Erst am Mittwoch hatte Stephan Torke wieder einen gefälschten Impfpass vor sich liegen. „Wir haben extra bei der Ärztin, die ihn angeblich ausgehändigt haben soll, nachgefragt“, sagt Torke. „Die hat dann auch gleich Anzeige erstattet.“

Torke ist Inhaber der Grund Apotheke in Freital in Sachsen. Seinen ersten gefälschten Impfpass hat der Apotheker vor etwa zehn Wochen gesehen, mittlerweile ist das Thema für ihn Alltag: „Wir haben im November etwa 800 digitale Impfpässe ausgestellt“, sagt Torke. „Ich würde im Nachhinein mit den jetzigen Erkenntnissen vermuten, dass mindestens fünf Prozent der Impfpässe Fälschungen waren.“

Gefälschte Impfausweise sind ein Problem

Tatsächlich sind gefälschte Impfausweise schon länger ein Problem: Seit es Corona-Impfungen gibt, berichteten Medien über das Phänomen. Aber erst nachdem immer mehr Bundesländer 2G-Regelungen beschlossen haben, scheint die Zahl der Fälschungen zu steigen. Thomas Dittrich, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes, bestätigt: „Die Apotheken werden immer häufiger mit gefälschten Impfpässen konfrontiert.“

Zudem warnen Sicherheitsbehörden seit längerem vor einer Zunahme gefälschter Impfausweise. So hatte das Bundeskriminalamt bereits im Mai im Gespräch mit der Tagesschau gesagt: „Eine Steigerung der Nachfrage und somit auch des Angebots von gefälschten Impfbescheinigungen ist aufgrund der gesetzlichen Lockerungen für Geimpfte wahrscheinlich“. Und erst im November sagte das Landeskriminalamt Niedersachsen der Deutschen Presseagentur: „Es ist zu vermuten, dass die Fallzahlen durch die verschärften 2G-Regeln erneut ansteigen könnten.“

Nicht immer sind Fälschungen erkennbar

Laut dem ZDF soll es Anfang Dezember bundesweit geschätzt 6.000 Ermittlungsverfahren zum Thema gefälschte Impfpässe geben. Wie viele Fälschungen aber tatsächlich im Umlauf sind, ist unbekannt. Das liegt unter anderem daran, dass der Betrug nicht immer erkannt und so gemeldet werden kann. „Es gibt wirklich gut gemachte Fälschungen, die erkenne ich einfach nicht“, sagt Apotheker Torke.

Er habe darum ein Vier-Augen-Prinzip in seiner Apotheke eingeführt: Jeder Impfpass muss erst Torke vorgezeigt werden, ehe er digitalisiert wird. Worauf der Apotheker aber genau achtet, will er in den Medien lieber nicht lesen – um den Fälschern ihre Arbeit nicht zu erleichtern. „Zumindest, wenn die Unterschrift eines Arztes lesbar ist, werde ich stutzig“, sagt Torke und lacht. „Denn dass ein Arzt lesbar schreibt, das kommt wirklich selten vor.“

Fälschungen für 100 Euro auf Telegram

Die gefälschten Impfpässe ergattern Menschen meist online, beispielsweise im Darknet, aber vor allem auf Telegram. Die Preise variieren im hohen zweistelligen, teilweise sogar im niedrigen dreistelligen Bereich.

Bei Telegram handelt es sich um einen Messenger-Dienst ähnlich wie WhatsApp: Nutzer können hier Nachrichten, Bilder, Videos oder andere Dateien austauschen. Eine Besonderheit des Dienstes: Nutzer können hier Gruppen mit bis zu 200 000 Mitgliedern gründen, oder sogenannte Kanäle mit einer unbegrenzten Zahl an Mitlesenden. Telegram gilt darum unter Verschwörungserzählern wie Corona-Leugnern als gute Plattform zum Austausch – vor allem, da die Telegram-Gründer im Grunde nicht gegen solche Aktivitäten vorgehen.

Der einfache Zugang zu Telegram und die großen Gruppen erlauben es zudem, einer großen Bevölkerungsgruppe an gefälschte Impfpässe zu kommen. Das sagte auch die Psychologin Pia Lamberty im Gespräch mit dem ARD-Politikmagazin Report Mainz im Mai: „Das sind nicht alles Internet-Cracks. Durch diese neuen Entwicklungen auf Telegram ist es unglaublich simpel geworden, an einen gefälschten Impfpass zu kommen. Man braucht nur ein Handy. Das finde ich problematisch, dass dieser Zugang so viel einfacher ist.“

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Fälschen von Impfpässen ist strafbar

An die entsprechenden Infos, um die Pässe zu fälschen, kommen Betrüger beispielsweise durch Beiträge in sozialen Medien: Wenn Menschen ein Bild ihres Impfpasses teilen, können Fälscher so leicht an Vorlagen für Unterschriften, Stempel oder Chargennummer gelangen. Die Polizei hatte darum schon öfters davor gewarnt, Fotos von Impfpässen im Internet zu teilen.

Lange war auch unklar, ob das Fälschen oder der Besitz von gefälschten Impfpässen strafbar ist. Mittlerweile hat die Ampel-Koalition aber eine entsprechende Gesetzeslücke mit einer Änderung am Infektionsschutzgesetz geschlossen. Seitdem können nicht nur diejenigen bestraft werden, die einen Impfausweis fälschen. Sondern auch Menschen, die so eine Fälschung nutzen. Es drohen eine Geldstrafe oder  bis zu fünf Jahre Haft.

Neue Prüfmethode soll Apotheken helfen

Sind Angaben im Impfausweis unvollständig, muss man aber nicht gleich fürchten, der Fälschung beschuldigt zu werden. Bei wem Angaben vergessen wurden, der kann eine Ersatzbescheinigung bei der Kassenärztlichen Vereinigung einfordern, wie auch Torke erklärt. „Das ist natürlich für Patienten ein Mehraufwand, die geimpft wurden, aber einen falschen Eintrag haben“, sagt Torke. „Aber das lässt sich leider nicht vermeiden.“

Mittlerweile hat der Deutsche Apothekerverband seinen Mitgliedern zudem eine neue Möglichkeit gegeben, Fälschungen leichter zu erkennen: Seit dem 16. Dezember können Apothekerinnen und Apothekern prüfen, ob die Chargennummer korrekt ist. Mehr dazu lesen Sie hier.

Polizei rät, Impfpässe einzubehalten

Jedoch scheint das System noch nicht ganz zu funktionieren. Laut einem Bericht des Fachmagazins apotheke adhoc gab es zumindest Probleme beim Prüfen von manchen älteren Chargen des Impfstoffs von AstraZeneca oder Biontech.

Torke sieht die neue Prüfmethode aus einem anderen Grund kritisch: „Viele Fälscher verwenden ja existierende Chargennummern, die sie aus den sozialen Medien haben. Die stimmen dann natürlich“, sagt der Apotheker. Eine Polizeiexpertin äußert sich im Gespräch mit dem Fachmagazin apotheke adhoc ähnlich. Wie das Magazin berichtet, rät die Polizei stattdessen dazu, gefälschte Impfpässe einzubehalten und an die Behörden zu geben.

Zwar überzeugt Torke auch immer wieder so manche Menschen mit einer Fälschung ihre Dokumente dazulassen. Dennoch wünscht sich der Apotheker eine andere Lösung für das Problem. Denn für Apotheken sei das Erkennen gefälschter Impfpässe ein Mehraufwand, der Zeit und Nerven koste. „Ich würde stattdessen einfach die nachträgliche Digitalisierung von Impfpässen stoppen“, sagt Torke. „Jede Stelle, die momentan impft, ist auch in der Lage, einen digitalen Nachweis zu erstellen. Für eine nachträgliche Digitalisierung besteht meiner Meinung nach also derzeit kein Bedarf mehr.“

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