Diabetes Ratgeber

Frau Tsarova, wie haben Sie den Beginn des Krieges in der Ukraine erlebt?

Wir hatten zwar schon eine Weile eine Vorahnung, aber dass es wirklich zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt, haben wir nicht vermutet. Als es dann am 24. Februar losging und wir tatsächlich Kampfflugzeuge gehört und auch Bombardierungen mitbekommen haben, war dieser Krieg plötzlich real und unsere Ängste auch.

Was hat Sie bewogen, die Ukraine zu verlassen?

Die Sorge um meine Tochter. Ich hatte Angst, dass das Insulin knapp wird und ich nicht sicherstellen kann, dass es seine Haltbarkeit verliert. Wir konnten das Insulin nämlich nur noch schlecht kühlen. Immer wenn es einen Alarm gab, mussten wir in den Keller. Aber dort hatten wir keinen Kühlschrank für die Ampullen, geschweige denn die Möglichkeit etwas zu essen zu machen. Und der Keller war auch nicht sicher, es war kein richtiger Luftschutzkeller. Der Nächste dieser Art war 20 Minuten von unserem Zuhause entfernt. Nach einem Alarm sollte man sich aber innerhalb von fünf Minuten verschanzen. Wir sind dann in Karynas Schule im Keller untergekommen. Der war groß und für die Kinder vorbereitet. Das Insulin konnten wir aber dort auch nicht kühlen.

Wie hat es Ihre Tochter Karyna aufgenommen im Luftschutzbunker ausharren zu müssen?

Sie hat große Angst gehabt. Sie ist ohnehin ein sehr sensibles Kind. Ich habe meinem Kind angesehen, dass es leidet. Ich bin so froh, dass meine Schwester, die seit vielen Jahren in Dresden lebt, ihre Hilfe angeboten hat und dass wir unversehrt das Land verlassen konnten.

Wie ist Ihre Flucht verlaufen?

Schon aus Kiew herauszukommen war schwierig. Überall gab es Staus, weil viele Menschen weg wollten. Wir haben mit dem Auto bis zur polnischen Grenze 24 Stunden gebraucht, normalerweise benötigt man für diese Strecke acht Stunden. Mein Mann hat uns zur Grenze gebracht, der Abschied ist uns sehr schwergefallen.

Warum ist Ihr Mann nicht mit nach Deutschland gekommen?

Er hätte mitkommen können, weil Karyna ja Diabetes hat. Das zählt als Behinderung. Also Männer deren Kinder eine Behinderung haben, dürfen ausreisen, genauso Männer, die selbst ein Handicap haben oder Väter von drei Kindern oder mehr. Ansonsten müssen alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren in der Ukraine bleiben um das Land zu verteidigen. Jedenfalls hat sich mein Mann entschieden zu bleiben, um unsere Landsleute zu unterstützen und zu helfen.

War es schwierig, die polnische Grenze zu passieren?

Der Grenzübergang, den wir ursprünglich nehmen wollten, war so überlaufen, dass wir zu einem anderen, einem ganz kleinen, gefahren sind. Aber auch dort hat das Überqueren der Grenze zu Fuß 13 Stunden gedauert. Wir waren da in so einer Art Zwischenzone, eingezäunt von allen Seiten. Es war kalt, gab nix zum Sitzen, wir haben die Nacht dort im Freien verbracht. Lediglich ein paar Kekse haben wir bekommen, nach acht Stunden den ersten Tee. Wir waren fix und fertig, als wir die Grenze endlich passieren konnten. Ich hatte immer Angst wegen Karyna, dass sie unterzuckert, hatte aber zum Glück genügend Traubenzucker dabei. Das Abstempeln der Pässe hat dann nur zwei Minuten gedauert. Ich vermute, die Grenzer wussten noch nicht, wohin mit den Flüchtenden. Die Wenigsten wurden ja abgeholt, so wie wir von meiner Schwester. Sie hat die ganze Zeit mit ihrem Mann auf der polnischen Seite gewartet.

Wie viele Tage hat die Odyssee von Kiew bis nach Dresden gedauert?

Wir waren 48 Stunden unterwegs, haben in diesen zwei Tagen kein Auge zugetan.

Wie sind Sie hier in Deutschland untergebracht? Bei Ihrer Schwester?

Genau, wir wohnen bei meiner Schwester und ihrem Mann. Ich bin Iryna so dankbar für ihre Hilfe. Sie hatte es in den ersten Wochen wirklich nicht leicht mit uns. Weil wir in kein Flüchtlingslager gekommen sind, sind wir durchs Raster gefallen. Ich spreche ja kein Deutsch, meine Schwester musste also zu allen Behörden und Ämtern mitkommen um zu übersetzen. Noch wichtiger als das Registrieren im Land war mir natürlich, dass Karynas Diabetesbehandlung fortgeführt werden kann. Ohne Versichertenkarte ist das aber schwierig.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir hatten einen Krankenbehandlungsschein erhalten, mit diesem sind wir in der Dresdner Uniklinik in die Internationale Praxis gegangen. Dort haben wir Rezepte für Messstreifen, Nadeln und Insulin erhalten. Das einzige Problem war die Versorgung mit einem Glukosesensor.

Warum?

Wir haben zwar ein Rezept bekommen, aber die Firma, die die Sensoren vertreibt, benötigt die Versicherungsnummer. Und die hat Karyna noch nicht. Meine Schwester hat bei der Firma angerufen, erklärt, warum meine Tochter keine Nummer hat. Die Frau am Telefon wollte das nicht hören und hat einfach aufgelegt. Weil das mit der Versicherungsnummer so lange dauert hat, war das Rezept schließlich ungültig, wir brauchten ein neues. Über Umwege ist es meiner Schwester gelungen, an eine sehr gute Kinderdiabetologin in der Uniklinik heranzukommen. Die hat uns ein neues Rezept ausgestellt und zwei Sensoren geschenkt um die Zeit zu überbrücken, bis wir die Sensoren erhalten. Es wäre ja schade, wenn wir die Behandlung nicht fortführen können.

Kinder im Winter

Wie gut sind Kinder mit Diabetes versorgt?

Die Therapie von Kindern mit Typ 1 hat sich in den ­vergangenen Jahren verbessert. Ambulanzen sind jedoch unterfinanziert. Und Familien fehlt oft ­psychosoziale Hilfe. Wie viele Kinderdiabetologen es in den einzelnen Bundesländern gibt, zeigt eine interaktive Karte

Karyna hat also auch in der Ukraine einen Glukosesensor gehabt?

Ja, seit 3 Jahren. Meine Schwester Iryna hat bislang alle Kosten getragen. In der Ukraine gibt es diese Therapieform nicht, bzw. wenn man einen Sensor haben möchte, muss man diesen selbst bezahlen. Meine Schwester hat für ihre Nichte Karyna pro Monat 120 Euro investiert, damit sie ihren Blutzucker nicht ständig mit Piksen messen muss und eine Rundum-die-Uhr-Überwachung hat. Nun wollten wir es hier versuchen, dass sie die Sensoren auf Rezept bekommt.

Soll Karyna auch eine Pumpe bekommen?

Sie ist noch nicht bereit dafür, möchte keinen „Fremdkörper“ an sich dran haben. Ein weiteres Problem ist aber auch, dass die Pumpentherapie in der Ukraine auch nur auf eigene Kosten möglich wäre und die Wartelisten für so tolle Technik sind lang.

Wollen Sie denn in Ihre Heimat zurückkehren?

Eigentlich schon, aber das ist noch nicht abzusehen. Karyna hat sich gut eingelebt, neue Freundschaften geknüpft. Ich möchte sie ungern wieder herausreißen. Momentan macht Karyna täglich online-Unterricht, organisiert von ihrer Heimatschule in Kiew. Sie soll aber bald in Dresden eine Schule besuchen, um noch besser Anschluss zu finden. Im Gegensatz zu mir spricht meine Tochter schon sehr gut Deutsch. Was den Diabetes betrifft, ist die Versorgung hier in Deutschland natürlich um Klassen besser, das wäre ein Grund zu bleiben. Aber schlecht ging es uns daheim nie. Wir vermissen unser Zuhause und Karynas Vater sehr und hoffen, dass der Krieg bald ein Ende hat.

Das Interview wurde mit Anna Tsarova geführt, übersetzt hat die Schwester Iryna Moor.

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