Herr Pioch, warum sind wir eigentlich wütend? Was bezweckt dieses Gefühl?

Der Auslöser für die Wut kann ganz unterschiedlich sein, eines hat das Gefühl aber immer gemein: Es ist mit einem hohen Erregungsniveau verbunden. Hier grenzt sich die Wut übrigens von anderen, in eine ähnliche Richtung gehende Emotionen ab. Der Zorn zum Beispiel ist nicht so intensiv. Auch der Ärger ist etwas milder als die Wut. Wut entsteht, wenn wir den Eindruck haben: Uns wird etwas vorenthalten, von dem wir meinen, wir hätten einen Anspruch darauf. Zum Beispiel jetzt in der Impfdebatte, wo ich die Wut der Geimpften für durchaus nachvollziehbar halte. Schließlich ist die Impfung nach allem, was die Wissenschaft sagt, für die Bewältigung der Pandemie zentral. Sie bietet zwar keinen perfekten Schutz, die Erkrankungen geimpfter Menschen verlaufen aber nachweislich milder als bei Ungeimpften. Denken wir darüber hinaus an die Ärzte und Pflegekräfte, die sich auf den Intensivstationen um all die Erkrankungsfälle kümmern, die eigentlich überhaupt nicht notwendig wären. Denken wir an die, die Angehörige im Pflegeheim haben und dann kommt es dort zu einem Ausbruch, weil ein Mitarbeiter nicht geimpft war. Schnell sind wir dann bei so Themen wie Solidarität und Rücksichtnahme. Aus Sicht der Geimpften werden durch die Weigerung, sich impfen zu lassen, gesellschaftliche Grundkonzepte verletzt.

Eckehard Pioch ist Psychoanalytiker und Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts in Berlin

Eckehard Pioch ist Psychoanalytiker und Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts in Berlin

Aber was bringt es, dann wütend zu sein?

Schauen wir uns das Ganze einmal völlig wertfrei an. Dann sehen wir, dass die Wut eine Art Indikator ist: Hier passiert etwas, das nicht in Ordnung für mich ist. Das Gefühl der Wut geht mit bestimmten neurobiologischen Prozessen einher. Nicht mehr der präfrontale Kortex steht jetzt im Vordergrund, jener Bereich im Gehirn also, der ein ruhiges Abwägen ermöglicht. Salopp gesagt wird dieser Bereich offline gestellt, und ein anderer, die Amygdala, übernimmt. Diese ist eine Art Schaltzentrale für Gefühle wie Angst und Wut und geht mit einem höheren Blutdruck, einem schnelleren Herzschlag und einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin einher. Vereinfacht gesagt wird dafür gesorgt, dass kurzfristig mehr Energie verfügbar ist. Eine Energie, die uns dazu befähigen soll, zu kämpfen und das wahrgenommene Unrecht auszugleichen.

Ist das Ziel der Wut, gegen einen Gegner zu gewinnen?

An der Stelle ist es sinnvoll, sich den Zusammenhang der Wut mit einem weiteren Gefühl anzuschauen. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass in hitzig geführten Impfdiskussionen eine andere Emotion eigentlich grundlegender ist als die Wut – nämlich Angst. Diese Pandemie kann uns in eine schwere Krankheit bringen, sie kann sogar zum Tod führen. Wir haben Angst um Angehörige, um unsere Liebsten. Vielleicht haben wir auch Angst vor wirtschaftlichen Problemen, fürchten einen nächsten Lockdown. Es geht hier also um etwas durchaus Existenzielles – übrigens auch für die Ungeimpften. Auch, wenn es auf den ersten Blick anders scheint. Wer das Virus runterspielt, Corona-Maßnahmen übertrieben nennt und Impfungen für nicht notwendig hält, mag besonders unerschrocken wirken. Doch oft ist es Angst, die Menschen in Krisen in die Rolle der Omnipotenten, der vermeintlich Überlegenen treibt. „Ich weiß, wie es wirklich ist, ich habe es durchschaut“ – das kann ein Schutzmechanismus sein.

Sind Impfbefürworter und Impfgegner also letztlich von derselben negativen Gefühlslage geplagt?

Ich glaube ja, aber geleitet sind sie von unterschiedlichen Bildern. Der Impfwillige erlebt Staat und Regierung tendenziell als fürsorglich. Er sieht, dass Wissen genutzt wird, um der Bevölkerung zu helfen. Impfgegner erleben den Staat hingegen als schwer zu durchschauen, als übergriffig und eindringend. Manche glauben, sich gegen finstere Machenschaften zur Wehr setzen zu müssen. Wut ist der Treiber dafür.

Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Bildern?

Als Psychoanalytiker schaue ich natürlich darauf, in wie weit hier möglicherweise frühe Bindungserfahrungen eine Rolle spielen. Habe ich in meiner Kindheit sichere Bindungen erlebt? Bin ich gut versorgt und verstanden worden? Dann habe ich hier vermutlich eher positive Bilder. Bei frühkindlichen Defiziten, vielleicht sogar Traumatisierung, bleibt man auch als Erwachsener eher vorsichtig und misstrauisch. Natürlich ist das jetzt sehr verkürzt dargestellt, spätere politische Überzeugungen kommen hinzu und wie immer gibt es die berühmte Ausnahme von der Regel. So kann ein frühkindlich schwach gebundener Mensch in seiner Suche nach Halt auch sehr regeltreu sein. Er versucht dann, auf diese Art mit der Angst umzugehen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Wir können auf eine von drei Verhaltensvarianten zurückgreifen, wenn wir ängstlich sind.

Welche drei Verhaltensweisen gibt es denn als Optionen, wenn wir ängstlich sind?

Erstmal der Kampfmodus und dafür brauchen wir wie gesagt die Wut als mobilisierende Kraft. Eine Alternative ist die Flucht. Die dritte Verhaltensvariante bei Angst ist der Totstellreflex. Wie beim Kaninchen, wenn das Raubtier da ist: Es erstarrt. Dieses Erstarren sehen wir häufig seit Beginn der Pandemie. Die Menschen ziehen sich zurück, werden depressiv. Sie resignieren.

Ist Wut das Gegenteil von Resignation?

Ja, Wut will verändern, dafür ist die freigesetzte Energie gedacht. Aber die Sache hat einen Haken. Wenn wir wütend sind, schwindet unsere Differenzierungsfähigkeit. Wie heißt es so schön? Wut macht blind. Ich würde noch weitergehen und sagen: Je höher die Erregung, desto blinder die Wut. Das ist ein Problem, denn wir brauchen die Differenzierung, gerade in einer Situation wie der jetzigen. Längst nicht alle Impfgegner sind schließlich Verschwörungstheoretiker. Schnell werden Schubladen aufgemacht, statt dass man sieht: Das sind Menschen, die genau wie ich Sorgen haben. Indem ich Ihnen gegenüber aufgebracht und abwertend reagiere, verfehlt meine Wut ihr Ziel. Eigentlich dürfte das jedem klar sein: Wenn ich mich dafür einsetzen will, dass Leute geimpft werden, muss ich möglichst differenziert argumentieren. Gebe ich das Rumpelstilzchen, werde ich nicht gehört. Türen, die vielleicht noch ein Stück weit offen waren, gehen dann ganz zu. Der konstruktive Impuls der Wut ist verpufft.

Was passiert, wenn jemand immer wütender wird und die Wut ins Leere läuft?

Eine gefährliche Situation. Wut lebt von der Vorstellung, dass ich durch das Mobilisieren von Energie zu meinem Recht kommen kann. Ein Auto blockiert mir den Weg, ich werde wütend, hupe laut – wenn dann der Fahrer des Wagens kommt und wegfährt, hat meine Wut einen Sinn gehabt. Wenn ich allerdings das Gefühl habe, meine Wut wird überhaupt nicht gehört, dann kann sie in Hass umschlagen. Hass ist die destruktive Variante von Wut und fußt auf der Vorstellung: Ich werde mich nicht durchsetzen können. Dafür soll der andere büßen. Genau das erleben wir, wenn Menschen mit Hassparolen durch die Straßen oder sogar vors Haus einer Politikerin ziehen.

Wie lässt sich die Eskalationsspirale durchbrechen? Gibt es etwas, was der Einzelne tun kann?

Was Hassparolen, Hetze und Drohgebärden angeht, muss der Rechtsstaat natürlich Grenzen deutlich machen. Aber ja, es gibt etwas, was der Einzelne tun kann für einen insgesamt dann hoffentlich anderen Umgang mit Wut. Das Wichtigste ist, eigene Wutgefühle zunächst einmal schonungslos wahrzunehmen und anzuerkennen. Man kann sich sogar vorstellen, was man jemandem am liebsten ins Gesicht sagen würde. In der echten Begegnung lässt sich manches dann besser kommunizieren, man fühlt sich weniger überrascht von dem, was da in einem schlummert und was vielleicht besonders laut hervorbricht, wenn es immer wieder beiseitegeschoben wurde. „Mich macht wütend, dass du dich nicht impfen lässt“ – in einer familiären Diskussion halte ich eine solche Äußerung für durchaus angemessen. Gut ist, wenn es uns gelingt, im nächsten Schritt über unser Gefühl hinter der Wut zu sprechen. Ich habe Angst, mich anzustecken. Oder auch: Ich habe große Angst vor weiteren drohenden Einschränkungen durch die Pandemie. Ich bin sicher, dass es bei Impfgegnern Eindruck macht, wenn sie ihr Gegenüber so offen erleben. Gleichzeitig würde ich dazu raten, auch die andere Seite anzusprechen: Wovor hast du Angst? Oder andersrum: Was hindert dich daran, zu vertrauen?

Spielen Sie darauf an, dass Impfgegner häufig Angst vor Langzeitfolgen durch die Impfung haben?

Ja, allerdings glaube ich nicht, dass es Sinn macht, hier lediglich mit Fakten zu kommen. Das Verfallen in alte, ermüdende Diskussionsmuster ist groß. Eher würde ich versuchen, einen Moment beim Thema Vertrauen zu verweilen. Ich kann zum Beispiel von mir selbst erzählen und sagen: Wenn ich mich hier in der Praxis umschaue, stelle ich fest, dass ich nur deswegen so ruhig hier sitze, weil ich Vertrauen habe. In die Statiker, die dieses Haus gebaut haben. In Handwerker, die Leitungen und Elektriker, die Kabel verlegt haben. Das Leben, das wir führen, braucht immer ein Stück Vertrauen in die Arbeitsergebnisse anderer. Möglicherweise gehe ich an dieser Stelle weiter zu medizinischen Maßnahmen jenseits der Corona-Impfung. Habe ich mich je wirklich gefragt, wie eine Kopfwehtablette wirkt? Oder nehme ich diese Tablette und vertraue darauf, dass das gut und richtig ist? Das sind jetzt nur Beispiele, natürlich kann so ein Gespräch ganz anders laufen. Entscheidend ist das Angebot, von der Wut zu Angst zu kommen. Dadurch kommen wir anders in Kontakt. Wir kommen weg vom Spaltenden, hin zu Schnittmengen, die vielleicht sogar größer sind als gedacht. Voraussetzung ist, dass wir bereit sind, hinzuhören, allen Vorbehalten zum Trotz. Dass wir uns also auch die Ängste des Impfunwilligen anhören.

Mal angenommen ich führe ein solches Gespräch und bin selbst an Long-COVID erkrankt. Oder ich habe einen Angehörigen durch Corona verloren. Ich gebe mein Bestes, aber die Wut kocht immer wieder hoch. Was mache ich dann?


Eine berechtigte Frage. Als Psychoanalytiker und Psychotherapeuten sind wir im Umgang mit Wut natürlich geschult und trainiert. Dadurch fällt es uns leichter, mit Situationen in Patientengesprächen umzugehen, in denen das Wut-Level steigt. Als therapeutisch ungeschulter Mensch komme ich vermutlich eher in Situationen, in denen ich sage: Ich schaffe das nicht. Es gibt eine Möglichkeit, wie es gelingen kann, dennoch in Kontakt zu bleiben. To agree not to agree sagt der Engländer. Gemeint ist: Man stimmt darin überein, dass man nicht übereinstimmt. Ein familiäres Miteinander oder auch eine Freundschaft auf diese Art - gentlemanlike – retten zu wollen finde ich vollkommen legitim. Wir dürfen uns allerdings nichts vormachen: Auf Dauer dürfte es schwierig sein, die Pandemie komplett aus Gesprächen auszuklammern. Sowas ist vermutlich nur vorübergehend möglich: Zeitfenster vereinbaren, in denen man einfach eine nette Zeit miteinander hat, ohne erregte Diskussionen. Gerade für das Weihnachtsfest kann ich mir solche Abmachungen gut vorstellen. Alles, was Spaltungen nicht weiter vertieft und was uns in Verbindung bleiben lässt, ist gut im Moment. Und vielleicht ergibt sich ja mit etwas Abstand doch noch eine Gelegenheit für ein konstruktives Gespräch in Sachen Umgang mit der Pandemie…

Und wenn nicht? Was, wenn die Freundschaft belastet bleibt? Oder am Ende doch zerbricht?

Auch dann gibt es etwas, was wir tun können. Eigene Grenzen anerkennen nämlich. Ich muss wissen, dass ich nicht alles erreichen und nicht alle überzeugen kann. Von diesem Anspruch an sich selbst sollte man loslassen. Die Anerkennung der Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten ist im wahrsten Sinne des Wortes eine reife Leistung.

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