Baby und Familie

Kinderherzspezialist Daniel Vilser leitet an der Universitätsklinik Jena eine Post-/Long-Covid-Ambulanz speziell für Minderjährige. Er ist Mitglied einer Expertenrunde der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die drei Hauptkriterien für Long Covid definiert hat:

  • Bei dem Kind ist eine Corona-Infektion nachgewiesen worden.
  • Die Symptome bestehen wenigstens vier Wochen nach der Infektion – und sind so stark, dass sie das alltägliche Leben des Kindes maßgeblich beeinträchtigen.
  • Man findet keine andere Ursache für die Beschwerden.

Von Post Covid sprechen Experten bei Beschwerden, die mindestens zwölf Wochen nach der Infektion andauern.

Herr Vilser, dass Erwachsene unter Spätfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 leiden können, ist längst bekannt. Doch wie gesichert ist es, dass auch Kinder Long Covid entwickeln können?

Daran gibt es keinen Zweifel. Das bestätigen auch die Ergebnisse großer Studien. Eine kürzlich erschienene Metaanalyse hat alle großen Kontrollstudien dazu zusammenfasst: Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für Kinder, nach einer Corona-Infektion an Long Covid zu erkranken, zwischen 0,8 und 13,3 Prozent. Das ist natürlich ein recht breites Spektrum. Nach meiner Einschätzung bewegen wir uns im unteren Bereich dieses Spektrums. Long Covid bei Kindern ist selten.

Wie kommt es, dass die Angaben zur Häufigkeit so stark variieren?

Das liegt daran, dass die Beschreibung von Long Covid bei Kindern recht vage ist. Es gibt weder harte Diagnosekriterien – wie etwa bestimmte Antikörper im Blut – noch eine einheitliche Definition. Wir haben in einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin daher einen Vorschlag für eine Definition erarbeitet. Und drei Hauptkriterien formuliert: Erstens, es muss bei dem Kind eine Corona-Infektion nachgewiesen worden sein. Zweitens, die Symptome bestehen wenigstens vier Wochen nach der Infektion – und sind so stark, dass sie das alltägliche Leben des Kindes maßgeblich beeinträchtigen. Und drittens: Man findet keine andere Ursache für die Beschwerden.

Unterscheidet sich das Long Covid-Risiko je nach Virusvariante?

Die Studien in der Metaanalyse beziehen sich alle auf die Deltavirus-Variante. Daten zu Omikron haben wir für Kinder leider noch nicht. Eine aktuelle Publikation aus England hat aber bei Erwachsenen das Long-Covid-Risiko nach einer Omikron-Infektion untersucht. Demnach hat sich das Risiko im Vergleich zu Delta halbiert. Das Problem bei Omikron ist jedoch: Die Variante ist deutlich ansteckender. Deshalb haben wir insgesamt sogar mehr Long-Covid-Fälle. Denn bei mehr Infizierten gibt es auch mehr Long-Covid-Betroffene.

Daniel Vilser ist Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Jena und forscht zu den Spätfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern.

Daniel Vilser ist Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Jena und forscht zu den Spätfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern.

Im Vergleich zu Erwachsenen erkranken Kinder aber nur äußerst selten schwer an Covid-19. Sind sie dadurch besser vor Long Covid geschützt?

Ein Zusammenhang zwischen der Schwere der Infektion und dem Long Covid-Risiko besteht durchaus. Lag ein Kind zum Beispiel vier Wochen auf der Intensivstation, ist es anschließend natürlich nicht sofort wieder topfit, sondern hat noch länger mit Belastungen zu kämpfen. Aber zum Glück kommt ein solch schwerer Verlauf bei Kindern ja kaum vor. Ein leichter Verlauf schützt jedoch nicht automatisch vor Long Covid: Mit Abstand die meisten Kinder, die wir wegen Long Covid behandeln, hatten während der akuten Infektion nur sehr milde oder gar keine Symptome.

Wenn die akute Infektion unbemerkt bleibt, werden dann womöglich auch einige Long Covid-Fälle bei Kindern gar nicht erst diagnostiziert?

Das ist eine Befürchtung, die wir haben. Die Eltern kommen dann natürlich nicht auf den Gedanken, die Beschwerden ihrer Kinder könnten etwas mit Covid-19 zu tun haben. Außerdem müssen die Kinder in ihren Beschwerden überhaupt erst mal ernst genommen werden – zunächst von den Eltern, dann vom Kinderarzt oder der Kinderärztin.

Was sind es denn für Beschwerden, unter denen die jungen Patientinnen und Patienten häufig leiden?

Genau wie Erwachsene klagen auch Kinder am häufigsten über Symptome einer Fatigue – also über eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit. Ebenfalls häufig sind Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Husten oder das Gefühl, schlecht Luft zu bekommen. Aber auch Konzentrationsstörungen und eine verminderte geistige Leistungsfähigkeit oder etwa Herzstechen, Herzrasen, Bauchschmerzen sowie Geruchs- und Geschmacksstörungen können auftreten.

Schlappheit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen: Diese unspezifischen Symptome werden oft auch auf die Folgen der Pandemie zurückgeführt. Eine aktuelle Studie aus Dänemark hat die verschiedenen Symptome bei Kindern mit und ohne eine Infektion mit SARS-CoV-2 verglichen. Das Ergebnis: Ehemals infizierte Kinder hatten zwar etwas häufiger zwei Monate und länger Symptome. Die Unterschiede zu nicht vorab infizierten Kindern waren aber nur gering. Wie schätzen Sie das Ergebnis dieser Studie ein?

Die Studie verdeutlicht vor allem, dass die Pandemie-Maßnahmen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, die Kinder extrem beeinträchtigt haben. Ob die unspezifischen Symptome von Long Covid oder aber von den Pandemie-Maßnahmen rühren, ist daher teils schwer zu unterscheiden.

Der geringe Anteil der Long-Covid-Fälle in der dänischen Studie ordnet sich deshalb in etwa da ein, wo auch bisherige Studien die Häufigkeit diskutieren.

Sind Kleinkinder von Long Covid genauso betroffen wie Jugendliche?

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist Long Covid im Vorschulalter extrem selten. Aber man muss sich auch fragen: Wie will man diese typischen Long Covid-Symptome wie verminderte geistige Leistungsfähigkeit bei einem Dreijährigen überhaupt feststellen? Das ist total schwierig. Je kleiner die Kinder sind, desto schwieriger ist es, die Symptome zu erkennen. Die meisten Kinder, die sich bei uns in der Ambulanz vorstellen, sind Teenager.

Was sollen Eltern tun, wenn sie Auffälligkeiten bei ihren Kindern bemerken?

Der erste Ansprechpartner ist der Kinderarzt. Der ordnet die Beschwerden ein, oft haben sie ganz andere Gründe. Erst wenn der Kinderarzt nicht weiterkommt, kann er zu einem Spezialisten überweisen – entweder an einen entsprechenden Facharzt oder an eine Long Covid-Sprechstunde. Im vergangenen Jahr sind in vielen großen Städten spezifische Zentren oder Sprechstunden etwa an Universitätskliniken entstanden. Das Angebot reicht aber noch immer nicht aus. Zumindest haben unsere Wartezeiten weiter zugenommen.

Was machen Sie genau in Ihrer Post-/Long-Covid-Ambulanz?

Wir überprüfen in erster Linie, ob eine Organerkrankung vorliegt, um Folgeschäden zu vermeiden. Was wir in welcher Abfolge durchführen, hängt von den Beschwerden ab. Ist das Kind beispielsweise erschöpft, schlecht belastbar und klagt über Bauchschmerzen, kommt es bei uns zuerst in die kardiologische Sprechstunde, dann zum Lungenfacharzt, dann zum Magen-Darmspezialisten und schließlich zum Neurologen oder Psychologen, um auch die mentalen Beschwerden abzuklären. Die Kollegen führen dazu verschiedene psychologische Leistungstests durch. Das ist sehr anstrengend für die Kinder. Wir versuchen, alles an einem Tag durchzubekommen.

Bleiben die Kinder im Anschluss bei Ihnen?

Nein. Wir stellen die Diagnose und bieten Therapien gegen die Symptome an. Bei einer eingeschränkten Lungenfunktion zum Beispiel ein Spray zum Inhalieren. Stehen die mentalen Probleme oder die verminderte Belastbarkeit im Vordergrund, empfehlen wir beispielsweise Ergotherapie oder eine Rehabilitation. Die weitere Behandlung erfolgt dann durch niedergelassene Ärzte und weitere Therapeuten.

Können denn die Kinder mit einer vollständigen Genesung rechnen?

Die allermeisten schon. Die Prognose ist sehr gut, nur bei wenigen Kindern wird es nicht besser mit der Zeit. Nur beim sogenannten Pädiatrischen Inflammatorischen Multiorgan-Syndrom, kurz PIMS, müssen rund fünf Prozent mit bleibenden Schäden rechnen, die oft auch das Herz betreffen. Es handelt sich um eine schwere Entzündung meh­rerer Organe ein paar Wochen nach einer Sars-Cov-2-Infektion.

PIMS trifft fast nur Minderjährige. Etwa die Hälfte benötigt eine Behandlung auf der Intensivstation. Für mich war anfangs PIMS die größte Gefahr, die Kinder von einer Covid-19-Erkrankung zu befürchten haben, wobei mit den Omikron-Varianten die Häufigkeit von PIMS deutlich abgenommen hat. Bislang gab es hierzulande weniger als 900 Erkrankungen – und es ist in Deutschland glücklicherweise noch niemand daran gestorben.

Was raten Sie Eltern, wie sie ihre Kinder vor den langfristigen Folgen am besten schützen?

Sie sollten sich zum Beispiel an allgemeine Hygienemaßnahmen halten, die dem Alter entsprechen. Wenn die Infektionszahlen wieder hochschnellen, sind für mich auch wieder Masken in Innenräumen eine Option. Die Maßnahmen sollten aber nicht dazu führen, im Kindergarten kleine Kinder voneinander zu trennen, Hygienekonzepte für Dreijährige einzuführen oder 14-Jährigen den Kontakt zueinander zu verbieten. Das darf auf keinen Fall passieren! Die Schwere der Erkrankung – weder der akuten Infektion noch Long Covid – würde das aus meiner Sicht nicht rechtfertigen.

Welche Rolle spielt die Impfung bei Kindern?

Auch da haben wir leider nur Daten für Erwachsene. Demnach reduziert die Impfung das Risiko für Long Covid um 50 Prozent. Ich kann mir aber vorstellen, dass es sich bei Kindern in einem ähnlichen Bereich abspielt. Die Ständige Impfkommission empfiehlt in Deutschland mittlerweile allen Kindern ab fünf Jahren, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Gemeinsam mit der Universität Ilmenau, der Universität Magdeburg und der Hochschule Mannheim haben Sie sich Anfang 2022 zu einem Forschungsverbund zusammengeschlossen, um Long Covid bei Kindern zu untersuchen. Was genau wollen Sie herausfinden?

Unser Ziel ist es, die an Long Covid erkrankten Kinder möglichst genau beschreiben zu können. Wir dokumentieren alle Symptome, machen Ultraschalluntersuchungen von Herz und Lunge oder analysieren das Blut auf spezifische Autoantikörper. Wir möchten Zusammenhänge finden: Was genau hat das Virus bei diesem Patienten gemacht, dass er diese Symptome hat? Und wir schauen in die Familien und möchten wissen, welche Belastungen sie aushalten müssen.

Hinter den verschiedenen Long Covid-Beschwerden stecken also unterschiedliche Ursachen?

Da bin ich mir sicher. Und wenn wir den genauen Grund für die jeweiligen Beschwerden kennen, können wir die Therapien besser auf den Einzelnen zuschneiden. Bis die Studie abgeschlossen ist, wird es aber vermutlich noch etwa ein Jahr dauern. Vorab werden wir aber schon Zwischenergebnisse veröffentlichen.

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