Zwei Krankenschwestern, die nicht genannt werden wollen – auch das ist ein Zeichen, wie überhitzt diese Diskussion ist – sitzen mit Mundschutz in der U-Bahn in Hamburg, sie haben sich auf dem Weg zur Arbeit getroffen. Eine von beiden erzählt: "Ich hatte letzte Nacht einen Alptraum. Ich saß im Impfzentrum und wartete, bis ich endlich dran bin und geimpft werde. Aber alle Leute um mich rum kamen vor mir dran. Und dann hieß es plötzlich, man mache jetzt zu. Und ich kam nicht dran."

Ihre Kollegin lacht kurz auf, sehr kurz, antwortet: "Ich hatte vor ein paar Tagen auch einen Alptraum. Ich saß in einem Behandlungszimmer, der Arzt kam immer näher, die Impfspritze in der Hand. Ich sagte immer wieder, nein, das will ich nicht, aber er beachtete mich nicht. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht."

Die Mehrheit der Deutschen will sich sowieso impfen lassen

Für die einen ist das Impfen die ersehnte Erlösung, für die anderen ein überschätztes Versprechen mit größeren Risiken. Zwar will sich die Mehrheit der Deutschen impfen lassen gegen COVID-19, aber es gibt und wird immer auch Menschen geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Jeder kann hierzulande frei entscheiden, ob er sich impfen lassen will oder nicht.

Aber was ist mit der Gefährdung von Risikogruppen, darunter chronisch Kranken und älteren Menschen? Kontakt zu ihnen haben vor allem Ärzte und Pflegekräfte, wie die beiden Krankenschwestern in der U-Bahn. Sollten nicht wenigstens sie sich alle ausnahmslos impfen lassen? Nicht nur zum eigenen Schutz, auch zum Schutz der Menschen, um die sie sich kümmern?

Nachdenken über "bereichsbezogene Impfpflicht"

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder von der CSU hat eine gesetzliche Impfpflicht für Pflegekräfte vor wenigen Tagen zur Diskussion gestellt, das Thema haben mittlerweile unter anderem Vertreter aller Parteien, Berufsverbände und Gewerkschaften aufgegriffen. Von Mitgliedern des deutschen Ethikrats heißt es, man habe zwar eine allgemeine Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung ausgeschlossen, aber man habe auch erklärt, dass unter bestimmten Umständen über eine "bereichsbezogene Impfpflicht" nachzudenken sei. In diesem Fall also auf den Bereich der Pflegekräfte bezogen.

Auf den ersten Blick erscheint die Forderung nach einer Impfpflicht für Pflegekräfte einleuchtend. Aber genau dieser erste Blick sei das Problem, sagt Annette Rogge, Oberärztin für klinische Ethik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel: "Vieles, mit dem die Forderung begründet wird, fußt nicht auf gesicherten Fakten, sondern auf eher vagen Annahmen."

Noch zu klären: Könnten trotz Impfung Viren übertragen werden?

So weiß man zum Beispiel noch gar nicht, ob Geimpfte nicht trotzdem auch Überträger des Virus sein können, obwohl sie selbst weitgehend vor einer Erkrankung geschützt sind. Als die Masern-Impfpflicht im letzten Jahr für Mitarbeiter in Kitas, Schulen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen eingeführt wurde, galt es als wissenschaftlich gesichert, dass eine Impfung auch dazu führt, dass man das Virus nicht überträgt.

Bei SARS-CoV-2 könnte dies auch der Fall sein, sicher ist es aber eben noch nicht. "Bei einer Diskussion über eine Impfpflicht sollte dieses Hauptargument aber durch wissenschaftlich stabile Erkenntnisse gestützt werden. Sonst wird womöglich Zwang ausgeübt und die Krankheit wird trotzdem weitergegeben", sagt Rogge. Man brauche zunächst noch mehr Wissen darüber. Diese Ansicht vertreten auch Mitgleieder des deutschen Ethikrats.

Wie hoch ist die tatsächliche Impfbereitschaft von Medizinpersonal?

Auch eine mangelnde Impfbereitschaft von Seiten des medizinischen Personals wird oft als Argument für eine Impfpflicht für Pflegekräfte und andere Mitarbeiter des Gesundheitssystems ins Feld geführt. Diese Annahme fußt vor allem auf einer anonymen Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) mit 2305 Teilnehmern.

Das Ergebnis: Drei Viertel der Ärzte und nur 50 Prozent der Pflegekräfte würden sich impfen lassen. "Diese Umfrage ist eine schöne Momentaufnahme aus dem Dezember, aber eben auch nicht mehr. Sie ist nicht repräsentativ und es wird auch nicht nach den Gründen gefragt, warum man sich nicht impfen lassen will", sagt Rogge. Deshalb solle man aufgrund dieser Zahlen nicht auf die Impfbereitschaft einer Berufsgruppe schließen.

Fachkräfte nicht unfair behandeln

Dass aufgrund von Annahmen und kleineren Umfragen ausgerechnet denjenigen, die in der Pandemie unter höchstem Einsatz dafür gesorgt haben, dass die medizinische Versorgung aufrechterhalten wurde und wird, nun in der öffentlichen Debatte so hart angegangen werden, hält Rogge für unangemessen und gefährlich. "Beiße nicht die Hand, die Dich füttert, heißt es. Diese Fachkräfte sind seit Jahren und insbesondere aktuell ein knappes und unschätzbares Gut.

Mit den Bedenken und Ängsten von Gesundheitspersonal gegenüber einer Impfung muss ebenso sensibel umgegangen werden wie beim Rest der Bevölkerung." Darüber hinaus sei die Zeit mit vollen Intensivstationen und noch nicht ausreichend verfügbaren Impfdosen für diese Diskussion denkbar ungünstig.

Arbeitsrechtler befürchten Klagen und Kündigungen

Arbeitsrechtlich hätte eine gesetzliche Impfpflicht eine Reihe von Konsequenzen. "Wenn es eine gesetzliche Impfpflicht gibt und eine Pflegekraft sich trotzdem nicht impfen lässt, dann werden die allermeisten Arbeitgeber sie auch nicht mehr in der Pflege einsetzen.

Denn jedes Mal, wenn sich ein Patient ansteckt und zu Schaden kommt, droht eine Klage, oder sogar eine Strafverfolgung", sagt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Man könne das vergleichen mit einem Lastwagenfahrer, der keinen Führerschein hat. "Zunächst wird der Arbeitgeber versuchen, die Angestellten woanders einzusetzen. Wenn es keine andere Verwendung gibt, kann er eine sogenannte personenbedingte Kündigung aussprechen. Bei Bestehen einer gesetzlichen Pflicht kann die Weigerung sogar zu einer (fristlosen) verhaltensbedingten Kündigung führen." Gegen die Kündigungen könne der Arbeitnehmer zwar klagen, das sei jedoch immer mit Kosten und Unsicherheit verbunden.

Die Perspektive der Pflegebedürftigen

Betrachtet man all dies allerdings aus der Perspektive eines älteren Risikopatienten, erscheint die Impfpflicht in einem ganz anderen Licht. Es wäre doch viel beruhigender, wenn man als Pflegebedürftiger nur von Menschen umgeben ist, die auch sicher geimpft sind. Auch wenn noch nicht erwiesen ist, dass eine Übertragung des Virus durch eine Impfung ausgeschlossen wird, so deutet zumindest einiges darauf hin, dass die Ansteckungsgefahr wenigstens geringer ist.

Auch ohne Impfpflicht machen Angehörige schon heute für den Tod ihrer Liebsten in zahlreichen Pflegeheimen die Angestellten verantwortlich, die womöglich durch Unachtsamkeit in der Freizeit selbst infiziert wurden und dann die Patienten angesteckt haben. Anwalt Alexander Bredereck, der auch Mandanten in diesem Bereich vertritt, sieht bereits eine Klagewelle aufkommen.

Medizinethikerin lehnt Impfzwang ab

Auch die Medizinethikerin Annette Rogge glaubt, dass die Gesellschaft besser durch die übrige Pandemie kommt, wenn sich viele Menschen impfen lassen, insbesondere im Gesundheitswesen. Einen Zwang dazu hält sie allerdings aktuell für den falschen Weg.

"Jeder, der sich nicht impfen lassen will, hat seine eigenen Gründe. Über diese Gründe wissen wir noch viel zu wenig. Eine verfrühte Diskussion über Impfpflicht droht diese zu ignorieren und Ängste eher weiter zu schüren", sagt Rogge.

Es mag die Anästhesistin geben, die schwanger werden will und wegen fehlender Langzeitstudien zu den Impfstoffen lieber vorsichtig ist, abgesehen davon würden zurzeit Schwangere auch noch nicht geimpft. Den Pfleger, der ein Video eines Verschwörungstheoretikers nicht mehr aus seinem Kopf bekommt. Die Krankenschwester, die bei einer Impfung einmal eine starke allergische Reaktion hatte und nun Angst hat. Oder den Mitarbeiter, der die Infektion bereits durchgemacht hat.

Wiederholte Beratung sollte möglich sein

"Jeder, der Zweifel hat oder aus bestimmten Gründen zögert oder zurückhaltend ist, sollte die Möglichkeit haben, sich ohne Zwang und gegebenenfalls auch wiederholt beraten zu lassen", sagt Rogge. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gab es neben allgemeinen Aufklärungsangeboten ein solches individuelles Beratungsangebot für Mitarbeiter bereits, bevor die ersten Impfstoffe angeliefert wurden. Rogge plädiert dafür, mit derartigen Angeboten zunächst auf Auklärung zu setzen.

Und diejengen, die sich auch nach einer Beratung nicht impfen lassen? Manche haben vielleicht tatsächlich trifftige Gründe, viele andere werden sich einfach so weigern. Klar, theoretisch kann es sein, dass deshalb Patienten angesteckt werden und sterben.

Vorausgesetzt, dass eine Impfung auch eine Übertragung verhindert, wäre dies ein starkes Argument für eine Impfpflicht. Schließlich geht es um Leben und Tod. Aber sollte man deshalb Millionen Menschen eine Pflicht auferlegen und so ihre körperliche Integrität verletzen? Für manche erscheint die Antwort auf diese Frage, egal, in welche Richtung sie ausfällt, glasklar. Viele andere sind unentschieden. Genau wie bei der Frage, ob man sich impfen lassen sollte oder nicht.