Baby und Familie

Seit fast zwei Jahren bestimmt Corona nun schon den Alltag von Groß und Klein. Und trotz zahlreicher Untersuchungen ist oft noch eine gewisse Verunsicherung spürbar, wie groß das Gesundheitsrisiko für Kinder nun tatsächlich ist. Auch weil es immer wieder widersprüchliche Meldungen gibt. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme.  

Je jünger, desto weniger gefährdet

„An Covid-19 schwer erkrankte Säuglinge und Kleinkinder sind in Deutschland eine Seltenheit,“ sagt Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Universitäts-Kinderklinik Leipzig. „Wir haben derzeit kein einziges behandlungsbedürftiges Kind auf Station. Auch Institutionen wie das Robert Koch-Institut (RKI) und die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin (DAKJ) sehen das Alter als entscheidenden Faktor für das Infektions- und Erkrankungsrisiko.

Delta-Variante ist ansteckender

Ändert die Delta-Variante, die neue Mutation von SARS-CoV-2 etwas daran? „Nein“, sagt Jakob Maske, Kinderarzt und Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Wir wissen, dass die Delta-Variante deutlich ansteckender ist, vergleichbar mit Windpocken. Der Verlauf ist aber der gleiche, so dass Delta aus medizinischer Sicht keine größere Gefahr für Kinder darstellt.“ Kiess stützt diese Aussage: „Delta ist nicht tödlicher, sondern nur viel ansteckender. Das Virus hat in der Regel kein Interesse daran, dass sein Wirt stirbt, weil dieser das Virus dann nicht mehr verbreiten kann.“

Erkältungsähnliche Beschwerden

Der Krankheitsverlauf ist bei Kindern meist mild. Husten, Schnupfen und Fieber zählen zu den häufigsten Symptomen, aber auch beispielsweise Durchfälle sowie Geschmacks- und Geruchsverlust kommen vor. Da es zurzeit noch keine speziellen Medikamente gibt, werden Beschwerden etwa mit Schmerzmitteln und fiebersenkenden Arzneien so gut wie möglich gelindert. Kinderarzt Kiess: „Üblicherweise sind die Symptome leicht und klingen nach wenigen Tagen ab. Auch Long-Covid-Folgen sind in Deutschland bei Kindern zum Glück sehr selten.“ Darunter versteht man Beschwerden, die noch mindestens vier Wochen nach der Infektion bestehen.

Superheld Immunsystem

Warum Kinder Covid-19 größtenteils so gut überstehen, darüber gibt es noch relativ wenige Erkenntnisse. Auf der einen Seite sind Kinder generell gesünder als Erwachsene und auch weniger von Grunderkrankungen betroffen. Doch mehr und mehr Untersuchungen deuten darauf hin, dass das kindliche Immunsystem offenbar der beste Schutz ist. Laut einer aktuell veröffentlichten Studie  bewahrt es die Kleinen gleich doppelt vor einem schweren Verlauf. Eine Arbeitsgruppe vom Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité nahm von rund 80 gesunden und erkrankten Kindern und Erwachsenen Schleimhautproben aus der Nase. Anschließend isolierten sie mehr als 270.000 Zellen und analysierten diese auf spezielle Gene. Das Team fand heraus, dass Kinder deutlich mehr aktive Immunzellen in den Schleimhäuten ihrer Atemwege haben als Erwachsene. Diese sind in ständiger Alarmbereitschaft und wehren SARS-CoV-2-Viren offenbar so schnell und heftig ab, dass sie oft gar nicht in die tieferen Atemwege eindringen können. Gleichzeitig produzieren die Immunzellen rascher sogenannte Interferone. Diese Botenstoffe sind entscheidend für die Bekämpfung von Viren.

Auch das Thema Kreuzimmunitäten steht im Fokus der Wissenschaft. So vermutet ein anderes Forscherteam der Charité und des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik, dass überstandene Infektionen mit harmlosen heimischen Erkältungs-Coronaviren ebenfalls vor schweren Covid-19-Verläufen schützen könnten.

Kinder sind keine Pandemietreiber

Die aktuelle COVID-19-Familienstudie Baden-Württemberg  unterstreicht zudem erneut, dass Kinder das Pandemiegeschehen nicht anheizen, sich deutlich seltener infizieren und weniger schwer erkranken als Erwachsene. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten mehrfach 328 Familien mit mindestens einem an COVID-19 erkrankten Mitglied. Insgesamt nahmen 548 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren und 717 Erwachsene teil. Das Ergebnis: In Familien mit einer infizierten Person steckten sich Kinder (34 Prozent) deutlich seltener an als Erwachsene (58 Prozent) und zeigten – im Fall einer Infektion – fünfmal häufiger keinerlei Krankheitszeichen (Erwachsene: 9 Prozent, Kinder: 45 Prozent). Zudem zeigten Kinder elf bis zwölf Monate nach der Infektion stärkere und länger anhaltende spezifische Antikörperspiegel als Erwachsene. Und zwar unabhängig davon, ob Krankheitszeichen bestanden hatten oder nicht.

Widersprüchliche Studienergebnisse

Doch wie können Eltern Studien einordnen, die auf große Gefahren für Kinder hindeuten? Jakob Maske: „Dabei handelt es sich meistens um Studien aus anderen Ländern mit sehr unterschiedlichen Begebenheiten. Schauen wir nach Amerika. Dort ist Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen deutlich ausgeprägter. Und auch die Ethnizität spielt eine größere Rolle – beides Risikofaktoren für schwere und tödliche Verläufe. Das drücken auch die dramatisch hohen Zahlen dort aus. Dennoch lassen sich diese nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen.“ Sein Kollege Kiess stimmt zu: „Jede Studie ist nur so gut wie ihre Methode und der Kontext. Die Ansteckung in Deutschland erfolgt in den meisten Fällen von Erwachsenen auf Kinder. Das lässt sich durch Infektionsketten nachweisen. Alles andere stimmt einfach nicht.“

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