Oma, wie geht es dir?

Es wird dringend Zeit, bei Oma anzurufen! Corona bestimmt unseren Alltag. Arbeiten, Kinder betreuen und unterrichten. Alles läuft von zu Hause. Die Tage sind vollgepackt. Gestern, am Sonntag, hat es dann geklappt: "Oma, wie geht es dir?"

"Schön, dass du anrufst!", sagt meine Großmutter, als sie meine Stimme hört. Es tut gut, ihre zu hören. Die Mutter meines Vaters ist im Dezember 90 Jahre alt geworden. Und genauso lange lebt sie auch in ihrem Haus mit riesigem Garten in einem kleinen Dorf in Thüringen. Sie hat einen Krieg miterlebt. Die DDR. Die Wende. Und nun: Corona.

Seit mein Opa vor dreißig Jahren starb, wohnt sie dort alleine. Ihre sechs Enkel und zehn Urenkel sind über ganz Deutschland verteilt. Ab und zu kommen sie vorbei. Nur jetzt nicht mehr – in Zeiten von Corona!

"Alles okay, mir geht es gut", sagt Oma am Telefon. "Aber nichts los hier. Nur ganz wenige Leute sind im Dorf unterwegs." Die Nachbarn sehe sie fast gar nicht mehr. "Aber ab und zu triffst du sie schon am Gartenzaun?", frage ich. "Wirklich selten", sagt sie. Und dann freue sie sich, wenn sie ein paar Worte reden könne. "Aber irgendwann weiß ich dann nicht mehr, was ich erzählen soll, ich erlebe ja nichts mehr", sagt sie.

Meine Oma gehört zur Risikogruppe – allein ihres Alters wegen. Probleme mit dem Blutdruck hat sie auch. Wir sehen sie nicht mehr, weil wir sie schützen wollen. So droht das Virus, Familien zu zerreißen. Unsere Angehörigen können oft nicht mehr im Pflegeheim besucht werden. Im ganzen Land spielen sich in Familien traurige Szenen ab. Es geht auch um Einsamkeit und Isolation.

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Oma hat ihr Grundstück seit sechs Wochen nicht mehr verlassen. Sie dreht ihre Runden im Haus und im Garten. Sie setzt sich in die Sonne auf die Bank. Ein Glück: Ihre jüngste Tochter, die im Nachbardorf wohnt, bringt ihr die Einkäufe vorbei. "Vor Corona sind wir zusammen einkaufen gegangen, aber jetzt sollen wir uns ja nicht zu nah kommen und ich soll mich schützen", sagt Oma. "Eine verrückte Zeit! So was hab ich noch nie erlebt."

Auch mein Vater, der zwei Autostunden entfernt von Oma wohnt und sonst alle zwei Wochen vorbeifährt, besucht meine Großmutter im Moment nicht, um Ansteckungen zu vermeiden. Meine andere Tante und ihr Mann sind neulich mal zum Rasenmähen dort gewesen. "Draußen, mit Abstand, haben wir uns gesehen, aber danach sind sie gleich wieder gefahren", erzählt Oma. Umarmungen gibt es im Moment nicht. Das zu hören, macht mich traurig am Telefon.

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"Hast du Angst, Oma?", frage ich. "Nein! Wir halten uns doch an die Vorschriften", sagt sie. So ist Oma. Ganz schön cool. Sie schützt sich auf ihre Art. Radio und Fernsehen schaltet sie schon seit Jahren nicht mehr an. "Ich lese lieber", sagt sie. Historische Romane sind Omas Ding. Die liest sie im Abstand von ein paar Jahren dann einfach noch mal.

Die Jahrzehnte haben sie geduldig werden lassen. Auch im Umgang mit Krisen. Oma ist weit von uns weg, weil wir sie nicht sehen können. Mich beeindruckt, wie sie mit der Krise umgeht. Hat sie denn gar keine Angst? "Nur vor Sturm" sagt sie, "weil dann manchmal Ziegel runterfallen."

Stürme gehen vorüber. Die Coronakrise hoffentlich auch irgendwann. "Bis bald Oma!"

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