Zwei zermürbend lange Wochen wartete die Patientin (47) auf ihre Operation. Der große Tumor, der in ihrem Kopf wuchs, musste dringend entfernt werden. Als endlich ein Bett auf der Intensivstation frei wurde, war es zu spät. „Der Krebs hatte weitere Hirnbereiche befallen“, schildert Professor Jörg Tonn, Direktor der neurochirurgischen Klinik am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München in Großhadern. Möglich war nur noch eine Bestrahlungstherapie.

Das Corona-Virus bringt nicht nur Menschen in Lebensgefahr, die sich damit infizieren. Auch die Folgen für andere Erkrankte sind teils bedrohlich. Dazu gehören Menschen, die an Krebs leiden. „Die Triage der Nicht-Covid-Patienten ist hier längst Alltag“, sagt Tonn. Eingriffe, die früher am nächsten Tag durchgeführt worden wären, kommen auf die Wartebank, wenn sie keine absoluten Notfälle sind. Manche Patienten liegen drei, vier Tage im Krankenhaus, hoffen jeden Morgen wieder, dass sie heute ihre notwendige Tumor-OP erhalten. Andere warten wochenlang zuhause, wo die Ärzte nicht bemerken können, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. „Eine fürchterliche Situation“, sagt Tonn. Auch für die Pflegenden, die Ärzte und Ärztinnen, die sagen müssen: „Leider ist heute wieder kein Bett frei.“ Denn: Die Intensivstationen sind voll, der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Täglich werden die Intensivbetten des Klinikums neu verteilt. Planung? Unmöglich.

Enger als vor einem Jahr

Im Süden und Osten Deutschlands, wo die Inzidenz die 1000er-Marke teils deutlich überschritten habt, ist die Situation bereits wieder dramatisch. Doch auch in anderen Teilen Deutschlands stellt man sich auf steigende Zahlen schwerer Coronafälle ein. „Es zeichnet sich ab, dass es deutlich enger werden könnte, als vor einem Jahr“, sagt Professor Ulrich Keilholz, Leiter des Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center am Berliner Universitätsklinikum Charité. Damals konnten alle Krebsoperationen noch regulär durchführt werden. Doch diesmal drohen stärkere Einschränkungen – für die Patienten eine hohe Belastung. „Jemand, der einen Tumor in sich hat, will ihn loswerden. Und das schnell.“

Doch nicht nur die Wartezeiten sind psychisch schwer zu ertragen. Auch das Besuchsverbot, zu dem sich viele Kliniken gezwungen fühlen, trifft viele Erkrankte und ihre Angehörigen hart.

Wie Ulrich C. (69) und seine Frau Marina (68). Seit Marina C. kurz vor dem vergangenen Weihnachtsfest die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhielt, war ihr Mann fast jeden Tag an ihrer Seite. Während der Chemotherapie, nach der ersten schweren Operation, in der Reha. „Das hat uns beiden so gut getan“, erzählt der pensionierte Lehrer. Der Krebs hatte keine Metastasen gebildet, alles schien bergauf zu gehen. Dann, Mitte Oktober, eine schwere Blutung. Seither liegt Marina C. im Münchner Uniklinikum Großhadern, mal auf der Intensivstation, dann wieder auf Normalstation. Ein nervenaufreibendes Auf und Ab, bei dem ihr Mann ihr täglich Kraft zu geben versucht. Doch seit vergangener Woche sind Besuche wieder untersagt.

„Ich habe ihr noch einige Briefe vorgelesen“, erzählt Ulrich C. Der Sohn, die Tochter, auch ehemalige Kolleginnen schicken regelmäßig Nachrichten. Am nächsten Tag suchte er eine Mitarbeiterin des Vereins Lebensmut auf, der am Klinikum Krebsbetroffene unterstützt „Ich konnte nur noch weinen“, sagt er.

Pflegekräfte sind die einzige Stütze

„Einen nahen Verwandten im Krankenhaus zu haben, ist ohnehin hart. Wenn man ihn sieht, ihn spürt, hat man das Gefühl, die Situation wenigstens etwas besser kontrollieren zu können“, sagt Dr. Friederike Mumm, Leiterin der Psychoonkologie am Münchner Uniklinikum in Großhadern. Dennoch erlebt sie auch viel Verständnis. Denn die Gefahr ist real. An der Münchner Uniklinik gab es bereits Fälle von Krebskranken, die sich durch Besucher infizierten und starben. Eine Zusatzbelastung ist die Besuchersperre aber auch für die Pflegekräfte. Sie sind die einzige seelische Stütze, die den Erkrankten vor Ort bleibt, zudem Mittler zwischen den Patienten und ihren Angehörigen.

Doch auch außerhalb der Klinik erzeugt die Pandemie zusätzliche Ängste. „Viele Erkrankten isolieren sich“, sagt Mumm. Soziale Kontakte, die sonst helfen, die belastende Zeit der Therapien zu überstehen, fallen größtenteils weg. Zu groß ist das Risiko einer Ansteckung. Denn: Viele Krebsbehandlungen schwächen das Immunsystem. „Während der Chemotherapie hing das wie ein Damoklesschwert über uns“, erzählt auch Ulrich C.

Besonders gefährdet sind Menschen mit Leukämien sowie Krebserkrankungen des Lymphsystems. Auch wenn die Impfquote unter Krebspatienten insgesamt extrem hoch ist. „Die Wirkung der Impfung ist teils erheblich eingeschränkt“, sagt Professor Christian Reinhardt, Leiter der Klinik für Hämatologie und Stammzelltransplantation des Uniklinikum Essen. Dennoch rät er dringend dazu. „Ein geringer Schutz ist besser als keiner.“ Für Betroffene, die keine Immunität entwickeln, gibt es seit kurzem einen Lichtblick: Sie können vorbeugend Corona-Antikörper erhalten.

Viele Krebserkrankungen bleiben unerkannt

Zusätzlich zu diesen Gefahren fürchten Expertinnen und Experten, dass die Pandemie die Zahl der Krebstoten noch auf andere Weise erhöht: Vor allem während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 war die Zahl der Krebsdiagnosen deutlich gesunken. Nach einer Studie von Mitarbeitenden des Uniklinikums Düsseldorf, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cancers, gab es in Hausarztpraxen im Vergleich zum Vorjahr im ersten Lockdown einen Rückgang um 27,5 Prozent. Besonders drastisch war die Abnahme bei Tumorerkrankungen der Haut, der Atemwege und bei gynäkologischen Tumoren. Hier sank die Zahl der Diagnosen bis zu über 40 Prozent. „Auch beim Tumorboard unserer Klinik gab es deutlich weniger Anmeldungen“, bestätigt Dr. Johanna Kirchberg, Leiterin des Viszeralonkologischen Zentrums am Uniklinikum Dresden. Sie hat den Rückgang ebenfalls in einer Studie untersucht, veröffentlicht in Frontiers in Public Health.

Die Entwicklung ist ein absolutes Warnsignal. Denn Krebs macht keine Pandemiepause. Vor allem während der Lockdowns blieben viele Patientinnen und Patienten aus Angst vor Ansteckung den Klinken und Arztpraxen komplett fern. Ob ein Husten sich hartnäckig hielt oder Bauchschmerzen drückten: Sie ignorierten ihre Beschwerden. Gleichzeitig wurden viele Früherkennungs- und Nachsorgeuntersuchungen verschoben oder ganz abgesagt. Die Folge: Tumorerkrankungen und auch Rückfälle wurden teils später entdeckt – in manchen Fällen, so muss man vermuten, zu spät.

Zahl der nicht-operierbaren Tumoren steigt

Inzwischen sind die Folgen der verschleppten Diagnosen in den Kliniken wohl bereits sichtbar. Neurochirurg Tonn erinnert sich an einige Erkrankte, die den Gang zum Arzt wegen der Pandemie aufgeschoben hatten. Wie der ältere Mann, der trotz bekannter Krebserkrankung seine Rückenschmerzen lange ignorierte. Zum Arzt ging er erst, als der Krebs bereits zu Lähmungen führte. „Selbstverständlich haben wir inzwischen mehr schwere Fälle, in denen Heilung nicht mehr möglich ist“, bestätigt auch Professor Christian Stief, der im Uniklinikum in Großhadern die urologische Klinik leitet. Ob in der Blase, den Nieren oder der Prostata: Lokal fortgeschrittene Krebsgeschwulste hätten deutlich zugenommen, berichtet der Urologe, auch solche, bei denen sich bereits Metastasen, also Absiedlungen in anderen Organen gebildet haben. Auch andere Klinken melden eine steigende Zahl von schweren, teils bereits inoperablen Fällen.

Noch sind die Zahlen nicht repräsentativ. Eine Studie im British Medical Journal zeigt allerdings, dass bereits eine Verschiebung des Therapiestarts um nur vier Wochen die Aussichten der Erkrankten deutlich verschlechtert. „Wie sich die Pandemie auf die Krebstodesfälle auswirkt, werden allerdings erst große Studien in einigen Jahren zeigen“, sagt Kirchberg.

Die Freiheit der einen bedroht das Leben der anderen

Hochaktuell sind dagegen der Frust und die Wut unter vielen Krebsexperten. Im vergangenen Winter erschien die Notsituation schicksalhaft, doch diesmal hätte sie durch eine höhere Impfquote höchstwahrscheinlich vermieden werden können. „Dass wir derart schlecht vorbereitet in den Winter gegangen sind, ist völlig unverständlich“, sagt der Essener Onkologe Reinhardt. Auch Rufe nach einer Impfpflicht werden laut. So sehen die Corona Task Force des Deutschen Krebsforschungszentrums, der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft neben Kontaktbeschränkungen jene „als einzige Möglichkeit, den Kollaps des Gesundheitssystems über den Winter zu verhindern“, wie es in einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt.

Ulrich C. wünscht sich derzeit vor allem eines: Seine Frau bald wieder zu sehen. Doch muss er hoffen, dass es noch einige Zeit dauern wird. Denn erlaubt sind Besuche nur für Sterbende. Der Gedanke, dass die erneute schwere Krise verhindert werden hätte können, ist auch für ihn hart.

„Demokratie, das bedeutet die Meinungen von anderen zu akzeptieren – auch wenn sie einem nicht gefallen.“ So hat er es seinen Schülerinnen und Schülern immer gelehrt. Doch wenn damit das Leben anderer bedroht wird, ist die Grenze der persönlichen Freiheit erreicht.

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