Baby und Familie

Viele Schwangere sind angesichts der Hygieneregeln in der Pandemie verunsichert: Kann es sein, dass ich alleine in den Kreißsaal muss? In einigen Kliniken durften im vergangenen Frühjahr keine Begleitpersonen mehr bei der Geburt dabei sein und auch nicht mehr auf die Wochenbettstation – um das Ansteckungsrisiko mit dem neuartigen Coronavirus zu vermindern.

Prof. Dr. Michael Abou-Dakn ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der Vertreter für Pränatal- und Geburtsmedizin. Außerdem ist er Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof. Im Video-Interview beantwortet er unsere Fragen. Zu Anfang plädiert er jedoch an alle Schwangeren: "Ich würde Sie alle ermutigen, sich sehr zu freuen, dass Sie schwanger sind und ein Kind erwarten oder eins bekommen haben. Auch trotz dieser Covid-Zeiten ist eine Schwangerschaft etwas Wunderschönes. Wir sehen, dass die meisten Verläufe bei Frauen, die sich infiziert haben, relativ sanft sind. Haben Sie keine Angst. Freuen Sie sich, seien Sie stolz und guter Hoffnung, so wie man früher die Schwangerschaft bezeichnet hat. Ich wünsche Ihnen eine schöne Schwangerschaft und eine gute Zeit in der Geburt in jeder Klinik, in die Sie gehen. Und auch eine gute Stillzeit mit Ihrem Kind. Einfach einen guten Start ins Leben."

Herr Abou-Dakn, wie gestaltet sich eine Geburt während der Pandemie?

Abou-Dakn: Wir haben da sehr dazugelernt. Alle Kliniken haben über die Pandemiestäbe gelernt, wie man zusieht, dass man möglichst keine Infektionen in die Krankenhäuser reinholt. Wir haben in Berin schon früh angefangen, uns unter den Kliniken kurzzuschließen und versucht, möglichst einen einheitlichen Stil hinzubekommen.

Etwas uneinheitlich waren wir hin und wieder in der Frage: "Was macht der Mann bei der Geburt?" Ich bin der festen Auffassung, dass es in dieser wichtigen Phase für den Geburtsverlauf ganz wichtig ist, dass die Frau eine Vertrauensperson bei sich hat. In der Regel den Partner, manchmal ist es die Freundin oder Partnerin oder eben die Eltern. Das haben wir die ganze Zeit auch so gehandhabt. Selbst beim Kaiserschnitt haben wir frühzeitig gesagt, da sollte der Partner auch dabei sein könnten. Das war am Anfang ein Ressourcenproblem, weil wir ja insgesamt in der Gesellschaft im ersten Lockdown Schwierigkeiten hatten, genug Schutzmaterialien zu bekommen. Da haben einige Krankenhäuser drauf reagiert. In der Regel sind sich aber alle einig, dass in dieser wichtigen Phase der Partner, die Partnerin dabei sein sollte.

Auch für die Frauen versuchen wir, möglichst keine Einschränkungen in dieser wichtigen Geburtsphase zu machen. Das heißt vor allem, dass wir nicht wie sonst üblich sagen "Bitte, bitte tragt Masken". Sondern dass wir natürlich bei Frauen, die unter der Geburt sind, davon ausgehen, dass die das nicht gut tolerieren können. Wir haben also sehr frühzeitig schon großes Verständnis dafür gehabt, dass Frauen in der letzten Phase – also dann, wenn das Kind bald kommen möchte – keine Maske mehr aufhaben. Und haben andersrum reagiert und sehr frühzeitig unsere Hebammen durch entsprechende Schutzausrüstung geschützt. Das heißt, sie haben sehr frühzeitig schon mit FFP2-Masken und einem Gesichtsschutz gearbeitet, weil in dieser letzten Phase natürlich die Ausatmung der Frauen sehr aktiv bei uns ankommt und wir durchaus Befürchtungen hatten – die sich auch bewiesen haben –, dass Hebammen in dieser Phase angesteckt werden könnten. Und da muss man eben von Klinikseite aus drauf reagieren.

Jetzt ist die Situation ohnehin anders, weil wir mittlerweile doch sehr gut über Schnelltestverfahren oder auch über relativ schnelle PCR-Verfahren verfügen, sodass wir mittlerweile alle Frauen, die zur Geburt kommen und die Partner, wenn sie mit aufgenommen werden, einen Schnelltest durchführen lassen. Bei geplanten Eingriffen machen wir vorher einen PCR-Test, damit wir wissen, wie es den Frauen geht und frühzeitig eventuell auch asymptomatische Covid-Fälle entdecken.

Dürfen Begleitpersonen nach der Geburt bleiben?

Abou-Dakn: Auch das ist tatsächlich etwas unterschiedlich gehandhabt worden. Diese Entscheidungen der Besucherregelung obliegen den jeweiligen Gesundheitsämtern, also letztendlich den Senator:innen oder Minister:innen in dem Bereich. In Berlin war es frühzeitig so, dass die Besucherregelungen für Schwangere, Entbundene, und auch für die Kinderkliniken gelockert wurden, weil man sagt, das sind so besondere Lebenssituationen, dass man hier Familien nicht trennen möchte, im Gegensatz zu den anderen Bereichen im Krankenhaus. Wir haben das so gehandhabt, dass zwar die Familienzimmer weiterhin kontinuierlich von den Vätern mitbesucht werden durften. Das heißt, die werden mit aufgenommen, werden abgestrichen und bleiben auch hier, also bitte nicht kommen und gehen. Bei den anderen Vätern haben wir gesagt: Wir möchten gerne nur eine Bezugsperson, die zu Besuch kommt, also in der Regel der Partner oder die Partnerin, und nicht Geschwisterkinder und so weiter. Nur die dürfen kommen. Offiziell heißt es eine Stunde. Aber unter uns gesagt, da guckt keiner hin in dieser Phase.

Wie verläuft eine Geburt, wenn ich coronainfiziert bin?

Abou-Dakn: Wir haben in Deutschland mittlerweile über 1000 Geburten von Covid-positiven Frauen – in meiner Klinik waren es insgesamt 40. Wir sehen, dass alleine die Geburt dieser Covid-positiven Frauen bei den Kindern in der Regel keinerlei Symptome, keine Erkrankung zur Folge hat. Es gibt auch in der Literatur nur ganz selten Fälle, wo man von einer Transmission, also einer Übertragung von der Mutter aufs Kind durch den Mutterkuchen, ausgehen muss. In der Regel ist das nicht der Fall, sondern im Gegenteil: Die Kinder kriegen eher Antikörper mit, wenn die Mutter Antikörper gebildet hat. Auch das ist, wie Sie wissen, bei Covid ja sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die Antikörper-Proteine entwickeln und andere nicht. Und bei den Frauen und den Kindern ist es eben das Gleiche. Wir sehen eher einen gewissen Nestschutz, wenn vorher eine Covid-Erkrankung stattgefunden hat.

Was wir auch gesehen haben, sind Frauen, die quasi unter der Geburt erst positiv waren. Da möchte ich sehr eindrücklich die Paare, die jetzt zugucken und mit Interesse Ihren Beitrag sich anschauen, bitte warnen. Diese übliche Reaktion von Männern, "Ich kriege jetzt bald ein Kind und treffe mich noch mal mit meinen Kumpeln und anschließend geht's zur Geburt", ist heutzutage hochgefährlich. Wir haben tatsächlich in Berlin einige Männer gehabt, die plötzlich positiv waren und unmittelbar vor der Geburt ihre Frauen infiziert haben. Die quasi in die Geburt hineingegangen sind und positiv wurden. Auch bei diesen Fällen haben wir keine unmittelbare Infektion bei den Kindern erlebt. Lediglich – wenn überhaupt – sehr leichte Verläufe in den Fällen, die wir beobachten konnten, wenn Kinder dann nach der Geburt infiziert wurden. In der Regel traten allerdings praktisch keine Symptome auf. Insbesondere, wenn die Frauen ihre Kinder gestillt haben – weil über die Muttermilch offensichtlich auch Antikörper abgegeben werden. Auch das wissen wir schon von anderen Covid-Arten oder Covid-Infektionen.

Covid ist ja kein neues Virus. Es ist ja nur diese Wuhan-Mutation, oder wie man das nennen möchte, die 19er, die uns so beschäftigt hat. Ansonsten wissen wir von der Grippe und von anderen Viren, dass Antikörper durch die Mutter ans Kind weitergegeben werden und dass der Kontakt zur Mutter extrem gut ist und unbedingt bitte gestillt werden soll. Das ist uns ganz, ganz wichtig.

Ist eine Impfung für Schwangere schädlich?

Abou-Dakn: Also beim Stillen gibt es sehr wenig Bedenken, gegebenenfalls eine Impfung durchzuführen, auch wenn das primär in den Wirkstoffen nicht beschrieben ist. Das ist der erste Punkt. Der zweite und kompliziertere ist tatsächlich die Fragestellung in der Schwangerschaft. Da gibt es in den internationalen Verlautbarungen sehr eindeutige Hinweise, dass es günstig ist, insbesondere Frauen, die ein Risiko zusätzlich haben, also zum Beispiel Diabetes Mellitus, zum Beispiel Adipositas, zum Beispiel Lungenerkrankungen, andere Erkrankungen, die mit einer Reduzierung der Immunabwehr zusammenhängen. Bei diesen ist man sich sehr sicher, dass man auch in der Schwangerschaft eine Impfung durchführen sollte.

Da ist der RNA-Impfstoff mittlerweile sehr klar angesprochen, dass der keinerlei Probleme in der Schwangerschaft selbst macht, besonders in der späteren Schwangerschaft. Aber auch der Vektor-Impfstoff, also der AstraZeneca jetzt, der ja so heiß diskutiert wird, ist tatsächlich als Wirkstoff, als Impfstoff her, nicht einzuschränken, was die Schwangerschaft angeht. Routinemäßig würde ich es gerade noch nicht machen. Ich glaube, da sollte man eher an das Umfeld der Schwangeren denken, dass man das Risiko der Übertragung auf die Schwangere reduziert. Ich würde tatsächlich in den heutigen Zeiten empfehlen, dass Frauen und Paare, wenn irgendwann mal die Impfung für alle möglich ist, dran denken, auch sich gegen Covid impfen zu lassen, um einen möglichst hohen Impfschutz in der Gesellschaft hinzukriegen.