor einem Neueintrag des Virus schützen.

Man appelliert an die Bevölkerung, nur dann von den roten in die grünen Zonen zu kommen, wenn es beruflich oder privat essentiell ist, etwa wenn der Partner dort lebt. Und dann auch nur mit Tests und entsprechenden Hygienemaßnahmen. In den grünen Zonen können die Menschen zur Quasi-Normalität zurückkehren. Dort, wo es noch Ansteckungen gibt, bleiben strenge Beschränkungen bestehen, um die grünen Zonen zu schützen.

Hat die Strategie bereits in anderen Ländern funktioniert?

Sie hat schon in Neuseeland und Australien geklappt und funktioniert auch gerade in Teilen Indiens sehr gut. Die Regierungen haben nicht nur Verbote erlassen, sondern an die Bevölkerung appelliert, wie man gemeinsam durch die Pandemie kommt. Sie haben einen Stufenplan für Öffnungen – gekoppelt an fallende Inzidenzen – entwickelt und das Grüne-Zonen-Modell genutzt. Und sie haben das Corona-Virus fast eliminiert oder zumindest einen Zustand erreicht, in dem es relativ leicht kontrolliert werden kann.

Würde das auch in Deutschland funktionieren? Schließlich ist es keine Insel wie Neuseeland?

Natürlich gibt es Unterschiede. Hier sind wir mitten in Europa und haben den Verkehr über die Grenzen. Da müssen wir an der Grenze zu Ländern mit gefährlichen Virusvarianten so viel testen wie möglich. Aber nach Großbritannien ist die indische Deltavariante über Flugzeuge eingebracht worden.

Da ist es ziemlich egal, ob Deutschland eine Insel ist oder nicht. Ich würde sagen, rund 80 Prozent der Erfahrungen lassen sich von Ländern wie Australien und Neuseeland auf Deutschland übertragen. So ist etwa Australien ja auch eine Demokratie mit föderalen Strukturen.

Wir haben uns in Australien die Stadt Melbourne mit 4,3 Millionen Einwohnern genauer angeschaut, und wie sie die Zahlen der Neuinfektionen auf fast Null gedrückt hat. Und Melbourne hatte ähnliche Probleme wie unsere Großstädte etwa Berlin. Melbourne ist beispielsweise auch eine Stadt mit vielen Migranten. Und unter Migranten sind leider oft auch die Inzidenzen höher.

Wenn die Strategie doch in anderen Ländern erfolgreich war. Warum fand die Strategie hierzulande kein Gehör in der Politik?

Ich weiß es schlicht nicht. Wir haben wirklich alles versucht und uns rege mit der Politik ausgetauscht. Oft wurde uns mit unserer Strategie recht gegeben. Aber sie wurde nicht umgesetzt. Wahrscheinlich will man es allen recht machen. Wenn nach einem Lockdown die Zahlen nach unten gehen, will jeder Politiker der erste sein, der Lockerungen ermöglicht. Die Konsequenz sieht man in England, wo die Zahlen nach schnellen Lockerungen nach oben gegangen sind.


Warum könnte man gerade jetzt, wo die Inzidenzzahlen niedrig sind, mit der NoCovid-Strategie erfolgreich sein?

Wenn die Zahlen klein sind, kann man Infizierte leicht finden und isolieren. Schaut man genauer hin, sieht man, dass rund Hundert von weniger als 400 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen derzeit grüne Zonen sind. Diese grünen Zonen müssen wir nun mit den uns zur Verfügung stehenden Methoden schützen.

Welche Maßnahmen schlagen Sie konkret vor?

Man darf nicht wild öffnen wie im Sommer/Herbst 2020, ohne zu testen. Sonst gibt es am Ende einen erneuten Lockdown. Und wir dürfen uns nicht alleine auf die Impfungen verlassen. Wir müssen dem Virus so viele Beine stellen wie möglich. Ich würde auf keinen Fall die Maskenpflicht aufheben. Darüber hinaus sollte man extrem gut auf internationale Flüge aus Gebieten mit der Deltavariante aufpassen.

Daneben sollte man fleißig testen und Menschen und Gebiete isolieren, bei bzw. in denen Infektionen auftreten. Dabei darf man Menschen, die in Quarantäne gehen, nicht als Ausgestoßene behandeln, die etwas falsch gemacht haben. Sondern als Personen, die mit der Quarantäne ein Dienst an der Gesellschaft tun. Und man muss sie gut behandeln.

Was könnte man mit der Strategie erreichen, wenn man sie jetzt anwenden würde?

Durch das Konzept Impfen-Plus-Maßnahmen könnten wir die Inzidenzen soweit in einem niedrigen Bereich stabilisieren, dass wir auch im Herbst noch in Ruhe leben können. Wenn wir es dem Virus möglichst schwer machen, erhöht das auch die Chance massiv, dass das Impfen das Rennen gegen das Virus gewinnt. Zwar würden immer noch vereinzelt Infektionen auftreten. Aber die ließen sich eben leicht isolieren. Man hat dann zwar nicht die Null auf dem Zettel, aber man hätte sie in der Gesellschaft. Denn von Menschen in Isolation geht quasi keine Gefahr aus.

Hören Sie auch unsere Einschätzung zu „No Covid“ im Podcast