Ist aktuell das Risiko in Deutschland wieder recht hoch, sich anzustecken mit SARS-CoV-2? Sorgt die Delta-Variante bei der derzeitigen Impfquote von über 60 Prozent bei den vollständig Geimpften (Stand: 6.9.21) für viele Neuinfektionen? Sollten neue Vorsichtsmaßnahmen in Erwägung gezogen werden? Oder können wir noch ziemlich entspannt bleiben?

Mit einer einzigen Zahl lassen sich derzeit alle diese Frage beantworten – noch. Jeder kennt die Sieben-Tage-Inzidenz. Sie gibt die Zahl der Neuinfektionen innerhalb der vergangenen sieben Tage, und wird pro 100.000 Einwohner angegeben. Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 150 wurde also bei 150 von 100.000 Einwohnern in der vergangenen Woche eine COVID-Erkrankung neu diagnostiziert.

10697031_76c27b4a7c.IRWUBPROD_4KBX.jpeg

Wie gefährlich sind Delta und Delta plus?

Die zunächst in Indien entdeckten Varianten Delta und Delta plus gelten als ansteckender und könnten zu...

Sieben-Tage-Inzidenz in Zukunft nicht mehr alleiniges Kriterium

Längst haben wir uns an diese Kennzahl gewöhnt. Sie hat sich gewissermaßen als tagesaktuelles Pandemiethermometer etabliert. Doch inzwischen deutet sich an, dass die Sieben-Tages-Inzidenz in Zukunft nicht mehr als alleiniger Gradmesser für die Pandemie dienen wird. Unter anderem die Belegung der Intensivstationen mit COVID-19-Patienten soll künftig mit zur Beurteilung der Lage mit herangezogen werden.

Denn während die Sieben-Tage-Inzidenz lediglich die Zahl der entdeckten Neuinfektionen angibt, sagt sie noch nichts über die schweren Verläufe aus. „Wegen der Impfungen und auch weil aktuell mehr jüngere Menschen infiziert werden, ist der Anteil der schweren Verläufe etwa nur ein Viertel von dem, wie es Anfang des vergangenen Winters war“, erklärt der Physiker und Mathematiker Jan Fuhrmann von der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich mit epidemiologischen Simulationen und Prognosen für den weiteren möglichen Verlauf der Pandemie. Zwar könne man das in die Beurteilung der Sieben-Tage-Inzidenz einberechnen: „Wenn wir uns zum Beispiel früher bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Sorgen machen mussten, dann brauchen wir uns die gleichen Sorgen heute eher erst bei einer Inzidenz von 200 zu machen“, so Fuhrmann.

Sieben-Tage-Inzidenz hat auch Vorteile

Trotzdem kann man anhand der Sieben-Tage-Inzidenz nicht ablesen, wie viele Menschen wegen einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus oder auf einer Intensivstation liegen und wie viele Betten noch frei sind. Und dies ist das entscheidende Kriterium, um zu beurteilen, unter welchem Druck die Gesundheitsversorgung hierzulande gerade steht und ob eine Überlastung droht.

„Es gibt also gute Gründe, auch auf andere Kennzahlen zu schauen. Die 7-Tage-Inzidenz hat allerdings große Vorteile und sollte weiterhin eine Rolle spielen“, sagt Fuhrmann. So erlaubt sie etwa einen vergleichsweise frühen Einblick in das Geschehen: Wenn die Zahl der Neuinfektionen deutlich steigt, dann kann man davon ausgehen, dass mit etwas Verzögerung auch die Zahl der benötigten Intensivbetten steigen wird. Außerdem hat die Erfahrung der letzten anderthalb Jahre gezeigt, dass zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen mit Verzögerung wirken – würde man seine Entscheidung lediglich nach der Intensivbettenbelegung richten, wäre das zu spät, um wirksam eine stark gestiegene Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Neuer Vorschlag: Ein Ampelsystem soll künftig greifen

Am besten ist es wohl, wenn man auf eine Kombination mehrerer Parameter zurückgreift. Zu diesem Schluss kam auch ein Expertengremium bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Bundestags Ende August. Zu dem Gremium gehört Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Wir haben vorgeschlagen, drei Parameter zu beachten, und für jeden der Parameter eine Art Ampelsystem zu benutzen .“ Würde er einen gewissen festgelegten Wert überschreiten, würde die Ampel von grün auf gelb, bei Überschreiten eines noch höheren, Wertes von gelb auf rot springen. „Spätestens wenn eine oder mehrere Ampeln auf rot gesprungen sind, ist es Zeit zu handeln“, so Gaß.

Der erste der drei vorgeschlagenen Parameter ist die vertraute Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen. Liegt sie niedriger als 100, steht die Ampel den Vorschlägen des Gremiums zufolge auf grün. Zwischen 100 und 200 ist sie gelb, und über 200 rot.

Der zweite Parameter ist der Anteil der COVID-19-Patienten an den belegten Intensivbetten. „Das ist die Kennzahl, mit der wir die Handlungsfähigkeit und die Kapazität des Gesundheitssystems zuverlässig beurteilen können“, sagt Gaß. Bei unter zehn Prozent wäre die Ampel grün, bei zehn bis 15 Prozent gelb und bei mehr als 15 Prozent rot.

Der dritte Parameter ist die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuaufnahmen ins Krankenhaus wegen COVID-19. Aktuell liegt der Wert bei 1,74 (Stand: 2.9.21) stationäre Neuaufnahmen pro 100.000 Einwohner über sieben Tage. Der Vorschlag des Gremiums für die Ampel: Weniger als fünf ist grün, fünf bis zehn ist gelb und über zehn ist rot.

Natürlich ist dieses dreifache Ampelsystem komplexer als lediglich eine Kennzahl und nicht auf einen Blick zu erfassen. „Aber ein solches dynamisches System wird unserer Einschätzung nach auch dem dynamischen Verlauf der Pandemie am ehesten gerecht. Es erlaubt eine deutlich bessere Beurteilung der Lage für diejenigen, die die Entscheidungen über eventuelle Kontaktbeschränkungen treffen müssen“, so Gaß.

Ob das Ampelsystem, eine leicht veränderte Variante oder ein anderes System bald die alleinige Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen ersetzen wird, darüber muss der Gesetzgeber noch entscheiden.

Coronavirus Statistiken Handy Smartphone Verwirrung Zahlen verschiedene Ergebnisse Deutschland Regionen Verbreitung

Die neuen Kennzahlen der Pandemie

Die Auslastung der Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten soll der neue Maßstab sein, um über...

Sieben-Tage-Inzidenz bleibt Richtwert für Reisewarnungen

Sicher bereits scheint, dass bei Einschätzung von Regionen im Ausland und der Einstufung etwa als Hochrisikogebiete weiterhin die Sieben-Tage-Inzidenz dort der entscheidende Wert bleiben wird. „Es ist ja für Reisende irrelevant, wie viele Menschen auf den Intensivstationen oder im Krankenhaus liegen. Es kommt eigentlich nur darauf an, wie hoch das Risiko ist, sich dort irgendwo anzustecken. Und das kann man mit der Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen sehr gut beurteilen“, sagt Fuhrmann.

Das gilt übrigens auch für Deutschland: Wer nur wissen will, wie hoch das Ansteckungsrisiko ist, wenn man vor die Tür geht, der kann und sollte weiter vor allem die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen heranziehen