Baby und Familie

Rasche Erschöpfung, Husten, Halsschmerzen sowie Angststörungen und Depression. Post-Covid trifft auch Kinder und Jugendliche. Das ergab eine Studie der Uniklinik Dresden – international eine der ersten großen Routinedaten-Studie zu der Frage, ob eine Infektion mit dem Coronavirus auch Spätfolgen für Kinder und Jugendliche haben kann. Die Arbeit wurde als sogenanntes Preprint, also ohne Begutachtungsverfahren vorab veröffentlicht. Und hat durchaus ihre Schwächen. Dennoch sendet die Studie ein Signal. „Aber kein Alarmsignal“, sagt Dr. med. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) im Interview. Vielmehr fürchtet er, dass die Ergebnisse zur Argumentation eines erneuten Lockdowns dienen könnten.

Herr Rodeck, welches Signal sendet die Dresdner Studie?

Sie sendet das Signal, das Post-Covid und Long-Covid durchaus auch ein Thema in der Kinder- und Jugendmedizin sein kann. Aber kein Alarmsignal, bei dem man jetzt in Panik verfallen müsste.

Dr. med. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)

Dr. med. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)

Weil?

Zum einen ist die Problematik von Spätfolgen durch Viruserkrankungen nicht neu. Das kennen wir beispielsweise schon von Epstein-Barr-Viren, die das Pfeiffersche Drüsenfieber verursachen – und dort ebenfalls zu langfristigen Folgen führen können, die ähnlich aussehen wie das, was jetzt bei Covid-19 beobachtet wird: Kopfschmerzen, Erschöpfung, Müdigkeit und psychologische Symptome.

Und zum anderen?

Hat die Studie durchaus Limitationen, die die Autoren ja auch selbst benennen. Die Studie basiert auf einer Auswertung von Krankenkassendaten, was grundsätzlich Schwierigkeiten in der Bewertung mit sich bringt, da auch die Einschätzung beziehungsweise Kodierung durch Ärzte und Psychotherapeuten nicht unbeeinflusst ist. Denn hinter diesen Daten stecken Diagnosen der Behandler, die ja sehr genau wussten, dass ihre Patienten eine Corona-Infektion durchgemacht haben. Dann stellt man als Arzt natürlich auch entsprechende Fragen wie: „Du hast doch jetzt Corona gehabt. Wie geht es dir? Fühlst du dich manchmal müde, hast du Kopfschmerzen?“ Das ist aber kein Vorwurf, das würden alle Ärzte so machen. Für die Auswertung in einer Studie sind solche Diagnosen dann aber nicht von hoher Qualität.

Weil sie das Endergebnis im Vorhinein beeinflussen.

Ja. Diese Daten entsprechen nicht einer sogenannten verblindeten randomisierten Studie, wie man sie normaler Weise für gute Aussagen braucht. Das bedeutet: Zufallsverteilt ist die eine Gruppe betroffen, die andere nicht. Die Gruppen wissen nichts voneinander. Der Arzt der sie behandelt weiß auch nicht zu welcher Gruppe der Patient gehört. Und dann wird zum Schluss alles zusammengeführt, die Verblindung wird aufgedeckt und es erfolgt eine Bewertung der möglichen Unterschiede.

Bei der Frage, ob es Post-Covid-Symptome bei Kindern und Jugendlichen gibt, ist so eine Studie aber wohl kaum möglich?

So ist es. Eine verblindete randomisierte Studie mit Kontrollgruppe ist bei dieser anspruchsvollen Fragestellung methodisch kaum möglich. Daher ist der Ansatz, den die Kollegen aus Dresden hier angewendet haben, mit der Auswertung von Routinedaten von Krankenkassen durchaus sinnvoll. Die Arbeit darf jedoch nicht überbewertet werden. Die Studie kann klar aussagen, ja, Post-Covid ist auch ein Thema bei Kindern und Jugendlichen – aber dennoch sehr selten im Vergleich zu Erwachsenen.

Was sagt die Studie nicht aus?

Dass Kinder, wenn sie eine Corona-Erkrankung durchmachen, auf jeden Fall auch Post-Covid-Symptome haben werden. Ja, es gibt diese Problematik, aber mehr nicht. Man kann aufgrund dieser Studie auch keine Inzidenzen berechnen, also sagen so und so viele Kinder werden im Schnitt nach einer Corona-Erkrankung auch Post-Covid haben.

Das klingt so, als würde Ihnen eine Überbewertung dieser Studie Sorgen bereiten.

Das tut es auch. Vor allem wenn daraus dann gesellschaftspolitische Fragen abgeleitet werden: Wie schütze ich jetzt diese Kinder vor Post-Covid? Ist es sinnvoll wieder zum Lockdown zurückzukehren? Ist es sinnvoll wieder Schulen zu schließen? Wir sagen ganz klar, dass diese Studie nicht ausreicht um eine solche Argumentationskette aufzubauen.

Weil die Schäden durch Schulschließungen oder anderen Maßnahmen schwerer wiegen?

Genau das ist mittlerweile durch viele andere Studien ja schon klar belegt: Dass die psychischen Beeinträchtigungen bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen durch den Lockdown eine eminente und deutliche Beeinträchtigung der Gesundheit dieser Kinder und Jugendlichen und dass das Ausmaß sehr wahrscheinlich sehr deutlich über dem liegt, was wir an Post-Covid-Symptomen sehen. Ich sage es mal sehr klar: Wenn wir eine Glasglocke über die Kinder stülpen, dann haben wir kein Problem mit Covid-19. Aber wir haben dann ein Riesenproblem in vielen, vielen anderen Punkten: soziale Vereinsamung, Probleme zum Bildungszugang, Verweigerung von Kulturzugang, überforderte Familien und Eltern und, und, und. Wenn man da gegenrechnet, ist das Risiko einer Erkrankung auch im Kindesalter unserer Einschätzung nach geringer als all diese anderen Risiken, die man hat, wenn es wieder einen kompletten Lockdown mit geschlossenen Schulen gibt.

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