Für mehr als 90 Prozent der COVID-19-Infektionen in München und im südlichen Bayern scheinen mittlerweile mutierte Varianten des Coronavirus verantwortlich zu sein. Darauf deuten Zahlen aus dem Labor Becker & Kollegen hin, das in einigen in der Region verteilten Standorten täglich mehr als 5000 SARS-CoV-2-Tests durchführt. Damit fühlt und misst das Labor gewissermaßen den Pandemie-Pulsschlag im Süden Bayerns. Und der zeigt deutlich in Richtung Varianten: In der Woche vom 22. bis 28. März 2021 lag die Quote der mutierten Varianten unter den positiven Testergebnissen bei 92,1 Prozent.

Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer von Becker & Kollegen, glaubt nicht, dass die Zahlen in anderen deutschen Regionen viel niedriger sind. Das bestätigen auch die leicht verzögerten Daten des Robert-Koch-Instituts für Deutschland: Demnach liegt die Quote der mutierten Varianten bundesweit auch bereits bei 88 Prozent, Tendenz steigend. Insbesondere die Variante B.1.1.7, auch als britische Variante bekannt, dominiert das Geschehen, auch in München und im südlichen Bayern: „B.1.1.7 hat einen Anteil von mehr als 90 Prozent unter den entdeckten Mutationen“, sagt Durner.

Das ist einerseits besorgniserregend und könnte eine Menge neuer Probleme mit sich bringen. So haben Studien gezeigt, dass B.1.1.7 um 30 bis 50 Prozent ansteckender ist als der Wildtyp, so wird der davor am weitesten verbreitete ursprüngliche SARS-CoV-2-Erreger bezeichnet. Außerdem zeigen Analysen, dass B.1.1.7 offenbar vermehrt Kinder und Jugendliche befällt. All dies ist einerseits besorgniserregend. Betrachtet man aber die Auswirkungen auf den Impfschutz, scheint das Dominieren der britischen Variante zumindest in dieser Hinsicht Glück im Unglück zu sein: Alle in Deutschland verfügbaren Impfstoffe schützten nach RKI-Angaben sehr gut vor einer Erkrankung durch B.1.1.7. Allerdings wurde in rund 0,1 Prozent der B.1.1.7-Proben die zusätzliche Mutation E484K nachgewiesen, die die Wirkung der Antikörper des Immunsystems abschwächt.

Nachgefragt! Folge 211 mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner

„Wir wissen ohnehin nicht, wie lange der Impfschutz anhält und wie hoch er nach einigen Monaten ist. Dass nun noch mutierte Varianten auftauchen, gegen die die Impfungen womöglich nicht gut wirken, ist derzeit eines der großen Probleme im Kampf gegen die Pandemie“, sagt Professor Carlos A. Guzmán, Leiter der Abteilung „Vakzinologie und angewandte Mikrobiologie“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig.

In Südafrika etwa hat man eine Menge AstraZeneca-Impfdosen bestellt, auch wegen des vergleichsweise geringen Preises und der einfachen Lagerbarkeit. Und dann hat sich herausgestellt, dass der Impfstoff nur zu 22 Prozent schützt vor einer Erkrankung mit der südafrikanischen Variante B1.351. Diese Variante wurde hier in Deutschland nur in 0,8 Prozent der darauf untersuchten positiven Proben nachgewiesen, die stark in Brasilien zirkulierende Variante P.1 sogar nur in 0,1 Prozent. Beide Varianten können die Wirkung der Antikörper des Immunsystems etwas vermindern.

Daher kann man in dieser Hinsicht gewissermaßen von Glück sprechen, dass sich in Deutschland ausgerechnet die britische Variante ausgebreitet hat: hier, so zeigen Studien, scheinen immerhin die RNA-basierten Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna ähnlich gut zu wirken wie gegen den Wildtyp.

Ob sich hierzulande auch andere Varianten ausbreiten können, darauf hat Jürgen Durner zufolge die Reisetätigkeit einen großen Einfluss: „Anfang des Jahres haben wir noch festgestellt, dass die Mutationen eher an den Knotenpunkten des internationalen Reiseverkehrs auftraten, in München zum Beispiel besonders am Flughafen und in der Stadt.“ In dieser Zeit – und auch um Weihnachten herum – hat es eine gewisse Menge an Reiseverkehr zwischen München und Großbritannien gegeben. In anderen Ländern könnten durch andere Reiseschwerpunkte andere Varianten angekommen sein. „In Tirol ist die Südafrika-Variante B1.351 vergleichsweise stark vertreten, in Spanien breitet sich gerade die aus Brasilien stammende Variante P.1 aus“, sagt Durner.

Neue Testmethode entwickelt

Mit der Entdeckung und dem Beobachten von Mutationen haben Durner und seine Kollegen inzwischen einige Erfahrung. Bereits im Dezember hatten Sie die Idee, einen Test zu entwickeln, mit dem sich Mutationen vergleichsweise rasch und unaufwändig nachweisen lassen.

Bis dahin hatte es immer einige Tage gedauert, bis festgestellt werden konnte, ob ein positiver Test durch den "herkömmlichen" SARS-CoV-2 – auch Wildtyp genannt – oder durch eine Variante zustande gekommen ist. Das liegt daran, dass immer die vollständige Sequenz des viralen Genoms analysiert wurde. "Wir haben nun gezielt nur vereinzelte Stellen des Erbguts analysiert, die für die Varianten charakteristisch sind", erklärt Durner. Dabei gehe es um ein Spike-Protein, das an der Oberfläche des Virus sitzt und als Andockprotein an die menschlichen Zellen dient. „Damit haben wir zwar nur einen Bruchteil des Virusgenoms angeschaut, aber das reicht aus, um innerhalb von wenigen Stunden die Ja-oder-Nein-Frage zu beantworten, ob es sich um eine Variante handelt oder den Wildtyp.

So testeten sie alle SARS-CoV-2-positiven Proben, die sie zwischen dem 28. Dezember und dem 7. Januar ermittelt hatten. Das waren rund 500 Stück. Lediglich eine wies eine Mutation auf, das ist eine Quote von 0,2 Prozent. Der Test funktionierte prima, das Ergebnis war nur deshalb so niedrig, weil es damals kaum Mutationen gab.

Der Test, der in fast jedem Labor durchgeführt werden kann, wird in ähnlicher Form seit Februar auch vom Robert-Koch-Institut (RKI) empfohlen. Mittlerweile sind alle Labore in Deutschland verpflichtet, ihre positiven Proben in einem zweiten Schritt auf Mutationen zu testen. Weil das RKI erst deutschlandweit die Daten einsammeln und auswerten muss und nicht alle Labore zeitnah melden, spiegeln die Zahlen vom Labor Becker womöglich noch aktueller den Trend wider. Und der deutet für die Mutationen steil nach oben. Für den Zeitraum der Woche vom 8. März bis 14.März gab das RKI eine deutschlandweite Quote der Varianten von 64,4 Prozent an, das Labor Becker ermittelte für die gleiche Woche bereits eine Quote von 78,4 Prozent.

Hören Sie mit Professor Jürgen Durner auch in unserem Podcast

Neue Varianten verhindern

Da unter den Varianten in Deutschland den mit Abstand größten Anteil die britische Variante B.1.1.7 ausmacht, lohnen sich laut Durner auch weiter alle Anstrengungen, eine Verbreitung des Virus über Ländergrenzen hinweg einzudämmen. „Die vorübergehenden Vorsichtsmaßnahmen und Reisebeschränkungen machen weiter Sinn“, sagt Durner. Denn es gehe auch darum, Zeit zu gewinnen, damit mehr Menschen geimpft werden können. Selbst wenn der Schutz der Impfung vor manchen neuen Varianten geringer ist, so ist er bis zu einem gewissen Grad noch vorhanden. Das dürfte auch dabei helfen, neue Varianten zumindest ein Stück weit daran zu hindern, sich auszubreiten.

Etwas vereinfacht könnte man es auch so ausdrücken: Nach der Mutation ist vor der neuen Mutation. Die britische Variante B.1.1.7 ist inzwischen zum Standard geworden. Und nun geht es darum, neue Varianten zu verhindern.

Erklärvideo: Wie entstehen Mutationen bei Viren?

Anmerkung der Redaktion:

Der Gesellschafter des Labors Becker & Kollegen, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.

Aktualisierungen:

27.01.2021: Wir haben das Interview mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner in unserem Expertenpodcast "Klartext Corona" ergänzt.

25.01.2021: Wir haben das "Nachgefragt!"-Videointerview mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner ergänzt.

25.01.2021: Wir haben die Prozentzahl der Mutationen vom 22. bis 24. Januar in Text und Diagramm eingefügt.

27.01.2021: Der Podcast "Virusmutationen: Wie findet man sie?" wurde eingefügt.

28.01.2021: Diagramm aktualisiert.

01.02.2021: Foto ausgetauscht und Erklärvideo "Wie entstehen Mutationen?" zugefügt. Diagramm aktualisiert.

02.02.2021: Variante B.1.1.28 P.1 in Text aufgenommen.

23.02.2021: Zitat aktualisiert, veraltet: "Innerhalb von nicht einmal drei Wochen ist der Anteil der Varianten an den Infektionen von weniger als ein Prozent auf einen hohen einstelligen Prozentbereich geschnellt. Das ist schon ein klares Zeichen dafür, dass sich die neuen Varianten derzeit sehr schnell ausbreiten."

23.02.2021: Überschrift aktualisiert, alt: "Coronavirus-Mutationen im Raum München breiten sich rasant aus“

30.03.2021 Text aktualisiert, Überschrift aktualisiert, alt: „Coronavirus-Mutationen im Raum München breiten sich weiter rasant aus"

Die Prozentzahlen im Diagramm werden fortlaufend aktualisiert.