1. Behauptung: „Der beste Schutz gegen eine Corona-Infektion ist immer noch ein gutes Immunsystem.“

Prof. Dr. Carsten Watzl, Immunologe, wissenschaftlicher Direktor am Leibniz Institut der TU Dortmund und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie:

Dieses Argument höre ich tatsächlich immer noch relativ häufig. Es ist aber leider so, dass wir wissen, dass es keine bekannte bestehende Immunität gegen das neuartige Virus gibt, wenn man nicht schon an Covid-19 erkrankt war oder die Corona-Impfung erhalten hat. Und damit auch keine aufs Virus passenden Antikörper, die man schon haben könnte.

Bei den sogenannten T-Zellen sieht es ein wenig anders aus, da wurde die ein oder andere „Kreuzreaktion“ mit Sars-CoV-2 beobachtet. Die Zellen sind offensichtlich ursprünglich gegen ein anderes Corona-Virus entstanden und werden jetzt gegen COVID-19 aktiv. Umstritten ist allerdings, ob das wirklich nützlich oder vielleicht sogar eher schädlich ist. So könnte eine optimale Immunantwort unter diesen Umständen auch verlangsamt oder sogar behindert werden.

Generell ist jeder Mensch immunologisch verschieden. Das ist übrigens auch gut so, denn so gibt es nicht den einen Erreger, der das Immunsystem von allen Menschen austricksen kann. Dass ein starkes Immunsystem in der Regel eher förderlich für eine gute Abwehr ist, ist richtig. Allerdings konnten Forscher zeigen, wie Sars-CoV-2 einen Mechanismus des Immunsystems nutzt, der eigentlich zur Abwehr gedacht ist und diesen in sein Gegenteil verkehrt. Vereinfacht: Was eigentlich als Verteidigungsmechanismus funktionieren soll, ermöglicht dem Virus erst, sich zu vermehren. Fakt ist: Auch junge Menschen mit einem völlig intakten Immunsystem können schwer an COVID-19 erkranken. Und von den über vier Millionen Deutschen, die sich inzwischen mit dem Virus infiziert haben, hatten bestimmt nicht alle eine schwache Abwehr. Man kann es drehen oder wenden, wie man will: Die beste Art, sein Immunsystem gegen das Corona-Virus fit zu machen, ist die Impfung.

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2. Behauptung: „Auch Geimpfte können sich anstecken“

Prof. Dr. Carsten Watzl:

Das ist richtig und ich erkläre das gerne mit einem Bild: Durch die Impfung bekomme ich einen Regenschirm. Die Größe dieses Schirms hängt unter anderem von unserem Alter und möglichen Vorerkrankungen ab. Auch wissen wir, dass die Schutzwirkung nicht bei allen Impfstoffen gleich gut ist.

Wenn es nun regnet und ich einen Schirm aufspanne, werde ich meistens nicht nass. Zumindest dann nicht, wenn der Regen nicht so stark ist. Die Delta-Variante wirkt nun aber stärker als der Wildtyp des Corona-Virus: Der Regen ist heftiger und kommt vielleicht auch mal von der Seite. Der Schirm bietet jetzt noch immer einen Schutz, aber die Chance, nass zu werden, steigt. Auch lässt mit der Zeit der Impfschutz etwas nach und der Regenschirm wird etwas kleiner. So schützt die Impfung aktuell noch mit gut 75prozentiger Effektivität vor einer symptomatischen Erkrankung. Der Schutz vor einer schweren Erkrankung ist aber viel besser und liegt bei rund 90 Prozent.

Es gibt aber auch Menschen, die zweimal geimpft worden sind und gar keinen Regenschirm haben. Allerdings ist das sehr selten. Bei bestimmten Immunschwächen kann so etwas vorkommen. Wenn diese Menschen dann an Corona erkranken, ist es eigentlich falsch zu sagen, die Infektion sei trotz Immunität gekommen. Denn tatsächlich waren diese Menschen zwar geimpft, aber nicht immun.

3. Behauptung: „Die vielen Impfdurchbrüche zeigen, dass die Impfung nicht wirkt.“

Prof. Dr. Carsten Watzl:

Nein, das zeigen sie nicht. Sie bestätigen lediglich, was man schon länger weiß, nämlich dass die Impfung nicht zu 100 Prozent wirkt. Bereits in den Zulassungsstudien hatten sich Teilnehmer der Impfgruppe infiziert. Wenn dem Impfstoff von BioNTech eine Wirksamkeit von 95 Prozent bescheinigt wird, dann hängt das genau damit zusammen. Der Hintergrund ist folgender: Um bei einer Atemwegsinfektion komplett geschützt zu sein, brauche ich viele Antikörper direkt auf den Schleimhäuten. So gelingt es dem Organismus direkt am Eintrittsort gegen das Virus vorzugehen. Die Menge an Antikörpern nimmt aber mit der Zeit ab und so kann man sich nach einer gewissen Zeit vielleicht nicht mehr direkt gegen die Infektion wehren. Und dennoch ist man wegen der Gedächtniszellen, die sich zwischenzeitlich gebildet haben, weiterhin vor einer schweren Erkrankung geschützt.

Insgesamt infizieren sich Nicht-Geimpfte sechs- bis zehnmal so häufig wie Geimpfte. Über 90 Prozent der Patienten, die mit einem schweren COVID-Verlauf im Krankenhaus liegen, sind ungeimpft. Da es in Deutschland zwischenzeitlich viel mehr geimpfte als ungeimpfte Personen gibt, lässt sich festhalten: Eine Minderheit verursacht die überwiegende Mehrheit schwerer COVID-19-Verläufe.

4. Behauptung: „Es gibt keine Langzeitstudien zu den Nebenwirkungen der Impfung“

Prof. Dr. Carsten Watzl:

An dieser Stelle finde ich es wichtig, erst einmal grundsätzlich zu werden. Was macht die Impfung eigentlich? Sie löst eine Immunreaktion aus. Dem Körper wird eine Infektion vorgespielt, die Infektion klingt ab - was bleibt, sind die Gedächtniszellen.

Wenn Nebenwirkungen auftreten, so beginnen diese üblicherweise innerhalb von maximal acht Wochen nach der Impfung. Also in der Phase, in der die Infektion am Abklingen ist. Danach ist der Impfstoff abgebaut und kann damit auch nichts mehr im Körper bewirken. Bei einem Medikament, das man täglich einnimmt, ist das anders. Hier baut man einen Wirkstoffpegel auf, ein bestimmter Schwellenwert muss dafür überschritten sein. Auch nach Absetzen des Medikaments kann der Wirkstoff noch eine bestimmte Zeit im Körper verbleiben und damit Nebenwirkungen verursachen.

Der Mechanismus einer Impfung hat nichts mit dem Aufbau eines solchen Schwellenwerts zu tun. Eine Impfung wird ja nicht regelmäßig gegeben, sondern einmal.

Ein Problem ist nun, dass nach Impfungen manchmal auch Nebenwirkungen auftreten, die so selten sind, dass es eine ganze Weile dauert, bis sie auffallen. Eine Sinusvenenthrombose kommt beispielsweise bei ein bis zwei von 100.000 gegen Sars-CoV-2-Geimpften vor. Weil es dauert, solche seltenen Ereignisse ursächlich mit einer Impfung in Verbindung zu bringen, spricht man von Langzeitfolgen. Langzeitfolge heißt nicht, dass eine durch eine Impfung ausgelöste Nebenwirkung erst nach langer Zeit auftritt. Ich glaube, das wird sehr häufig missverstanden.

Bedenken wir: Allein in Deutschland sind bislang rund 100 Millionen Dosen verschiedener Corona-Impfstoffe verimpft worden. Weltweit waren es 6 Milliarden Dosen. Noch nie hat es einen Impfstoff gegeben, der in so kurzer Zeit so häufig verimpft wurde. Das hat den Vorteil, dass wir sogar die seltensten Nebenwirkungen sehen können. Ganz klar: Die Corona-Impfstoffe sind nicht nebenwirkungsfrei. In Deutschland wird die Sicherheit von Impfstoffen durch das Paul-Ehrlich-Institut überwacht. Ich schaue mir die Zahlen immer wieder an und stelle fest, dass in den vergangenen Monaten nichts wirklich Neues mehr hinzugekommen ist. Insgesamt berichtet das Paul-Ehrlich-Institut zum letzten Stand über rund 156.000 aus Deutschland gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen bei rund 102 Millionen Impfungen. Das mag vielleicht viel klingen, aber über 90 Prozent dieser Meldungen betreffen die Impfreaktion, also die Grippe-ähnlichen Symptome ein bis zwei Tage nach der Impfung.

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5. Behauptung: „Impfungen fördern Allergien“

Prof. Dr. Carsten Watzl:

Eine allergische Reaktion auf die Impfung geschieht nicht innerhalb von Tagen, Wochen oder Monaten, sondern in aller Regel innerhalb kurzer Zeit nach einer Impfung. Dabei geht es nicht so sehr um Allergien gegen den Wirkstoff selbst, sondern gegen einen der weiteren Bestandteile des gespritzten Mittels. Diese Begleitstoffe helfen dabei, den Impfstoff dahin zu transportieren, wo er seine Wirkung entfalten kann. mRNA-Impfstoffe enthalten Polyethylenglykol (PEG), einen Stoff, der auch in vielen Kosmetikprodukten enthalten ist. Tatsächlich gibt es Menschen, die auf diesen Stoff allergisch reagieren und die zu der sehr kleinen Gruppe derer gehören, die sich nicht oder nur unter strengen Vorsichtsmaßnahmen gegen das Corona-Virus impfen lassen können.

Wenn Menschen mit Autoimmunerkrankungen zögerlich sind, ob sie sich gegen Sars-CoV-2 impfen lassen wollen, kann ich das verstehen. Ihr Immunsystem ist ja überaktiv und dass eine Impfung, die das Immunsystem anschiebt, bestimmte Autoimmunprozesse fördert, kann man nicht ausschließen, auch wenn so etwas sehr selten auftritt. Hier gilt es, die Vorteile der Impfung und die befürchteten Nebenwirkungen besonders gründlich gegen eine mögliche Infektion, die übrigens auch Auslöser für Autoimmunerkrankungen sein kann, abzuwägen.

Bei einer Allergie aber geht es ja nicht etwa um das Anschieben komplexer Prozesse, die möglicherweise sogar erst sehr viel später zum Tragen kommen. Vielmehr reagiert der Organismus zeitnah und ganz spezifisch auf ein bestimmtes Allergen. Daher verstehe ich die Bedenken an dieser Stelle nicht.

Wenn man gegen einen der Inhaltsstoffe des Impfstoffs bekanntermaßen allergisch ist, empfiehlt das Paul-Ehrlich-Institut auf einen anderen Impfstoff auszuweichen. Generell gilt: Um im Falle einer sehr seltenen allergischen Reaktion auf die Corona-Impfung gut versorgt zu sein, bleiben alle Geimpften nach Verabreichung der Spritze noch eine Weile unter Aufsicht. Bei einer sehr heftigen Reaktion müssen - und können! - innerhalb kürzester Zeit Gegenmaßnahmen getroffen werden.

6. Behauptung: „Durch die Impfung verändert sich das Erbgut“

Prof. Dr. Carsten Watzl:

Das neue bei den mRNA-Impfstoffen ist, dass der Körper durch ein von außen hinzugefügtes mRNA-Molekül einen Bauplan erhält. Dieser bringt unsere Körperzellen dazu, ein einzelnes Protein des Coronavirus herzustellen: das Spike-Protein. Das Ganze geschieht, während unser Organismus mit zehntausenden von eigenen mRNA-Molekülen beschäftigt ist, die permanent in unseren Zellen aktiv sind.

Dass nun ausgerechnet die mRNA des Impfstoffs zum Zellkern vordringen und Erbinformationen verändern können soll, während zehntausende andere mRNAs dies nicht tun, halte ich für ausgeschlossen. Oder, anders gesagt: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, so etwas anzunehmen.

7. Behauptung: „Mit Impfungen will die Pharmaindustrie nur Geschäfte machen, Ärzte verdienen sich eine goldene Nase“

Pia Lamberty, Sozialpsychologin und Geschäftsführerin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) in Berlin:

Es gibt noch eine Reihe weiterer Argumente, die in eine ähnliche Richtung zielen: Die Wissenschaft sei nur gekauft. Oder: Die da oben wollten uns nur lenken, mit einem geheimen Plan. Eine Möglichkeit ist es, in so einem Fall mit Gegenfragen zu reagieren und sich gar nicht erst auf die Argumentation einzulassen: Wer sind denn eigentlich die da oben? Oder auch: Wer sind die Pharmafirmen? Das typische „Verschwörungs-Geraune“, mit dem wir derzeit konfrontiert sind, ist oft wenig zu Ende gedacht.

Daher kann es helfen, das Gegenüber zum Weiterdenken anzuregen: Wenn hinter der Impfung wirklich eine Verschwörung stecken würde, müsste das aber ein extrem groß angelegter Plan sein, der da verfolgt wird. Da müssten ja dann nicht nur Regierungen involviert sein, sondern auch Wissenschaftler:innen, Ärzt:innen und andere Expert:innen. Und das nicht nur hier bei uns in Deutschland, sondern weltweit, schließlich sind alle Staaten zeitgleich von dieser Pandemie betroffen. Heißt: Da wären ganz schön viele involviert, nur, damit ein paar Firmen reicher werden. Der Plan müsste perfekt funktionieren, damit er aufgeht. Keiner dürfte sich verplappern, nichts dürfte nach außen dringen. Und sowas soll realistisch sein?

Tatsächlich hat ein Mathematiker einmal ausgerechnet, wie lange es dauern würde, bis eine solche Verschwörung ans Licht kommen würden. Das Ergebnis: Je mehr Menschen involviert sind, desto schneller geht es. Wer sich vorstellt, er würde in den Kreis der Familie etwas einschleusen, was die anderen auf gar keinen Fall wissen dürfen, kann das nachvollziehen. Je mehr von einem Geheimnis wissen, desto eher fliegt es auf.

8. Behauptung: „Die geforderte Solidarität – der Schutz der anderen durch die eigene Impfung – ist ein vorgeschobener Grund. Damit will man uns ein schlechtes Gewissen machen“

Pia Lamberty:

Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, wie eng letztlich auch das Wohl des Einzelnen mit dem Wohl aller zusammenhängt. Nicht nur die krebskranke junge Mutter oder der Mann mit dem Infarkt profitieren, wenn ausreichend Intensivbetten frei sind. Wer andere schützt, schützt sich längerfristig auch selbst.

9. Behauptung: „Die Wissenschaft weiß auch nicht alles“

Pia Lamberty:

Wenn ich so etwas höre, berichte ich von meiner Arbeit. Ich sage: Wenn ich an einem Artikel arbeite, dauert das oft sehr lange, bis er fertig ist. Wissenschaftliche Arbeiten haben erst dann das Gütesiegel der wissenschaftlichen Community, wenn sie von Kolleginnen und Kollegen kritisch begutachtet worden sind. Dafür gibt es sogar festgelegte Verfahren. Oft muss ich meinen Artikel danach noch mal überarbeiten. Die Anmerkungen der Kollegen empfinde ich aber nicht als Problem. Im Gegenteil: Der offene Austausch ist für Wissenschaftler etwas völlig Normales. Sich selbst infrage stellen, das ist die Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens. Vergessen wir nicht: Vor anderthalb Jahren waren wir plötzlich mit einem völlig neuartigen Virus konfrontiert.

Inzwischen kennen wir das Virus sehr viel besser und in manchem hat sich die Forschung korrigiert. Aber woher weiß ich dann, dass es jetzt richtig ist, was die Wissenschaftler sagen? Wer Wissenschaft mit Wahrheit gleichsetzt, der fragt vielleicht so. Wissenschaft ist aber vielmehr das Abbilden von gesammeltem Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das Corona-Virus ist inzwischen nicht mehr ganz so neu für uns. Wir wissen, dass es krank machen und schwere Krankheitsverläufe verursachen kann. Und wir wissen, dass Impfungen wirken. Es gibt Evidenzen. Die zeigen sich immer wieder, Einzelteile eines Gesamtbildes sozusagen. Und das ist ein Unterschied zur Rosinenpickerei. Wie heißt es so schön? Auf wackeligem Grund kann man kein Haus bauen.

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