Omikron ist nicht gleich Omikron. Die Mutation B.1.1.529, wie Omikron eigentlich heißt und die weltweit die aktuell dominierende Variante von SARS-CoV-2 ist, hat selbst wiederum mehrere Unterarten: BA.1, BA.2 und BA.3. Aktuell dominiert davon BA.1 in fast allen Ländern weltweit, auch in Deutschland. BA.3 spielt praktisch nirgendwo eine Rolle. In Deutschland liegt der Anteil bei weniger als einem Prozent. Auch BA.2 war Anfang des Jahres kaum vorhanden, doch in den letzten Monaten steigt die Zahl der gefundenen BA.2-Infektionen weltweit an. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet einen deutlichen Anstieg des Anteils von BA.2 und geht davon aus, dass sich dieser auch fortsetzen wird. Am höchsten ist der Anteil in Dänemark, wo BA.2 bereits seit Wochen das Geschehen dominiert, bereits am 21. Januar lag der BA.2-Anteil dort bei 65 Prozent.

Verteilung von BA.2 bundesweit

In Deutschland dominiert der BA.2-Anteil laut dem Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) inzwischen auch das Infektionsgeschehen.

Die Omikron-Varianten im Raum München

Die süddeutsche Laborgemeinschaft Becker & Kollegen, die ebenfalls systematisch Stichproben auf BA.2 und BA.1 hin testet, hat die Ergebnisse – auch, weil sie sie nicht erst zusammentragen muss – etwas schneller verfügbar. Auch im Raum München ist BA.2 vorherrschend.

Welchen Unterschied macht BA.2?

Doch spielt es überhaupt eine Rolle, welche der beiden Varianten sich ausbreitet? Macht es einen Unterschied, ob man sich mit BA.1 oder mit BA.2 infiziert?

Weil die beiden Untervarianten zu Omikron gehören, weisen sie beide die wesentlichen Charakteristika ihrer „Muttervariante“ Omikron auf. An einigen Stellen unterscheiden sie sich allerdings deutlich: Der Unterschied zwischen BA.1 und BA.2 sei größer als der Unterschied zwischen dem ursprünglichen SARS-CoV-2 und der ersten Variante, der Alpha-Variante, meldete das dänische Statens Serum Institut.

„Welche Bedeutung diese Unterschiede klinisch haben, dazu kann man bislang wenig sagen, es wird derzeit erforscht“, sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München.

Fest zu stehen scheint allerdings, dass BA.2 ansteckender ist als BA.1. So gab etwa die dänische Gesundheitsbehörde über das Statens Serum Institut am 26. Januar bekannt, dass sich BA.2 Untersuchungen zufolge etwa anderthalbmal so schnell ausbreite wie BA.1. Auch der Vorsitzende der ständigen Impfkomission (Stiko), Thomas Mertens, sagte, dass BA.2 Daten aus Laboren und der Infektionsüberwachung zufolge leichter übertragen werde. Zudem wiesen Experimente mit infizierten Tieren darauf hin, dass Antikörper gegen die hierzulande hauptsächlich verbreitete Untervariante BA.1 den Subtyp BA.2 „weniger gut neutralisieren“.

Geimpfte geben das Virus wohl weniger weiter

Das eigene Infektionsrisiko bei BA.2 ist einer Studie aus Dänemark zufolge mehr als doppelt so hoch wie bei der bisher vorherrschenden Omikron-Variante. Das gilt sowohl innerhalb der Gruppe der Ungeimpften, als auch bei Menschen mit vollständiger Grundimmunisierung und bei Geboosterten.

Das Risiko der Weitergabe des Virus ist bei infizierten Ungeimpften ebenfalls stark erhöht, nicht jedoch bei Geimpften und Geboosterten, heißt es in der Studie. Impfungen hätten auch mit dem Aufkommen von BA.2 einen Effekt gegen Infektion, Weitergabe und schwere Erkrankung, wenn auch verringert im Vergleich zu früheren Varianten, schreiben die Forscher.

Gefahr einer zweifachen Infektion besteht

Weil die Unterschiede zwischen den beiden Untervarianten recht groß sind, erscheint es sogar vorstellbar, dass man nach einer Infektion mit BA.1 nicht sonderlich gut geschützt ist vor einer Infektion mit BA.2. Es wurden tatsächlich schon Fälle beobachtet, bei denen sich Menschen erst mit BA.1 angesteckt und die Infektion durchlaufen haben und einige Tage später dann noch einmal BA.2 bekommen haben. Ob solche Fälle sich stark häufen werden, ob dadurch die Omikron-Welle zu einer Art Doppelwelle wird, in der viele Menschen zweimal infiziert werden, oder ob es Einzelfälle sind, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. „Darüber haben wir noch nicht ausreichend Daten. Ich denke aber, eine zweifache Infektion mit Omikron ist wahrscheinlicher, wenn man nicht geimpft ist oder vorher noch nie infiziert war mit SARS-CoV-2“, sagt Ulrike Protzer.

Sorgt BA.2 für schwere Verläufe?

Zur Frage, ob Subtyp BA.2 Menschen stärker erkranken, lässt als BA.1, gebe es noch keine eindeutigen klinischen Daten, sagte Mertens. In Dänemark ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen COVID-19 offenbar nicht gestiegen unter BA.2. „Es gilt in jedem Fall, BA.2 vorsichtshalber weiter engmaschig zu beobachten: Seine Ausbreitung und auch die Krankheitsverläufe, die diese Untervariante hervorruft“, sagt Protzer. Doch dieses Beobachten könnte sich in der Praxis als gar nicht so einfach herausstellen.

Die Ausbreitung wird schwer zu überwachen sein

Denn nicht jedes Labor entdeckt BA.2. „Wir verwenden ein frei käufliches PCR-Testsystem, in dem die BA.2-Untervariante nachweisbar ist. Die Auswertung erfordert Erfahrung im Bereich der molekularbiologischen Anaylse“, sagt Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer von der Laborgemeinschaft Becker & Kollegen. „Aber es gibt auch Testsysteme, die die BA.2-Untervariante nicht erkennen“, so Durner. Immerhin erkennen auch sie, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 vorliegt – sie können BA.2 nur nicht der Omikron-Variante zuordnen – und übersehen es damit. „Das kann zur Folge haben, dass es insgesamt zu einer Untererfassung der Omikron-Variante kommt, wenn BA.2 sich weiter ausbreitet“, sagt Durner.

Corona Virus Klinik Göppingen Deutschland Erreger Quarantäne

Coronavirus: In Quarantäne - was gilt?

Um zu verhindern, dass möglicherweise infizierte Menschen das Virus unbemerkt weitergeben, gibt es die Quarantäne. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu

Aber auch mit einem PCR-Test, der BA.2 als Omikron-Variante erkennt, kann noch keine BA.2-Diagnose gestellt werden. „Um die Omikron-Untergruppe zu bestimmen, muss man sequenzieren. Das nimmt wieder etwas Zeit in Anspruch und wird in Deutschland auch lange nicht bei jeder Stichprobe gemacht“, erklärt Durner. Er betont: „Wir müssen das natürlich genau beobachten und in Habacht-Stellung sein.“ Aber es gebe eben auch die Möglichkeit, dass BA.2 den weiteren Verlauf der Pandemie nicht groß beeinflusst und es für die Menschen letztlich keine Rolle spielt, mit welcher Omikron-Untervariante sie sich infiziert haben.

„Ob es sich um einen solchen stillen Verdrängungsmechanismus von BA.1 durch BA.2 handelt, oder ob es zu schwereren Verläufen kommt, wie in einer ersten tierexperimentellen Studie vermutet wird, werden die nächsten Wochen zeigen“, so Durner.

Impfung nützt wahrscheinlich trotzdem

Was bedeutet BA.2 also für den Einzelnen? Noch lässt sich das nicht sicher sagen. Laut Virologin Ulrike Protzer gilt aber auch angesichts einer möglichen Ausbreitung von BA.2 wahrscheinlich das, was im Grunde für alle SARS-CoV-2-Varianten und -Untervarianten gilt: „Je mehr ‚Erfahrung‘ ein Immunsystem hat, desto besser ist man vor einer Infektion und natürlich auch vor einem schweren Verlauf geschützt“, so Protzer. Heißt: Die Impfungen machen das Abwehrsystem ebenso wie eine echte Infektion mit dem Virus im Normalfall robuster gegen SARS-CoV-2 und sind damit der beste Schutz, den wir derzeit erreichen können.

Hinweis der Redaktion

Der Gesellschafter des Labors Becker MVZ GbR, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.