Professor Stefan Schneider ist Sportwissenschaftler und Theologe am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule Köln. Er hat mehrfach Menschen unter Isolationsbedingungen begleitet – beispielsweise an Bord der internationalen Weltraumstation (ISS), in der antarktischen Forschungsstation Concordia oder während simulierter Weltraummissionen.

Herr Professor Schneider, können Ihre Beobachtungen als Wissenschaftler und Theologe für den Umgang mit der aktuellen Krise hilfreich sein?

Tatsächlich haben wir uns die letzten 15 Jahre intensiv mit dem Thema Leben in Isolation und dem Einfluss von Sport und körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit beschäftigt. Es ist spannend zu sehen, dass diese Forschungsarbeiten auf einmal für einen Großteil der Menschen von Bedeutung sind. Es gibt Parallelen, aber auch Unterschiede. 

Welche Unterschiede sind besonders gravierend?

Die häusliche Isolation in Zeiten von Corona findet in aller Regel in der Familie oder in anderen vertrauten Gruppen statt. Bei einer Überwinterung in der antarktischen Forschungsstation Concordia zum Beispiel hatten die Teilnehmer kaum etwas gemeinsam außer verschiedene Forschungsvorhaben im Eis oder auch den Betrieb der Station, um die Versorgung der Wissenschaftler zu gewährleisten. 

Aber die Situation der Isolation ist vergleichbar.

Die Station war wirklich völlig isoliert und es gab damals nur eine sehr eingeschränkte Satellitenverbindung – ein soziales Miteinander im Virtuellen, wie es für uns in diesen Tagen so wichtig ist, war also nicht möglich. Zudem spielte sich das gesamte Leben in zwei Containern ab, denn es ist schlicht undenkbar, sich bei bis zu Minus 80 Grad Celcius für längere Zeit von der Station wegzubewegen. 

Spannen wir den Bogen zur COVID-19 Pandemie.

Man könnte sagen: Die Bewegungsfreiheit auf der Concordia-Station war noch deutlich eingeschränkter als in der Situation heute, wo die Menschen zwar im Großen und Ganzen in den Häusern bleiben, aber zumindest noch zum Joggen oder Einkaufen rausgehen können.

Sport war aber auch für die Bewohnern der Station immens wichtig.

In einem Container war ein kleines, sehr einfaches Fitnessstudio eingerichtet. Es gab Gewichte und verschiedene Fitnessgeräte. Wer wollte, konnte über E-Mail mit einem Netzwerk internationaler Sportwissenschaftler in Kontakt treten und Hinweise für ein Trainingsprogramm erhalten.

Anhand des regelmäßigen E-Mail-Kontakts und der geführten Online-Trainingstagebücher konnten wir bald erkennen: Wer Sport machte, hatte eine bessere psychische Fitness, konnte seine geistige Leistungsfähigkeit steigern, war besserer Stimmung und kam mit stressigen Situationen insgesamt besser zurecht.

Oder eher mit der Langeweile?

Auf der Concordia-Station gab es für einzelne Mitarbeiter durchaus Tage, an denen die Arbeit bereits nach drei Stunden erledigt war, etwa, wenn eine Eis-Probe genommen war. Langweile und Monotonie waren also zuweilen eher das Problem. Dennoch zeigte sich eindrücklich, wie Sport unter diesen Umständen helfen kann: ein größeres persönliches Wohlbefinden und eine höhere psychische Stabilität hatten die Mitarbeiter, die Sport getrieben haben.

Sie haben die Wirkung von Sport auch beim Europäischen Astronautenzentrum untersucht, für das Sie Trainingsprogramme ausarbeiten. Die Situation dort ist eine andere als bei den Forschern in der Antarktis.

Astronauten haben in der Regel ein sehr straffes Arbeitspensum und arbeiten unter hohem Druck. Zudem sind sie eingebunden in ein kleines, multinationales Team, was funktionieren muss. Das tägliche Training kann dann helfen, zur Ruhe zu kommen und Stress abzubauen. 

Körperliche Bewegung kann also beides: anregend wirken und Belastungen ausgleichen. Was bedeutet das für unsere aktuelle Situation?

Auch jetzt in der Corona-Krise gibt es Menschen, die sich permanent am Rand der Erschöpfung bewegen. Und solche, denen die Decke auf den Kopf fällt und die nicht wissen, wie sie den Tag rumbringen sollen. Wobei ein Teil der wahrgenommenen Belastung natürlich stets subjektiv ist. 

Erschwerend kommt hinzu, dass sich in letzter Zeit abzeichnet, dass die Krise länger dauern wird als viele Menschen zunächst angenommen haben.

Wir haben an der DSHS eine Umfrage gestartet, und eine Teilfrage war, ob man der gegenwärtigen Situation auch etwas Positives abgewinnen kann. Und in der Tat haben ca. 80 Prozent der Teilnehmer mit ja geantwortet. "Endlich habe ich mal Zeit für mich, Ruhe. Endlich komme ich mal dazu, mich mit Wesentlichen Dingen zu beschäftigen".

Tatsächlich ist das etwas, was wir unter Isolationsbedingungen häufig beobachten: Die ersten Tage dienen dem Stressabbau, man kommt runter, glaubt sich zu finden. Doch dann, mit der zunehmenden Monotonie, ohne die gewohnten Freiräume und Sozialkontakte, nehmen Konflikte und Spannungen zu.

Der berühmte Lagerkoller?

Ja und an diesem Punkt befinden wir uns meinem Eindruck nach gerade – vielleicht auch kurz davor. Das Phänomen kennen wir auch aus anderen Situationen, etwa dem Mars-500-Projekt, das in den Jahren 2010 und 2011 in Moskau durchgeführt wurde.

Man simulierte in künstlicher Umgebung einen bemannten Flug zum Mars, der Mitte dieses Jahrhunderts Realität werden soll. Sechs Freiwillige lebten dabei 520 Tage auf 240 Quadratmetern. Als die Arbeiten auf der simulieren Marsoberfläche damals erledigt waren, ist die Stimmung im Team runtergegangen. Alle wollten nur noch heim. Nichts wirkte mehr in irgendeiner Weise inspirierend oder motivierend.

Außer Sport?

Der hat interessanterweise tatsächlich einen Unterschied gemacht. Vereinfacht: Schlecht drauf waren alle. Aber die, die sich regelmäßig bewegten, kamen vergleichsweise besser mit der Situation klar. Sie ordneten das Tief als zeitlich begrenzt ein, hatten offensichtlich eine Art psychischen Puffer. Nicht nur unsere Beobachtungen zeigen, dass Sport gut ist, um Stress zu kanalisieren und psychisch stabil zu bleiben. Es gibt zahlreiche Studien dazu.

Das heißt wir täten gut daran, uns derzeit mehr zu bewegen?

Sport muss Spaß machen, nur dann hat er langfristige gesundheitliche Effekte. Körperliche und psychische. Nicht umsonst sind die Programme, die wir erarbeiten, stets sehr individuell und beziehen auch Fragen nach der individuellen Sportbiografie mit ein. Ein Mannschaftssportler begeistert sich ganz anders als jemand, der schon immer eher ein Einzelkämpfer war.

Aber besonders Mannschaftssportler sind gerade ja ziemlich aufgeschmissen.

Bedingt. Viele Angebote laufen digital ab. Es gibt virtuelle Lauftreffs, in denen man sich – natürlich jeder für sich – für Runden durch Parks aufmacht. Auch in der virtuellen Gruppe gemeinsam wandern gehen ist online möglich. Kreativität ist gefragt.

Viele verabreden sich online zum Zirkeltraining: Jeder bringt eine Übung mit und nachher gibt es ein gemeinsames Kaltgetränk. Auch zahlreiche Sportvereine haben Online-Sportprogramme ins Netz gestellt. Hier kann man vielleicht mal das ein oder andere ganz spielerisch ausprobieren. Ohne Zwang.

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