Seit dieser Woche hat jeder Bürger einen Anspruch auf einen kostenlosen Schnelltest pro Woche. Das sieht die neue Corona-Testverordnung des Bundesgesundheitsministeriums vor – in der Theorie. In der Praxis gibt es noch viele ungeklärte Fragen. Apothekerin Juliane Stark-Kreul aus Marl hat sich schulen lassen und bietet jetzt Coronatests an – für Menschen ohne Krankheitsanzeichen. Hier erzählt sie, wie die erste Testwoche angelaufen ist.

Frau Stark-Kreul, Sie testen seit Montag Kunden mit Antigentests auf Covid-19. Wie ist das Testen angelaufen?

Gut. Die Nachfrage ist groß. Die Kunden machen telefonisch einen Termin für den Schnelltest aus. Ich empfange sie in einem extra angemieteten Raum, trage Schutzkleidung. Die Menschen, die sich testen lassen wollen, füllen eine Selbsteinschätzung aus, in der sie ihre Personalien eintragen und ob sie in den letzten Tagen Fieber, Husten, Atemnot oder Geschmacksverlust hatten. Ich nehme dann einen Nasen-Rachen-Abstrich vor. Eine viertel Stunde später haben sie schon ihr Ergebnis. Bei einem positiven Test wird das Ergebnis an das Gesundheitsamt weitergeleitet, die Patienten haben im Vorfeld ihre Zustimmung zu einem solchen Verfahren erteilt.

Wie reagieren die Kunden?

Sie sind dankbar. Die Menschen sind glücklich darüber, dass das Testen so schnell und unkompliziert funktioniert, dass sie nichts zahlen müssen, und dass sie nicht weit fahren müssen. Die Patienten wollen einfach mehr Sicherheit, auch im privaten Umfeld.

Sie hatten eigentlich vor, schon früher mit dem Testen zu beginnen. Warum hat das nicht geklappt?

Apotheken müssen vom Gesundheitsamt offiziell beauftragt werden, um testen zu dürfen. Ich habe einen Raum Nahe der Apotheke angemietet, in dem ich die Bürger teste. Die Apotheke soll ja ein sicherer Ort bleiben. Und dort haben wir keinen separat zugänglichen Raum, der als Testzentrum geeignet gewesen wäre. Total verrückt: Aber da pharmazeutische Tätigkeiten per Gesetz in der Apotheke stattfinden müssen, so begründete das Gesundheitsamt, bekam ich keine Genehmigung für das Testen. Erst durch veränderte Vorgaben war das möglich und das Kreisgesundheitsamt hat am 5. März 2021 meine Apotheke offiziell beauftragt. Wie ich jetzt erfahren habe, allerdings nur übergangsweise. Bis zum 15. März muss ich erneut einen Antrag stellen. Den bürokratischen Aufwand hatte ich eindeutig unterschätzt.

Bieten in Ihrer Umgebung viele Apotheken Tests an?

Nein, bis jetzt bin ich im Kreis Recklinghausen noch ziemlich allein mit dem Angebot. Mit der neuen Testverordnung wird sich das hoffentlich ändern. Aber viele Apotheken haben nicht die passenden Räumlichkeiten und es gibt viele Dinge, die noch nicht geklärt sind, was manche abschreckt. Außerdem müssen die Apotheken für die Tests in Vorleistung gehen.

Aber Sie bekommen das Geld für die Tests dann erstattet und werden für die Leistung bezahlt.

Ja, aber lange war nicht klar, um welche Beträge es sich handelt. Aber das steht jetzt fest: Bis zum 31. März 2021 bekommt die Apotheke die Beschaffungskosten der Tests – bis höchstens 9 Euro je Test – erstattet. Ab 1. April wird diese Vergütung auf bis zu 6 Euro angepasst. Für die Durchführung des Tests gibt es 12 Euro für das Apothekenpersonal. So erhält die Apotheke je nach eingekauftem Test bis zu 21 Euro bis Ende März und ab April bis zu 18 Euro je Schnelltest. Hiervon müssen auch Personal-, Raum- und Materialkosten bezahlt werden.

In Nordrhein-Westfalen gibt es noch eine Besonderheit bei der Vergütung.

Ja, hier gab es gerade Neuigkeiten. Die Apotheker im Land sollen eine Anschubfinanzierung von 1000 Euro für die Einrichtung eines Testzentrums und eine monatliche Pauschale in Höhe von jeweils 1000 Euro bekommen.

Wie rechnen Sie die Tests ab?

Wie genau die Abrechnung funktioniert, ist leider noch nicht klar. Das Bundesgesundheitsministerium hatte angekündigt, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung verpflichtet ist, einen Vordruck zu erstellen, der bundesweit für die Abrechnung verwendet werden soll. Dieser Vordruck liegt aber noch nicht vor. Bis dahin behelfen sich die jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen in Absprache mit den Bundesländern und den Apothekerverbänden mit unterschiedlichen Regelungen auf Landesebene. Das ist sehr unübersichtlich. Bis ein offizielles Abrechnungsverfahren steht, können die Apotheken vorerst selbst dokumentieren und anschließend abrechnen. Leider haben wir auch schon erlebt, dass Erstattungszusagen kurzfristig gekürzt werden können. Aus unternehmerischer Sicht ist das eine sehr unsichere Investition. Aber natürlich steht das Wohl der Patienten im Vordergrund.

Wie sieht Ihr Plan für die nächsten Wochen aus?

Ich befasse mich gerade mit Onlinebuchungen, die ich für sehr sinnvoll halte. Außerdem plane ich, wie alle Tests ans Gesundheitsamt gemeldet werden können. Ich möchte gern auch Kooperationen mit anderen Apotheken im Kreis. Der Bürgermeister hat uns zentrale Räume angeboten, um mehr testen zu können. Allerdings müssen es dann wirklich mehr Kollegen sein, die mitmachen. Ich möchte unbedingt auch Tests an Schulen anbieten, damit dort mehr Sicherheit herrscht und ein Stück Normalität zurückkehren kann.

Wollen Sie auch den Goldstandard – die PCR-Corona-Tests – anbieten?

Es ist ja gerade erst bekannt geworden, dass Apotheker laut der neuen Verordnung auch PCR-Tests anbieten dürfen. Dafür müssen sie ebenfalls eine Schulung absolvieren und entsprechend von der zuständigen Stelle des öffentlichen Gesundheitsdienstes beauftragt werden. Ich muss mich damit noch näher befassen, die Formalitäten sind auch hier nicht unerheblich.

Sind die Tests eine Chance für die Apotheke vor Ort?

Auf jeden Fall sehe ich das als Chance. Wir sind gemeinsam mit den Ärzten die Gesundheitsdienstleister vor Ort. Das zeigt sich jetzt mal wieder. Online-Apotheken können das nicht leisten.

Unter www.mein-apothekenmanager.de bietet der Deutsche Apothekerverband eine Suchmaschine an, die bei Angabe der Postleitzahl anzeigt, welche Apotheken in der Nähe Covid-19-Schnelltests anbieten.

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