Wer mit AstraZeneca geimpft wurde, die Spritze gut vertragen hat und nun auf den zweiten Impftermin wartet, der hat sich vielleicht schon gefragt: Warum beim zweiten Mal eigentlich auf einen anderen Impfstoff zurückgreifen? Habe ich davon Vor- oder Nachteile? Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?

Was ist ein heterologes Impfschema?

Die Ständige Impfkomission (STIKO) bezeichnet es als heterologes Impfschema, andere sprechen einfach von Kreuzimpfung. Gemeint ist: Es werden verschiedene Impfstofftypen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 kombiniert. Diese Vorgehen war in Deutschland bisher nicht üblich, aber die STIKO empfiehlt es nun in einem Beschlussentwurf für alle mit AstraZeneca erstgeimpften Personen. Auf eine Impfung mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca soll bei ihnen die zweite Impfung mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen.

Die beiden Präparate wirken verschieden: Beim Vektorimpfstoff werden harmlose, nicht vermehrungsfähige Viren in den Körper geschleust. Sie tragen Erbgut für ein Eiweiß des Coronavirus SARS-CoV-2 in sich. Dieses nutzt der Körper als Bauanleitung, um selbst das Eiweiß herzustellen und dann Antikörper gegen das Coronavirus zu bilden. Bei mRNA-Impfstoffen gelangt die mRNA als Bauanleitung für ein Eiweiß des Coronavirus in die Körperzelle, woraufhin die Zelle dieses Eiweiß selbst herstellt und der Körper dagegen Antikörper produziert.

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Warum wird überhaupt kombiniert geimpft?

Die Empfehlung, nach einmaliger AstraZeneca-Impfung den Impfstoff zu wechseln, galt seit Anfang April 2021 zunächst nur für Menschen unter 60 Jahre. Laut Ständiger Impfkommission (STIKO) sollten sie für die zweite Impfung auf einen mRNA-Impfstoff wie Biontech/Pfizer oder Moderna umsteigen. Hintergrund war das Bekanntwerden sehr seltener, aber schwerwiegender Komplikationen nach der AstraZeneca-Impfung. Diese Komplikationen in Form von Thrombosen, also der Bildung von Blutgerinnseln in verschiedenen Gefäßen, unter anderem auch den Hirnvenen, traten überwiegend bei Personen unter 60 Jahren auf.

Die STIKO entschloss sich daher, den Impfstoff von AstraZeneca nur noch für Personen über 60 Jahre zu empfehlen. Fundierte Daten dazu, wie man sinnvollerweise mit den bereits einmalig geimpften Personen umgehen sollte, gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Die STIKO riet zu einer Immunisierung mit einem mRNA-Impfstoff neun bis zwölf Wochen nach der ersten Impfung mit AstraZeneca – weil bekannt war, dass der Impfschutz durch AstraZeneca dann nachlässt. Denn die STIKO erachtete die zweite Impfung mit einem mRNA-Impfstoff für diese Altersgruppe für sicherer als die zweimalige Gabe von AstraZeneca. Über die Wirksamkeit konnte man zu dem Zeitpunkt noch nicht viel sagen, jedoch erschien es den Experten als plausibel, dass auch das heterologe Impfschema seine Wirkung entfalten würde. Inzwischen liegen erste, noch mit Vorsicht zu betrachtende Studien zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der Kombinationsimpfung vor.

STIKO empfiehlt Kreuzimpfung für alle Altersgruppen

Da die Studienergebnisse bislang positiv ausfallen und die Kreuzimpfung demnach offenbar sogar stärker wirkt als die zweifache AstraZeneca-Impfung, empfiehlt die STIKO die kombinierte Impfung nun für alle Personen, die bei der ersten Impfung AstraZeneca erhalten haben. Beim Abstand zwischen den beiden Impfungen rät die STIKO jetzt zu „mindestens vier Wochen“.

Denn aktuell breitet sich die Delta-Variante von SARS-CoV-2 in Deutschland schnell aus. Während laut STIKO der Schutz der Impfung vor schweren Covid-19-Verläufen bei einer Infektion durch die Delta-Variante bei vollständigem Impfschutz ähnlich hoch ist wie bei anderen SARS-CoV-2-Varianten, sei er nach nur einer Impfstoffosis im Vergleich zum Erhalt beider Dosen deutlich herabgesetzt. Daher sollte man die zweite Impfstoffdosis zeitgerecht wahrnehmen.

Das gilt auch für Personen über 60, bei denen demnächst schon die zweite Immunisierung mit AstraZeneca ansteht: Sie sollten den Termin nicht verschieben, auch wenn der Impfstoff nicht mehr kurzfristig getauscht werden kann. Die STIKO schreibt dazu: „Wenn der Termin für die 2. Impfstoffdosis (...) in Kürze ansteht, kann dieser durchaus akzeptiert werden.“ Sie begründet das damit, dass eine zweimalige Impfung mit AstraZeneca-Impfstoff „ebenfalls sehr gut vor schweren Infektionen mit der Delta-Variante des SARS-CoV2-Virus schützt.“

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Wie gut wirkt die Kreuzimpfung?

Vorläufige Studienergebnisse deuten auf eine hohe Wirksamkeit des heterologen Impfschemas. Laut einer Studie der Universität des Saarlandes fällt die Immunantwort nach der kombinierten Impfung mit AstraZeneca und Biontech/Pfizer möglicherweise sogar besonders stark aus. Die Ergebnisse wurden als Vorab-Publikation veröffentlicht, weitere Daten etwa zum Geschlecht, Alter und Nebenwirkungen müssen ausgewertet und die Arbeit von anderen Forschenden begutachtet werden.

Für die Studie hat das Forschungsteam um Leiterin Martina Sester die Reaktion der körpereigenen Abwehr von 250 Impflingen zwei Wochen nach der zweiten Impfung untersucht. Ein Teil von ihnen erhielt entweder eine zweifache AstraZeneca- oder eine zweifache mRNA-Impfung. Einer dritten Gruppe wurden beim ersten Mal der Vektor-Impfstoff von AstraZeneca und beim zweiten Mal ein mRNA-Impfstoff im Abstand von neun bis zwölf Wochen verabreicht. „Wir haben bei den geimpften Personen nicht nur untersucht, wie viele Antikörper sie gegen das Coronavirus gebildet haben, sondern wir haben auch die Wirkstärke der sogenannten neutralisierenden Antikörper bestimmt“, erläutert Sester in der Pressemitteilung der Universität. Diese gebe Auskunft darüber, wie gut die Antikörper das Virus davon abhielten, in die Zellen einzudringen.

Zehnmal mehr Antikörper im Blut

Dabei stellte das Forschungsteam fest: Bei der zweifachen Biontech/Pfizer-Impfung sowie beim heterologen Impfschema ließen sich rund zehnmal mehr Antikörper im Blut nachweisen als bei einer Zweifachimpfung mit dem AstraZeneca-Präparat. „Bei den neutralisierenden Antikörpern zeigte die kombinierte Impfstrategie sogar noch leicht bessere Ergebnisse als eine zweifache Biontech-Impfung“, erklärt die Forscherin. Auch in Hinblick auf bestimmte T-Zellen, die für die Immunantwort wichtig sind, zeigten die ersten beiden Impf-Varianten im Vergleich zur zweifachen AstraZeneca-Impfung eine stärkere Reaktion. Martina Sester betont jedoch in der Pressemitteilung, dass dies nicht bedeute, dass viele der zweifach mit AstraZeneca geimpften Personen keinen ausreichenden Impfschutz aufweisen würden. „Mit einer zweiten Dosis kann jedoch nicht mehr das volle Potential ausgeschöpft werden, das eigentlich in diesem Impfstoff liegt“, erklärt die Immunologin.

Dass eine Kombination von Vektor- und mRNA-Impfstoffen gegen das Coronavirus schützt, deuten auch erste Ergebnisse der spanischen CombivacS Studie des Carlos III Health Institute in Madrid an, ein Zwischenstand wurde nun veröffentlicht. An der Studie nahmen über 600 Menschen teil, die bereits einmal mit AstraZeneca geimpft worden waren. Zwei Drittel von ihnen erhielten im Abstand von mindestens acht Wochen die Zweitimpfung mit Biontech/Pfizer, das letzte Drittel bekam hingegen vorerst keine zweite Impfung verabreicht. Fazit: Die Zweitimpflinge zeigten eine starke Immunantwort und produzierten deutlich mehr Antikörper als dies nach der ersten Impfung der Fall war. Ein Manko der Studie ist jedoch die fehlende Vergleichbarkeit mit der Kontrollgruppe, da diese keine zweite AstraZeneca- oder Biontech/Pfizer-Impfung erhielt.

Die STIKO fasst in einer Mitteilung vom 1. Juli 2021 zusammen: „Nach aktuellen Studienergebnissen ist die Immunantwort nach heterologem Impfschema (Vaxzevria/mRNA-Impfstoff) der Immunantwort nach homologer Vaxzevria-Impfserie (2 Impfstoffdosen Vaxzevria) deutlich überlegen.“

Was ist mit Nebenwirkungen oder Impfreaktionen?

Wie gut verträglich die Kreuzimpfung ist, dazu gibt es verschiedene Daten. Möglicherweise spielt dabei das Zeitintervall zwischen den beiden Impfungen eine Rolle. Ist dieses ausreichend lang, sind laut einer Studie der Charité Berlin wohl keine deutlich verstärkten unerwünschten Reaktionen bei der Kreuzimpfung zu beobachten. Eine Kombination der Präparate in einem Abstand von zehn bis zwölf Wochen sei laut der Studie gut verträglich und rufe vergleichbare Immunantworten wie eine Impfserie mit zweimal Biontech hervor, schrieb der Charité-Wissenschaftler Leif Erik Sander auf Twitter (2. Juni 2021).

Das Team um Sander erhob und verglich Daten von rund 340 Mitarbeitenden des Gesundheitswesen, die zwischen Ende 2020 und 21. Mai geimpft wurden – davon eine Gruppe zweifach mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer im Abstand von drei Wochen und eine weitere mit AstraZeneca bei der Erst- und Biontech/Pfizer bei der Zweitimpfung. Die Studie liegt als Zwischenauswertung vor, eine Überprüfung durch externe Experten sowie die Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift stehen noch aus. Die Forschenden selbst schränken ein, dass es sich nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie handle, also mit zufälliger Zuordnung der Probanden zu den Gruppen.

Die Ergebnisse scheinen in Bezug auf die Nebenwirkungen im Widerspruch zu einer britischen Untersuchung – der Com-Cov-Studie – zu stehen, die kürzlich im Lancet veröffentlicht wurde. Laut den Forschenden aus Oxford hatten Impflinge, die im Abstand von 28 Tagen mit zwei verschiedenen Präparaten geimpft worden waren, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für milde und moderate Nebenwirkungen. Die Teilnehmenden beschrieben eine Woche nach der zweiten Impfung Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie ein allgemeines Krankheitsgefühl. Die meisten der verstärkten Reaktionen traten laut Forschungsbericht in den 48 Stunden nach der zweiten Impfung auf und fielen aber nur mild bis moderat aus.

Die Charité-Wissenschaftler weisen im Vergleich mit der britischen Studie auf Unterschiede beim Studiendesign, dem Alter der Probanden und unterschiedliche Impfintervalle hin. Der längere Abstand von neun bis zwölf Wochen zwischen den beiden Dosen in der Berliner Untersuchung könne mit den weniger stark ausgeprägten Impfreaktionen zu tun haben, so die Vermutung. Auch die STIKO sieht Hinweise auf stärker ausgeprägte Impfreaktionen bei kürzeren Impfabständen, wie zum Beispiel dem vierwöchigen. Sie empfiehlt dennoch „diesen Impfabstand, da sich damit angesichts der Zunahme der Delta-Variante der beste Schutz erzielen lässt.“

Kreuzimpfung als Variante für die Zukunft?

Kämen weitere Forscherteams bei der Kreuzimpfung zu ähnlich positiven Ergebnissen, sollte man intensiv über eine Kombination von Vektor- und mRNA-Impfstoffen nachdenken, meint Forschungsleiterin Martina Sester. „Zudem wäre es wichtig für Menschen mit Vorerkrankungen, deren Immunabwehr zum Beispiel durch Medikamente geschwächt ist, zu überprüfen, ob diese nicht spätestens als dritte Impfung eine kombinierte Version bekommen sollten, um eine möglichste breite Immunreaktion des Körpers zu erzeugen“, so die Immunologin.