Blut erfüllt im Körper zahlreiche Funktionen, zum Beispiel als Transport- und Nachrichtensystem, für die Verteilung der Wärme und die Immunabwehr. Wer sich eine Wunde zuzieht, kann dem Lebenssaft bei der Arbeit zusehen: Er bildet eine schützende Barriere und regt das umliegende Gewebe dazu an, sich zu erneuern. Da liegt es nahe, die Heilkraft des Bluts auch für innere Schäden verwenden zu wollen, wenn zum Beispiel Knorpel, Muskeln oder Sehnen angegriffen sind.

Besonders die Blutplättchen, Thrombozyten genannt, beinhalten Stoffe, die für die Regeneration des Gewebes wichtig sind, zum Beispiel Wachstums­­hormone. "Insofern eignen sich die Blutplättchen gut als Vehikel, um diese Substanzen an den gewünschten Ort zu transportieren", sagt Professor Philipp Niemeyer, der bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) die Arbeitsgruppe "Klinische Geweberegenera­tion" leitet.

Blutplättchen sollen Verletzungen und Arthrose heilen

Forscher ließen deshalb das Blut in einer Zentrifuge schleudern, damit sich seine Bestandteile entmischen und die Flüssigkeit in mehreren "Phasen" vorliegt. So lassen sich die für ­diese Art der Therapie überflüssigen Elemente wie die roten Blutkörperchen entfernen. Übrig bleibt plättchenreiches Plasma (PRP), eine gelbliche Flüssigkeit. Per Spritze wird sie dann dorthin injiziert, wo sie heilen soll.

Das Blut des Patienten wird abgenommen, aufgereinigt und ins Gelenk gespritzt

Das Blut des Patienten wird abgenommen, aufgereinigt und ins Gelenk gespritzt

Zunehmend mehr Orthopäden wenden die Methode an. Zu ihren  Kunden ge­­hören unter anderem Profifußballer, die sich davon eine  kürzere Genesungs­­zeit nach Verletzungen versprechen. "Allein in  München bieten wohl über 50 Praxen die Behandlung mit PRP an", sagt  Niemeyer, der das Verfahren bei seinen Patienten selbst einsetzt. Auch  Nicht-Leistungssportler können mit der Methode in Berührung kommen.

Vor  allem bei beginnenden Verschleißerscheinungen der Gelenke machen viele  Ärzte ihren Patienten Hoffnung, dass PRP die Beschwerden lindern kann.  Zum Beispiel bei frühen Stadien der Kniearthrose. Weil es sich nicht um  eine Kassenleistung ­handelt, zahlen viele die Behandlung selbst. "Wir  berechnen pro Spritze ins Gelenk in etwa 100 Euro. Die Anzahl der  Spritzen richtet sich nach der Indikation; oft sind zwei bis drei  Spritzen nötig", sagt Niemeyer.

Wirkweise der Plasma-Spritzen ist noch nicht geklärt

Jedoch ist die Wirksamkeit der Methode  bei Arthrose fraglich.  Zwar erleben die Orthopäden durchaus Erfolge in  der Praxis, wie auch  Niemeyer bestätigt. Das könne aber auch ein  Placebo-Effekt sein, wendet  Dr. Stefan Sauerland vom Institut für  Qualität und Wirtschaftlichkeit  im Gesundheitswesen (IQWiG) ein: "Je  aufwendiger eine Behandlung, desto  größer die subjektiv empfundene  Wirkung einer eigentlich unwirksamen  Scheintherapie." Dieses Phänomen  sei bereits wissenschaftlich gut  belegt, so der Experte.

Und niemand  wisse bisher genau, was nach einer  PRP-Spritze im Gelenk geschieht, sagt  Sauerland: "PRP enthält eine  Menge Substanzen, darunter Faktoren, die  die Aktivität der Zellen  be­einflussen – auch solche, die  Entzündungsreaktionen hervorrufen.  Durch die Entzündungsreaktion soll  dann die Neubildung von Knorpelgewebe angeregt werden. Wie das genau  funktionieren könnte und  welcher Pfad aktiviert wird, ist weitgehend  unbekannt."

Forschung: Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse

Zudem habe es  in den letzten Jahren zwar viele Studien  gegeben, aber  die meisten nur  mit wenigen Teilnehmern. Manche  Untersuchungen zeigten  einen positiven  Effekt des PRPs bei  Kniebeschwerden. Andere fanden  dagegen keine  deutlichen Unterschiede im  Vergleich zu Patienten, die  eine  Scheinbehandlung erhalten hatten. Eine  im Fachblatt Arthroscopy erschienene Übersichtsarbeit vom März 2017  wertete die Messungen von   zehn Studien mit über 1000 Patienten aus.

Nach  sechs Monaten hoben sich   die Ergebnisse noch nicht deutlich von den  Vergleichsgruppen ab,  denen  Kochsalz­lösung oder Hyaluronsäure ins  Gelenk gespritzt worden  war.  Erst nach einem Jahr gaben die Probanden  mit der PRP-Therapie im   Durchschnitt weniger Schmerzen an, und die  Funktion ihrer Kniegelenke   wurde etwas besser bewertet als in den  anderen Gruppen.

Dr. Peter  Jüni,  der das Zentrum für ­klinische  Forschung am  St. Michael’s  Hospital an  der Universität Toronto (Kanada)  leitet,  schätzt jedoch  die  Aussagekraft dieser Übersichtsarbeit als  gering  ein, nachdem er  sich  die verwendeten Studien genauer ansah: "Die   Arbeiten, die PRP mit   Kochsalzspritzen vergleichen, haben alle eine zu   geringe  Teilnehmerzahl  für ernsthafte Schlussfolgerungen."

Eigenbluttherapie so wirksam wie Hyaluronsäure - oder ein Placebo

Bei den   Vergleichen  mit  Hyaluronsäure sind nur zwei etwas größere Studien   enthalten. Bei  der  ersten gibt es zwar in einem Parameter bezüglich  der  Abnahme von   Schmerzen einen Vorteil für PRP. Andere Messgrößen  spiegeln  aber diesen   Vorteil nicht wider. Und bei der zweiten Studie  ist die PRP  gleichauf   mit der Hyaluronsäure. "Weil sich jedoch die  Wirksamkeit von    Hyaluronsäure kaum von einem Placebo – also einer  Scheinbehandlung –    unterscheidet, steht die PRP dadurch nicht besser  da."

Sauerland sieht    die Studienlage ebenfalls kritisch: "Bei einer   effizienten Methode und    einem klar definierten Anwendungsgebiet   müssten sich die Ergebnisse  der   einzelnen Stu­dien viel mehr ähneln."   Dass sie so unterschiedlich  sind,   könne ­meh­rere Gründe haben:   "Möglicherweise wurden im  Studiendesign   Fehler gemacht, zum Beispiel   bei der Verteilung der  Probanden auf die   Behandlungs- und   Kontrollgruppe."

Empfehlung zur Herstellung von PRP-Präparaten fehlt

Vielleicht liege  es auch daran, dass   unterschiedlich   wirksame PRP-Präparate zum Einsatz  kamen, vermutet   Sauerland.   Inzwischen gibt es weltweit ungefähr 30  verschiedene Systeme,   um das   Plasma zu erzeugen. Deshalb kann es sich  in der Zusammensetzung     unterscheiden, zum Beispiel ob es noch weiße Blutkörperchen enthält    oder  nicht. "Die Studien lassen aber bisher  auch keinen Schluss   darüber  zu,  welche PRP-Zubereitung die meisten  Vorteile bietet", sagt    Sauerland.

In  der Leitlinie der Deutschen  Gesellschaft für   Orthopädie  und   Unfallchirurgie zur Behandlung der Kniearthrose, die   Ende 2017   erschien,  steht der kurze Satz: "Eine  Aussage zu PRP kann   noch nicht   getroffen  werden." Die Verfasser  bemängeln ebenfalls die   geringe  Anzahl   hochwertiger klinischer  Studien. Weiter stellen sie   fest:  "Eine   Empfehlung für ein bestimmtes  Verfahren zur Herstellung   von  PRP kann   derzeit noch nicht gegeben  werden." 

Behandlungen müssen sicher, aber nicht erfolgreich sein

Wie kommt es, dass    trotzdem viele   Ärzte die Behandlung  anbieten? "Für so eine Methode    braucht es lediglich   eine Genehmigung  der zuständigen Landesbehörde",    erklärt Sauerland.   "Dort prüft man  aber nicht, ob die Behandlung    wirksam ist." Vielmehr   geht es darum, ob  bestimmte  Hygiene­­standards   eingehalten werden und ob   es sich um ein   sicheres Verfahren  handelt,  also die Gefahr schwerer Nebenwirkungen gering ist.

Weil es  sich um  das eigene Blut eines   Patienten  handelt,  können  über das  Plasma keine  HI- und Hepatitis-Viren    fremder Personen   übertragen  werden –  zumindest, solange keine  Präparate   vertauscht  und  keine  Spritzen  mehrmals verwendet werden.  Jedoch  besteht   grundsätzlich  die  Gefahr,  dass durch die Punktion Bakterien    eingeschleust werden  und  sich das  Gelenk entzündet. Das  Risiko liegt  bei   eins zu mehreren   1000. "Eine  hohe Sorgfalt bei der   Applikation und das   Einhalten   strenger  Hygienemaßnahmen sind hier   von großer Bedeutung",   sagt   Orthopäde  Niemeyer.

Eigenbluttherapie ist keine Krankenkassenleistung

Damit aber so eine   Methode als Kassenleistung zugelassen  wird, müsste zum Beispiel  die  kassenärztliche Vereinigung     einen  Antrag einreichen, woraufhin  der  Gemeinsame Bundesausschuss und     das  IQWiG ein Gutachten zur   Wirksamkeit verfassen würden. "Aber bei  der     derzeitigen Datenlage   wäre es ein Himmelfahrtskommando, die      Krankenkassenerstattung zu   beantragen", meint Sauerland.

Er könnte sich      zwar grundsätzlich   vorstellen, bei Knieschmerzen die Methode als     Patient    auszuprobieren. "Aber nur im Rahmen einer gut geplanten Studie.     Weil    wir noch weitere Studien brauchen, um zu verstehen, ob an der       Methode  was dran ist." Auch Jüni stellt fest: "Leider haben wir  immer      noch kein  Wundermittel gegen Arthrose gefunden." Also bleibe  nur     übrig,  den  Lebensstil anzupassen, um die Gelenke möglichst lange   zu    erhalten:  sich  bewegen und gegebenenfalls abnehmen.

Eigenbluttherapie in der Dermatologie: Vampir-Lifting 

Auch in der ästhetischen Medizin wird PRP eingesetzt: Beim "Vampir-Lifting", manchmal auch "Dracula-Therapie" genannt, sollen Injektionen die Haut straffen und erneuern sowie bei Aknenarben, großporiger Haut, Augenringen, Knitterhänden, faltigem Hals und Bindegewebsschwäche helfen. 

Bisher gibt es aber kaum Untersuchungen, wie der Behandlungserfolg längerfristig ausfällt. Entscheidend ist wohl die individuelle Reaktion des Körpers, weshalb sich die Wirkung schwer abschätzen lässt. Üblicherweise dürften regelmäßige Auffrischungen nötig sein.