Ich bin heute Morgen an meinem Lieblingscafé vorbeigekommen. Der Inhaber stellte gerade die Tische – im Abstand von zwei Metern – und Stühle wieder raus. Bei herrlichem Frühlingswetter. Nach acht Wochen darf man nun wieder dort Platz nehmen, Eis löffeln, Kuchen essen oder Kaffee trinken. Wer einen Tisch ergattert, kann sich glücklich schätzen, denn die Plätze sind wegen der Abstandsregeln stark reduziert.

In den letzten Wochen gab es alles nur "to go". Draußen mit Abstand anstellen, bis keiner mehr im Café war. Rein mit Maske, schnell bestellen und bezahlen. Und raus mit dem Kuchen- oder Essenspaket. Da kam natürlich kein gemütliches Caféfeeling auf. Dennoch haben wir das öfters gemacht. Aus zwei Gründen: Erstens: weil wir während der Coronazeit selbst so im Stress sind – mit Homeoffice und Kinderbetreuung. Und zweitens: weil wir die Lokale im Kiez unterstützen wollen. Wäre ja schade, wenn sie wegen der Coronakrise pleitegehen würden.

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Politik und Alltag: Corona-Tagebuch aus Berlin

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Heute aber dürfen in Berlin Restaurants und Cafés – unter strengen Auflagen wieder öffnen. In der Hauptstadt wird alles lockerer. Zoo, Tierpark und viele Geschäfte sind schon seit ein paar Wochen wieder offen. Nach und nach gehen nun auch wieder viele Schüler in kleinen Gruppen und für wenige Stunden in die Schule. In allen Bereichen gelten strenge Abstands- und Hygieneregeln. Ich freue mich über die Lockerungen, bin aber auch ein wenig skeptisch, ob das nicht alles zu früh ist. Gut, in Berlin, für eine Großstadt, halten sich die Neuinfektionen in Grenzen. Auf der anderen Seite ist jede neue Covid-19-Erkrankung eine zu viel und kann im Extremfall Menschenleben kosten. Wollen wir das Erreichte aufs Spiel setzen?

Ich sehe es ein wenig so wie der Virologe Professor Christian Drosten von der Charité in Berlin. Er vergleicht die aktuelle Phase der Lockerungen in Deutschland mit dem "Tanz mit einem Tiger". Man müsse jetzt Stückchen für Stückchen herausfinden, wo man dem Tier die Leine lösen kann, ohne dass es gleich über einen herfällt, sagte er gestern im NDR-Podcast. Übertragen auf die Lockerungen bedeutet das zum Beispiel, dass man beobachten müsse, wie sich die Rückkehr erster Jahrgangsstufen zur Schule nach einem Monat auswirken. Sehe man, dass schlimme Zustände ausblieben, könne man vielleicht weiter nachregulieren, beispielsweise die Klassengröße erhöhen, so Christian Drosten.

Der Charité-Wissenschaftler bezog sich auf das "Hammer und Tanz"-Konzept aus der Pandemieforschung: Nach drastischen Maßnahmen wie Kontaktsperren zu Beginn (dem Hammer) folge eine Phase mit einer schrittweisen Rückkehr zu normalen Verhaltensweisen (Tanz). Bei der Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichen Interessen gebe es einen "goldenen Mittelweg", sagte Drosten und bezog sich auf eine Studie des Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Die umsichtige, schrittweise Öffnung könne demnach die Wirtschaftskosten minimieren, ohne die medizinischen Ziele zu gefährden.

Ich hoffe, der goldene Mittelweg gelingt uns. Vielleicht gehen wir heute Nachmittag draußen in der Sonne im Café Eis essen, wenn noch ein Tisch frei ist – mit viel Abstand!

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