Immer wieder hört man, viele Ungeimpfte seien durch nichts umzustimmen. Sehen Sie das auch so?

Nein, das tue ich nicht. Allerdings müssen wir zwischen Impfgegnern und Leuten, die der Coronavirus-Impfung skeptisch gegenüberstehen, unterscheiden. Wenn 25 Prozent der 18- bis 59-Jährigen und 15 Prozent der über 59-Jährigen nicht geimpft sind, gehe ich davon aus: Fünf Prozent dieser Menschen will und werde ich nicht erreichen, die lassen sich durch nichts von ihrem Entschluss abbringen. Bei den übrgen sieht das anders aus. Das sind die Menschen, die sagen: So richtig dagegen bin ich nicht, aber so richtig dafür eben auch nicht. Hier lohnt es sich zu kämpfen!

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Patienten vor sich haben, der zweifelt?

Ganz wichtig: Augenhöhe und Respekt. Vorwürfe, ob direkt oder unterschwellig bringen uns nicht weiter. Warum sind Sie unsicher? Das ist meine Einstiegsfrage. So kriege ich raus, wo das Problem liegt und in welche Richtung das Gespräch weitergehen kann.

Wo liegt denn das Problem?

Das hängt ganz davon ab, wer vor einem sitzt. Bei jungen Mädchen und Frauen ist tatsächlich die Fruchtbarkeit ein großes Thema. Natürlich kann ich hier mit Fakten argumentieren und sagen, dass die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe die Impfung ausdrücklich empfiehlt. Ich kann auf verschiedene Daten verweisen und darauf, dass es weltweit keinen Hinweis auf irgendeinen Zusammenhang zwischen der Impfung und etwaigen Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit gibt. Weil ich aber den Eindruck habe, dass viele sowas schon unzählige Male gehört haben, erzähle ich außerdem, dass aktuell drei meiner Patientinnen, die ich im Frühjahr geimpft habe, schwanger sind. Solche ganz konkreten Berichte haben eine starke Wirkung.

Warum meinen Sie, ist das so?

Da spricht nicht irgendeine Statistik zu mir, sondern mein Arzt, der diese Dinge selbst erlebt. Ich glaube, in diesem Punkt können wir Mediziner ruhig noch eine Schippe drauflegen. Je konkreter wir kommunizieren und je mehr eigene Beispiele wir idealerweise anbringen, desto besser. Und ich meine da übrigens nicht nur positive Aspekte, sondern auch die zu erwartenden leichten Impfreaktionen gehören ehrlich eingeordnet.

Corona-Impfung: Viele Impfzweifler lassen sich noch überzeugen, sagt Hausarzt Dr. Christian Kröner

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Haben Sie in Ihrer Praxis denn auch Nebenwirkungen durch die Corona-Impfung beobachtet?

Neben den üblichen zu erwartenden leichten Kopf- und Gliederschmerzen und manchmal auch Fieber kann es zu kurzfristigen Zyklusverschiebungen kommen. Darauf verweise ich bei Frauen vor der Menopause inzwischen standardmäßig. Meinen Patientinnen sage ich: Ein für ein bis zwei Monate unregelmäßiger Zyklus kann auftreten und ist nichts Beunruhigendes. Das Problem ist weltweit beschrieben. Durch die Impfung wird eine Immunreaktion ausgelöst - was der Sinn der Impfung ist. Ich erkläre den Patientinnen, dass das kurzfristig Stress für den Körper bedeutet. Stress kann sich bekanntermaßen auf den Zyklus auswirken. Wenn wir uns an dieser Stelle nicht die Zeit für ein paar erklärende Worte nehmen, kann das nach hinten losgehen. Das Gerücht, die Corona-Impfung beeinträchtige die Fruchtbarkeit, wird breit gestreut und hält sich in sozialen Netzwerken hartnäckig. Unregelmäßige Monatsblutung gleich gestörte Fruchtbarkeit… Schnell sind völlig hanebüchen und sachlich falsche Schlüsse gezogen. Patientinnen, die mit mir gesprochen haben, wissen hingegen: Dass der Körper auf die Impfung reagiert, ist kein schlechtes Zeichen. Im Gegenteil: Die Impfung wirkt.

Die Fruchtbarkeit ist ein großes Thema, sagen Sie. Was treibt Impfskeptiker noch um?

Das nächsthäufig genannte Argument gegen die Impfung ist die Angst vor Langzeitfolgen. An dieser Stelle sage ich den Leuten: Entscheidend ist nicht, einen Impfstoff möglichst lang zu testen, sondern möglichst breit, sprich: an möglichst vielen Personen. Bezogen auf die Corona-Impfungen bedeutet das: Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt noch eine noch nicht bekannte Nebenwirkung auftritt, liegt bei circa eins zu acht Milliarden, denn so oft wurde der Impfstoff bisher weltweit verabreicht.

Was sagen Sie, wenn das Gespräch auf mögliche Impfschäden kommt?

Dass es die gibt, sie aber eigentlich immer innerhalb der ersten Wochen auftreten. Heißt: Wer nach einigen Wochen keinen Impfschaden hat, der hat auch nach vier Jahren nicht plötzlich einen. Früh aufgetretene Impfschäden können aber natürlich lebenslang anhalten. Hier sollten Fachleute gut differenzieren, dann kommt es nicht so schnell zu Missverständnissen.

Sind Fakten der beste Schutz gegen Fake News?

Ein faktenbasiertes Argumentieren ist natürlich die Grundlage, allerdings werden Fakten auch gern verkürzt aufgenommen.

Beispiel Herzmuskelentzündung: Das Risiko, eine schwere Herzmuskelentzündung durch eine Corona-Infektion zu bekommen, liegt um ein Vielfaches höher als das Risiko einer meinst harmlos verlaufenden Herzmuskelentzündung durch Impfung. Für mich als Arzt sind das sehr eindrückliche Zahlen, wenn ich mir die Studien genauer anschaue. Für den medizinischen Laien scheint das mitunter anders, im Extremfall speichert er vielleicht nur „Impfung“ und „Herzmuskelentzündung“ ab. Zahlen sind abstrakt. Daher versuche ich das Ganze im Gespräch runter zu brechen.

Aber warum sind manche Menschen so schwer durch diese Fakten zu überzeugen?

Mir scheint, es gibt einen Gedanken, der bei Impfskeptikern sehr verbreitet ist. Sie glauben: Wenn ich nicht den aktiven Schritt gehe und mich impfen lasse, gehe ich weniger Risiko ein. Vom gefühlten Risiko des aktiven Tuns spreche ich in diesem Zusammenhang auch. Durch die Impfung tue ich was, löse etwas aus, eine Begleiterscheinung oder Nebenwirkungen vielleicht. Weil ich das nicht will, bleibe ich lieber passiv.

Die Leute glauben, so zumindest nichts falsch zu machen?

Ja, dabei ist Nichts-tun in diesen Tagen viel riskanter als sich die Impfung zu holen! Das größte Risiko haben Sie, wenn sie sich nicht impfen lassen, sage ich meinen Patienten. Und dass es den vermeintlich sanften Weg, den manch einer so gern gehen will, genauso wenig gibt wie die Option „ich bleibe unbehelligt“. Ich glaube, Christian Drosten hat sich hier bereits vor Monaten klar ausgedrückt: Wer sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später infizieren. Eine Information, die vielen allerdings selbst jetzt, mit den extrem hohen Inzidenzen, noch wie bloße Theorie erscheint....

Irgendwann ist man als Arzt mit seinem Latein am Ende, oder?

Irgendwann ja, zu schnell gebe ich aber nicht auf. Hartnäckigen Zweiflern gegenüber werde ich nicht nur sehr konkret, gern arbeite ich auch mit Bildern. In den vergangenen Monaten hatte ich zum Beispiel viele unsichere Eltern bei mir in der Praxis. Mit wem würden Sie ihr Kind lieber in einem Raum sehen? habe ich die gefragt. Mit einem Straftäter? Oder mit dem Phantombild eines Straftäters? Oft werde ich erst mal blöd angeschaut. Ich erkläre dann, dass die Corona-Impfung nichts anderes macht, als eben dieses Phantombild des Virus in Form einer Information in den Körper zu bringen. Im Falle einer Infektion – oder auch: im Falle eines Kontakts mit dem Bösewicht - ist alles vorbereitet. Die Polizei steht parat, der Bösewicht kann keinen schlimmen Schaden anrichten. Und wer weiß schon, wie so ein Raubüberfall oder ähnliches endet? Wie es dem Kind oder auch dem Erwachsenen hinterher geht? Jeder Corona-Verlauf ist individuell, von harmlos bis tödlich, und damit immer ein Stück weit unvorhersehbar, auch bei Kindern, die durch Covid-19 ja als vergleichsweise weniger gefährdet gelten. Ja, auch eine Schwangere kann Glück haben. Aktuellen Daten zufolge hat sie jedoch ein erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf gegenüber einer Nicht-Schwangeren in der gleichen Altersgruppe.

Werdende Mütter gehören für Sie also unbedingt geimpft?

Ja, dazu gibt es bereits auch eine Stiko-Empfehlung. Es ist ein Irrglaube, dass nur alte Menschen schwer an Covid-19 erkranken.

Was sagen Sie einer Schwangeren, die sich nicht impfen lassen will?

Dass ich ihren Impuls, das Kind schützen zu wollen, verstehe und dass genau deswegen die Impfung so unfassbar wichtig ist. Wer in der Schwangerschaft schwer erkrankt, bringt schließlich nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch das ungeborene Leben. Mütter, die nach der Infektion an Long Covid leiden, sind hier noch das vergleichsweise kleinere Problem... Aber mal weg von solchen Schreckens-Szenarien: Es gibt auch sehr gute Nachrichten, die man einer Schwangeren mitgeben kann. Wenn sie sich in der Schwangerschaft impfen lässt, bekommt ihr Kind Antikörper gegenüber dem Virus. Das Kind macht die Impfung im Mutterleib mit. Auch eine Impfung in der Stillzeit ist sinnvoll.

Das klingt alles ziemlich überzeugend und doch wiegt der Erfahrungsbericht aus dem eigenen Umfeld unter Umständen schwerer, nicht wahr?

Gut, dass sie das ansprechen, ein wichtiger Punkt. Und er sollte nicht runtergespielt, sondern aufgegriffen und gut erklärt werden. Häufig werden von Laien Beschwerden in Zusammenhang mit der Impfung gebracht, die damit medizinisch überhaupt nichts zu tun haben. Korrelation – also zum Beispiel zeitgleiches Auftreten - ist nicht gleich Kausalität – also echter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, sagen wir Mediziner. Dem Laien erkläre ich es so: Menschen bauen Geschichten, weil sie nach Erklärungen suchen. Leider werden dabei gerne falsche Zusammenhänge hergestellt. Nur, weil etwas zeitgleich auftritt, heißt es noch lange nicht, dass es auch ursächlich zusammenhängt. Dieses Phänomen bezieht sich übrigens keineswegs nur auf die Corona-Impfung. Wir können es überall in der Medizin beobachten.

Dr. Christian Kröner

Dr. Christian Kröner

Können Sie ein Beispiel nennen?

Besonders eindrücklich war der Fall einer 70-Jährigen, die sich beim Rosenschneiden gebückt hatte und am Tag danach über heftige Rückenschmerzen klagte und mit dem Wunsch nach einem Schmerzmittel in die Sprechstunde kam. Ich wollte schon das Rezept ausstellen und dachte mir: Machen wir zur Sicherheit noch ein EKG. Im EKG zeigte sich, dass die Frau einen Infarkt gehabt hatte…

Zeitgleich zum Rosenschneiden?

Genau das ist der Punkt. Die Beschwerden hatten nichts mit der Gartenarbeit zu tun. Die Frau ist morgens mit diesen Schmerzen aufgewacht und dachte: Stimmt, ich war ja gestern im Garten und hab die Rosen geschnitten, da ist es mir wohl „ins Kreuz gefahren“. Die eigene Wahrnehmung spielt uns hier mitunter einen Streich.

Was sagen Sie Impfskeptikern, die mit Geschichten von Nebenwirkungen aus dem Bekanntenkreis kommen?

Glaubt nicht alles, was ihr da so hört oder was ihr in sozialen Netzwerken lest. Wenn ihr es genau wissen wollt: Geht auf die Seite des Paul-Ehrlich-Instituts. Impfnebenwirkungen werden zentral erfasst und sind öffentlich nachzulesen. Seit der Impfung ist was komisch, die Haut juckt, der Kopf dröhnt… wenn Patienten so zu mir in die Praxis kommen und wir genauer hinschauen, hat sich das in aller Regel sehr schnell anderweitig aufgeklärt.

Wie Sie als Arzt mit Patienten kommunizieren, wissen wir nun. Lassen Sie uns ins Private schauen. Wie würden sie hier jemandem begegnen, der der Impfung gegenüber ablehnend ist?

Ganz pragmatisch. Ich würde sagen: Schon allein aus eigenen Sicherheitserwägungen heraus habe ich mich impfen und boostern lassen, was ich übrigens hervorragend vertragen habe. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, die Moralkeule zu schwingen und ungeimpfte Menschen als asozial oder egoistisch abzutun. Letzte Türen, die jetzt noch einen Spalt weit offenstehen, gehen dann definitiv ganz zu. Generell glaube ich: Das ehrliche Gespräch unter Freunden, die unaufgeregt geführte Diskussion im Freundeskreis kann viel mehr helfen, als jeder Druck von außen.

Und wenn Bekannte sich nicht impfen lassen? Sprechen sie da jetzt noch?

Aber klar. Nach ein paar Anläufen lässt man das Thema halt wieder. Ganz ehrlich: Es gibt ja auch jenseits von Corona viele spannende Sachen zu besprechen. Wenn ich ab einem bestimmten Punkt in der Diskussion lockerlasse hat das übrigens auch damit zu tun, dass ich glaube, dass ich da nichts mehr erreichen kann und unsere Gesellschaft einen bleibenden Anteil von etwa fünf Prozent, die sich partout nicht impfen lassen, verschmerzen kann. Es ist bedauerlich, wenn jemand in Anbetracht derart vieler junger gesunder Menschen, die in diesen Tagen auf Intensiv liegen, immer noch glaubt, durch ein gutes Immunsystem gewappnet zu sein. Aber wissen Sie was? Statt meine Energie mit Bedauern zu verbringen konzentriere ich mich in dieser hochdramatischen Lage lieber mit aller Kraft auf die, die ich noch kriegen kann.

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